Der Autokauf

Kehrseite Der Autokauf

Ein blauer Mitsubishi Galant fuhr auf den Parkplatz des Autohauses und parkte ein. Die Tür wurde weit geöffnet. Eine Krücke stakte heraus. Stocherte herum, bis sie eine stabile Position gefunden hatte. Dann erschien über der Tür ein gelbgrauer Igelkopf mit Glatze. Schließlich erhob sich ein knochiger Greis zu voller Größe. Blieb eine Weile stehen. Trat einen Schritt zurück, warf die Tür des Galant zu und humpelte über den Platz, an den dort stehenden Autos vorbei. Einen Augenblick verharrte er vor dem teuersten Wagen - einem erst heute Morgen ausgestellten Porsche. Der Besitzer des Autohauses hatte ihn weniger für den baldigen Verkauf erworben als vielmehr aus Prestigegründen. Zudem war er so gut wie sicher, wer diesen Porsche kaufen würde, wer ihn sich einfach nicht würde versagen können. Wer in einer Kleinstadt mit Wagen handelt, muss seine Käufer persönlich kennen. Der Alte warf nur einen flüchtigen Blick auf das Prachtexemplar, lief ein paar Schritte weiter und blieb vor einem Mercedes der S-Klasse stehen. Im Nu stand der Inhaber des Autohauses hinter ihm.

"Ich mag keine Markenautohäuser", sagte der Alte, ohne sich umzudrehen, "wo es nur Volkswagen gibt, nur BMW oder nur Mazdas. Langweilig."

"Ich bin auch für Vielfalt", sagte der Autohändler.

"Ein guter Wagen", sagte der Alte.

"Gut ist noch untertrieben", sagte der Autohändler.

"Ich hatte schon einige Autos in meinem Leben", sagte der Alte, "aber noch nie einen Mercedes S-Klasse."

"Da haben Sie einiges versäumt", sagte der Autohändler und trat hinter dem Rücken des Alten hervor in dessen Blickfeld.

"Einen Mercedes Benz 500 K, Baujahr 1934, den habe ich ..."

"Welches Baujahr?!"

"Ach, schon gut, unwichtig."

Der Autohändler nickte - egal, was für einen Blödsinn ein Kunde redet, Hauptsache, er kauft. "Setzen Sie sich mal ans Steuer. Dann werden Sie sehen, dass ich Recht habe." Er half dem Alten in den Wagen. "Na, gefällt´s Ihnen?"

"Ich würde gern ein wenig sitzen bleiben und mich umsehen."

"Warum nicht? Bleiben Sie ruhig sitzen."

Der Alte zog die Tür an, und sie klappte weich zu.

"Was will dieser Tattergreis mit so einem Schlitten?", murmelte der Autohändler.

Ja, der Mercedes Benz 500 K. Mein erstes richtiges Auto. Vorher bin ich eine Weile mit einem leichten Audi P rumgekutscht. Mit Peugeot-Motor, 1112 Kubik. Nicht übel. Aber nichts gegen den Mercedes. Den Mercedes habe ich nicht neu gekauft - sein Vorbesitzer hatte ihn drei Jahre gefahren - aber er war in einem ausgezeichneten Zustand. Damals kaufte schon niemand mehr was von Juden. Ich hätte auch sagen können, ich könnte den Wagen nur in Kommission nehmen. Und eine Weile warten. Gekriegt hätte ich ihn so oder so, den Mercedes. Das war mir klar. Und dem Juden auch. Nach Vaters überraschendem Tod hatte ich das Autohaus geerbt. Das heißt, mein Bruder und ich. Aber für meinen Bruder war das nichts. Er wollte studieren, Autos ließen ihn kalt. Bei mir war´s genau umgekehrt. Der Jude hatte viele Jahre seine Autos bei Vater pflegen und reparieren lassen und in Kommission gegeben. Darum kam er mit dem Mercedes auch zu mir. "Ich will ihn verkaufen", sagte er, "meinetwegen auch billig." Ich nahm den Wagen sofort. Der Ordnung halber handelte ich ein bisschen, dann kaufte ich ihn. Der Jude ist noch am selben Tag verschwunden, emigriert. Er hatte eine Menge Geld. Allein was er für den Wagen bekam, hätte für die Reise bis nach Amerika gereicht. Sein Wagen diente mir bis zum Krieg. Wie der Fünflitermotor schnurrte!

Ach, wenn wir nicht diesen Krieg angefangen hätten... Aber bekanntlich haben wir. Und ich stieg, in Pflichterfüllung fürs Vaterland, auf einen Dienstwagen um. Einen Opel Kapitän. Und da hatte ich noch Glück - dass ich nur von einem guten Wagen auf einen mittleren umsteigen musste. Mein Bruder zum Beispiel, der kam als Soldat an die Ostfront. Meine Mutter erhielt nur einen einzigen Brief von ihm. Von unterwegs.

