Der Aufschwung ist da

Alltag Aber nicht jeder darf daran mitwirken, auch wenn die Einstellung stimmt und das Geld locker sitzt. Drei Beispiele von misslungenen Versuchen in Konsum

Keiner´s

Es war nicht alles gut in der DDR, denke ich mir jedes Mal, wenn ich mich ans Ende der Schlange an der Kasse meines Supermarktes stelle. Service zum Beispiel war ein Fremdwort und der Arbeiter-und-Bauern-Staat in Wirklichkeit ein Kellner-und-Verkäufer-Staat. All diese elenden, verwarteten Nachmittage; all dieses aufgestaute Begehren, befeuert von jedem, aus einem gelangweilt unterbrochenen Verkäuferinnengespräch abgesonderten "Hamm-mer-leider-Nich"; all dieses Gutgestelle mit Exponenten aus Handel und Versorgung unter Missachtung der eigenen Würde - vorbei.

Die Freiheit nehm´ ich mir, denke ich mir, während ich in der Schlange an der Kasse meines Supermarkts ein Stück weiter rücke. Hier schlägt das Herz. Damit Sie gut einkaufen. Immer in Aktion für Sie! Sie sind uns mehr wert! Hier kauf´ ich gern. Wir lieben Lebensmittel. Manchmal geht mir auch ein Satz von Walter Grasskamp durch den Kopf: "Der ökonomische Vitalitätsbeweis des Erwerbs ist zugleich ein momentanes Lusterlebnis wie auch ein Wechsel auf die Zukunft."

Ich will, denke ich mir, während ich ein wenig mit den Füßen scharre in der Schlange an der Kasse meines Supermarktes, beim Einkaufen betrogen werden. Das mag zum einen Kompensation sein für jede Minute in schlecht ausgeleuchteten und noch schlechter bestückten Konsum- oder HO-Kaufhallen. Zum anderen gehören Vielfalt und Inszenierung der Warenwelt - anders als Kindergartenplätze, Vollbeschäftigung und Polikliniken - zu den unbestrittenen Stärken der Marktwirtschaft;davon nicht Gebrauch zu machen wäre so, als ginge man zum Fußball, nur um Michael Ballack die Nationalhymne brummen zu hören. Schon deswegen brauche ich kein moralisches Rüstzeug (Angestelltenausbeutung! Zwangsdumping!), um nicht bei Aldi einzukaufen. Meine Welt ist bunt, funkeln soll das Sortiment, ich will Fülle, die Überfluss suggeriert und etwas Musik dazu.

Was soll man denn von diesem Kapitalismus noch erwarten, denke ich mir, während das Warenband allmählich in Sichtweite gerät in der Schlange an der Kasse meines Supermarktes, wenn dieser Kapitalismus aber in seiner Domäne schon so jämmerlich versagt, sein Heimspiel hier in diesem Kaiser´s so mutlos und trantütig austrägt wie sonst nur Hertha BSC. Konsum ist doch keine Doktorarbeit, keine Gesundheitsreform, keine Friedensverhandlung, das geht doch ganz einfach und schnell.

Dafür, denke ich mir, während ich zum Warentrennstab greife in der Schlange an der Kasse meines Supermarktes, habe ich 1989 nicht sympathisierend hinter der Gardine gestanden. Dann hätten wir Kindergartenplätze, Vollbeschäftigung und Polikliniken auch behalten können.

Matthias Dell


NieBay

Grob lassen sich die Akteure der schönen, neuen, virtuellen Einkaufswelt in zwei Kategorien einteilen: Die anderen und mich.

Die anderen, das sind die, die regelmäßig begeistert von unglaublichen Online-Auktions-Schnäppchen erzählen. Dem lange verschollenen ehemaligen Lieblings-Kinderbuch, dem Designer-T-Shirt, der Hutschenreuther-Vase für jeweils 1,99 plus ein bisschen Porto. Und, wenn sie damit fertig sind, stolz von ihren neuesten eBay-Verkäufen berichten, bei denen "aussortierter Plunder" unter den imaginären Hammer kam. Dieser Plunder, bestehend aus mehreren Kilo Büchern, völlig aus der Mode gekommenen markenlosen T-Shirts und Deko-Nippes habe den Kurztrip nach Prag am letzten Wochenende finanziert, berichten diese anderen gern.

Meine eBay-Geschichten bestehen dagegen aus Niederlagen. Durchaus bereit zum Hardcore-Shopping per Mausklick, endet jeder Versuch entweder mit sofortigem Überbotenwerden oder Kopfschütteln ob der unglaublichen Dreistigkeit mancher Verkäufer, die, ähnlich wie Vermieter, durch hohe Nebenkosten satten Zugewinn machen. Ein Buch für 1,99 Euro, bei dem Porto- und Verpackungskosten in Höhe von 5,50 Euro fällig werden, obwohl Büchersendungen maximal 1,40 Euro kosten, ist zum Beispiel definitiv kein Schnäppchen.

