Der beste Advokat der Aufklärung

Großintellektueller Alexander Kluge hat sich zum 80. Geburtstag drei arbeitsfreie Tage gewünscht. Hier ein paar gute Gründe, warum es auf keinen Fall mehr werden sollten

Als Alexander Kluge 2008 den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk erhielt, folgte eine brillante Dankesrede, die für den Geehrten symptomatisch war. Sichtlich gerührt, sprach er mit seinem ebenso unerschütterlichen wie sanftmütigen Understatement nicht etwa von sich. Er beschwor in leidenschaftlichen Worten die Kraft des Kinos, die er dem Publikum auch umgehend vorführte. Er ließ einen seiner „Minutenfilme“ abfahren, in dem Kameramann Michael Ballhaus das Gesicht der verschnupften, hustenden und übermüdeten Hannelore Hoger allein mit der „sanften Schminke des Lichts“ für einen Filmmoment zum Blühen brachte.

Symptomatisch war diese Rede, weil das schier unerschöpfliche Werk des rastlosen Regisseurs, Filmtheoretikers, Dichters, Philosophen und TV-Produzenten, das sich allein ob seiner Größe kaum auf einen Nenner bringen lässt, dann doch die eine, entscheidende Konstante birgt: Den festen Glauben, dass mit der Macht der Kunst den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen sei. Und freilich ist es Kluge selbst, der diesen ästhetischen Trotz in der deutschen Nachkriegsgeschichte wie kaum ein anderer perfektioniert hat.

1932 als Sohn eines Arztes in Halberstadt geborenen und bereits als 13-Jähriger dem Tod in Gestalt einer Fliegerbombe nur knapp entkommen, studierte Kluge in Frankfurt und Marburg zunächst Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik. Dass die Arbeit als juristischer Berater beim Frankfurter Institut für Sozialforschung dann bald dem Interesse für Film und Philosophie wich, war vor allem auch dem vertrauten Verhältnis Kluges zum Philosophen Theodor W. Adorno zu verdanken. Adorno verpasste ihm nicht nur das Werkzeug der Kritischen Theorie, sondern vermittelte ihm 1958 auch ein Volontariat beim großen Fritz Lang. Kaum vier Jahre später avancierte Kluge dann als Initiator des Oberhausener Manifests zu einem der Gründerväter des „Neuen Deutschen Films“. Spätestens der silberne Löwe, den er 1966 bei den Filmfestspielen in Venedig für Abschied von gestern gewann, katapultierte ihn auch auf die internationale Bühne der Kinowelt.

Große Momente der Weltgeschichte und intime Alltagserlebnisse

Obgleich der Erfolg mit Filmen wie Artisten in der Zirkuskuppel oder Deutschland im Herbst nie abriss, widmete sich Kluge immer stärker der Literatur, die er selbst als sein künstlerisches Kerngeschäft betrachtet. Von seinem frühen Band Schlachtbeschreibung bis zum dieser Tage veröffentlichten Das fünfte Buch lässt er, ähnlich seiner Regiearbeit, dokumentarische und fiktionale Versatzstücke nahtlos zusammenfließen und spannt fulminante Bögen von den großen Momenten der Weltgeschichte zu intimen Alltagserlebnissen. In seinen anekdotischen und montageartigen Miniaturen lässt er – ähnlich wie Michael Ballhaus’ Kamera – die Welt durch kleine künstlerische Handgriffe jäh in ein anderes Licht tauchen. Wenn er in seinem Geschichten-Band Das Bohren harter Bretter das Bild von Obama und Merkel, gehetzt von der tickenden Uhr der Finanzmärkte, feinsinnig mit dem des Finanzministers auf der Intensivstation kontrastiert, dann platzt die Blase des politischen Beschleunigungszwangs mit einem simplen Stich.

Kluges literarisches Oeuvre offenbart sich als Kompendium behutsam tastender Erkundungen der conditio humana, das auf subtile Weise gegen den katastrophischen Weltgeist rebelliert, indem es den Horizont einer Alternative aufblitzen lässt. In diesem Sinne ist er vielleicht einer der letzten großen Advokaten der Aufklärung, der beharrlich den Glauben an die Vernunft gegen die schlechten Verhältnisse verteidigt. Doch weil reine Vernunft, so Adornos Credo, in den Terror instrumenteller Tugend umkippen kann, stellt Kluge ihr als Korrektiv immer auch den „Antirealismus des Gefühls“ zur Seite. Selbst die Figuren seiner kleinsten Gedankensplitter stattet er mit Eigensinn und Sehnsüchten aus.

Als wären das nicht schon genügend Talente, ist ihm auch noch ein seismograpisches Gespür für Veränderungen in der Gesellschaft eigen. Leser des Freitag konnten sich in einem großen Interview zum Jahreswechsel 2010/11 einen Begriff davon machen. Schon 1985 sah er in seinem Episodenfilm Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit die heraufziehenden Veränderungen des Computerzeitalters. Drei Jahre später sicherte er seiner Produktionsfirma DCTP weitblickend die Rechte für die „Fensterprogramme“ des damals jungen Privatfernsehens.

Bis heute treibt Kluge sich als intellektueller Partisan durch die deutsche TV-Landschaft und holt dann doch den einen oder anderen Zuschauer aus seinem Schlummer. Wenn er in seinen Sendungen mit Richard Holbrooke über Weltpolitik diskutiert, Helge Schneider in der Rolle des Dr. Mabuse befragt oder in einer fast zehnstündigen Dokumentation Sergej Eisensteins niemals realisierter Verfilmung von Marx’ Kapital nachspürt, gelingt ihm das Kunststück, so bildungsbürgerliche wie anarchistische Perlen im Unterhaltungsmeer zu platzieren. Und gerade in diesen oft unscheinbaren Interviews, in denen man Kluges temperierte Stimme nur aus dem Off vernimmt, wird die Essenz seines Schaffens für den Zuschauer atmosphärisch greifbar. Diese gedämpfte, aber leidenschaftlich enervierende Fragentechnik, die den Gesprächspartner bisweilen kaum zu Wort kommen lässt, zelebriert ein Denken, dass gleichzeitig zärtlich und kraftvoll ist. Jede Minute wird zum Vergnügen. Alexander Kluge, der am Valentinstag 80 Jahre alt geworden ist, hat sich jüngst zu seinem Geburtstagswunsch bekannt: drei Tage möchte er einmal nicht arbeiten. Ganz egoistisch hoffen seine Fans, dass es tatsächlich nicht mehr werden.

Der Literaturkritiker Nils Markwardt (Jg. 1986) ist einer dieser Fans

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16:26 15.02.2012

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