Der Anfang von Geschichte

Was läuft Warme Gefühle versus kalter Zynismus: Über die Serien „Halt and Catch Fire“ und „Black Mirror“. Spoiler-Anteil: 8 Prozent
Sarah Khan | Ausgabe 49/2016

Direkt aus dem Herzen kommt dieser Serientipp, der die Dunkelheit der Adventszeit mit pink Pixeln und Synthesizermusik illuminieren soll: Schauen Sie sich Halt and Catch Fire an. Gerade ist die dritte Staffel bei Amazon gestartet, und wer die Serie noch nicht kennt, kann bingen, bis der Weihnachtsmann kommt, um dabei eine neue und umwerfend unterhaltsame Perspektive auf die Frühzeit der Personal-Computer-Revolution zu gewinnen. Der merkwürdige Name dieser Serie des Senders AMC (der Breaking Bad produzierte) kommt aus der Programmiersprache; es ist ein humorig gemeinter Befehl, der einen Prozessor auffordert, abzustürzen, bevor der Chip zu heiß werden könnte. Neustart ist alles. Auch technikgeschichtlich.

Die Serie handelt von drei Helden der fiktiven Firma Cardiff: der skrupellose Manager Joe, der in tranceartigen Zuständen lebende Erfinder und Familienvater Gordon und die visionäre Programmiererin Cameron. Die drei arbeiten in der bereits seriell produzierenden Computerindustrie der frühen 80er Jahre, die aber vollkommen unsexy ist – inmitten von Floppydisketten, hässlich eckigen und beigefarbenen Rechner-Ungetümen und unter dem Licht von Kassettendecken und Neonlicht.

Sie teilen die Vision eines neuen Computers. Er soll offener, tragbarer, schneller, leichter und persönlicher sein, damit ganz normale Menschen ihn endlich lieben lernen, streicheln und in ihren Alltag integrieren. Erst dann werden sie ihn für alle Probleme, die anfallen, nutzen wollen – und Programmierer können die entsprechenden Anwendungen entwickeln. „Was willst du tun?“, fragt in der ersten Staffel der Prototyp und zaubert ein entrücktes Lächeln auf die Gesichter. Angelehnt ist die erste Staffel an die texanische Firma Compaq – die Älteren erinnern sich noch an die sensationell erfolgreiche, dann von Hewlett-Packard aufgekaufte Firma, Marktführerin mit ihren ersten 386er-Laptops, die IBM-kompatibel waren.

Halt and Catch Fire hat mit der Retro-Mystery-Serie Stranger Things neben der Videogamegrafik des Vorspanns gemein, dass beim Zuschauer warme Gefühle gegenüber der avancierten Ästhetik und naiven Stimmung der 80er Jahre entfacht werden; die nimmt man überrascht, aber dankbar auf. Vor allem wenn im deutschen Kontext diese Zeit meist mit Kaltem Krieg, Atomkriegsbedrohung, XY … ungelöst, Nena-Liedern und Helmut-Kohl’scher Bräsigkeit assoziiert wird.

Halt and Catch Fire füllt einen blinden Fleck der Geschichte, indem vom schwierigen Neustart einer technischen Idee – des PC – erzählt wird, die sich durchgesetzt hat und uns heute bis in jede Sekunde des Alltags begleitet. Die schlanke, coole Titelmusik kommt übrigens von den Synthesizern Paul Haslingers, eines österreichischen Komponisten, der Mitglied der Band Tangerine Dream war. Die warmen Gefühle und neuen Perspektiven, die die Serie anbietet und die man auch als manipulativ und unpolitisch kritisieren könnte – wozu mir in meiner Begeisterung allerdings noch der politische Wille fehlt –, markieren den großen Unterschied zur britischen Serie Black Mirror.

Dort wird ein zynischer, eben schwarzer Blick in die nahe Zukunft geworfen, die von der digitalen Revolution bereits versklavt ist. Was mit einem Initialerlebnis des ehemaligen Guardian-Kolumnisten Charlie Brooker zu tun hat, der selbst erlebte, wie es ist, wenn man in einen öffentlichen Shitstorm gerät. Im Zusammenhang mit der Wiederwahl George W. Bushs zählte er 2004 eine Reihe historischer Politikermörder auf und fragte ironisch: „Wo seid ihr, wenn man euch braucht?“ So endete seine Karriere als Kolumnist, danach schrieb er Black Mirror, filmische Kurzgeschichten, die von technischer Unterdrückung und Überwachung handeln, von der Herrschaft der Volkstribune und der Käuflichkeit und ethischen Verrohung der Mittelschicht.

Einige Episoden sind brillant, aber kalt und unempathisch bleiben sie alle. Deshalb versagt Brooker mit seiner Prophetie auch, die ja eine Warnung vor dem Kommenden sein will. Denn wenn es keine mitreißenden Gefühle und Personen gibt, wenn es allein um Abstoßung, Verzerrung und schön polierte Bestialität des Zukünftigen geht, dann ist im Seherlebnis spürbar, dass in dieser Karikatur etwas Wichtiges fehlt. Bei Halt and Catch Fire kann man dagegen lernen: Der Umsturz der Welt fühlt sich toll an, er umarmt dich wie ein Freund und lässt dich nie wieder los.

06:00 21.12.2016

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