Der Agent des Zweifels

Dritter Weg Orhan Pamuks neuer Roman "Schnee" ist ein Roman über den Zweikampf von Poesie und Politik

Brennende Flaggen. Als vor ein paar Wochen in der Ostmittelmeerstadt Mersin kurdische Jugendliche angeblich die türkische Nationalflagge abfackelten und in den Staub Anatoliens trampelten, sammelte sich das Land am Bosporus in einer patriotischen Aufwallung wie seit der Fussball-Europameisterschaft 2002 nicht mehr hinter der roten Fahne mit dem weißen Halbmond. Alle in den letzten zwei Jahren scheinbar beerdigten Gespenster in der Türkei schienen wieder auf zu erstehen: der kurdische Zorn, der türkische Nationalismus, das putschbereite Militär, die heuchlerischen Politiker. Ein Land kann eine Brücke sein. Das hatten die Befürworter des türkischen EU-Beitritts zwanzig Jahre lang wie mit Engelszungen gesungen, um den skeptischen Kerneuropäern die Vorteile der Vereinigung von Abendland und Orient schmackhaft zu machen. Und dann das. Kein Jahr nach dem Brüsseler EU-Gipfel, auf dem sich die islamisch-orientierte Regierung in Ankara als Vollstrecker des Atatürkschen Verwestlichungsprojekts präsentiert hatte und mit der Zusage von Beitrittsverhandlungen belohnt worden war. Ist die Türkei wirklich reif für Europa?

Eigentlich ist auch Orhan Pamuk ein Befürworter des EU-Beitritts. Der 1952 in Istanbul geborene Schriftsteller schreibt gern über die türkische Geschichte, seine Heimatstadt Istanbul aber auch über den Alltag in seinem Land. Zum ersten Mal in seiner Schriftstellerlaufbahn hat der Autor, dessen Ruhm in Deutschland mit den Bänden Die weiße Festung (1990) und Das schwarze Buch (1994) begann, nun aber einen Roman geschrieben, in dem die politischen Verwicklungen der Türkei das Thema sind. Doch selbst hart gesottene Türkeifreunde werden Schnee nicht gerade als Reifezeugnis für einen geborenen Vermittler ausgeben können. Wie um zu zeigen, auf was für einen unsicheren Vermittler Europa sich da eingelassen hat, zeichnet Pamuk mit dem schon 2002 in der Türkei erschienenen Buch ein Psychogramm seiner Heimat, wie man es sich abschreckender nicht vorstellen kann: Ein zwischen Abendland und Orient zerrissenes Land, unter dessen Oberfläche es immer noch brodelt, ein Pulverfass, bei dem der kleinste Funke genügt, um es in Brand zu setzen. Nach der Lektüre kann man Zweifel haben, ob dieses Land wirklich die guten Nerven hat, die ein Vermittler braucht. Und man wundert sich, wie dieses Werk die staatlichen Stellen in der zensurerfahrenen Türkei so unbeanstandet passieren konnte.

Pamuk nähert sich dem Kern des türkischen Problems von der Peripherie her. Die gottverlassene Kleinstadt Kars, in die er den Dichter Ka Mitte der neunziger Jahre im Südosten Anatoliens reisen lässt, wird zu einem Mikrokosmos, in ihm ziehen sich alle Probleme der türkischen Vergangenheit und Gegenwart zu einem solch unentwirrbaren gordischen Knoten zusammen, dass mancher nach der Lektüre auf die Idee kommen könnte, das Land so schnell wie möglich in den Nahen Osten abzuschieben.

Ka kommt zur Beerdigung seiner Mutter aus Frankfurt am Main, wo er seit zehn Jahren als politischer Asylant lebt, nach Istanbul. Dort nimmt das Angebot einer Istanbuler Zeitung an, in der ostanatolischen Provinzstadt heraus zu bekommen, was hinter den mysteriösen Selbstmorden junger türkischer Frauen steckt, die sich dort häufen. Das scheinbar politische Interesse des weltfremden Einzelgängers ist jedoch nur ein Vorwand. Insgeheim hofft er, seine Jugendliebe I.pek wieder zu treffen und sie zu überreden, mit ihm zusammen nach Deutschland zu gehen. Doch kaum kommt der weltfremde Künstler in Kars an, wird vor seinen Augen in der Konditorei "Neues Leben", in der er auf I.pek wartet, der Direktor der Pädagogischen Hochschule, an dessen Institut eine der Selbstmörderinnen studierte, von einem Fanatiker vom Land erschossen. Schließlich gerät Ka in einen Putsch, den eigenmächtige Militärs in der vom Schnee abgeschnittenen Stadt anzetteln. Als junge Islamisten mit Empörung auf ein republikanisches Lehrstück reagieren, das eine fahrende Theatertruppe eines Abends in der Stadt aufführt, verhängen sie den Ausnahmezustand.


