Florian Schmid
17.11.2010 | 12:00 1

Der Aufstand ist da!

Fakten und Fiktionen Zumindest auf Papier: Warum das anarchokommunistische Manifest "The Coming Insurrection" eine ebenso gewaltige wie gespensterhafte Wirkung erzielt

Als das aus Frankreich stammende anarchokommunistische Manifest La Insurrection qui vient vor anderthalb Jahren als The Coming Insurrection ins Englische übersetzt in einem kalifornischen Independent-Verlag erschien, erlebte es weltweit und auch hierzulande eine breite Rezeption in der linken Szene. Die jetzt erschienene deutsche Version Der kommende Aufstand wird derzeit, wenn auch sehr spät, flächendeckend im hiesigen Feuilleton besprochen (der Freitag war in diesem Fall allerdings Avantgarde, siehe Kasten, Anmerk. des bearbeitenden Redakteurs). Dort ruft es zwar Interesse, stellenweise wegen der literarischen Qualität sogar Begeisterung hervor, etwa bei Nils Minkmar in der 'FAS', trotzdem gehen die Rezensenten mit spitzen Fingern an den Text heran. Wer radikal links steht, muss naiv sein, denn die Praxis widerlegt jegliche Sozialromantik, so der postideologische Kanon.

Nun ist aber eigentlich genau das Gegenteil der Fall. Denn die Virulenz des Textes hat in erster Linie etwas mit den realen Ereignissen zu tun, die der Entstehung des Manifestes vorausgingen und folgten. Die Aufstände in den Banlieues im Herbst 2005 und die Revolte in Griechenland 2008 sind zwei völlig unterschiedliche, voneinander unabhängige Ereignisse, die sich aber in dem Konzept der sozialen Implosion, die der Text beschreibt und einfordert, wiederfinden lassen. In diesem Sinn taugt das Manifest als Drehbuch einer Abfolge von dezentralen, selbstorganisierten militanten Protesten. Die jüngsten Ausbrüche politischer Gewalt bei einer Studentendemonstration in London, die stundenlangen Straßenschlachten beim spanischen Generalstreik in Barcelona Ende September, die Müllkrawalle in Neapel und die Ausschreitungen in Frankreich vor wenigen Wochen legen gar den Schluss nahe, die Taktung der Krawalle veränderte sich.

Gespensterhaft

Der Rhythmus, in denen diese weder formal noch inhaltlich miteinander in Verbindung stehenden Proteste aufeinander folgen, wird beschleunigt. Aber keines dieser jüngsten Ereignisse hat eine einschneidende Wirkung. Es gibt einen, vielleicht zwei Tage lang Randale, danach kommen die Aufräumarbeiten, die Innenstädte kehren zum normalen Tagesbetrieb zurück, als wäre nichts geschehen. Ein Revolten- oder Aufstands-Szenario lässt sich daraus nicht einmal ansatzweise ablesen. Genauso wenig taugen die weit ins bürgerliche Lager hineinreichenden Proteste gegen den Castor-Transport oder Stuttgart 21 dazu, von der sich radikalisierenden Protestkultur zu sprechen, auf den das Manifest eigentlich abzielt.

Dennoch ist die diffuse Revolten-Sehnsucht, die dieses kleine Büchlein ausdrückt, in all diesen Ereignissen präsent. Ob die Akteure den Text als Anstoß verstehen oder ihn nicht einmal kennen, bleibt unklar – ebenso wie breit die Rezeption des Manifests weltweit wirklich ist. Der kommende Aufstand kursiert auf unzähligen Seiten in mehrere Sprachen übersetzt im Netz, wird dort heruntergeladen, eine andere deutsche Version neben der jetzt im Nautilus-Verlag erschienenen gibt es bereits seit Monaten. Das Buch ist so gespensterhaft und schwer fassbar wie das Phänomen, das es beschreibt. Der kommende Aufstand hat als Text ebenso ein Eigenleben wie die Revolten en miniature, die er weniger heraufbeschwört als vielmehr trocken konstatiert. Was immer sich derzeit an unkontrolliertem linken politischen Protest auf der Straße ereignet: es findet seine ideologische Begründung in diesem Text, der fester Bestandteil des politischen Ereignishorizonts geworden ist. Als Erzählung ist die Revolte schon vorhanden, die soziale Realität steuert bruchstückweise neue Kapitel bei. Nur der Aufstand ist das nicht – oder noch nicht.

Kommentare (1)

ebertus 19.11.2010 | 19:57

"Extremismusklausel für Zivilgesellschaft?"

Passend, dieser Begriff - Der weitere Beitrag im Freitag ebenfalls:

www.freitag.de/politik/1046-unzensiert-lesen

Man darf es weder lächerlich machen, noch als Utopie, als Sozialromantik diffamieren. Der aktuelle Zustand gerade der westlichen, der christlich-abendländischen Demokratien, das hilflose und dennoch freche, gespensterhafte Agieren der Mächtigen, das penetrante "haltet den Dieb" rufen, dies alles ist der Brandsatz unter dem Gesellschaftssystem.

Verglichen mit beinahe literarischen Klassikern wie den Büchern von Che Guevara über die kubanische, die bolivianische Revolution ist Wortwahl, Schreibstil und Wiedererkennungswert bezogen auf die aktuelle, die absehbare Entwicklung einfach auf der Höhe der Zeit.

Und sage niemand, dass diese Entwicklung nicht absehbar war. Ein anderer, ebenfalls französischer Denker und politischer Intellektueller erkannte dies bereits lange vor der Jahrtausendwende, diagnostizierte nicht zuletzt die perfide Rolle der SPD(en) bei diesem Rollback in die Feudalgesellschaft. Sein Buch "Gegenfeuer" sollte auf dem selben Niveau, mit dem gleichen politischen Impact für mittlerweile eingetretene Entwicklungen gelesen und verstanden werden, wie das hier im Beitrag besprochene.

www.zeit.de/1999/49/199949.grass_bourd.1_.xml

Natürlich, aus den Vorstädten, aus den Plattenbauten hier wie dort kommt sie nicht, die Revolution, kamen in Mehrzahl weder die 68er noch die RAFler her. Noch etwas Geduld könnte nun ebenfalls eine revolutionäre Tugend sein; neben dem "act local" in kreativer Vielfalt. Die zunehmende massenweise Verarmung, Versklavung kann der politische Intellektuelle nicht direkt aufhalten. Aber er kann, ähnlich den Parallelgesellschaften der ehemaligen DDR Strukturen, Kommunikationsmechanismen und Wissen schaffen bzw. konservieren und multiplizieren. Er kann den erkennbaren, hiesigen Weg in eine DDR 2.0 sehr kritisch begleiten, gar partiell konterkarieren.

Auch die aktuelle Untersuchung der Uni-Göttingen ist nur eine Facette,

www.demokratie-goettingen.de/content/uploads/2010/11/Neue-Dimensionen-des-Protests.pdf

widerlegt sie aber zumindest den verzweifelten Versuch der politischen Marionetten, einen irgendwie gearteten schwarzen Block als Quelle allen Übels, aller Schurken(staaten) zu erkennen. Da hilft wirklich nur, könnte man eher sarkastisch empfehlen, die Rückbesinnung auf Techniken bei Gestaltung des unvergessenen Celler Loch.

Hier gibt es übrigens das Büchlein als .pdf zum freien Download:

pdfcast.org/pdf/der-kommende-aufstand