Einfach türknallend den Laden verlassen geht bei eBay nicht, hämische Bemerkungen zum Verkaufspersonal machen nur Spaß, wenn man auch dessen Gesicht ansehen kann, und schriftliche Beschwerden bei Anbietern von Dingen wie "Ommas Wase, antiek" kaum Sinn.

Der Kaufrausch interruptus wird nur noch übertroffen durch das, was passiert, wenn man selber einen Artikel zum Verkauf anbietet. Empfehlenswert ist dies nur für sehr geduldige Personen ohne Hang zum Zynismus, denn es droht Kontakt mit Mitgliedern der "großen eBay-Gemeinschaft". Und die sind bedauerlicherweise äußerst kommunikationsfreudig. Man erkundigt sich gern per Mail nach exakt den Einzelheiten über den angebotenen Gegenstand, die bereits gut sichtbar im Begleittext stehen wie Größe, Portokosten, Alter und selbst bei Pfennigartikeln nach Details wie "Leben Sie in einem Nichtraucherhaushalt?"

Antworten wie "Nein, das nicht, aber das Buch/die Vase/das T-Shirt hat niemals inhaliert und verfügt dazu über ein makelloses Führungszeugnis" nehmen die Dooffrager allerdings übel, so dass es auch diesmal nichts wird mit dem Verkauf. Was mache ich bloß falsch?

Elke Wittich


Nicht ins Schwarze

Da ist dieser wichtige Termin und in meinem Kleiderschrank nichts, was ich anziehen könnte. Es darf also etwas kosten, nur bitte her damit, egal ob Hosenanzug oder Kostüm, passen soll es, und ich brauche es sofort.

Ich, die willige Kundin, Wachs in den Händen einer Fachverkäuferin. Und kaum durch die Tür des Fachgeschäftes getreten, summt bereits eine auf mich zu. Keine Chance, mich selber umzuschauen. Was es denn sein sollte? Hosenanzug? Kostüm? Ja, wie wäre es denn mit schwarz?

"Danke, schwarz habe ich schon im Schrank."

"Und das hier?"

"Das ist auch schwarz."

"Aber mit Nadelstreifen."

"Aber drumherum eben doch schwarz, und das möchte ich nicht, danke."

"Der hier?"

"Oh nein, lieber eine dunkle Farbe, beige ist mir zu hell."

"Weiß?"

"Weiß ist noch heller als beige und passt auch nicht zum Anlass, danke."

Eine zweite Verkäuferin raunt meiner Bewacherin ins Ohr, sie habe nun Kaffeepause. Das ist meine Chance, in dem Laden ein paar Schritte voran zu kommen und einen flüchtigen Blick auf olivgrün und Schattierungen von anthrazit und grau und blau zu werfen.

"Wie wäre es denn mit schwarz", fragt mich die Verkäuferin, die die Kaffeepausenfrau ablöst.

"Danke, schwarz möchte ich gerade nicht."

"Und so was hier?"

"Ist auch schwarz, nur mit Nadelstreifen, danke."

Selber Dinge aus dem Regal zu nehmen, anzusehen, Stoffe anzufassen, wird kritisch beäugt. Anprobieren und wieder auf den Bügel hängen, dafür bin ich nicht kompetent genug:

"Geben Sie mal her, Sie machen das doch nicht ordentlich."

Aha. Olivgrün gibt es nicht mehr in meiner Größe, es bleiben anthrazit, aschgrau, hellgrau, steingrau. Und immer husch, husch.

"Na, das geht doch!"

"Finde ich nicht, das spannt hier und ist in den Schultern zu weit."

"Wie wäre es denn mit schwarz?" surrt eine dritte Verkäuferin.

Wespen. Sie erinnern mich an Wespen. Erst kreist nur eine ums Brauseglas, plötzlich surrt und summt es überall. Und schon knattert eine vierte heran, die Königin.

"Also dazu würde nun ganz hervorragend eine pinkfarbene Bluse passen" findet die eine. Pink möchte ich nicht, danke. Sekunden später schlägt mir eine andere pink vor und fragt mich, ob es nicht doch besser schwarz sein sollte, vielleicht mit Nadelstreifen. Pink sei ganz entzückend, mischt sich die Königin ein. Dass ich rötliche Haare habe, sei mein Problem, zum Hosenanzug jedenfalls sähe pink ganz hervorragend aus.

Verwirrt frage ich, ob es denn möglich sei, Sachen umzutauschen. "Nein", fährt sie mich an, man sei schließlich kein Kaufhaus, man würde sich Mühe geben mit den Leuten und dann sollten die sich nicht so anstellen. Ich lasse mir sagen, man schließe um 18 Uhr und wenn ich die Sachen bis dahin nicht abgeholt hätte, dann bekäme ich sie auch nicht.

Ich habe versagt. Ich habe gegen pink revoltiert, ich wollte kein schwarz. Ich unwürdiger Wicht! Ich betrete ein Kaufhaus und kaufe ein.

Regina Bartel


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00:00 29.06.2007

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