Der Anti-Macho

Porträt Aviv Geffen ist für einen Palästinenserstaat und hält Gott für Bullshit - Israelis lieben ihn dafür. Jetzt will der Musiker aus Tel Aviv den Rest der Welt begeistern

Er sieht aus wie ein 36 Jahre alter Teenager. Dünn, ein buntes T-Shirt, Röhrenjeans, die Haare verwuschelt. Er macht kleine Schritte, schaut sich um wie einer, der gerade auf einem fremden Planeten gelandet ist. Um den Hals baumelt eine Kette mit einem Peace-Zeichen aus Metall. Aus dem Körper kommt eine überraschend tiefe, rauchige Stimme: „Es ist an der Zeit, dass die Welt erfährt, wer Aviv Geffen ist“, sagt Aviv Geffen. Im Film würde jetzt Fanfarenmusik einsetzen. Aber es kommt keine Fanfare. Hier, auf der Pressekonferenz im Berliner Solar Club, auf der Aviv Geffen sein erstes englischsprachiges Album vorstellt, wäre das auch irgendwie unpassend. Ein Fotograf ruft: „Aviv, bitte lächeln!“ Geffen hält die neue Platte neben sein Gesicht und sagt: „Ich kann nicht lächeln“. Geffen hat eine Frau und ein Kind; niemand hat in Israel je mehr Platten verkauft als er. Jetzt soll das Album, das so heißt wie er selbst, den internationalen Durchbruch schaffen. Und so einer lächelt nicht?

Ein Tag später. Geffen will dem Freitag sein Lieblingscafé in Berlin zeigen. Beim Hotel de Rome steigt er ins Auto zu. Aber zunächst: Warum kann er nicht lächeln? Geffen holt Luft. Dann ballert er los: „Wir sind allein auf dieser Welt.“ Und: „Ich glaube wirklich daran, dass das Leben beschissen ist“. Er sagt: „Natürlich bin ich eigenartig. Aber ich habe alle eigenartigen Leute um mich versammelt. Es ist eine verdammt große Gang. Es gibt so viele Außenseiter.“ Und die kaufen seine Platten – millionenfach. Das ist eine Sensation in Israel, in dem nur sieben Millionen Menschen leben.



Eigenartig ist Geffen schon so lange er denken kann: „Als Kind habe ich Purim“ – eine Art jüdischen Karnevals – immer geliebt“. Irgendwann will sich Aviv nicht mehr nur zu Purim schminken. Denn da schminken sich alle. Und Aviv will besonders sein. Seine Mutter malt ihm die Augen mit Eyeliner an. So geht er zur Schule. Später benutzt er Mascara und Make-up. Die anderen Kinder hänseln ihn, behaupten, er sei schwul. „Die Eltern meiner Freunde haben ihren Kindern verboten, mit mir zu spielen.“ Wenn Geffen das erzählt, klingt er nicht gekränkt, eher stolz. Fast wie ein Junge, der am Klettergerüst hängt und ruft: „Kuck mal!“

Nur ein Lied? Oder Prophetie?

Das Dorf, in dem Aviv Geffen aufwächst, ist konservativ. Es heißt Beit Jitzchak und liegt zwischen Haifa und Tel Aviv. Die meisten Bewohner sind Juden aus Deutschland. Die „Jeckes“, wie man sie in Israel nennt, gelten als besonders korrekt und etwas steif. „Mein Leben war ein dunkler Dschungel“, sagt Geffen. „Und plötzlich, mitten im dichten Wald, sah ich etwas, das mich retten würde: Musik.“ Er bittet seine Eltern, die liberalsten Menschen im Dorf, ihn von der Schule zu nehmen. Er geht auf eine Musikschule, gründet eine Band.

Und Aviv Geffen beginnt, sich Gegner zu suchen, an denen er sein eigenes Profil wetzen kann. Da ist zum Beispiel sein Onkel, der israelische Politiker Mosche Dajan. „Der mit der Augenklappe“, nennt Geffen ihn, „der Inbegriff eines Machos“. Dajan war Verteidigungsminister im Sechs-Tage-Krieg gewesen, unter seiner Führung wurde Ost-Jerusalem besetzt. Als Aviv Geffen seine Band gründet, ist er seit Jahren tot. „Ich wollte die Kette brechen, ich bin der Anti-Macho“, sagt Geffen heute noch.

