Der Bankraub geht schief

Im Gespräch Harry Belafonte hat gerade seine Erinnerungen auf deutsch herausgebracht, demnächst startet ein Film über ihn. Gespräch über eine Vergangenheit, die nicht zu Ende ist

Der Freitag: Was denken Sie über Ihre heutigen Fans – junge Leute, die sich Filme ansehen und CDs kaufen, die älter sind als sie selbst?

Harry Belafonte: Ich weiß das natürlich sehr zu schätzen, dass es immer noch Leute gibt, die sich dafür interessieren, was ich tue. Es beweist mir, dass ich wohl nicht alles im Leben falsch gemacht habe. Mag sein, dass manche sich dabei an ihre Mütter und Väter oder sogar ihre Großeltern erinnern, die ihnen erzählt haben: Belafonte war einer von uns – und er hat versucht, Dinge zu verändern.

Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle des „elder statesman“?

Es hat etwas Rührendes, in meinem Alter von jungen Leuten zur Weltlage befragt zu werden. Einerseits. Andererseits geht der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung doch stets von der Jugend aus. Als sich Dr. Martin Luther King der Bürgerrechtsbewegung verschrieb, war er 24. Ich war zwei Jahre älter als er. Und die meisten, die von der Bewegung damals erfasst wurden, waren Studenten von 17 oder 18 Jahren.

Sie sind eine der wenigen Persönlichkeiten der Bewegung, die die sechziger Jahre überlebt haben.

Ich bin immer noch da. Und wenn sich Leute jetzt meinen Film anschauen oder meine Autobiografie lesen, dann weckt das meist auch ein tieferes Interesse an meinem Werk. Es ist fast so, als würde ich wiederentdeckt.

Dabei haben Sie bei den Dreh­arbeiten eines Films wie Carmen Jones vermutlich keine Sekunde daran gedacht, dass er 50 Jahre später noch gezeigt würde!

Offengestanden war ich keineswegs überzeugt, dass er auch nur fünf Monate später noch gezeigt würde. (lacht)

Worauf führen Sie diese bleibende Popularität zurück?

Eventuell hat das auch mit den Bedingungen zu tun, unter denen Filme wie dieser entstanden sind. Es gab so viele negative Kräfte im Hollywood der fünfziger Jahre, die sagten: Das, das und das dürfen Sie alles nicht, sonst zeigen wir den Film nicht! Wenn man diese gesellschaftlichen Hintergründe kennt und eine Ahnung von all den Kämpfen hat, die wir gekämpft haben, dann wird man die Tatsache, dass diese Filme überhaupt gemacht wurden, zu schätzen wissen.

Sie haben mit etlichen Leuten gearbeitet, die ins Visier von McCarthys Kommunistenjäger geraten und auf die Schwarze Liste gekommen waren – Sie selbst waren davon nie betroffen?

Doch. Ich stand auf der Liste und war in vielerlei Hinsicht blacklisted. Nur hat es mich bei Weitem nicht so schlimm getroffen wie etwa Paul Robeson, eines meiner Idole von Jugend an.

Robeson war Sänger und Schauspieler wie Sie – und ein Bürgerrechtsaktivist avant la lettre.

Er war eine wahre Ikone. Er wurde jahrelang vom FBI beschattet, durfte weder ausreisen noch in den Staaten auftreten. Ich erinnere mich noch an unsere erste Begegnung. Er kam, um mich singen zu hören. Nach dem Auftritt sagte er zu mir: „Ich will dir keine guten Ratschläge erteilen, aber einen Tipp habe ich für dich: Always sing your song.“ Das hab ich mein Leben lang beherzigt und nicht einmal in Vegas die üblichen Schnulzen gesungen.

Andere haben sich unter dem Druck arrangiert und vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe ausgesagt – so etwa Robert Rossen, der Regisseur von Island in the Sun.

Als ich der 20th Century Fox meine Unterschrift gab, um den Film zu machen, stand der Regisseur noch nicht fest. Zuerst suchte man sich die Hauptdarsteller zusammen, dann holte man Rossen für die Regie dazu. Ich hielt das für keine gute Idee, weil ich von dem Mann nichts hielt.

Sie hatten keine Wahl mehr?

Nein, seinen Vertrag zu brechen hieß, nie wieder in Hollywood zu arbeiten. Also habe ich den Film gemacht. Es gab Leute, die der Schwarzen Liste entwischt sind, sich um sie herumgeschwindelt, sie überlebt haben – der Grund, weshalb ich mit so vielen von ihnen gearbeitet habe, war, dass es sich um großartige Künstler handelte, die weiter Drehbücher schreiben, Filme drehen können sollten.

