Der Berlin-Wien-Vergleich

Schriftsteller In ihrer Festrede zur Eröffnung der Buch Wien nannte Eva Menasse ihre Heimat „furchtbar verlogen.“ Und was ist mit ihrer deutschen Wahlheimat? Ein Gespräch

Freitag.de: Kann es sein, dass über Wien in der Literatur schon alles gesagt ist? Kann man Wien überhaupt noch treffend beschreiben, ohne in Klischees zu verfallen? Hat die Gegenwart in Wien gegen die Tradition überhaupt eine Chance?

Eva Menasse: Das kommt immer darauf an, wie man es sich anschaut. Wien hat sich schon sehr verändert in den letzten 15 Jahren, von einer reinen Pensionistenstadt, wo Leute mit Lodenhüten ihre Dackel ausgeführt haben, zu einer jungen modernen Stadt mit Szene.

Ein Museum mit graugesichtigen Ex-Nazis, die ihr faschistoides Kleinbürgerunwesen treiben, ist Wien überhaupt nicht mehr heute. Wien ist eine lebendige Stadt mit viel Kultur, wo sich was bewegt, allein diese Hochschulproteste, die zur Zeit laufen, wo kein Mensch weiß, was die eigentlich wollen, aber sie protestieren jetzt mal, das ist wieder sehr österreichisch, sowas gäbe es in Deutschland nie: in Deutschland würde sich ein Studentenprotest immer sofort in irgendeiner Weise formieren, und dann gäbe es einen Katalog und der würde einem Minister vorgelegt und dann verhandelt man darüber.

In Österreich hingegen haben sich die Studenten wochenlang geweigert, überhaupt einen Vertreter zu wählen, Basisdemokratie, wir sitzen und besetzen den Hörsaal, es gibt niemanden, den wir schicken können zum Verhandeln, der Minister kann herkommen und mit viertausend Leuten reden – gleichzeitig.

Welche Rolle spielt Österreich in ihrem neuen Buch „Lässliche Todsünden“?

Nur als Schauplatz, sonst gar nicht, ich bin jetzt fast zehn Jahre in Berlin und werde immer gefragt, wann ich einen Roman schreibe, der in Deutschland spielt, und am Anfang habe ich immer ganz schuldbewusst gesagt: naja, ich fühl mich da noch nicht so sicher. Also ich weiß, wie in Wien die Leute reden und in Österreich, und ich kann mir das sozusagen am Schreibtisch besser imaginieren, vielleicht auch, weil ich weg bin. Die Distanz erhellt den Blick zum Schreiben, aber inzwischen sage ich das schon gar nicht mehr so schuldbewusst, ich sage einfach, jeder Schriftsteller hat seine literarische Heimat, und vielleicht werde ich mit achtzig Jahren dann in Deutschland den größeren Teil meines Lebens gelebt haben, und immer noch Geschichten schreiben, die in Wien spielen. Das ist einfach nur ein literarischer Ort, den gibt’s dann irgendwann schon gar nicht mehr, das ist dann nur der Schauplatz oder da, wo sich halt mein Kopf anbindet.

Interessiert Sie Berlin als Schauplatz?

Berlin interessiert mich wahnsinnig, aber es ist mir gleichzeitig unglaublich fremd, ich habe zum Beispiel Jahre gebraucht, um den Berliner Humor zu verstehen.

In welchem Stadtteil wohnen Sie denn?

In Schöneberg jetzt, ich habe früher in Kreuzberg gelebt, 36, das war mir als Wienerin echt zu heftig, muss ich sagen, da bin ich zu bourgeois, also diese Leute, die sich allen Ernstes noch im Jahr 2001, oder wann ich da gewohnt habe, die Mühe machen, Leintücher aneinanderzunähen und dann mit Sprühfarbe draufzuschreiben: Soldaten sind Mörder, und das Ganze dann mit einer umständlichen Konstruktion über drei Fenster zu ziehen, um es raus auf die Straße zu hängen, das ist etwas, das kapier ich nicht.

Genauso wie ich diese Mai- und Silvesterkrawalle nicht kapiere, dieses sich sinnlos Abarbeiten an dem Umstand, dass es eine Polizei gibt, und meine Berliner Freunde finden das ganz normal, sag mal, 'seid ihr denn wahnsinnig? Ihr findet das ganz normal, dass die Leute' – ich hatte eine Reinigung am Schlesischen Tor, eine Frau, die ihr ganzes Leben lang eine Reinigung betreibt, eine Spezialistin, da können Sie jedes Seidenkleid und jeden Ledermantel hinbringen, sie wird das hinkriegen und der haben die an so einem Mai-Krawall das ganze Geschäft zusammengeschlagen, die saß da in ihren Scherben und ihren Trümmern und wusste nicht mehr ein und aus. Das wird aber von der Intelligenz, von den Leuten, mit denen ich so rede, von Journalisten, die schon ewig in Berlin leben, als eine Art Folklore gesehen, am ersten Mai schlägt man alles kaputt, aber dann erklärt das mal der Frau Dingsbums am Schlesischen Tor, dass es Folklore ist, die wird das nicht verstehen.

In der Seele jedes Österreichers stecke sowohl der Nestbeschmutzer als auch der Patriot, hieß es in Ihrer Festrede auf der Wiener Buchmesse. Wie ist bei Ihnen die genaue prozentuale Zusammensetzung?

