Der Bauernrebell

POLEN Für die einen ist Andrzej Lepper ein Demagoge, für andere ein Utopist. Chancen, Staatsoberhaupt zu werden, hat er nicht

Wie einst Marschall Jozef Pilsudski plant ein Kandidat, der Generalstabschef war, die "richtige Ordnung" einzuführen, ein anderer sehnt "Polen nur für Polen" herbei, mit antieuropäischen Parolen zieht ein dritter seinem "Sieg" entgegen, der nächste ködert Wähler mit dem Ruf nach der Todesstrafe, und die übrigen - 13 an der Zahl - versprechen alles von hohen Sozialrenten bis zu Eigentumswohnungen für jedermann. Wahlkampf eben.

Unter den vielen Kandidaten, die am 8. Oktober zum Staatsoberhaupt der Republik Polen gewählt werden möchten, gibt es einen, dessen "Wille zur Macht" von fast all diesen frommen Wünschen und leeren Worten getragen wird: Andrzej Lepper, Chef der 500.000 Mann starken Samoobrona, (Selbstverteidigung), verspricht, die etwa zwei Millionen polnischen Bauernhöfe vor dem Untergang in der Europäischen Union zu bewahren. Das sagen andere - wie Piotr Wierzbicki von der Bauern-Solidarnosc und Stefan Serafin vom Verband Landwirtschaftlicher Zirkel zwar auch, aber richtig urwüchsig sei nur er. So jedenfalls Lepper über Lepper.

Ganz falsch ist das nicht. Als Halbwaise mit neun Geschwistern auf einem kleinen Hof in der Nähe von Stolp (Slupsk) in Ostpommern aufgewachsen, legte er 1974 in einem Landwirtschaftlichen Technikum das Abitur ab und ging danach als 20-jähriger Fachmann auf ein Staatsgut arbeiten. Vier Jahre später, nach Eintritt in die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP), erklomm er sogar eine Leitungsstelle. Die ließ er aber 1980 - nach Gründung der Solidarnosc - links liegen, wurde selbstständiger Bauer und fühlte sich auf dem eigenen Hof in Zielniewo am Ziel seiner Wünsche. Der Traum platzte 1989/90 mit dem "Ende der Kommune", dreistelligen Inflationsraten und unerträglichen Zinsen für die vorher aufgenommenen Kredite. Lepper erging es wie Tausenden anderer Bauern auch. Gerichtsvollzieher zogen übers Land, trieben Schulden unter Polizeischutz ein, versteigerten Haus und Hof und ließen die Bauern ansonsten im demokratisch-freiheitlichen Regen stehen.

Allein Lepper entschloss sich zur Selbstverteidigung. Und er brauchte gar nicht allzu lange zu trommeln, um Anhänger und Weggefährten zu finden. Die "selbstverteidigenden Bauern" prügelten Gerichtsvollzieher vom Acker, und erreichten mit Hungerstreiks, mehrmaliger Besetzung des Landwirtschaftsministeriums, Straßenblockaden, und "Traktoren-Sternfahren" aus allen Landesteilen schließlich 1991/92 einen teilweisen Schuldenerlass und längere Zahlungstermine. Seitdem gilt Lepper den bürgerlichen Medien als "schwarzer Peter" und "größter Halunke der polnischen Politik". Nach einem Brandanschlag auf ein Haus, in dem Lepper übernachtete, hieß es, er habe sich selbst verbrennen wollen, der Publicity wegen. Als im Januar und Februar 1999 in ganz Polen der Verkehr durch Bauernblockaden tagelang lahmgelegt wurde (nur Krankenwagen und Feuerwehr durften passieren), versuchten die Medien, das Volk gegen Lepper und seine "Selbstverteidiger" aufzuhetzen. Doch die Wut der betroffenen Autofahrer hielt sich in Grenzen, auch wenn sie weite Umwege in Kauf nehmen mussten. Den Städtern dämmerte nämlich, dass billige, durch Brüssel subventionierte Lebensmittel zwar das private Budget entlasten, langfristig aber die nationale Landwirtschaft ruinieren und unterm Strich eine teuere Angelegenheit sind. Diese Ambivalenz begleitet die Aktivitäten der Samoobrona bis heute.

Andrzej Lepper, der in Diskussionen schlagfertig mit Detailkenntnissen brilliert, wird gern als Demagoge tituliert. Und in einem gewissen Sinne ist er das auch. Seine Kritik an allen polnischen Regierungen, ob deren Hörigkeit gegenüber westlichen Finanzinstitutionen oder seine Forderungen nach einer Revision der "diebischen Privatisierung" und einer sozialen Grundsicherung für alle von umgerechnet 420 Mark, klingen im wilden polnischen Kapitalismus wie blanke Utopie.

Zweimal wurde Lepper in diesem Jahr bereits verhaftet. Doch die Gefängnisstrafe wegen der Straßenblockaden vom Vorjahr musste er bisher nicht antreten. Ein Häftling Lepper könnte zum "Märtyrer" werden. Als "herumstänkernder Kandidat" scheint er dem politischen Establishment dagegen weniger gefährlich zu sein. Zumal er ja - wie die zwölf anderen auch - kaum Chancen hat, die sichere Wiederwahl des amtierenden Staatsoberhaupts Aleksander Kwasniewski zu verhindern.

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