Madeleine Bernstorff
Ausgabe 1817 | 17.05.2017 | 06:00 1

Der andere Begriff

GoEast-Festival Wiesbaden „Feministisch wider Willen“: Erkundungen auf einer großartigen Retrospektive

Der andere Begriff

Der Klassiker: Szene aus „Einige Interviews zu persönlichen Fragen“

Foto: goEast

Was Frauen über Männer denken, erklärte Ingrid Reschke so: „Es genügt nicht mehr, wenn der Ehemann seiner Frau beim Einkaufen, Abwaschen, Bettenbeziehen, bei der Wäsche und bei der Kindeserziehung hilft, wenn er ihr Kohlen holt und Schuhe wegschafft.“ Reschke war 1968 die erste Frau, die in einem DEFA-Film Regie führte. Ein bisschen fehlt es dem Wir lassen uns scheiden zwar an anarchistischem Wille, hinzufügen kann Reschke ihrem Debüt allerdings nicht viel, sie stirbt 1971 mit nur 35 Jahren bei einem Autounfall.

Margarita Barskayas Arbeit ist auf ähnliche Weise unvollendet geblieben. Sie drehte 1933 mit Zerrissene Stiefelchen den ersten Kindertonfilm weltweit, eine Produktion der Meschrabpom, jener legendären sowjetisch-deutschen Koproduktionsgesellschaft. Mit eindrücklichem Realismus schildert der Film die Armut im Deutschland der 1930 Jahre und die Eskalation der Konflikte zwischen Nazis und Linken im Schulalltag der Kinder. Barskaya, Gründerin eines Studios für Kinderfilm, geriet mit ihrem dritten Film unter stalinistischen Druck und beging mangels Arbeitsmöglichkeiten mit 36 Jahren Selbstmord. Beide Filme waren auf der großartigen, von Barbara Wurm, Christine Gölz und Borjana Gaković kuratierten Retrospektive Feministisch wider Willen: Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa beim Wiesbadener GoEast-Festival zu sehen. In einem begleitenden Symposium wurde die Frage eines reluctant feminism diskutiert, eines vorsichtigen, widerstrebenden, widerwilligen Feminismus. Geprägt hat den Begriff die Filmwissenschaftlerin Dina Iordanova; sie beschreibt damit die Reaktion auf den doch ziemlich aggressiven und oft ignoranten Import von westlichem Feminismus nach 1989.

Gynäkologie-Komödie

Eines Feminismus, der meinte, die meisten Probleme von Frauen aus einer männlich dominierten patriarchalen Kultur erklären zu können – ein essenzialistisches und apolitisches Konzept, das die spezifische soziale und ökonomische Situation der Frauen in Osteuropa übersah oder übersehen wollte. Der weiße mittelständisch-westliche Feminismus mit seinen universalisierenden Machtgesten stand zur Disposition. Denn in Wiesbaden ging es um den Plural, um Feminismen, darum, wie in Systemen, die grundlegende Errungenschaften wie Gleichbeschäftigung von Frauen und Männern, verlässliche Kinderbetreuung und gerechte Scheidungs- und Abtreibungsgesetze verwirklicht hatten, mit der Mehrfachbelastung für Frauen umgegangen wurde. Und welche Bilder dafür gefunden wurden von Regisseurinnen, die vergessen oder nur für einen Film wirklich bekannt wurden wie die große tschechische Regisseurin Věra Chytilová.

In Wiesbaden war ihre Gynäkologie-Komödie Spiel um den Apfel (1976) zu sehen. Der Film entstand nach acht Jahren erzwungener Abwesenheit vom Filmgeschäft in der Folge von 1968. Den Zensoren waren die Geburtsbilder zu viele, der Kaiserschnitt zu blutig. Es sei Blut für das Leben, sagte die Regisseurin. Tatsächlich sind die Beteiligten hemmungslos promisk. Spiel um den Apfel ist eine Slapstick-Commedia dell’Arte, in der die Schwangeren am laufenden Band stöhnen und der Gynäkologe seine Arztroman-Stirnfalten runzelt. Die fröhlichen Zooms und sarkastischen Dialoge zeigen deutlich, wer alles nicht das Zentrum des Universums ist.

Die ungarische Regisseurin Márta Mészáros schilderte in ihren Filmen dagegen das Ineinandergreifen von staatlicher Ideologie, Arbeitsalltag und Sexualität mit einem Sinn für den berührten, verletzlichen Körper, für Blicke und Eigenwilligkeiten. Bei GoEast war ihr eine ganze Retrospektive war ihr gewidmet, die demnächst auch im Berliner Kino Arsenal zu sehen sein wird.

Die georgische Regisseurin Lana Gogoberidze erzählt in ihrem Klassiker Einige Interviews zu persönlichen Fragen (1978) von der Journalistin Sofiko, die eine Recherche nach Glück und Unglück in der Gesellschaft in inszenierte Addressierungen des Publikums überführt, den Abba-Song Money, Money, Money anspielt und auf chiffrierte, aber für die Behörden offensichtliche Weise von der Rückkehr ihrer Mutter aus der Verbannung erzählt.

Im wirklichen Leben ist diese Mutter Noutsa Gogoberidze schon Regisseurin gewesen; sie drehte 1930 den Kulturfilm Buba, in dem die patriarchale Ordnung in einer Kaukasusregion mit den Bildern einer leuchtenden sozialistischen Zukunft überblendet wird. Dann kam die Verbannung wegen des in Ungnade gefallenen Ehemanns, das Studium in Jena, das Schweigen über die Zeit als Filmemacherin.

Kontinuität gibt es trotzdem. Heute inszeniert Enkelin Salomé Alexi in dem Film Felicità (2009) die Aufbahrung eines toten Ehemanns in einem georgischen Dorf, während seine Frau das nötige Geld im fernen Italien verdient. Der Trauersermon, den sie dort ins Handy spricht, wird für die Trauergäste übertragen. Und bald erfahren die zu Hause gebliebenen Männer, was sie wirklich von ihnen denkt.

Mit finanzieller Unterstützung durch GoEast

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/17.

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