Der Anfang vom Ende?

Kommentar AKW Stade abgeschaltet

"Was macht Jürgen Trittin heute? Abschalten! AKW Stade geht vom Netz", lautete die Bildunterschrift zu einer am 14. November publizierten Anzeige des Bundesumweltministeriums. Doch nicht Trittin schaltete den Stader Atommeiler ab, das tat um 8.32 Uhr der Reaktorfahrer Frank Hennig auf Geheiß seines Arbeitgebers, des Energiekonzerns EON. Trittin war nicht einmal in der Nähe, der feierte das historische Ereignis in Berlin im Hamburger Bahnhof.

Aber bei Licht besehen, was gab es da eigentlich zu feiern? Gerade einmal eines von 19 Kernkraftwerken ist abgeschaltet. Und den Hamburgern größere Sicherheit vorzugaukeln, grenzt an Volksverdummung bei einer Atomstromquote von dort immer noch 80 Prozent. Der Stader Reaktor wurde aus ökonomischen Gründen und wegen bestehender Überkapazitäten vorzeitig abgeschaltet, er hätte noch bis zum Mai nächsten Jahres am Netz bleiben dürfen. Der EON ermöglicht das obendrein den rechtzeitigen Transport der Brennstäbe nach La Hague, bevor die Wiederaufbereitung verboten wird. Auch wenn Trittin gebetsmühlenhaft wiederholte, die Abschaltung sei allein Verdienst von Rot-Grün, steht dem entgegen, dass die EON sie schon 2000 beschlossen hatte, also vor Inkrafttreten der Ausstiegsvereinbarung.

Der Atomkompromiss brachte den Betreibern die Möglichkeit der Übertragung von Reststrommengen zwischen den Atomkraftwerken. So können nun auch die in Stade nicht mehr produzierten Megawattstunden einem anderen, wirtschaftlicheren Kernkraftwerk gutgeschrieben werden.

Was Trittin da als großen Erfolg rot-grüner Atompolitik verkauft, ist bestenfalls der Anfang vom Ende des Atomzeitalters. Der Atomkonsens steht in dem Verdacht, dass die Atomlobby darin nur genau das zugestand, was ohnehin wirtschaftlich opportun erschien. Noch immer fehlt das zukunftssichere Energiekonzept, das die Erfahrungen der großen Blackouts der vergangenen Monate und die Probleme des Sommers mit seiner Wasserknappheit berücksichtigt, die Deutschland nur um Haaresbreite am Kollaps vorbeischrammen ließ.

Trittin jedenfalls sieht eine große Zukunft für den Energiestandort Küste und erweckt nun den Eindruck, die Windkraft wäre das Allheilmittel für die Unterelbe. Er scheint die Region nicht gut zu kennen, sonst wüsste er, was Windkrafträder bei dem hier gar nicht so seltenen Starkwind tun: nichts. Sie sind abgeschaltet. Ihre Stromeinspeisung ist unregelmäßig. Vom Stader Reaktor wird längst nichts mehr zu sehen sein, wenn für das am gegenüberliegenden Elbufer stehende AKW Brokdorf immer noch gilt: "und läuft und läuft". Das wird nämlich laut Regierungskonzept erst Ende 2018 abgeschaltet. Aber nur, wenn es nicht die in Stade eingesparten Megawattstunden zugeschrieben bekommt, mit denen es noch ein paar Monate länger Atomstrom produzieren dürfte. Das Abschalten des Stader Reaktors ist ja auch nur der Anfang vom Ende.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 21.11.2003

Ausgabe 40/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare