Der Anfang schmeckte süß

Desillusioniert zurück in die Heimat Olga und Vladimir Funk, Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, wollen Deutschland wieder den Rücken kehren

Die verlorene Heimat wollten sie hier finden und gute Arbeit. Viele wurden enttäuscht, weil die Vorstellungen von Deutschland nicht der Wirklichkeit standhielten. Deshalb zieht es seit Jahren immer mehr Russlanddeutsche zurück in den Osten.

Es war Ende 1995, als sie ankamen im niedersächsischen Friedland, wo Deutschland seine verlorenen Söhne und Töchter zu empfangen pflegt: im zentralen Aufnahmelager für Spätaussiedler. Kaum angekommen, verließen Olga und Vladimir, ihre einjährige Tochter Christina auf dem Arm, die Enge des Aufnahmelagers, gingen in die Stadt und kauften ein bei Spar. Dutzende Tafeln Schokolade und alles andere, woran es ihnen in Kasachstan mangelte. Der Anfang schmeckte süß. Das kleine Haus, das sie nahe der kasachischen Hauptstadt Astana besaßen, hatte sich erst in 1.000 Dollar verwandelt, dann in D-Mark und ein Teil davon letztlich in all die schönen Dinge, die es in deutschen Supermärkten zu erstehen gibt. Man prasste ein bisschen, schließlich war aus dem Traum Wirklichkeit geworden: Deutschland. Die Heimat. Endlich.

Hart schlugen sie darin auf. "Ich habe mehr als elf Jahre gewartet auf das bessere Leben hier. Aber es wird nur schlimmer", sagt Olga Funk. Kerzengerade sitzt sie am Küchentisch, eine Frau von 31 Jahren mit Melancholie in den grünen Augen, zum Pferdeschwanz gezähmten blonden Haaren und ungezähmter Sehnsucht nach Hause. In Kasachstan Ingenieurstudentin, hier Putzfrau, der Rücken meist zum Boden gebeugt und mit ihm ihr Stolz. Die ersten zwei Jahre nach der Ankunft frischte sie ihr Deutsch auf, bewarb sich viele Male, versuchte, in einem Job zu landen, in dem sie auch ihre Mathematik gebrauchen könnte. Am Ende aber landete sie immer wieder knieend auf deutschem Linoleum. Und da nun viele der früheren Lehrerinnen, Polizistinnen und Ingenieurinnen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine mit ihr putzten, setzte ihr frisches Deutsch schnell wieder Rost an. Untereinander spricht man nicht in der fremden Sprache.

Olga gegenüber sitzt Vladimir, ihr Mann seit 13 Jahren. Und spricht aus, was immer mehr Russlanddeutsche vorhaben: "Wir wollen zurückgehen. Es gibt hier keine Zukunft mehr für uns. Noch ist Zeit, meine Frau und ich sind ja erst Anfang 30." Als Kraftfahrer hat er tagein, tagaus den Asphalt vor sich und hinter sich Kollegen, die über ihn tuscheln, weil er eine Wohnung gekauft hat und sie sich fragen, womit. Vielleicht mit den satten Zuschüssen, die "den Russen zugeschoben werden vom deutschen Staat". Dieses Misstrauen hat Vladimir zermürbt. "Wir bleiben hier immer Ausländer", sagt er und fügt hinzu: "Auch wenn ich eigentlich Deutscher bin." Er schickt dem Satz ein Lachen hinterher, das zu schnell verglimmt.

Manchmal noch plagen ihn Zweifel an der Rückkehr: Wieder alles aufgeben? Wieder bei Null anfangen wie vor elf Jahren? Und wohnen nicht mittlerweile auch alle seine Verwandten hier? Andererseits: Kasachstan blüht gerade auf, auch Russland oder Kirgisien. Überall wächst die Wirtschaft rasant und mit ihr die Chance auf Arbeit - gut bezahlte obendrein.

"Es sind Tausende, die im Augenblick zurückwollen", sagt Zafar Sharajabov, ein ruhiger, kleiner Mann, der das harte Deutsch der Spätaussiedler mit sanfter Stimme spricht. "Diese Leute leiden hier", sagt er. Vor zehn Jahren sei er selbst aus Kirgisien nach Deutschland gekommen und arbeite nun als Mitarbeiter der Wohlfahrtsorganisation Heimatgarten. Ursprünglich gegründet, um Kriegsflüchtlingen zu helfen, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, muss sich der Verein seit etwa drei Jahren immer mehr um Spätaussiedler kümmern. In Bielefeld hat man deswegen eine spezielle Anlaufstelle eingerichtet, die sich allein um die Belange der rückkehrwilligen Russlanddeutschen kümmert. Und deren Zahl steigt.

