Der Andersmacher

Debüt Die Avantgarde lebt: Man weiß über den Autor Francis Nenik nur wenig - und nun tritt er mit "XO" hervor, einem Roman, der als Sammlung loser Blätter daherkommt

Das Buch ist bereits von der Form her ungewöhnlich. In einer Kartonage findet sich ein Stapel von etwa 400 Blättern, ausgesucht schönes Papier, ohne Bindung, ohne Umschlag oder Cover, nur von einer Banderole zusammengehalten. 125 Kapitel, allerdings ohne durchlaufende Seitenzahl. Die Zählung beginnt mit jedem Kapitel wieder von vorne. Damit soll betont werden, dass die Kapitel in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden können. Das ist in der Literatur der Moderne nicht neu, schon 1963 hat Julio Cortázar in Rayuela der chronologischen eine stochastische, wild durch den Text springende Leseweise an die Seite gestellt. Diese Konzeption ist bei dem vorliegenden Roman seinem Inhalt geschuldet. Das „O“ des Titels steht für eine in sich geschlossene, rückbezügliche und verständliche Welt, das „X“ für ihr Auseinanderdriften in alle vier Himmelsrichtungen. Man weiß bis zuletzt nicht, ob der Zusammenhalt oder das Auseinanderstreben das wichtigere Konstruktionsprinzip ist. Der Text ist laut Roman selbst „eine Mischung aus Brief­roman, Comic und durcheinanderzentriertem Gefabel.“

Nicht weniger ungewöhnlich als die Form ist der Inhalt. Ohne konkrete Einordnung in Raum und Zeit wird von einem Dorf berichtet, geteilt durch einen Fluss, von einem Kirchenbrand, dem Tod des alten Pfarrherrn und der Einsetzung des neuen. Wir erfahren etwas über den geplanten Wiederaufbau der Kirche, dann ist da ein Konstrukt aus Eisen, ein Treibhaus, das durch einen Erdbrand beheizt wird, ein Heilbad, Scheißhäuser, Häuser aus Pappmaschee, ein Leichensaal und ein hoher Zaun aus Wellblech, der ein Diesseits von einem Jenseits trennt. Die Welt in diesem Roman wird von etwa zwei Dutzend Figuren bevölkert. Sehr viele Blicke kommen von oben, und die meisten Kapitel werden im Präsens erzählt, als wolle uns der Autor etwas wie Übersicht oder Gegenwart vorgaukeln – „Ich schlage vor, Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche und fangen endlich an, den Hergang der Dinge zu rekonstruieren.“

Wesentliches? Der Hergang der Dinge? Oder sogar Fortschritt? Das alles ist hier Nebensache. Neniks Roman ist umso größer, je weniger sich die Dinge bewegen. Es ist ein kunstvolles Verweilen, Innehalten und Betrachten, aus dem ein Ensemble Dutzender grandios geschilderter Szenen enstpringt wie beispielsweise die des Bauwesens in Dialogform oder die Begriffsgeschichte über das Cursorium; drei Männer, die, eine Frau penetrierend, sich unterhalten: Das hat enorme sprachliche Eleganz und Virtuosität und ist oft hohe Literatur mit einem ausgeprägten Sinn für Komik. Aber auch niedere literarische Formen wie Ulk und Klamauk haben hier Raum, selbst die Zote wird nicht gescheut. Kaum einer der Protagonisten trägt einen realistischen Namen, kaum einer führt ein sinnvolles Gespräch, die Dialoge scheinen aus Comics zu stammen, wir haben sprechende Schweine, kotzende Fische und reimende Marionetten, Anspielungen auf Sagen, Mythen und Gerüchte, schöne Frauen, erotische Frauen und tote Frauen, philosophische Theorien, und „davor und danach mäandern ein paar Sätze übers Papier“, wie es im Roman heißt.

Zusammenhänge

Nein, aus diesem Roman spricht kein realistischer Erzähler, es herrscht keinerlei Sicherheit über die Wirklichkeit. Viele Kapitel tragen den Zweifel an der Welt, die sie zu erzählen vorgeben, in sich, am auffälligsten beim Kasperle. Nach dem Ende seines Auftritts fragen sich die, die da die Fäden ziehen, ob sie nicht selbst nur an Fäden hängende Marionetten sind: Die Kulisse des Kindertheaters ist identisch mit der sichtbaren Wirklichkeit. Einmal stellen sich die aus einem Traum Aufwachenden ebenfalls als nur geträumte Figuren heraus.

Man kann XO also locker mal hier und mal dort lesen. Nun ist es im Leben und in Büchern allerdings so, dass das Nachfolgende seinen Sinn und seine Verständlichkeit aus dem Vorhergehenden erhält. Zusammenhang muss mehr sein, als eine freie Kombination potenziell sinnstiftender Elemente. Aber die Herstellung von sinnvollen Zusammenhängen ist möglicherweise gar nicht die Aufgabe des Autors, sondern die des Lesers. Schließlich weiß man ja, dass zwei, die dasselbe Buch lesen, am Ende etwas anderes gelesen haben werden. Warum dieser Tatsache also nicht in der Form Vorschub leisten?

Der Autor hält sich bedeckt. Man weiß wenig über Francis Nenik: Er ist Anfang 30 und lebt in der Nähe von Leipzig. In Büchern anderer Leute zu lesen, hat er wenig Zeit, es fehlt ihm sogar die Zeit, im eigenen zu lesen. Mit dieser Begründung hat er jedenfalls eine Veranstaltung beim Deutschlandradio abgelehnt, das sehr erpicht auf eine Lesung war. Außerdem, das wird wohl der wahre Grund der Absage gewesen sein, scheut er die Öffentlichkeit. Mit seinem Text Vom Wunder der doppelten Biografieführung hat er den zweiten Preis im Essay-Wettbewerb der Literaturzeitschrift Edit gewonnen; bei der Preisverleihung ließ er sich vertreten. Unter einem anderen Namen hat er Ästhetik studiert, abermals einen Preis für seine wissenschaftliche Arbeit bekommen und sich, weil er offenbar einen zweiten vermeiden wollte, auf das fiktionale Schreiben verlegt. Ein wenig windschnittiger, ein wenig angepasster wäre nicht schlecht gewesen. Aber manche Geister können sich mit Konventionen nicht arrangieren: Größe liegt oft im Überschreiten des Kleinen. Man denke an Hans Henny Jahnn oder Arno Schmidt, manche müssen es eben anders machen. Und Francis Nenik ist so ein Andersmacher.

Aléa Torik hat mit Das Geräusch des Werdens ebenfalls in diesem Frühjahr debütiert

XOFrancis Nenik ed. cetera 2012, 853 S., 33,90 Das Buch ist nur beim Verlag erhältlich: ed-cetera.de/ed-ition/xo-kaufen/

11:30 30.04.2012