Der Kampf der Kulturen, der hinter dem politischen Streit um die türkische Zukunft in Europa eigentlich tobt, lebt von den Stereotypen. Mit Schnee durchkreuzt Pamuk dieses Muster auf allen Seiten. Niemand ist in diesem Roman ein ungebrochener Held. Der Dichter Ka, der Bewunderer der westlichen Kultur und Literatur, ist kein strahlender Verteidiger des Säkularismus. Als er in Kars eines Tages Scheich Saadettin in einem alten Derwischkonvent aufsucht, küsst er dem einflussreichen Islamisten die Hand. Wenn es seinen Zwecken nutzt, ist, wird Ka zum Opportunisten, der vorgibt, an Allah zu glauben. Sein alter Schulfreund Muhtar ist kein flammender Islamist, sondern der klassische Legalist. Der ehemalige Republikaner und verhinderte Lyriker versteckt sich hinter seiner Rolle als Bürgermeisterkandidat der (inzwischen verbotenen) Wohlfahrtspartei mehr als dass er es als Volkstribun nutzt. Er ist zu Zugeständnissen an seine abtrünnige Frau I.pek bereit, wenn sie nur zu ihm zurückkehrt und bittet Ka um seine Hilfe.

Selbst der glühende Nachwuchsislamist Necip aus der Predigerschule, der gerne islamischer Science-Fiction-Autor werden will und den die Polizei bei einer Razzia nach dem Theaterputsch erschießt, meint eine atheistische Stimme in sich zu spüren: Weil er I.peks schöne Schwester Kadife nur um ihrer selbst willen begehrt, wähnt er sich der Sünde an der Gottesliebe schuldig. Das Gespräch zwischen dem atheistischen Dichter und dem tief gläubigen Jungen über die Liebe und die Schönheit des Universums zählt zu den schönsten, anrührendsten Szenen in diesem Buch. Als Ka den Toten später im Leichenschauhaus identifiziert, küsst er ihm die Wangen: " ... denn dieser Junge hatte ein sehr reines Herz". Wenn Ka in Kars von den Religiösen als Agent des Westens verdächtigt wird, dann müssen wir in dem Autor Orhan Pamuk den Agenten des Zweifels sehen. Überall sieht er die Risse in den Fassaden. Fast jeder in seinem Buch ist ein Mensch in seinem Widerspruch.

Pamuks Held streift durch die Stadt und stößt immer wieder auf die Ruinen einer großen Vergangenheit: armenische Krankenhäuser, russische Stadtpaläste und bröckelnde osmanische Prachtbauten, die inzwischen als Lazarett, Gymnasium oder Geheimdienststützpunkt dienen. Dabei begegnet er den Protagonisten, die im Westen als Ausgeburt der türkischen Gefahr gelten, mit sehr viel Sympathie. Er sieht, wie Armut und Unbildung diese vergessenen Menschen zu Fanatikern werden ließen. Selbst der geheimnisumwitterte Terrorist Lapislazuli, die einzige Figur ohne Selbstzweifel, wird plötzlich zu einem Verteidiger der kulturellen Differenz und aufschlussreichem Symbol der türkischen Schizophrenie, dem man etwas abgewinnen kann, wenn er ausstößt: "Weder werde ich Europäer noch ahme ich sie nach. Ich werde meine eigene Geschichte leben und ich selbst sein. Ich glaube daran, dass die Menschen auch glücklich werden können, ohne die Europäer zu imitieren und zu ihren Sklaven zu werden."

Pamuk lässt Ka, der im Exil in Frankfurt unter einer Schreibblockade leidet, ausgerechnet an einem Europa am weitesten abgewandten Ort seine poetische Renaissance erleben. Dort überfallen den Dichter ständig neue Gedichte wie im Traum. Sofort unterbricht er jedes Gespräch und notiert sie in einem grünen Notizbuch: "Es ist Allah, der mir das Gedicht schickt", sagt er selbst einmal inspiriert über seine plötzlichen Eingebungen - nicht gerade Inkarnationen eines modernen Werkbegriffs. Wie sehr wir in diesem traurigen, introvertierten Dichter das Alter Ego Orhan Pamuks vermuten dürfen, wird an Kas inneren Monologen deutlich. Wieder und wieder reflektiert er in einer Art bourgeoisem Selbsthass seine behütete Jugend im vornehmen Istanbuler Stadtteil Nis¸antas¸i, wo auch Pamuk aufwuchs - eine deutliche Kritik an der Blindheit des säkularen Bürgertums in der Türkei, das sich in Ghettos verschanzt und notfalls das Militär vorschickt, wenn es politisch ernst wird.

