Der Alltag des Bösen

60 Jahre Bildzeitung Die tägliche Beschäftigung mit "Bild" ist nichts, was man sich über einen längeren Zeitraum antun sollte. Lukas Heinser hat Gründe, es für das BILDblog dennoch zu tun
Der Alltag des Bösen
Kommt um die Auseinandersetzung mit dem Blatt auch nicht herum: Drucktechniker an der Springer-Presse
Foto: Sean Gallup/ Getty Images

„Bild“ gibt es jetzt also 60 Jahre. Das gesetzliche Renteneintrittsalter ist nur noch fünf Jahre entfernt, aber wir sollten uns nicht zu früh freuen: Die britische „News of the World“ wurde 168 Jahre alt, ehe Rupert Murdoch sie im vergangenen Jahr im Zuge der Abhöraffäre einstellen musste.

Das BILDblog beobachtet die Zeitung immerhin auch schon seit acht Jahren, im Internet mehr als eine halbe Ewigkeit. Ich bin seit sechs Jahren dabei, erst als Leser, später auch als Autor. Eine der Fragen, die ich regelmäßig gestellt bekomme, lautet, ob man nicht abstumpfe oder wenigstens verrückt werde, wenn man jeden Tag Bild lesen müsse.

Tatsächlich hinterlässt die tägliche Auseinandersetzung mit diesem Bodensatz des Journalismus Spuren. Es ist nichts, dem man sich über einen längeren Zeitraum aussetzen sollte. Das merken wir auch an unseren eigenen Reaktionen: Wenn Bild zum hundertsten Mal unverfremdete Fotos von Verbrechens- und Unfallopfern, von Tatverdächtigen und Verurteilten zeigt und damit ihre Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn sie identifizierend und ausführlich über Suizide berichtet und so quasi zur Nachahmung anregt, oder bei Verbrechen die ethnische oder kulturelle Abstammung der Tatverdächtigen nennt, fragen wir uns regelmäßig, ob das überhaupt noch jemand lesen wollen würde, wenn wir es aufschrieben. Die schlimmsten Persönlichkeitsrechtsverletzungen von Bild stehen ohnehin nicht im BILDblog, weil man sie gar nicht dokumentieren könnte, ohne den Betroffenen ein weiteres Mal zu schaden.

Fotos vom Unfallort

Geht man am Montag alle Regionalausgaben von Bild durch, so wird man in der Regel mindestens einen Artikel finden, der von Jugendlichen berichtet, die auf dem Weg zum Feiern oder zurück auf einer Landstraße tödlich verunglückt sind oder vor einer Disco überfahren wurden. Meistens sind diese Berichte mit großformatigen Fotos bebildert, die den Unfallort zeigen, daneben kleinere Fotos der Verstorbenen, die Bild entweder inmitten eines Blumen- und Kerzenmeers abfotografiert oder direkt aus dem Internet geklaut hat. Das ist für Bild in etwa so alltäglich wie die Wetterkarte oder die leichtbekleidete Frau, die bis Anfang dieses Jahres auf Seite 1 zu sehen war.

Dass hinter jeder dieser Stories, hinter jedem dieser Fotos ein Schicksal steht, das eine Vielzahl an Angehörigen direkt betrifft, dürften die Bild-Redakteure schon lange vergessen haben — und auch als Leser oder Beobachter läuft man Gefahr, diesen Bezug zur Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Bis er plötzlich nicht mehr zu übersehen ist.

Im Frühjahr wurde ein 19-Jähriger vor einer Disco in meiner früheren Heimatstadt von einem Auto angefahren und starb noch am Unfallort. Bild am Sonntag und Bild druckten jeweils ein großes Foto: Der Vater des Jungen, neben seinem toten Sohn kniend, dessen leblose Hand an die eigene Wange haltend.

Das war nicht mehr einfach eine Story

Käme so ein Foto aus Afghanistan, Afrika oder Mexiko und zeigte die Opfer von Selbstmordanschlägen, Hunger oder Bandenkriegen, hätte ich es möglicherweise für ein „starkes“ Dokument gehalten. Mit solchen Bildern gewinnt man auch schon mal die Wahl zum Pressefoto des Jahres.

Aber diesmal war alles anders: Der Mann war ein entfernter Bekannter meiner Eltern, der Junge der Bruder einer Mitschülerin meines eigenen Bruders und die Straße eine, die ich selbst früher oft genug überquert hatte. Das waren nicht mehr einfach eine Story und ein Foto in Bild, das hatte - wenn auch nur entfernt - plötzlich etwas mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun.

Der Fotograf, der aus der gleichen Kleinstadt kam, kriegte in den nächsten Tagen die ganze Wut und Fassungslosigkeit der örtlichen Jugend zu spüren: Auf Facebook und in seinem Gästebuch wurde er beschimpft, so dass er zwischenzeitlich seine Website ganz offline nahm. Die Reaktionen mögen sicher unangemessen und ein Ausdruck von Hilflosigkeit gewesen sein, aber die Geschichte war sicher kein Einzelfall. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass jede Veröffentlichung dieser Art bei Angehörigen und Bekannten Wut und Fassungslosigkeit hervorruft. Und wer sich heute in der S-Bahn so ein Foto ansieht, könnte nächste Woche selbst betroffen sein.

Vor kurzem hatte dann auch noch die Schwester eines Freundes einen schweren Autounfall, den sie erstaunlich unbeschadet überstand. Reporter von Bild tauchten im Krankenhaus auf und machten Fotos von der Frau, die in dieser Ausnahmesituation überhaupt nicht wusste, wie ihr geschah. Obwohl sie keine Einwilligung zur Veröffentlichung gab, erschien ihr Foto kurz darauf in Bild.

Das waren kleine Geschichten, jeweils etwa eine Viertelseite. Alltag für die Leute bei Bild. Aber man sollte es ihnen nicht durchgehen lassen.

16:07 22.06.2012

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