Das würde ich auch gerne wissen. Auf jeden Fall mehr Nestbeschmutzer als Patriot, aber ich glaube 60/40 ist zu wenig, 70/30 eher, also 70 Nestbeschmutzer und 30 Patriot – aber andererseits glaube ich, dass Nestbeschmutzen ja auch Patriotismus ist. Alles, was Österreich hervorgebracht hat, ist aus der Auflehnung entstanden, alles andere ist uninteressant. Ein Lipizzaner, der tanzt, ist uninteressant, aber ein Thomas Bernhard ist interessant, und sogar für die Welt interessant. Aber es ist schwierig, es lässt einen nicht los, jetzt lese ich schon wieder über meine Rede in irgendeiner bösartigen Zeitung: stilistisch brillant, aber inhaltlich nichts Neues – das ist schon wieder so eine typische österreichische Gemeinheit, weil ich ja nicht angetreten bin, um irgendetwas Neues zu liefern.

Genau das meinte ich ja zu Beginn, dass es beim Schreiben über Österreich um mittlerweile klassische Phänomene geht, die in der Literatur schon mehrfach abschließend formuliert worden sind.

Ich habe es für mich, als ich diese Rede geschrieben habe, für ungeheuerlich gehalten, zu sagen, dass ich mich zu Österreich bekenne. Im Nachhinein nur ein kleiner Schritt, aber das erst mal hinzukriegen am Schreibtisch, das war für mich wahnsinnig schwierig. Das war für mich praktisch eine weltbewegende Neuheit, zu sagen: Ich habe auch einen Anteil Patriotismus, denn wenn ich in Wien bin und mit Bekannten rede im Kaffeehaus, dann geht es immer nur: es ist so furchtbar, es ist sinnlos, es ist politisch ein einziger Scheißhaufen, nirgends ist es so wie bei uns, es ist eine Katastrophe und so weiter.

Also diese Reise zu den Wurzeln des Positiven, die ich da versucht habe zu unternehmen, die war für mich schon ungeheuerlich.

Ist das wirklich so, empfinden Sie das wirklich so stark?

Ja, es geht mir schon wieder so, dass ich mich auf Sonntag freue, wenn ich nach Berlin zurückfliege. Schauen Sie, wenn Sie aus einem Dorf irgendwo in Niedersachsen kämen, da hätten Sie so ein Gefühl, wenn Sie da zurückgehen und da ist immer noch der alte Pfarrer und die Lebensmittelhändlerin, die über alle tratscht, das hat etwas Enges, aber das ist nur ein Dorf, da kann man wieder weg.

Aber Österreich ist ein ganzes Land, das so funktioniert, auch mit so viel Sozialkontrolle, weil einen jeder kennt, ich fahr in der U-Bahn und die Leute schauen, weil sie wissen, wer ich bin. Das ist nicht angenehm. Und deswegen mag ich gern Berlin, da könnte ich im Schlafanzug in den Supermarkt gehen und es würde niemanden stören.

Ja, stimmt. In Berlin ist alles scheißegal.

Ja, genau! Aber Sie haben Recht mit dem, was Sie zu Beginn sagten. Aber dass nichts Neues kommt, deswegen kann man trotzdem nicht aufhören in diesem Alten, weil es einen beschäftigt und wahnsinnig macht und antreibt, immer weiter herumzugraben, in diesem Schlamm, wenn man Österreicher ist, ich meine, schauen Sie sich mal an, was hier passiert, schauen Sie sich die Politik an, schauen Sie sich mal an, in welchem geistigen Zustand die SPÖ ist, nur zum Beispiel, wie die getrieben sind von vorauseilendem Gehorsam, die ÖVP noch viel ärger, aber die SPÖ, da ärgerts mich sozusagen persönlich mehr, getrieben vom Haider, der hätte weiterleben oder sich schon vor zehn Jahren verabschieden können, weil sie schon längst so funktionieren wie er, aus Angst vor ihm, also müssen sie auch was gegen die Ausländer haben.

Ich hab gerade mit einem Journalisten geredet, der hat gesagt, die Wiener Wahlen nächstes Jahr werden eine Katastrophe, weil das Ausländerthema ganz stark ist und die etablierten Parteien sich nicht zu sagen trauen, daß es Problemzonen gibt, dann sage ich entschuldige bitte, schau dir Berlin an, Neukölln, schauts euch das an, wählen bitte deswegen die Berliner rechts? Nein, wählen sie nicht. Warum? Was ist der Unterschied?

Sagen Sie es mir.

Ich versteh es nicht. Ich versteh nicht, warum der Österreicher zum Rechtsradikalismus neigt. Deutschland – die Deutschen wollen es nie hören – aber Deutschland hat wirklich was gelernt, da ist ein moralisches Lehrziel erreicht worden. In Deutschland gibt es eine überwältigende Mehrheit von demokratischen Bürgern, und dann gibt’s irgendwie 2 Prozent Rechtsradikale, die dann Glatzen haben und auch sofort gewalttätig werden. Hier gibt’s das beides nicht, weder gibt den demokratisch geschulten citizen, noch gibt’s diese sofort erkennbaren Neonazis, sondern es läuft alles ineinander, in einer ganz merkwürdigen Mischung.

Sie können jederzeit von einem gebildeten, Geige spielenden Hausherrn aus Wien-Hietzing irgendeine total antisemitische Bemerkung hören, und der weiß es nicht mal, das haben die wirklich nie beigebracht gekriegt, was man sagt und was man nicht sagt – Österreicher und Deutsche sind wirklich wahnsinnig anders.

Und wenn man in Deutschland lebt wie ich, dann kann man gar nicht anders, als in Österreich immer wieder aufzukochen. Es ist die gleiche Sprache, also glaubt man, es ist nur ein bisserl anders, aber es ist schon sehr anders, von der psychologischen Grundierung. Schauen Sie sich Kärnten an, da gibt es jetzt ein Museum in einem Stollen, ein Haider-Schrein in einem Berg, Deutsche glauben einem das ja nicht. Sie schauen mich auch schon ganz entgeistert an.

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12:50 20.11.2009

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