Ich dagegen übernahm einen nagelneuen Opel und kutschierte einen Herrn Oberst herum. Wask hieß er. Er setzte sich immer hinten hin, genau hinter mich. Der Platz hinterm Fahrer ist der sicherste. Diesen Wask fuhr ich bis zum Tod. Bis zu seinem Tod.

Auch hinterher tat ich nichts anderes als herumfahren, hierhin und dahin, womit auch immer. Manche hielten mich für ein bisschen blöd. Weil ich mich für nichts interessierte als für Autos. Autofahren, Autos reparieren, Autos kaufen und verkaufen, über Autos reden. Meine Frau war sauer, von wegen: Red doch mal mit mir! Aber worüber? Auch das Autohaus hab ich ´83 nicht verkauft, weil ich Autos satt hatte. Doch Pension ist Pension. Da hat man sich auszuruhen. Seitdem benutze ich Autos nur noch zum Vergnügen, ich arbeite nicht mehr damit. Ich fahre auch nicht mehr zu bestimmten Zwecken herum, sondern nur so. Aus Spaß am Fahren. Ich hab ja mein ganzes Leben sozusagen am Steuer verbracht. Manchmal sogar da geschlafen. Natürlich nicht beim Fahren, aber doch am Steuer, die Arme darum geschlungen.

Der Opel Kapitän fuhr im Herbst ´41 auf eine Mine. Oberst Wask hatte mich vorschlafen geschickt, weil wir eine Vierundzwanzigstundenfahrt vor uns hatten, und war mit dem Fahrer des Stabskommandeurs zum Divisionskommandeur gefahren. Und da fuhr mein Opel auf eine Mine. Wer sie dort am Straßenrand liegengelassen hatte, kam nie heraus, dafür war keine Zeit. Es war eine deutsche Mine. Man hatte sogar mich im Verdacht. Beim Verhör wurde ich zwanzig Minuten lang befragt, warum nicht ich am Steuer gesessen hätte. Gut, dass der Oberst mich im Beisein von drei Offizieren und seiner Ordonnanz schlafen geschickt hatte. Sie bestätigten meine Aussage. Nicht alle. Die Ordonnanz, der Scheißkerl, behauptete, er hätte nichts gehört. Aus Rache. Er hatte in Friedenszeiten bei mir gearbeitet, und ich hatte ihn wegen Faulheit und Blödheit entlassen. Aber die Offiziere bestätigten meine Aussage.

Schade, dass ich nur so kurz auf dem Opel gedient habe. Der Opel war nicht schlecht. Der Vergaser machte im Leerlauf Zicken, aber ich hatte mir schon einen neuen besorgt, den hätte ich nur noch einbauen müssen. Oder war es bei dem Opel die Benzinpumpe? Nein, nein, es war der Vergaser. Die Benzinpumpe, das war eine andere Geschichte. Die Benzinpumpe gab den Geist auf, als wir aus Krakau abhauten, da fuhr ich einen Laster voller Papiere. Einen Ford, Baujahr ´43. Die Fordwerke in Deutschland bauten viele Laster für unsere Armee. Aber das ist nicht das beste Auto. Nein, ganz bestimmt nicht. Der Major (an seinen Namen erinnere ich mich nicht) fuchtelte mit der Pistole rum und brüllte: "Losfahren, oder ich schieße!" Aber wie denn, wenn die Benzinpumpe hinüber ist? Jedenfalls, wir hielten einen anderen Ford an, mit Soldaten drin, bauten die Benzinpumpe aus, und die Soldaten traten den Rückzug zu Fuß an. Was mag aus denen geworden sein? Die Russen saßen uns direkt im Nacken.

Der Major war übrigens kein schlechter Kerl. Er schlug mich nach dieser Fahrt für das Eiserne Kreuz vor, und ich kriegte es auch. Ich kam bloß nicht mehr dazu, es zu tragen. Böse Zungen behaupten, der Major und sein Generalspapa hätten meinen Laster mit den Dokumenten an die Amerikaner verkauft, für eine Begnadigung und ein sorgenfreies Leben nach dem Krieg. Aber vielleicht ist das gelogen. Das Kreuz jedenfalls habe ich noch. Aber ich trage es nicht. Auszeichnungen tragen nur die Sieger.

