Der blaue Planet im roten Bereich

Klima Manfred Stock, Vize-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, über die Gratwanderung zwischen Klimawandel und Klimakatastophe

FREITAG: Ist Europa mit diesem Sommer der meteorologischen Extreme in ein neues Klimazeitalter eingetreten? MANFRED STOCK: Nein, das wäre übertrieben, denn Europa kann sich durchaus glücklich schätzen, nicht solche Katastrophen zu erleben, wie sie andere Kontinente heimsuchen - denken Sie nur an große Regionen Afrikas oder auch Asiens. Wir erhalten allerdings derzeit einen Vorgeschmack davon, was der Klimawandel uns bringen könnte.

Nun ist ja die ganze Erdgeschichte genau genommen die Geschichte eines steten Klimawandels. Habe ich Sie richtig verstanden, dass mit dem ständigen Beschwören einer Klimakatastrophe zuviel Dramatik ins Spiel kommt?
Ja, absolut. Ich würde auch den Begriff Klimakatastrophe selbst gar nicht verwenden. Andererseits mag für viele der Hinweis auf die steten Klimaveränderungen im Verlauf der Erdgeschichte zu verharmlosend klingen. Damit gingen ja zum Teil - wie wir heute wissen - auch beträchtliche Umwälzungen in den Lebensbedingungen einher. Sie reichten bis zum Verschwinden ganzer Arten und Gattungen. Mit anderen Worten, was wir jetzt erleben, sollte man auch nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Als entscheidende Ursache eines Klimawandels wird vor allem die Kohlendioxid-Emission geltend gemacht. Gibt es daneben noch andere Ursachen, die man nicht aus dem Auge verlieren sollte?
Selbstverständlich! Das, worauf sich die Presse vorzugsweise bezieht, das sind eben die durch den Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen. Die stellen aber nur einen Faktor das Klimageschehens dar. Wir haben gleichzeitig sehr verschiedene natürliche Faktoren zu berücksichtigen - der bedeutendste bleibt die Sonneneinstrahlung.

Was erwarten Sie für die nächsten Jahre? Ich erinnere mich beispielsweise an den jüngsten Report des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), in dem von einer globalen Erwärmung der Erde von 1,4 bis 6 Grad in diesem Jahrhundert die Rede war. Deshalb wurde beispielsweise vor einem Abschmelzen der Gletscher gewarnt. Heißt das, diese Konsequenzen eines globalen Temperaturanstiegs sollte Mitteleuropa besonders fürchten, weil es möglicherweise sogar Flutwellen geben wird?
Da sollte man doch die verschiedenen Regionen vom Grad der Betroffenheit her auseinander halten. Ein Abschmelzen der Gletscher, das seit einiger Zeit schon zu beobachten ist, betrifft hauptsächlich Gebirgsgletscher, während bei den Polkappen immer noch soviel an Eis regeneriert wird, dass es dort den Schwund kompensiert. Trotzdem ist der Anstieg des Meeresspiegels dank der Erwärmung eine nicht zu leugnende Tatsache, das kann die Küstenzonen in Verbindung mit Sturmfluten durchaus bedrohen. Die Gefahren im Binnenland sind andere. Die ergeben sich natürlich auch durch Fluten und Überschwemmungen - wie im Augenblicklich gerade -, andererseits aber ebenso durch extreme Trockenheiten.

Deutschland erfüllt seine Verpflichtungen aus dem Kyoto-Abkommen und reduziert seinen nationalen Kohlendioxid-Ausstoß schon seit geraumer Zeit. Andere tun genau das Gegenteil, die USA, Kanada oder Australien. Ist Vertragstreue im Kyoto-Prozess nicht eigentlich sinnlos, wenn es auf der anderen Seite eklatante Vertragsbrüche gibt und global gesehen nach wie vor mindestens die gleiche Menge an Kohlendioxid in die Atmosphäre gerät?
Durchaus nicht. Die Unterzeichnerstaaten - wenn jetzt auch noch Russland dazu gehört - sind durchaus eine bedeutende Gruppe. Aber selbst wenn die USA beitreten, was über kurz oder lang - eher über lang - wahrscheinlich der Fall sein wird, kann der Kyoto-Prozess nur ein Anfang sein. Das Wesentliche ist doch, wie man zu einer ökologisch vertretbaren Form des Wirtschaftens kommt, den Weg zu neuen und erneuerbaren Energien einschlägt und damit für die nationalen Ökonomien einen Innovationsschub auslöst. Leider denkt da die jetzige Administration in den USA sehr konservativ, um nicht zu sagen rückständig.

Sollte man bei der Verifizierung der Verpflichtungen, die sich aus dem Kyoto-Prozess ergeben, nicht über Haftungsmodelle nachdenken und Staaten, die verantwortungslos handeln, mit Restriktionen belegen?
Darüber kann man nachdenken, doch wird das fruchtlos sein. Man braucht sich ja nur die aktuellen Debatten um den Internationalen Gerichtshof anzuschauen. Es geht eher darum, wirklich mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen: Mit einer erfolgreichen Wirtschaft kann den Herausforderungen begegnet werden. Dann dürften sich auch die Bremser in den USA eines Besseren besinnen.

Was erwarten Sie vom bevorstehenden Umwelt-Gipfel in Johannesburg?
Man darf bei solchen Veranstaltungen keine zu hohen Erwartungen hegen. Derartige Konferenzen, die wir ja zwischenzeitlich in steter Folge erleben, gehören für mich zu einem Prozess, um die Politik an die Notwendigkeiten einer nachhaltigen Entwicklung auf unserem Planeten zu erinnern. Das verlangt permanente Anstrengungen bis hin zu solchen Mammuttreffen.

Das Gespräch führte Lutz Herden

00:00 16.08.2002

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