Der Auftrag

Berliner Abende Kolumne

Eigentlich hätte ich es wissen müssen, die Zeichen waren überdeutlich. Seit Jahren hauste ich ruhig und zufrieden in einer unaufgeräumten Wohnung, lebte genügsam von gelegentlichen Jobs und, bis vor kurzem, einem scheinbar nie versiegenden Arbeitslosengeld. Oft war ich müde, obwohl ich bis in die Puppen schlief. Manche hielten mich für faul, andere für einen Messie. Ich selbst beteuerte stets, ich sei arbeitsam und im Grunde ordnungsliebend, und viele, ich allen voran, glaubten mir meine Legende. So vergingen die Jahre.

Jetzt klingelte plötzlich das Telefon. Eine Stimme fragte: "Ist Ruben zu sprechen?" "Wer?" "Ruben!" "Hier gibt´s keinen Ruben." "Doch." "Nein. Bestimmt nicht." Ich legte auf. Leute gibt´s.

Wenig später klingelte der Apparat erneut. "Ruben?" Ich ließ mich drauf ein: "Ja?" "Gut. Gut, dass du endlich da bist. Wie geht´s dir?" Ich war verwirrt. "Ich weiß nicht. Ich fühle mich..." "Noch nicht ganz da?" "Ja." "Dann schlaf dich aus. Und melde dich, wenn du fit bist. Wir warten auf dich." "Okay."

Seltsames Gespräch. Ich war plötzlich hellwach. Mein Gott, dachte ich, sollte es wahr sein? Ich, "Ruben" - oder wie auch immer ich nun in Wahrheit hieß -, ein Schläfer? Und wenn dies mein Weckruf war, was war mein Auftrag? Wenn unser Leben ein Traum ist, fragte ich mich, wohin erwachen wir?

Nun hatte ich nicht umsonst Agententhriller und antifaschistische DEFA-Filme gesehen. Ich wusste, was zu tun war. Bereitwillig würde ich mich in den Dienst einer guten Sache stellen, beherzt handeln, wenn Handeln Not tat, und in letzter Sekunde retten, was noch zu retten war. Es musste ja nicht gleich die ganze Welt sein.

Doch zunächst war, unter Beachtung aller konspirativen Regeln, herauszufinden, um welche geheimnisvolle Sache es hier zum Henker nochmal eigentlich ging und was überhaupt von mir verlangt war.

Ich schlug den Mantelkragen hoch und schlich mich zu Fleischermeister Meyer. Der Mann blinzelte mir gelegentlich vielsagend zu, was mich schon immer verwirrt hatte. Vielleicht war er mein Kontaktmann? "KLK an PTX", murmelte ich, als ich an der Reihe war, und ergänzte schlau: "Wie wird das Wetter, wenn wir Nordwind kriegen?" Solche kryptischen Sätze hatten die Kämpfer des Untergrunds, zu denen ich mich nun zählen durfte, in den Filmen, die ich gesehen hatte, auch immer gesagt. Was würde der Fleischer tun? Würde er sich auf das Kauderwelsch einlassen oder mir gar wortlos ein Paket reichen, in dem statt des Kasslers ein Kassiber lag? "Nord oder Süd, egal", nuschelte er und zwinkerte, "es zieht beides gleich in den Knochen." Dabei hackte er mir ein extra schönes Kotelett zurecht. "Aha!", rief ich, doch da kam seine Frau herein, stellte sich neben ihn und bediente die Kundin nach mir. Der Fleischer schwieg sofort. Er war eben ein Profi, ein ausgekochter. Ich verließ den Laden.

Als ich die Straße hinunterging, fuhr ein Wagen langsam an mir vorbei, aus dem mich zwei junge Typen anstarrten. Zu allem Überfluss trugen sie Sonnenbrillen. Vor meinem Haus, fiel mir auf, parkte seit Tagen ein Kleintransporter mit Hamburger Kennzeichen und im Haus gegenüber waren eben zwei Männer dabei, auf ihrem Balkon eine Satellitenschüssel anzubringen, die direkt auf mich zielte. Hatte es vorhin am Telefon, überlegte ich, nicht verdächtig geknistert? Und was will der Hubschrauber knatternd über mir?

Ich rettete mich in meine stille, unaufgeräumte Wohnung. Aber würde ich hier sicher sein? Ich hatte von Wanzen gehört, die staubkorngroß in Ritzen stecken und ferngesteuert abgefragt werden können. Von Kameraobjektiven, die, klein wie ein Stecknadelkopf, sonstwo auf der Lauer liegen. Die überhaupt nicht mehr mit Linsen arbeiten, sondern mit beliebig tarnbaren lichtempfindlichen Mikrobauteilen. Mittels Laser können Räume aus großer Entfernung abgehört werden. Jeder vernetzte PC, weiß man, ist ein offenes Buch. Wer las, dachte ich, eben da ich dies dachte, meine Gedanken?

Ich legte mir einen Plan zurecht. Ich würde in meinen Wagen steigen, die Straße hinunterfahren, langsam, viel zu langsam. Die mich verfolgenden Sonnenbrillentypen müssten mich überholen, wollten sie nicht auffallen. Gegebenenfalls würde ich am Straßenrand halten. Hielten sie auch? Ich würde einen Brief in den Postkasten an der Ecke einwerfen und dann hinter meinem Fenster - sicher versteckt - das Team beobachten, das anrückt, um den Kasten zu öffnen. Ich würde mein Leben umstellen von Tag auf Nacht, vielleicht würde ich mir einen langen Bart wachsen lassen, vielleicht...

Wieder schrillt das Telefon. Ich erwache in einem Hotelzimmer. Wie bin ich hierher geraten? Eine freundliche Stimme grüßt: "Sie hatten einen Weckruf bestellt." Was? Oh, natürlich. Es dämmert. Ich bin unterwegs, bin auf Reisen... - Ruben, so ein blöder Name. Wie komm ich auf den?


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00:00 09.12.2005

Ausgabe 38/2021

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