Der Angstbeißer

USA Rick Santorum mischt die republikanische Kandidatenkür für die US-Präsidentschaftswahlen auf. Große Chancen, im Herbst gegen Präsident Obama anzutreten, hat er aber nicht

Rick Santorum begann seine politische Karriere im US-Kongress einst mit einer klaren Ansage: "I came down here to shake things up". Spätestens mit seinen jüngsten Siegen bei den Vorwahlen der Republikaner in Colorado, Minnesota und Missouri ist der Evangelikale seinem Anspruch wohl gerecht geworden. Mit insgesamt vier gewonnenen Vorwahlen ist der 53-jährige Rechtsanwalt aus Winchester, Virginia, nun zumindest nominell schärfster Herausforderer des bisher favorisierten Mitt Romney (drei Siege). Dabei fällt Santorum im Vergleich mit seinen Konkurrenten in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen.

Schon 1991 zog er für den Bundesstaat Pennsylvania ins Repräsentantenhaus ein, vier Jahre später wechselte er in den Senat. Schnell stieg er zur Nummer drei der Republikaner im Kongress auf – allerdings nicht unbedingt zum Liebling seiner Kollegen. So erwarb er sich im Lauf einer Affäre namens 'Rubbergate' den Ruf eines unerbittlichen Anklägers des politischen Establishments; demokratische und republikanische Kollegen verurteilte er gleichermaßen dafür, sich über ungedeckte Schecks der Parlamentsbank persönlich bereichert zu haben. Seitdem gilt Santorum als unbequemer Typ. Sein Instinkt sei "eher auf totale Siege als auf Treffen in der Mitte" ausgerichtet, schrieb der Journalist Michael Sokolove in einem Portrait im New York Times Magazine über ihn.

Ein Budgetzwerg

Kurioserweise stolperte Santorum später selbst über Korruptionsvorwürfe. 2006 verlor er sein Senatsmandat. Hintergrund waren Informationen der Watchdog-Gruppe CREW, die ihn verdächtigte, Gesetzentwürfe zugunsten seiner politischen Mäzene beeinflusst zu haben. Diese Vorwürfe konnte Santorum nie ganz ausräumen.

Jetzt ist er in den Primaries dennoch wieder oben auf – das überrascht, weil er erheblich weniger Wahlkampfmittel zur Verfügung hat als die übrigen Wettbewerber. Im Vergleich zu Romney (57,1 Millionen US-Dollar), Ron Paul (26,1 Millionen) und Newt Gingrich (12,7 Millionen) ist Santorum ein Budgetzwerg: Lediglich 2,1 Millionen Dollar konnte er bisher akquirieren. Dennoch könnte er Romney im Präsidentschaftswahlkampf weitere Probleme bereiten. Denn der tiefgläubige Evangelikale ist ein authentischer Vertreter der religiösen Rechten.

Bedrohliche Homo-Ehe

Santorum präsentierte sich in seiner Zeit im Kongress als "threat to the establishment", so nannte er sich selbst. Als Großbürgerschreck aus kleinbürgerlichen, tiefreligiösen Verhältnissen ist er der Gegenentwurf zu seinen Konkurrenten: Romney nehmen viele Wähler wegen seiner Vergangenheit als CEO eines Hedgefonds als Kandidaten der Finanzmärkte wahr, der Top-Lobbyist Newt Gingrich gilt vielen Konservativen als Vertreter des politischen Sumpfes in Washington. Santorum dagegen kann auf Rückhalt in der rechtskonservativen Tea-Party-Bewegung zählen. Er gilt als authentisch konservativ und bürgernah.

Gleichgeschlechtliche Ehen lehnt er ebenso ab wie Abtreibung, Verhütungsmittel und ein liberales Scheidungsrecht, weil diese seiner Vorstellung kinderreicher, heterosexueller und monogamer Familien widersprechen, mehr noch: Er fühlt sich davon angegriffen. "Gay marriage bedroht meine Ehe", sagte er Sokolove. "Sie bedroht alle Ehen. Sie bedroht die traditionellen Werte unseres Landes." Den Familien und der Kirche würde Santorum gerne mehr gesellschaftliche Verantwortung übertragen: Sie sollen soziale Sicherungsnetze aufspannen, die unter Obama der Staat bereitstellt. Obamas Gesundheitsreform verurteilt er. Romney fällt das deutlich schwerer, verfolgte er doch selbst früher als Governeur von Massachussetts eine ähnliche Gesundheitspolitik.

Mann mit Mission

Die europäische Berichterstattung stellt den Juristen mitunter als einen religiösen Wirrkopf dar. Santorum hat jedoch eine klare politische Mission: Der christliche Glauben soll eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben Amerikas spielen. Der achtfache Familienvater findet unerklärlich, wie "man in die Existenz Gottes glauben, aber seine Entrüstung verbergen kann, wenn sein Moralkodex missachtet wird", wie er 1999 in einem Vortrag in Washington sagte.

"Santorum fühlt sich in die Defensive gedrängt", meint der Journalist Sokolove. "Als Mann des Glaubens fühlt er sich angegriffen, sogar schikaniert". Santorum scheint also kein Agressor aus Leidenschaft, sondern ein Angstbeißer zu sein, der sich davor fürchtet, eines Tages in einem gänzlich säkularisierten Staat aufzuwachen. Im Amerika der vielen Kirchengänger und politischen Extreme hat sich Santorum als Verteidiger der christlichen Amerikaner profiliert. Der Staat müsse dafür Sorge tragen, dass dem "Glauben und den Regeln, die aus dem Glauben an einen transzendenten Gott folgen" in der Öffentlichkeit mehr Platz eingeräumt werden. Mit solchen Positionen setzt er den bisher favorisierten Mormonen Romney unter Druck – und das nicht nur, weil viele gläubige Christen Romneys Religionsgemeinschaft skeptisch gegenüberstehen.

In der moderaten Schmuddelecke

Attackieren kann Romney seinen Konkurrenten Santorum kaum, müsste er dies doch politisch teuer bezahlen. Denn Romney braucht die Stimmen der rechtskonservativen Stammwähler, um sich Chancen gegen Amtsinhaber Obama auszurechnen. Santorums überraschender Erfolg in den Primaries könnte dem Präsidenten so gesehen helfen: Hält Santorum Romney in der moderaten Schmuddelecke der Republikaner, verliert dieser möglicherweise die Stimmen der Tea Party und der religiösen Rechten. Drängt ihn Santorum zu konservativeren Positionen, verliert Romney seine Attraktivität für moderate Wechselwähler und diejenigen Demokraten, die von ihrem einst messianisch gefeierten Präsidenten enttäuscht sind.

Dass Santorum selbst für die Republikaner gegen Obama antritt, gilt dagegen als unwahrscheinlich. Im Zweikampf mit Obama würde ihn seine religiöse Mission zu verletzbar machen. Santorums schmales Wahlkampfbudget ist ebenfalls ein schwerwiegender Nachteil im Rennen um die Kandidatur. Auch kann sich Santorum trotz allem der Unterstützung der bedeutenden Tea Party-Bewegung nicht ganz sicher sein. Denn er will den Staat als moralische Kontrollinstanz stärken, was dem Ziel der Tea Party widerspricht, den Einfluss des Staates drastisch zu beschränken. Somit dürfte Santorum für seine republikanischen Konkurrenten wie eine Art konservativer Lackmustest wirken. Als politischer Tempomacher könnte er das Rennen aber vor der Zielgerade verlassen.

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18:50 09.02.2012

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