Sein Vater ist ein angesehener Schriftsteller, ein Linker. Es ist schwierig, gegen ihn zu rebellieren. Aber da war der viele Alkohol. „Ein Alkoholiker“, sagt Geffen. „Meine Rebellion dagegen: niemals drogensüchtig zu werden.“ In Geffens Familie wimmelt es von Künstlern, Regisseuren, Friedensaktivisten. Wenn die meisten liberaler sind als er, ist er dann vielleicht der Spießer in der Familie? Man merkt, dass Geffen der Gedanke gefällt: er, jetzt ein Spießer? Das provoziert! Und dann lacht er und sagt: „Ja, das stimmt vielleicht.“

Denn bekannt geworden ist er anders, 1993: Er ist schön, er ist 20 und er findet die richtigen Gegner zur richtigen Zeit: den Krieg, das Militär und die Macho-Gesellschaft. Für sein zweites Album nimmt er einen Song auf, der ausdrückt, was viele seiner Altersgenossen fühlen. Das Lied Avshav Meunan – „Jetzt ist es wolkig“ – beginnt langsam, dunkel: „An einem brutalen Ort, den wir unser Land nennen, gibt es einen verwirrten Mann, und ich glaube, das bin ich.“ Im letzten Drittel überschlägt sich Geffens Stimme. „Wir sind eine abgefuckte Generation“, kreischt er. Immer wieder. Es ist sein erster Slogan. Seine jungen Fans nennen sich nach einem seiner Albumtitel „Kinder des Mondlichts“. Sie tragen Schwarz, sie schminken sich, sie trauen sich zu weinen. Geffen singt über Drogen und darüber, den Wehrdienst zu verweigern. Dass es okay ist, schwul oder lesbisch zu sein. Auf seinem dritten Albumcover ist ein Gemälde seines eigenen Grabes. Israelische Medien empören sich: Aviv Geffens Musik treibe Jugendliche in den Suizid. Und Geffen verkauft noch mehr Platten.



Ohne Gift kein Geffen

Gott ist Bullshit, sagt Aviv Geffen, der sich selbst einen „neuen Juden“ nennt: „Es ist meine Wahrheit und wenn es gefährlich ist, so etwas zu sagen, muss ich damit leben. Ich scheiß’ drauf. Ich glaube, Gott ist die größte Lüge der Welt. Da geht eine ganze Menge Scheiße vor sich im Namen Gottes. Sie haben in seinem Namen den israelischen Ministerpräsidenten erschossen.“ Geffen macht eine Pause. Für ein paar Sekunden sucht er nach dem Namen. Vielleicht hat er die Geschichte schon zu oft erzählt. Er schaut hilfesuchend. Dann fällt ihm der Name ein.

Es ist der 4. November 1995 als Geffen endgültig zur Ikone wird: Der Sänger tritt vor einer halben Million Menschen bei einer Friedenskundgebung in Tel Aviv auf. Hier soll auch Jitzchak Rabin sprechen. Nachdem Geffen fertig ist, umarmt ihn der Ministerpräsident. Beide strahlen. Aviv Geffen ist der letzte Mensch, den Rabin umarmt. Wenige Minuten später wird der Politiker von einem religiösen Fanatiker erschossen. Das Lied Für dich zu weinen, das Geffen an dem Abend gesungen hat, wirkt nachträglich wie eine Prophezeiung.

Eine Woche später singt Geffen es wieder, bei der Gedenkfeier für Rabin. Jeder im Publikum kennt den Text. Es wird zum inoffiziellen Rabin-Song, zur inoffiziellen Nationalhymne. Die Umarmung der beiden wird tausendfach im israelischen Fernsehen wiederholt. Die Bevölkerung und die Medien umarmen Geffen nun zurück. Er ist nicht mehr das schrille, provokante enfant terrible der israelischen Popkultur: Er ist der größte Popstar seines Landes.

Und er produziert Slogans, einprägsame, provokante Sätze, als sei er eine Hauptsatzmaschine: „Wir sind eine abgefuckte Generation“, „Das Leben ist scheiße“, „Es gibt keinen Gott.“ Er sagt, dass sich die Israelis aus den besetzten Gebieten zurückziehen sollen, dass die Palästinenser Ostjerusalem erhalten sollen, dass es nicht wert sei, im Krieg zu sterben. Er wiederholt seine Slogans. Immer und immer wieder. Seit 15 Jahren tourt er mit ihnen durch Israel und gelegentlich auch durch andere Länder. Anfang des Jahres war er schon einmal kurz in Deutschland. Nun aber will er sich endgültig als internationaler Künstler etablieren.

