Der Authentizitätswahn

Politik und Ästhetik Der eine brachte ein Leben mit, der andere eine Laufbahn – wie schrecklich. Wirklich so schrecklich? Nachtrag zur Gauck-Wulff-Wahl

Wer schon länger dabei ist, erkannte die Wiederholung: wie beim Abwägen der Vorzüge Joachim Gaucks gegen Christian Wulff der knorrige alte Mann mit der reichen und widersprüchlichen Lebenserfahrung herausgekehrt wurde, während der Gegenkandidat doch bloß so ein glattes Bürscherl, ein wohlfrisierter Funktionär, ein Karrierepolitiker ohne Persönlichkeitssubstanz sei. Der Charakter mit unzerstörbarem Kern gegen die Charaktermaske, in der sich anonyme Kräfte und Interessen einen scheinhaften Ausdruck geben.

Ja, die Unterscheidung kehrt immer wieder. „In seinem straffen, von Erfahrung noch wenig gezeichneten Gesicht sind, sobald er die Brille abnimmt, Züge jener Energie und Schläue erkennbar, die ihn geleitet haben bei seinem erfolgreichen Versuch, die Hauptrolle auf der Bundesbühne zu übernehmen.“ Schläue und Energie, das faltenlose Gesicht, dem man kaum Lebenserfahrung abliest – nein, das hat kein Feuilletonist über Christian Wulff geschrieben, es war Hans Ulrich Kempski, Chefreporter der SZ, der am 2. Oktober 1982 dergestalt Helmut Kohl charakterisierte. Eben hatte derselbe als Bundeskanzler Helmut Schmidt ersetzt – der in unserem Schema gewissermaßen den Gauck machte, durch reiche Lebenserfahrung und Prinzipientreue, also weit gewichtigere Merkmale als Schläue und Energie ausgezeichnet. Als Offizier im Zweiten Weltkrieg; als Innensenator gegen die Hamburger Sturmflut von 1962; Verteidigungs- und Wirtschaftspolitiker und Sieger im Kampf gegen die Rote Armee Fraktion.

Aber schon diese Verkörperung des Schemas, das jetzt Gauck und Wulff ausfüllten, war eine Wiederholung, erinnert man sich der BRD-Geschichte als älterer Bewohner. Besonders prägnant, ja dramatisch gestaltete sich der Zweikampf zwischen Willy Brandt (Charakter) und seinem Gegenkandidaten Rainer Barzel (Charaktermaske), als dieser erst mittels eines Misstrauensvotums, dann in der Bundestagswahl 1972 statt Brandt Kanzler werden wollte. Man könnte meinen, der Terminus „Charaktermaske“ sei für Barzel geradezu erfunden worden. „Wenn die Leute zum Beispiel gefragt wurden, welche Rolle sie mit Barzel, wäre er Schauspieler, für gut besetzt hielten, nannten sie Tartüff-Figuren wie den falschen Kaplan, der mit kleinen Mädchen zugange ist und gleichwohl von der Kanzel Sittlichkeit predigt“, so Hermann Schreiber am 13. November 1972 im Spiegel. Kein Wunder, dass Willy Brandt sich gegenüber Barzel zum Inbegriff des authentischen Politikers aufbauen konnte. Wer Lust hat, sollte übrigens mal nachschauen, wie die medienerzählung seinerzeit den Sturz Walter Ulbrichts durch Erich Honecker kommentierte; vermutlich findet sich da ebenfalls unser Schema.

Nostalgischer Zeitgeist

Die Charaktermaske ist ein Schauspieler, der seine Prinzipien und Überzeugungen nur vorführt; der Charakter ist authentisch – hier kommt also noch die Unterscheidung von Sein und Schein ins Spiel. Barzel/Kohl/Wulff erzeugen Schein; Brandt/Schmidt/Gauck sind Echtmenschen. Aber wie soll man sich das Schema respektive seine Überzeugungskraft erklären?

Offensichtlich wirkt sich das Anciennitätsprinzip aus; wer das höhere Lebensalter vorzuweisen hat, dem kommt unbedingt mehr Macht und Gewicht zu. In den vormodernen Gesellschaften, in der alten Welt besitzt sie stets der Vater gegenüber den Söhnen, die älteren Brüder respektive Vettern gegenüber den jüngeren. Der Ältere hat seine Wirklichkeit bereits unter Beweis gestellt, während der Jüngere vor allem Prätention ist.

In unseren Gegenden taucht das Anciennitätsprinzip in konservativen Zusammenhängen stets als Lob, womöglich als Heiligung der Tradition auf, worin immer sie besteht. In unseren Kreisen lief der Feuilleton-Katholizismus – den Mixa und die ­seinen so tief in Misskredit gebracht haben – im Grunde immer bloß auf die Verhimmelung der 2.000 Jahre römische Kirchengeschichte hinaus. Was schon so lange existiert, darf besondere Geltung beanspruchen.