Ein schöner Mercedes. Kann man nicht meckern. Überhaupt hatte ich ja schon zwei Mercedes. 1958 habe ich mir wieder einen gekauft, einen Mercedes 220 SE. 115 PS, präziser Einspritzmotor. Aber mehr Mercedes habe ich nicht besessen. Nach dem Krieg fuhr ich einen alten Horch, dann wieder einen Opel, einen Admiral. Dann hatte ich einen BMW 328, einen Sportwagen. Um den beneideten mich alle. Sogar die Polizisten. Manchmal hielten sie mich an, angeblich dienstlich, dabei wollten sie sich nur das Auto ansehen. Und ´58 hab ich mir wie gesagt den Mercedes gekauft. Und danach... Was kam danach? Ein Volkswagen, richtig. Der, den man später "Käfer" nannte. Der kam damals gerade in Mode. Aber zwischen dem Käfer und dem Mercedes war noch etwas. Und vor dem Mercedes auch. Aber was? Ich hab schon richtige Gedächtnislücken.

Den Käfer hab ich bald wieder verkauft, damit er mir aus den Augen kam. Wenn ich ihn ansah, gleich stand mir wieder das Bild vor Augen. Meine Frau im Auto - klar, wie - mit diesem Türken, bei dem sie den Tee für mich kaufte. An starken Tee hatte ich mich schon im Krieg gewöhnt, ich blieb dabei, bis die Ärzte ihn mir verboten. Wegen dem Herzen. Da hatte ich schon lange keine Frau mehr. Die hab ich rausgeschmissen. Noch bevor ich den unseligen Käfer verkaufte. Und sie, da war sie schon nicht mehr meine Frau, sie kaufte sich einen neuen Käfer, genau den gleichen, und fuhr damit gegen einen Laternenpfahl.

Als ich dann ohne Frau war, hab ich mir natürlich verschiedene Autos gekauft, bloß, um den Unterschied zu spüren. Einen Audi der neuen Baureihe, den von 1966. Der war damals gerade aus der Asche wiedererstanden. Nachdem das Werk in Ostdeutschland geblieben war. Audi 1770 hieß das Modell. 72 PS. Eine einwandfreie Maschine. Später probierte ich auch mal einen Audi 100. Ach ja, dann hatte ich noch einen Renault 21 mit einem 2,2-Liter-Motor. Aber das muss später gewesen sein, 1985 oder so. Weiter erinnere ich mich sehr gut. Volvo, Peugeot, Citroën, einen Fiat, einen Nissan Maxim, einen Mazda 626, 2 Liter, drei Volkswagen - Golf, Passat und Bora - und noch irgendwas. Ich wollte mir einen Ford anschaffen, ließ es aber bleiben. Seit jenem Laster damals hab ich Vorurteile gegen Ford. Also kaufte ich mir lieber einen Honda. Und zum Schluss einen Mitsubishi. Den fahre ich jetzt schon über ein Jahr. Dabei ist mir, als hätte ich ihn erst gestern gekauft...

Der Alte betrachtete den Salon des Mercedes. Ein schöner Wagen. Darin wär sogar das Sterben angenehm, ganz zu schweigen vom Fahren.

"Wir schließen", sagte der wieder aufgetauchte Autohändler. "Entschuldigen Sie."

"Was kostet der Wagen?", fragte der Alte.

Der Händler nahm das Preisschild von der Windschutzscheibe. "Hier steht der Preis. Bitte."

Die Summe auf dem Preisschild war ziemlich astronomisch, aber doch wesentlich geringer, als der Alte erwartet hatte. Er sagte, fast ohne zu überlegen: "Und der Porsche?"

"Was ist mit dem Porsche?"

"Ich meine, was kostet der Porsche?"

Der Autohändler blickte hinüber zum Porsche.

"Hundertzweiundsechzigtausendfünfhundertneunzig."

Der Alte überschlug kurz im Kopf.

"Und wie viel geben Sie mir für meinen Galant?"

Der Autohändler warf einen Blick auf das Auto des Alten und nannte einen Preis.

"Das ist Raub", sagte der Alte. "Legen Sie paar Tausender drauf."

"Tausend", sagte der Autohändler. "Mehr ist nicht drin."

"Ziemlich knapp", sagte der Alte.

"Was?" Der Autohändler begriff nicht.

"Nein, nein, schon gut. Machen Sie die Papiere fertig."

"Auf Kredit?"

Der Alte hob den Kopf und sah den Autohändler von unten herauf an. "Wieso? Verkaufen Sie ihn mir nicht auf Kredit? Haben Sie Angst, ich würde es nicht mehr schaffen, ihn abzuzahlen?"

Der Autohändler schien verlegen, sagte jedoch, solche Fälle seien gesetzlich geregelt, zumal so teure Wagen nur auf Kredit gekauft würden.

"Ich brauche Ihren Kredit nicht", sagte der Alte, "ich zahle bar."

Aus dem Russischen übersetzt von Ganna-Maria Braungardt

Alexander Churgin, 1952 in Moskau geboren, lebte und schrieb zunächst in der Ukraine. Seit 2003 tut er beides in Deutschland.


00:00 21.07.2006
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