Der Allfinanz-Konzern

KOMMENTAR Eine erste Großfusion begleitet die Rentenreform

Zunächst sieht das aus wie ein Gegenstand sui generis - doch bei genauerem Hinschauen erweist er sich nur als weiteres Exemplar einer neuen Gattung: der Allfinanz-Konzern, entstanden aus der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz. Allfinanz, das klingt ein wenig wie Allmacht, und vielleicht ist damit auch bezeichnet, was die Akteure solcher Geschäfte bewegt. Vorbilder für den neuen Typus gibt es schon in der Schweiz mit der Credit Suisse-Gruppe oder in den USA mit der Citigroup. Neu am Allianz-Deal ist lediglich, dass sich zur Abwechslung eine Versicherung, genauer: der weltgrößte Versicherungskonzern, eine Bank kauft, statt umgekehrt eine Bank eine Versicherung. Doch die nächste derartige Transaktion steht schon vor der Tür: Da die Allianz und die Münchner Rückversicherung im Zuge der Dresdner-Übernahme ihre gegenseitige Verflechtung - jeder der beiden Gesellschaften hält Anteile der jeweils anderen beziehungsweise ihrer Töchter - vermindern, steht der Münchner Gesellschaft nun der Weg offen, ihre bereits bestehende Verflechtung mit der Hypo-Vereinsbank zu verstärken.

Die Frage bleibt: Weshalb kauft sich eine Versicherung eine Bank oder umgekehrt? Die Antwort: Diversifizierung des Produktangebots einerseits, Konsolidierung der Vertriebswege andererseits. Wenn Aktien gerade nicht mehr so gefragt sind, dann vielleicht Lebensversicherungen - so die Logik der Diversifizierer - und das alles über dieselbe Vertriebsstruktur. Um das Geschwätz von gestern, die von allen Management-Gurus gebetsmühlenhaft repetierte Formel von der Konzentration auf die Kernkompetenzen, schert sich auf einmal niemand mehr. Dabei ist der Einwand nicht von der Hand zu weisen, dass der Verkauf von Versicherungen und ein Bankgeschäft, das noch einmal in Investment-, Spar- und Kreditaktivitäten zerfällt, nicht so leicht zu vereinigen sein werden.

In gewisser Weise stellt der neue Allfinanz-Konzern auch die Antwort des Finanzkapitals auf die Rentenreform dar: Letztere schafft einen gigantischen Markt für entsprechende Finanzprodukte wie Wertpapier-Fonds oder kapitalgedeckte Rentenversicherungen. Hier wird jährlich ein Volumen in zweistelliger Milliardenhöhe zu absorbieren sein und der Allianz-Chef verspricht sich davon eine satte Gewinnerhöhung. Dass Diversifizierung und Konsolidierung nicht nur ganz klammheimlich, sondern explizit wieder eine prominente Rolle zugewiesen bekommen, darf als Zeichen genommen werden, dass die Möglichkeit einer Krise auf den Radarschirmen der Konzernlenker aufgetaucht ist. Fat is beautiful gilt wieder, da die Überlebenschancen der vielbesungenen, kleinen schlagkräftigen Einheiten bei zugigem Wetter vielleicht doch nicht mehr so rosig aussehen. Ein Tausendfüßler mag zwar ein paar Koordinationsprobleme haben und unter Reibungsverlusten leiden, doch bringt ihn das nicht um, wenn ein Bein lahmt.

00:00 06.04.2001

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