Der Adler ist im Sturzflug

DAX Deutsche Bank, Bayer, Daimler: Deutschlands große Unternehmen sind auf Selbstzerstörungskurs. Finanzmärkte und Arroganz treiben sie in den Untergang

Die Schreckensmeldungen über wankende Kapitalgiganten im Kreise der 30 Größten im „Deutschen Aktienindex“ (DAX) häufen sich. Unternehmen mit einer langen Erfolgsgeschichte nähern sich der – allerdings selbst zu verantwortenden – Zerstörung. Erstes und eklatantes Beispiel: die Deutsche Bank, deren Aktienkurs vom Spitzenwert bei 46,75 Euro im April 2010 auf zuletzt 6,58 Euro abgestürzt ist, eine Talfahrt von minus 86 Prozent. Ganz ähnlich die Bayer AG: Für den irrsinnigen Preis von 66 Milliarden Dollar wurde der US-Agrarchemiekonzern Monsanto gekauft. Jetzt steht das deutsche Traditionsunternehmen mit dem Unkrautvernichter Glyphosat für Vergiftung von Natur und Mensch. Bei der Motivsuche zu diesem Wahnsinnkauf ist eine, ja, toxische Mixtur aus Größenwahn, Inkompetenz und Arroganz erkennbar.

Doch die Selbstzerstörung im DAX macht auch vor den über Jahrzehnte politisch unantastbaren Autokonzernen nicht Halt. VW, Daimler-Benz und Bosch setzten ein neues Selbstmordinstrument ein: systematischen Betrug. Was bei der Deutschen Bank toxische Wertpapierpakete und Karussellgeschäfte mit CO₂-Zertifikaten waren, sind in der Autoindustrie manipulierte Abgasmessungen. Die Hauptversammlungen, die Ja-Sager in den Aufsichtsräten, aber auch die Wirtschaftsprüfer und die Unternehmensmitbestimmung haben hier vollständig versagt.

Die Demontage traditionsreicher Platzhirsche im DAX ist keine zufällige Häufung von Einzelfällen. Im Gegenteil: Es gibt systemische Gemeinsamkeiten beim Missmanagement. Nach dem Ende der eng verflochtenen Deutschland AG setzte sich ein durch die Interessen der Finanzmärkte getriebener Kapitalismus durch. Gemessen an den Aktienanteilen nimmt die Macht der Investmentgesellschaften und vor allem der spekulativen Hedgefonds schleichend, aber stetig zu. Der Megafonds Blackrock, für den Friedrich Merz in Deutschland agierte, ist mittlerweile Aktionär bei fast allen DAX-Unternehmen. Hinzu kommen die institutionellen Anleger, die ihre Macht bündeln. Im aggressiven Klima des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus wird die maximale Kapitalrendite zur einzigen Zielgröße. Shareholder-Interessen oder die „Social Responsibility“ stören da bloß. Schließlich verstärken satte Bonusanreize das profitwirtschaftliche Jagdverhalten der Bosse.

Der kurzatmig-irrationale Systemdruck macht die Unternehmen für kriminelle Verhaltensweisen anfällig. Ohne die Vorgabe einer Nettokapitalrendite von mindestens 25 Prozent durch Josef Ackermann, zusammen mit dem Bonussystem, wäre der Druck zum Betrug bei der Deutschen Bank nicht erzeugt worden. Die Folge sind die Bilanzen belastende Strafzahlungen für Gesetzesverstöße, bei der Deutschen Bank seit 2012 mehr als zwölf Milliarden Euro.

Selbstregulierung greift nicht

Wer hätte das gedacht: Nicht sozialistische Umtriebe zur Zerschlagung, sondern die eigene Profitgier bedroht die Existenz der Deutschen Bank. Die nach der Krise der „New Economy“ und später nach der Finanzmarktkrise geschaffene Unternehmensverfassung, der „Corporate Governance Kodex“, konnte die selbstzerstörerischen Kräfte der profitmaximierenden Monopole nicht einhegen. Die Checks and Balances zwischen Vorstand, Aufsichtsrat, Hauptversammlung und Mitbestimmung haben nicht funktioniert. Das hat unlängst auch der Vorsitzende der Regierungskommission „Deutscher Corporate Governance Kodex“ bestätigt. Die Selbstregulierung greife nicht, die Verschärfung der Regulatorik werde machtpolitisch verhindert.

Immerhin lässt der Widerstand auf den Hauptversammlungen – etwa bei Bayer – Hoffnung aufkommen. Aber gegenüber der gebündelten Wirtschaftsmacht reicht das nicht aus. Es braucht jetzt eine tiefgreifende Reform zur Unterbindung der selbstzerstörerischen Dynamik der Mega-AG. Dazu gehören stärkere Kontrolle der Vorstände, eigenständig handlungsfähige Aufsichtsräte sowie die Demokratisierung der Hauptversammlung durch die Beschränkung der Aktienpakete in einer Hand. Das sind jedoch nur erste Schritte. Endlich muss die Wirtschaftsdemokratie auf Unternehmens- und Betriebsebene ausgebaut werden. Kevin Kühnert lässt grüßen.

Rudolf Hickel, Emeritus für Finanzwissenschaft an der Uni Bremen, ist Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik

06:00 31.05.2019
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