Der Ami ist schuld

Verzicht Juliet B. Schor neigt zu simplen Erklärungen für unser falsches Wirtschaften, ihre Glücksformel klingt aber super: weniger Arbeit, aufgeklärter Konsum, mehr Zeit
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 11/2016 1

Oft ist beschrieben worden, wie der Mensch der westlichen Industriestaaten den ökologischen Kollaps der Welt wesentlich mitverantwortet. Es ist eine unbequeme Wahrheit, verlangt sie doch Verhaltensänderung. Unbequem wird es zeitweise auch im Buch Plenitude der US-amerikanischen Autorin Juliet B. Schor, das nun unter dem Titel Wahrer Wohlstand – Mit weniger Arbeit besser leben auf Deutsch erschienen ist. Schor beschreibt viele Seiten lang, wie schlimm genau der Mensch ist und allen voran der US-Amerikaner. Ein Vorgeschmack: Durchschnittlich alle 5,3 Tage kauft der sich ein neues Kleidungsstück. Schätzungsweise rund eine Milliarde unbenutzte, aber funktionsfähige Computer, Fernseher oder Handys stapeln sich in nordamerikanischen Haushalten, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. 2.000 Liter Wasser schluckt die Herstellung eines T-Shirts, 2.400 Liter die eines Hamburgers, 8.000 Liter für ein paar Lederschuhe.

Das klingt ein bisschen Michael-Moore-mäßig. Wir haben das alles schon mal gehört oder gesehen, ja, aber eben auch wieder verdrängt. Das Buch zu lesen wäre mühsam, wenn es nicht den Versuch beinhalten würde, einen Weg aus dem Dilemma aufzuzeigen. „Plenitude“ nennt Schor ihr Konzept einer alternativen Lebens- und Wirtschaftsweise. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Begriff etwa „Fülle“ oder „Überfluss“ und klingt erst einmal negativ. Schor aber geht es um „Vollkommenheit“.

Bevor Schor die Prinzipien der Plenitude aufzeigt, blickt sie auf die letzten Jahre zurück: Was konkret hat die Weltpolitik eigentlich unternommen, um die Doppelkrise Finanzkollaps plus Klimawandel in den Griff zu bekommen? Schließlich birgt jede Stunde null auch die Chance, etwas Neues aufzubauen. Autorin Juliet B. Schor, Soziologin und Ökonomin, ist enttäuscht. Beispielsweise davon, dass ökologische Risiken am Finanzmarkt kaum Beachtung finden, obwohl heute schon Milliarden unter den Folgen des Klimawandels leiden. In Schors Augen liegt die Misere auch darin begründet, dass Ökonomen und Ökologen sich mit Argusaugen betrachten, ja, die jeweils andere Disziplin auch verachten. Akribisch listet sie Fakten auf, leider bieten ihrer Erkenntnisse nicht zu viel Neues. Zudem vermisst der Leser einen Blick auf das Klimaabkommen von Paris. Grund dafür ist wohl, dass das Buch bereits 2010 in den USA erschienen ist und für die deutsche Ausgabe nur wenig adaptiert wurde.

Drei, vier Kühlschränke

Gut, weil zeitlos und fundiert recherchiert, sind Juliet Schors Ausführungen zum Konsumverhalten. Was nützt es, wenn der Energieverbrauch bei Kühlschränken gefallen ist und die Menschen nun aber drei oder vier von ihnen brauchen? Immer mehr seines Einkommens wendet der Mensch auf, um „Stuff“ anzuhäufen – nutzloses Zeug also. Wenig Geld gibt er hingegen für Nahrung aus. Stattdessen 80 Prozent mehr für Kleider, 300 Prozent mehr für Haushaltsartikel. Ein sinnloses Unterfangen, sagt Schor, und wir wissen es ja: mehr verdienen, mehr besitzen macht nicht glücklicher. Die Spezialistin für Arbeitsforschung belegt das mit externen Studien, sie weiß das auch aus eigenen Recherchen, beispielsweise für ihren Bestseller The Overworked American (1993).

Schor plädiert für eine Neudefinition des Begriffs Wohlstand. Denn was Menschen am Ende reich macht, so Schor (und ja auch etliche Glücksforscher), seien soziale Beziehungen. Es sei das Wissen, sich selbst versorgen zu können und sich über diese Selbstversorgung wieder mehr um sein eigenes Leben kümmern zu dürfen, anstatt dieses in Abhängigkeit vom „System“ zu fristen. Schor will den „aufgeklärten“ Konsumenten, der weiß, was der neue Schuh in der Welt anrichtet und welche Alternativen es gibt. Sie wirbt dafür, wieder mehr Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, die für das eigene Wohlergehen so wichtig sind.

Ihr Konzept preist „Ineffizienz“ in einer Welt, in der die Menschen mit ihren Handlungen so oft einen ökonomischen Zweck verfolgen oder das Ziel, ihr soziales Kapital zu steigern. Kurz: Entschleunigung und Nachhaltigkeit sind die Zauberworte. Eine solche Ineffizienz braucht Zeit und in Schors Logik gewinnt Zeit, wer weniger arbeitet. Die Autorin beschreibt ihre Forschungsergebnisse zu sogenannten Downshiftern – gewonnen aus zahlreichen Interviews –, die mit weniger Geld und mehr Zeit glücklicher zu sein scheinen. Einkommensreduktionen nehmen sie nicht als Verlust wahr. Wer weniger Geld hat, häuft zudem weniger Krams an, was wiederrum der Umwelt zugutekommt.

Die Soziologin erfindet das Rad nicht neu. Auch die Transition Towns oder die zahlreichen Open-Space-Initiativen, die grünes Wissen für jedermann zugänglich machen wollen und als Best-Practice-Beispiele Eingang in ihr Buch gefunden haben, sind nichts Neues. Gemessen daran, dass die Formel „weniger Arbeit plus weniger Stuff ergibt mehr Zeit für Sinnvolles“ für viele Menschen eine logische Konsequenz sein dürfte, folgen dieser aber noch erstaunlich wenige. Da ist ein Aufruf zum „wahren Wohlstand“ immer willkommen.

Info

Wahrer Wohlstand – Mit weniger Arbeit besser leben Juliet B. Schor oekom 2016, 272 S., 19,95 €

Über das Überleben: Die BIlder des Spezials

Jedes Jahr im Sommer entstehen an ukrainischen Fernstraßen kleine private Märkte für Gemüse und Obst. Die Händler richten sich in Hütten ein oder leben mit ihren Familien in Wohnwagen und Zelten. Sie kommen auch aus Weißrussland und Moldawien, Georgien oder Armenien – alle wollen Geld verdienen für ein besseres Leben oder einfach dem Hunger entkommen. Die preisgekrönte Serie Bitter Honeydew des Fotografen Kirill Golovchenko dokumentiert den Überlebenskampf der Straßenhändler und das nächtliche Treiben in ihrer Welt. Das Buch zur Fotoserie ist in fünf verschiedenen europäischen Verlagen erschienen, mehr Informationen auf kirill-golovchenko.com.

Bitter Honeydew Kirill Golovchenko Kehrer 2015, 76 S., 38 €

Nora Marie Zaremba ist Mentorin des Umweltschreibwettbewerbs GreenStories

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