Dies ist womöglich Zeitgeist. Dass jemand die revolutionäre Unbefangenheit der Jugend feierte, die sich um das Althergebrachte wenig schert und frisch das Neue ins Auge fasst und ausprobiert – womöglich findet man im Augenblick nicht mal in der Jugend selbst solche Propagandisten der Jugend. Der Zeitgeist ist nostalgisch wie nie. Früher war alles besser; golden leuchtet das Einst (Brandt, Schmidt), während das Jetzt sich in grauer Auflösung befindet (Merkel) und die Zukunft mit tiefer Schwärze droht (Zusammenbruch der deutschen Politik).

Ein Gedanke, der auf Brandt/Schmidt gegen Barzel/Kohl nicht anwendbar ist: im Fall Gauck/Wulff unterscheidet das Schema zugleich Politiker und Nichtpolitiker. Wobei der Nichtpolitiker Gauck natürlich weit bessere Chancen hat, als Charakter anerkannt zu werden; denn Politiker trifft a priori der Verdacht, Charaktermasken zu sein: das ist ja ihr Beruf, ganz verschiedene Kräfte und Meinungen widerzuspiegeln und dadurch zu sammeln. Einer, dessen Reden und Handeln auf dem granitnen Fundament einer Weltanschauung beruht, die ihre Unfehlbarkeit proklamiert und Kompromisse ablehnt, kommt heutzutage nicht weit.

Tendenzbär, sittlich

Aber hier kann sich ebenfalls Nostalgie auswirken. Der Charakter, wäre er nicht als Politiker weit beliebter denn die Charaktermasken, die uns in so vielen Exemplaren umstellen? Viele der Leserbriefe, die den Rücktritt Horst Köhlers feierten, vertraten eben diese Position: Hier ließ sich ein aufrechter Mann (Charakter) nicht länger von den Charaktermasken der Political Class vorführen, sondern rettete seinen Granitkern, indem er das Amt aufgab. Dass Horst Köhlers Auftritte eher peinlich und komisch waren – „der Präsident mit dem irren Blick“ – insbesondere dann, wenn er das politische System zu transzendieren und als politisch unschuldiger Bürger, der Herz an Herz mit den anderen Bürgern lebt, seine Meinungen äußerte, die Sehnsucht nach diesem adamitischen Zustand vernebelte manche Leserbriefschreiberseele und verdarb die Erkenntnis.

„Kein Talent, doch ein Charakter“, verspottete Heinrich Heine seine Erfindung Atta Troll, „Tendenzbär, sittlich“, der die deutsche Misere des 19. Jahrhunderts verkörpern sollte, „Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung/ Tragend in der zott’gen Hochbrust“ – und wir kommen einer weiteren Abstammungslinie von Charakter/Charaktermaske auf die Spur.

Sie ist stark ausgedünnt, fast unlesbar geworden seit 1945. Es handelt sich um die Unterscheidung Deutschland/Frankreich – sie leitet Heines Spott – : Brandt/Schmidt/Gauck, das sind gewissermaßen die Deutschen, also tief und echt und treu, das Sein; Barzel/Kohl/Wulff, das sind die Franzosen, angepasste, ganz der Oberfläche und ihren Verführungen ausgelieferte Höflinge, deren Reden und Handeln die jeweilige Opportunität steuert, der Schein. Wer eine besonders widerwärtige Spielart dieses Denkens kennenzulernen wünscht, muss sich die Reden an die deutsche Nation (1807) des Philosophen Johann Gottlieb Fichte anschauen, die sich oft bereits wie Mein Kampf lesen. Besonders prägnant bleibt im Gedächtnis, wie Fichte beweist, dass einzig die deutsche eine wahrhaft lebendige, frisch aus einem Ursprung quellende Sprache sei (Sein), während es sich beim Französischen doch bloß um einen toten lateinischen Dialekt (Schein) handle.

Der Meistersoziologe Norbert Elias hat an der Unterscheidung von Kultur und Zivilisation, die sich hübsch mit der unseren von Charakter und Charaktermaske verknüpfen ließe, die Herkunft aus der deutsch-französischen Konkurrenz plausibel gemacht. Als (bloße) Zivilisation verachteten die Deutschen einen Habitus, der sich letztlich aus dem absolutistischen Hof herleitet: der Inbegriff des Zivilisierten ist tatsächlich der Höfling, außengeleitet, rein auf den Schein und seine Aufrechterhaltung bedacht, ohne Tiefe.

Die Kultur dagegen, tiefer – weiter, höher, dauernder – kam jedoch, folgt man Elias, nicht aus den Wäldern Germaniens, wie das der teutonische Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert wollte. Die Verhimmelung der Kultur, der sich die wachsende und zunehmend einflussreiche Fraktion des Bildungsbürgertums widmete, sie entspringt dem protestantischen Pfarrhaus. Genau, dort wo Joachim Gauck herkommt und hingehört.

Michael Rutschky veröffentlichte 1980 das Buch Erfahrungshunger, dem noch viele Werke folgen sollten

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13:45 14.07.2010

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