Der Bauer als Kraftwerker

ZARTE PFLANZEN GEGEN FOSSILE INTERESSEN Die Landwirtschaft als Verbündeter der solaren Energiewende

Dass es ein bisschen ernster wird, als es längst schon ist, merkte der Verbraucher eingangs des neuen Jahrtausends an der erhöhten Ökosteuer für Benzin. Oder am stürmischen Lothar über Frankreich und Süddeutschland, als plötzlich die Energie aus der Dose weg war und der Wald gleich mit. Eine ökologisch-realistische Tagesschau wäre indes mit solchen Nachrichten bei weitem nicht komplett, sie müsste auch melden: 150 Tier- und Pflanzenarten wurden heute wieder weltweit ausgerottet. Erneut sind 30.000 Hektar Wüste entstanden. Die Weltbevölkerung hat sich um 250.000 Menschen vergrößert. Gleichzeitig verminderte sich die fruchtbare Bodenkrume um 86 Millionen Tonnen, 100 Millionen Tonnen Treibhausgase wurden an diesem Tag durch menschliche Tätigkeit produziert.

Derartige Tages-News gibt es vorläufig nicht - außerdem ist von nicht wenigen Vorgängen zu hören, die auf mehr öko-logisches Verstehen der Wirtschaftsbürger deuten. Dazu gehört das symbolträchtige Hauptgebäude der geeinigten Nation - der Reichstag. Für dessen Umbau war dem Bundestag vor kurzem der "Eurosolar-Preis" 1999 verliehen worden. Begründung: Die Umgestaltung zeugt von einem Konzept, das Solartechnik, mechanische Belüftungssysteme, die Nutzung des Erdreichs als Kälte- und Wärme-Speicher und die Kraft-Wärme-Kopplung auf regenerativer Basis umfasst. Das Herzstück des Energiekonzepts stellen die beiden Blockheizkraftwerke dar, die ausschließlich mit Pflanzenöl betrieben werden.

Während des kürzlich in Berlin abgehaltenen Eurosolar-Kongresses meinte der SPD-Politiker Hermann Scheer (Präsident von Eurosolar) auf die zumindest für Stadtbewohner naheliegende Frage, was denn solare Energiegewinnung überhaupt mit Landwirtschaft zu tun habe: "Eurosolar will die Ablösung atomarer und fossiler durch solare Energien - und solare Energien sind eigentlich alle erneuerbaren Energien. Pflanzen sind natürliche Solarzellen und gehören zum Spektrum der Sonnenenergie. Die Entwicklung braucht ja Träger, wirtschaftliche Träger, und es ist natürlich, dass diejenigen, die mit Anbau und Verwertung von Pflanzen umgehen können, auch die Adressaten der energetischen Nutzung des Pflanzengutes sind. Das ist die Land- und Forstwirtschaft, zumal diese beiden Bereiche ein eminentes Interesse daran haben, ihre Existenz auf neue Weise zu sichern."

Gemäß dem EU-Weißbuch von 1997 soll sich die Erzeugung alternativer Energie in den Mitgliedsländern bis 2010 verdoppeln. Für die von strukturellen Problemen gedrückten Landwirte ist die Vorgabe der Union ein großer Anreiz, sich auf das neue Berufsbild des Energiewirts zu orientieren: 13 Millionen Hektar Land wären für die Produktion der benötigten Biomasse EU-weit zusätzlich zu beackern, 400.000 landwirtschaftliche Arbeitsplätze dafür zurückzugewinnen, womit sich die Entvölkerung der ländlichen Regionen umkehren ließe.

Der Schlüssel zu diesen Zielen liegt in der breiten Nutzung inzwischen recht gut entwickelter Technologien sowie regionaler Produktion und Vermarktung - mithin in einer Kreislaufwirtschaft, die Standortbedingungen ausnutzt, statt sie zu negieren. Konkret hieße das: auf vorhandenen - womöglich stillgelegten - Äckern Raps zur Dieselgewinnung oder Schilf und Holz für Blockheizkraftwerke anzubauen. Dazu käme die standortbedingt unterschiedlich große Nutzungsmöglichkeit der direkten Sonneneinstrahlung. Zehn Prozent der jährlich wachsenden Pflanzen - könnten den heutigen Bedarf an fossilen Energien ersetzen. Derzeit stehen in Deutschland 750.000 Hektar stillgelegter Böden für die Produktion nachwachsender Rohstoffe bereit - etwa die dreifache Fläche des Saarlandes. Darauf könnten acht Prozent des Gesamtenergiebedarfs erzeugt werden.

Die Verbrennung dieser Rohstoffe in örtlichen Generatoren ist im Unterschied zu Öl und Gas insofern umweltneutral, als die Abgabe von Kohlendioxid dem entspricht, was die verbrannten Pflanzen aus der Atmosphäre zuvor aufgenommen haben. Das aus Raps gewonnene Dieselöl kann heute in fast allen Dieselmotoren verbrannt werden. An 800 Tankstellen in Deutschland steht derzeit Biodiesel zur Verfügung. Die Produktionskapazität soll in diesem Jahr auf 500.000 Tonnen vervierfacht werden. Das sind immerhin - je nach Bezugsgröße - fünf bis zehn Prozent des Gesamtverbrauchs.

Den heutigen Gesamtbedarf aller deutschen Dieselfahrzeuge mit Biodiesel zu decken, würde freilich bedeuten, die Hälfte der agrarischen Nutzfläche mit Raps zu bestellen. Das heißt: Diese Alternative muss mit anderen Schritten korrespondieren, etwa dem Drei-Liter-Diesel von VW und der Entwicklung von Wasserstoffmotoren.

Bei einer regionalen Kreislaufwirtschaft wird ein steigender Anteil der benötigten Energie in der Region selbst erzeugt und damit ein erheblicher Teil der für Transporte verwendeten Treibstoffe eingespart. Dazu müssen allerdings weitere flankierende Maßnahmen des Gesetzgebers den Neuerern mit ähnlicher Entschiedenheit zur Seite stehen wie einst den Atomkraftentwicklern. Das aktuell gültige Energieeinspeisegesetz bezieht sich nur auf die Windenergie und zwingt die Stromkonzerne, dafür einen kostendeckenden Preis zu zahlen. Für andere regenerative Energien gibt es bislang keine Abnahmegarantie. Eine Gesetzesnovellierung befindet sich jedoch in der parlamentarischen Beratung. Hermann Scheer ist optimistisch: "Wir kriegen mit diesem novellierten Stromeinspeisegesetz das weitgehendste Gesetz, das je beschlossen wurde. Die beiden eigentlichen großen Neuerungen sind die Vergütung von 99 Pfennig für Strom aus Solarzellen und die erhöhte Vergütung für Strom aus Biomasse ... Das verspricht eine Push-Wirkung wie bei der Windenergie."

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00:00 04.02.2000

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