Am Ende kommt der politische Asylant, der an die Ideen, wegen der er einst die Türkei verlassen musste, längst nicht mehr glaubt, sondern nur noch an das kleine private Glück, genau darin um, wovor er sich ekelte und wo hinein er sich nur begeben hat, um seine Liebe zu I.pek zu retten: der Politik. Er scheitert als Vermittler zwischen den Islamisten, den Putschisten und dem Geheimdienst. Die Mordtat, die am Ende alles durcheinander bringt, ist auch das Signal für seinen eigenen Tod.

Schnee ist ein dialektisches Meisterwerk. Nicht nur, weil Pamuk Historie und Gegenwart so so unmerklich verschränkt: Er schreibt einen europäischen Roman, wie ihn schöner Flaubert oder der flammende "Westler" der russischen Intelligenz des 19. Jahrhunderts, Turgenjew, nicht hätten schreiben können. Er spickt ihn jedoch mit ästhetischen Anleihen aus der mystischen Tradition des Islam. Es wimmelt in diesem Roman nur so von Symbolen der Symbiose und der Verschmelzung. Übersetzt ergeben die Namen der hübschen Geschwister, I.pek und Kadife, das Motivpaar Samt und Seide. Überall nimmt Pamuk das Motiv der wechselseitigen Spiegelung der Freunde auf. Necips bester Freund Fazil, der sich die Liebe zu dessen Angebeteter nur mühsam untersagt, sagt: "Sechs Stunden nach Necips Tod ... habe ich bemerkt, dass ich ihn in mir trage". Und auch der eigentliche Erzähler des Romans, der Istanbuler Dichter, der vier Jahre nach Kas Ermordnung in Frankfurt in die Stadt reist, um den Vorgängen von damals auf den Grund zu gehen (und in dem man ein zweites Alter ego Pamuks erkennen kann) verliebt sich, wie sein toter Freund, in I.pek, kaum dass er ihr bei seinen Recherchen zum ersten Mal gegenübertritt. Über allen diesen Freundschaften schwebt der berühmt gewordene Satz des mystischen Volksdichters und Derwischs Mevlana Rumi aus dem türkischen Konya: "Ich bin Wind und du bist Feuer" - das Motto der mystischen Dialektik.

Diese Bezüge ziehen sich wie ein roter Faden durch Pamuks fein gewebtes Werk. Die raffiniert camouflierte Einheit des Suchenden und des Gesuchten war schon das Leitmotiv in seinem beeindruckendem Roman Das schwarze Buch. Der junge Rechtsanwalt Galip, der sich darin auf die Suche nach seiner auf mysteriöse Weise verschwundenen Ehefau Rüya macht, irrt in einer immer absurderen Irrfahrt durch Istanbul, verliert sich im Labyrinth ihrer Gassen wie in einer imaginären Geschichte. Zum Schluss vermag er nicht mehr zu unterscheiden, ob er selbst oder Rüyas Halbbruder, der Journalist Celal die Kolumnen geschrieben hat, in der das Verschwinden Rüyas angekündigt worden war. Pamuk greift mit dieser Konstellation auf eine mythische Erzählung zurück: Die Suche Rumis nach dem geliebten Freund, dem Schmied Sems. Die lebenslange Suche fungiert in der mystischen Tradition des Islam als Modell der Selbsterkenntnis, die im Aufgehen in Gott ihren Höhepunkt findet. Die Welt als Text und Zeichen: In dem Spiegelkabinett der Identitäten, Überblendungen und Täuschungen, das sich in der literarischen Entfaltung dieses Modells ergibt, lassen sich nicht nur faszinierende Bezüge zwischen volkstümlichem Islam und Postmoderne entdecken.