Meist haben Sie sich nicht damit begnügt, vor der Kamera zu agieren, sondern Filme überhaupt erst möglich gemacht.

Es gab Filme, die mir ein Anliegen waren, ja. Der Science-Fiction-Film

Besonders am Herzen lag Ihnen der Film noir Odds against Tomorrow, den Sie mit Ihrer eigenen Firma Harbel produziert haben. Für das Drehbuch holten Sie Abraham Polonsky, eins der prominentesten Opfer der Blacklist.

Wir verstanden den Film als eine Prophezeiung, nämlich dass die Ethnien in allem, was auch immer sie tun, zusammenfinden müssen. In unser aller Interesse, zu unser aller Wohl. Der Film zeigt, wie Sie wissen, die Planung eines Banküberfalls, der schiefgeht und die beiden Hauptfiguren das Leben kostet. Bob Ryan und ich sterben, weil wir uns nicht riechen können. Polonsky hatte den genialen Einfall: Wir geraten in ein Feuer und werden buchstäblich gegrillt, bis unsere Leichen völlig verkohlt sind. Am Ende sagt ein Cop zum andern: „Und wer ist jetzt wer?“ – „Such dir einen aus!“

Für eine Hollywoodproduktion von 1959 äußerst gewagt.

Das versöhnliche Ende des Romans war das erste, das Polonsky um­geschrieben hat. Die paar Filme damals, die das Thema Rassismus anpackten, liefen alle auf dessen Überwindung hinaus. Nicht so

Es wundert mich, dass Sie nie mit einem Regisseur der jüngeren Generation gearbeitet haben wie Spike Lee.

Man ist nie an mich herangetreten. Spike Lee schon gar nicht. Ich glaube, er weiß, dass ich seine Filme nicht besonders schätze. Manchmal kommt er mit den Stoffen, an denen er sich versucht, nicht wirklich zurecht. So sehr ich ihn respektiere, so sehr bin ich überzeugt, dass er seinen wirklich bedeutenden Film erst noch machen muss.

Sie haben ihm Malcolm X von 1992 nicht verziehen?

Ich fand sein Porträt dieser wichtigen historischen Figur zu oberflächlich. Er scheute sich vor der Mühe herauszufinden, was diesen Mann zu dem gemacht hat, der er war. Er hat sich auf die spektakulärsten Momente in dem Geschichtsdrama beschränkt; die sind auch prima anzuschauen, aber ein nuanciertes Bild von

der dieses Bild korrigiert. Genug geschimpft. Ich bin sicher, Spike Lee bemüht sich. Und außerdem macht meine Stieftochter die Ausstattung bei seinen Filmen – ich sollte also lieber aufpassen, was ich sage. (lacht)

Haben Sie das je? Auch Ihrer Regierung haben Sie immer wieder die Leviten gelesen.

Ich denke, in einer Demokratie hat man als Bürger nicht nur das Recht, sondern fast schon die Pflicht, seine gewählten Führer zu kritisieren. Ich hab noch jede Regierung kritisiert: Bush, Carter, Eisenhower. Leider muss ich auch Barack Obama kritisieren. Er sagt, er sei ein Präsident für alle, doch in Wahrheit spricht er seit einiger Zeit nur mehr von der Mittelschicht – nie von der Arbeiterschaft und von den wirklich Armen schon gar nicht. Und das betrifft nach wie vor am meisten Schwarze.

Schöpfen die großen Stars heute ihre Möglichkeiten aus, Einfluss zu nehmen?

Das kann man ganz schwer verallgemeinern. Natürlich sind alle richtigen Schauspieler, schwarze wie weiße, ständig auf Suche nach guten Drehbüchern. Doch die meisten hüten sich vor Büchern, die wirklich etwas über unsere Gesellschaft zu sagen haben. Das kommt wahrscheinlich daher, dass das Geld so eine Anziehungskraft hat. Die Frage, vor der man sich nicht drücken sollte, ist eine Frage der Moral: Was brauchst du noch – nach den ersten 100 Millionen?

Was bedeutet es, 85 Jahre alt zu sein?

Es nicht eilig zu haben, den 86. Geburtstag zu feiern.

Harry Belafonte ist vor kurzem 85 Jahre alt geworden, am 19. April kommt ein Dokumentarfilm über ihn in die Kinos (Sing your Song, Kritik folgt) und gerade hat er seine Autobiografie in Deutschland vorgestellt (My Song, KiWi, 24,99 )


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14:00 14.04.2012

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