Warum? Sharajabov legt seine Stirn in Falten. "Viele haben lange ausgeharrt und stets gedacht, nächstes Jahr wird es besser. Zu oft blieb dieser Wunsch unerfüllt - die Gründe? Schlechte Sprachkenntnisse, Isolation von der deutschen Gesellschaft, Fremdheit, Arbeitslosigkeit oder Beschäftigung in einem Beruf, der den Verlust sozialer Anerkennung bedeutet. "Wenn ehemalige Staatsanwälte sich wegen ihres schlechten Deutschs plötzlich am Fließband wiederfinden, das sorgt schon für ein Gefühl der Nutzlosigkeit, das manchen in die Verzweiflung treibt."

Wer die einstige Heimat besuche, wolle zumeist nicht zugeben, dass er sich nicht wohl fühle im Gelobten Land. Und so habe sich dort lange die Mär von einem Deutschland gehalten, "in dem die Straßen so sauber sind wie mit Shampoo gewaschen. Die Illusion von einem Land, das frei ist von Kriminalität und voller Hilfsbereitschaft".

Die drei Millionen Spätaussiedler, die Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland strömten, haben zu Hause in der Regel alles aufgegeben. Sie taten das nicht selten in dem Glauben, nur so den Wirren der postsowjetischen Ära entfliehen zu können.

Nun jedoch erscheint der Weg zurück immer verlockender. Das Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist längst vorbei. Kasachstans Ökonomie wuchs im Vorjahr um 15 Prozent. So sehr, dass Präsident Nasarbajew junge Arbeitskräfte aus dem Ausland mit Vergünstigungen anlocken kann. Vorrangig solche mit "deutschen Tugenden und kasachischer oder russischer Seele", wie Sharajabov sie mit einem Lächeln nennt. "Die diszipliniert sind, aber sich und die Sorgen auch mal vergessen können."

Vor fünf Jahren haben Vladimir und Olga auf Kredit ihre Wohnung gekauft. Haben noch einmal ein Zeichen setzen wollen dafür, dass sie angekommen sind in Deutschland. Drei Zimmer groß ist dieses Zeichen, gelegen in einem gelbbraunen Fünfgeschosser aus den Sechzigern und am Rand der schwäbischen 84.000-Einwohner-Stadt Göppingen. Laminatboden, Couchgarnitur, ein kleines Reich mit Bildern von der großen Verwandtschaft an den Wänden, von Olgas Bruder, den beiden Kindern Christina und Daniel. Auf den Küchenregalen stehen Lebensmittel mit kyrillischer Aufschrift. Gekauft nicht mehr bei Spar, sondern bei Tanja, einem kleinen Laden in der Innenstadt, auf dessen Fensterfront Matrjoschkas prangen.

Die Hälfte ihrer Nachbarn sind Spätaussiedler. Sie heißen Jenuwein, Weselow und Kowatz. Sie kommen aus der Ukraine, aus Kirgisien, aus Russland. Sie sind alle Deutsche wie die Funks - in ihrem Pass jedenfalls. Der war für viele einmal die wertvollste aller Eintrittskarten zum Glück und ist heute nur noch ein schlichtes Stück Pappe, das sie lieber jetzt als nachher eintauschen möchten gegen die Papiere ihrer Herkunftsländer. Vielleicht haben einige von diesen Rückkehrern auch jenes Fremdeln zu spüren bekommen, das oft wie eine unsichtbare Mauer zwischen den neuen und den alten Deutschen steht. Nicht etwa die große, offene Ablehnung, die vielen kleinen Gesten des Unterschieds sind es.

Als sie ihre neue Wohnung bezogen, gaben die Funks eine kleine Einstandsparty und luden dazu alle Nachbarn ein. Natürlich auch die Deutschen ohne russischen Akzent. Alle kamen. Ausgelassen war das Fest, es gab Wodka, Wein und Pelemeni. Man verabschiedete sich, höflich zwar in für russische Verhältnisse unüblicher körperlicher Distanz, aber mit warmen Worten. Fortan grüßte man sich freundlich und freundlich, auch verweigerten sich die Nachbarn weiteren Einladungen der Funks. Wochen später klingelten zwei Polizisten mit einer Anzeige in der Hand, wegen andauernder Ruhestörung. Ständig brülle ein Kind und die Musik sei immer so laut, dass man denke, hier würde dauernd eine Party gefeiert, schon mittags um zwei. Um diese Zeit kam Olga immer vom Putzen nach Hause und hörte dann für eine Stunde russische Schlager oder Folklore.

"Sehr geehrter Herr Sharajabov!" - so beginnt der Brief an Heimatgarten, den die Funks vor kurzem abschickten. Mit vielen Grüßen endet er und dazwischen haben sie auf zwei Seiten Hilfe erbeten. Bei den Formalitäten. Wie kriegt man die mit Hypotheken belastete Wohnung los? Wie die Möbel? Wie kommt man an kasachische Papiere? Wie kann man den deutschen Pass zurückgeben? Gibt es Hilfe bei den Reisekosten?

Wenn sie in Kasachstan ankommen, werden sie nicht viel mehr haben als damals in Friedland. Nur ein winziges Haus neben dem von Olgas Eltern. Und ein Land, das ihnen vertraut ist.

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00:00 16.05.2008

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