„Berlin ist zurzeit die sexieste Stadt auf diesem Planeten“, sagt Geffen. Auf seinem neuen Album ist ein Song, der Berlin heißt und von einem Mädchen handelt: „Sie war so kalt wie Berlin, sie war so zerbrochen wie Berlin, sie war so zerrissen wie Berlin“, singt er. Wo gefällt es ihm in Berlin denn am besten? Geffens Augen weiten sich und er sagt: „In der Oranienburger Straße.“

Hier, direkt neben der Neuen Synagoge, ist das Café Silberstein, in dem Geffen das Mädchen aus seinem Song kennengelernt hat. „Sie hat neben mir gesessen. Wir haben uns unterhalten und den ganzen Nachmittag miteinander verbracht.“ Und die Oranienburger Straße sei halt die coolste Straße, „hat man mir gesagt.“ Wirklich? Da gibt es doch andere Orte, wo heute mehr los ist. „Wo, wo? ... Schreib mir das alles auf“.

„Ich bin ein Offline-Mensch in einer Online-Welt“ – das ist Geffens neuer Slogan. Er sagt diesen Satz immer wieder. Auf der Pressekonferenz, und auch jetzt im Café. Der Satz sei ihm kürzlich eingefallen, er sei ihm wichtig. Und was bedeutet er? Das Handy vibriert in Geffens Hosentasche. Er sagt: „Es ist doch so: Egal wohin wir fahren, meine Bandkollegen fragen immer zuerst: Gibt es da kabelloses Internet im Hotel?“ Er tippt eine SMS. Dann erzählt er, dass er nicht immer anti-online war: „Eineinhalb Jahre lang habe ich ein Online-Rollenspiel gespielt, World of Warcraft. Ich baute mir ein zweites Leben auf.“ Irgendwann bemerkt er, dass sich die beiden Leben vermischen, seine Wahrnehmung wird von Erinnerungen an das Spiel durchdrungen. „Es war ein Schock“, sagt Geffen und greift erneut nach dem Handy.

Wenn Geffen seine Slogans erklären soll, schiebt er die Unterlippe nach vorne und hält den Kopf schräg. Er versteht nicht, wenn ihn jemand nicht versteht. Über wen spricht er, wenn er sagt: „Wir sind eine abgefuckte Generation“? Die Jugendlichen heute? Oder die Fans von damals? Er sagt: „Sag du es mir: Fühlst du dich abgefuckt oder fühlst du dich großartig?“ Er grinst zufrieden. „Sei ehrlich. Viele Menschen fühlen sich heute genauso verloren wie ich. Alles ist so kalt, eine Welt wie McDonald’s, alles ist schnell, es hat keinen Geschmack. Wir wollen eine Revolution. Ich bin eine Art Hippie. Ein Blumenkind mit Gift in den Dornen.“ Ohne Gift kein Geffen.

Sanftes Make-Up, starke Worte

Einige Kritiker beschreiben Geffen inzwischen als unreif und unsicher. Itay Valdman, Chefredakteur von Tel Avivs wichtigstem Stadtmagazin Time Out, sagt gar: „Geffen hat sich nicht weiterentwickelt.“ Dabei sieht das Ganzjahreskarnevalskind von damals heute anders aus. Geffen ist ungeschminkt, nur die Haare wirken unnatürlich schwarz. Auch auf der Bühne benutzt Geffen weniger Make-up als vor zehn Jahren. Damals war sein Gesicht fast weiß, die Lippen dunkel. Er wolle, dass sein Make-up nicht mehr alles überstrahle: „Ich hab den Spaß daran verloren, Leute zu schocken.“ Stattdessen betont er jetzt, mit welchen Produzenten er sein neues Album aufgenommen hat: Mit Trevor Horn, der schon mit Seal, Belle and Sebastian und den Pet Shop Boys gearbeitet hat. Auch Ken Nelson, der Produzent von Coldplay war beteiligt. Diesmal soll es um Musik gehen.



Vor ein paar Wochen hat er doch noch mal provoziert: „Die Hälfte der Israelis würde mich gerne tot sehen“, sagte er auf einer Pressekonferenz – in Israel machte man sich daraufhin über ihn lustig. „80 Prozent der Israelis kümmern sich einen Scheiß darum, was Aviv Geffen macht“, schrieb ein Kolumnist. Heute sagt Geffen: „Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt.“

Und so singt er lieber wieder. Von Müttern, die ihre Söhne nicht in den Krieg ziehen lassen, von seiner Kindheit, vom Tod. Längst wohnt er nicht mehr in Tel Aviv, sondern in London. „Hier in Deutschland habe ich manchmal das Gefühl, die Leute denken, in Israel gebe es nur Kamele, Soldaten und die Palästinenser.“ Aber es gibt auch Aviv Geffen. Er sagt: „Ich bin der beste Botschafter.“ Ein Botschafter großer Themen: Krieg und Verlorenheit, Gott, den neuen Juden. Und natürlich: seiner selbst.

Das englischsprachige Album Aviv Geffen erscheint am 28. August.


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05:00 27.08.2009

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