Der große Erfolg von Orhan Pamuk in seiner Heimat beruht darauf, dass er diese Traditionen, die jedem Volksschüler in der Türkei so eingebläut werden wie bei uns noch bis vor wenigen Jahrzehnten Schillers Glocke, in zeitgenössische Formen verpackt und weiterverarbeitet. In Das Schwarze Buch und Schnee ist es der Kriminalroman. Was Pamuk dem Kolumnisten Celal als Selbstverständnis in den Mund legt: "Ein Journalist, der eine breite Leserschaft von einer bestimmten Idee überzeugen will, muss es verstehen, die Sedimente ausrangierter Gedanken und Erinnerungen, die im Gedächtnis seiner Leser wie jahrhundertelang auf dem Grund des Schwarzen Meeres lagernde Galeonen-Kadaver schlafen, neu zu beleben und wieder flott zu machen" gilt vor allem für ihn selbst. Dritter Weg auf türkisch: Wenn es einen Autor in der Türkei gibt, der Tradition und Moderne zu etwas Neuem verbinden kann, das keine bloße Kopie der westlichen Moderne ist, aber gleichberechtigt neben ihr bestehen kann, dann ist es Orhan Pamuk.

Schnee ist ein kunstvolles und zugleich volksnahes Produkt dieser Amalgamierung. In dem Roman fächert Pamuk das türkische Syndrom bis in seine letzten, feinsten Verästelungen. Man meint das wie mit einem Kontrastmittel sichtbar gemachte Herz der Türkei schlagen zu sehen in diesem grandiosen Stück Weltliteratur. Jede Ader ist zu sehen: Das zerbrechende System des autoritären Kemalismus, die sozialen Gegensätze der Übergangsgesellschaft, die untergegangene Multikultur des osmanischen Reiches, die Schwäche der türkischen Zivilgesellschaft, die Erinnerungsresistenz einer verunsicherten und zerrissenen Nation.

Das Bild des heruntergekommenen Kars, das der Istanbuler Autor am Ende schließlich weinend verlässt, ließe sich als Warnung vor der Türkei lesen. Und doch ist in dem angeblich säkularen Land, das an die "ehrenvolle, heilige türkische Nation" so glaubt wie manche Religion an ihren Gott und das die die kritische Selbstreflexion so scheut wie der Teufel das Weihwasser, ein so illusionsloses Bild der erste Schritt zur positiven Veränderung - zu einer anderen Selbstwahrnehmung nämlich. Wie tief die narzistische Kränkung ist, die Pamuk der türkischen Identität mit diesem Buch oder mit seinen Aufsehen erregenden Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern zugemutet hat, kann man an einer in der Türkei heute immer noch möglichen Reaktion ablesen: der Landrat der südtürkischen Provinz Isparta hatte die Verbrennung aller Bücher Pamuks angeordnet. Nur mit Mühe konnte der Gouverneur sie wieder aufheben.

Trotz des brisanten Stoffs ist Pamuks Roman aber mehr als der "politische Roman", auf den er jetzt in der Inflation der Interviews mit dem Autor verkürzt wird. Denn er schafft das Kunststück, den Widerwillen des Autors gegen politische Literatur zu transportieren, ohne das Politische in der Literatur insgesamt zu diskreditieren. Gravitationspunkt von Pamuks Dialektik ist ein federleichtes Gebilde: der in der Stadt ständig fallende Schnee. Seine Flocken verbinden beide Welten. Ihre Kristallstruktur ist das Abbild des Chaos in Politik und Geschichte. Ständig schauen in diesem Roman alle Protagonisten aus dem Fenster: Sie lassen sich von der sanften Schönheit des Schnees, dem Symbol einer unerreichbaren Reinheit verzaubern und hoffen, dass es gnädig auch ihr Unglück und das sinnlos vergossene Blut rings herum verhüllt.

Das Schneekristall ist aber auch das utopische Vorbild, das zur Überwindung des Chaos. Seinen in Kars entstandenen Gedichten hatte Ka in einer Skizze auf allen sechs Armen dieses Kristalls einen genauen Platz zwischen den Polen Erinnerung, Vernunft und Phantasie zugewiesen: Symbol einer idealen Ordnung, Fixpunkte des idealen Lebens. Der grüne Gedichtband, in dem der Dichter die Gedichte notiert hatte, ist zwar verloren gegangen. Mit Schnee ist Orhan Pamuk selbst ziemlich nah an dieses perfekte Kunstwerk heran gekommen. Dabei ist ihm die geniale Schilderung des Zweikampfs von Poesie und Politik gelungen. Und der ist noch spannender als Politik.

Orhan Pamuk. Schnee. Roman. Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann. Hanser, München 2005, 512 S., 25,90 EUR


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00:00 29.04.2005

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