Der Aufstand der Kleinen

Fraport Der Tarifstreit am Frankfurter Flughafen ist kein gewöhnlicher: Es geht um die grundsätzliche Frage der Macht einzelner Gewerkschaften. Ein Kommentar

Der Ausstand am Frankfurter Flughafen ist kein normaler Tarifkonflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern. In diesem Streit haben attackieren sich sogar die Gewerkschaften öffentlich.

Nach fünf Tagen wurde der Streik der Vorfeldmitarbeiter am Mittwoch vorerst ausgesetzt. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) und die Betreibergesellschaft Fraport wollen nun doch weiter verhandeln. Doch damit ist der Streit nicht zu Ende. Denn die Fraport hatte einen Schlichterspruch bereits ausgeschlagen, der unter anderem Lohnerhöhungen um bis zu 30 Prozent bei einer Laufzeit von vier Jahren vor sah. Die Gewerkschaft hatte dem zugestimmt. Trotzdem erlaubte sich der Flughafenbetreiber, die "starrsinnige Haltung" der Spartengewerkschaft zu kritisieren, als die nach der ergebnislosen Schlichtung zu Streiks aufrief.

Druck wird aufgebaut durch die medial herbeigeredete Wut der Fluggäste. Ein Betroffener findet sich immer, der bereit ist seinem Unmut vor laufender Kamera Luft zu machen und dabei kommen meistens diejenigen zu Wort, die die Streikenden und nicht das bestreikte Unternehmen für ihre persönliche Misere verantwortlich machen. Dabei verhält sich die stille Mehrheit der Betroffenen im Falle eines Streiks, ähnlich wie bei Vulkanausbrüchen – schicksalsergeben und relativ entspannt. Trotzdem verstieg sich kürzlich sogar die taz in einem Kommentar zu der Behauptung, am Frankfurter Flughafen würden 200 Leute ein Volk von 82 Millionen „drangsalieren“. Je kleiner die Gewerkschaft, desto mehr verstärkt sich offenbar die sehr deutsche Befürchtung, der Kampf um Arbeitnehmerinteressen schade dem Gemeinwesen.

Stärke der kleinen schwächt nicht die Großen

Möchte man den 200 Vorfeldlotsen Egoismus wirklich vorwerfen? Die Arbeitnehmer sind insgesamt die Verlierer des vergangenen Jahrzehnts, wie der DGB 2011 in seinem Verteilungsbericht feststellte. Demnach hat der gesamtwirtschaftliche Anteil der Löhne und Gehälter, gemessen am Volkseinkommen, 2007 den tiefsten Stand seit den siebziger Jahren erreicht. Spiegelbildlich sind die Bezieher von Unternehmens- und Vermögenseinkommen die Gewinner. Der um die Inflationsrate bereinigte durchschnittliche Bruttomonatsverdienst ist 2010 gegenüber dem Jahr 2000 um knapp zwei Prozent geschrumpft.

Kritik an den Gehaltsforderungen ist deshalb unangebracht. Auch die pauschale Annahme, Spartengewerkschaften würden Verhandlungsposition anderer Berufsgruppen schwächen, ist falsch. Denn wenn die Vorfeldlotsen höhere Gehaltsforderungen durchsetzen können, bekommen andere, beispielsweise die Putzkräfte auf dem Flughafen, nicht automatisch weniger. Dies hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren und nicht zuletzt vom Organisationsgrad der Belegschaft und der Politik der Gewerkschaften ab.

Verständlicherweise sehen die Mehrheitsgewerkschaft ihre Position durch Spartengewerkschaften geschwächt. Dem mit einem moralischen Vorwurf zu begegnen, wird jedoch in Zukunft wenig hilfreich sein. Denn die Beschäftigten gehen dorthin, wo sie ihre Interessen am besten vertreten sehen. Die Erfolge der Spartengewerkschaften setzten nicht nur Maßstäbe für Arbeitgeber, sondern auch für alteingesessene Gewerkschaften.

Der Vorwurf der Entsolidarisierung, den Vertreter der Massengewerkschaften und in diesem Fall die ver.di gerne an Spartengewerkschaften richten, hat sich nach diesem Streik erledigt. Laut der Frankfurter Rundschau verteilte der Verdi-Betriebsrat der Bodenverkehrsdienste ein Flugblatt, in dem er den Flughafenvorstand dazu aufruft, „den überzogenen Forderungen der GdF keinesfalls nachzugeben“. Auch der Einsatz von Streikbrechern, der den Arbeitskampf als einziges Druckmittel auf die Arbeitgeber praktisch aushebelt, wird seitens ver.di in diesem Konflikt nicht öffentlich kritisiert.

Haufenweise Solidaritätsbekundungen

Matthias Maas, Sprecher der GdF ärgert das zwar, aber an der Basis funktioniere der Zusammenhalt der Arbeitnehmer noch. „Wir werden auch von Kollegen, die nicht in der GdF sind, unterstützt und erhalten haufenweise Solidaritätsbekundungen von anderen Gewerkschaften“, erzählt Maas. Außerdem würden kleinere Berufsgruppen in den Großgewerkschaften häufig benachteiligt.

Die Forderung nach einer gesetzlich vorgeschriebenen Tarifeinheit, die erst 2010 vom Bundesarbeitsgericht gekippt wurde, findet Maas fatal. Verständlich, denn damit würde kleineren Gewerkschaften das Recht entzogen werden, Tarifverträge abzuschließen oder dafür zu streiken. Immer wenn ein Streik weh tut, wird der Ruf nach rechtlichen Einschränkungen des Streikrechts laut, nichts anderes bedeutet Tarifeinheit. Vor einer Woche hat Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt erneut die Bundesregierung aufgerufen, endlich aktiv zu werden.

Erst im Juni 2011 hat der DGB eine gemeinsame Initiative für die Tarifeinheit mit dem BDA aufgekündigt, möchte aber weiterhin an diesem Ziel festhalten – um die "Tarifpolitik zu stärken", wie es in einer Presseerklärung heißt. Tatsächlich könnte genau das Gegenteil der Fall sein. Arbeitnehmer könnten möglichweise nicht mehr frei entscheiden, in welcher Organisation sie sich für ihre Interessen einsetzen wollen. Die tariffreien Zonen jenseits klassischer Arbeitsverhältnisse würden wahrscheinlich weiter stark anwachsen, ein Streik der GdF wäre aller Voraussicht nach schlichtweg illegal.

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17:48 23.02.2012

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