Der Blick nach unten

Klassenbewusstsein Das Ressentiment ist eine wichtige Treibkraft im sozialen Protest - links wie rechts. Gibt es dennoch entscheidende Unterschiede?
Der Blick  nach unten
„Wenn wir zürnen, hat unser Gegner seinen Zweck erreicht: Wir sind in seiner Gewalt.“ (Ernst Freiherr von Feuchtersleben)

Fotos[M]: Getty Images (5), Imago (2), dpa

In jeder politischen Mobilisierung, egal ob von rechts oder links, spielen Emotionen eine Schlüsselrolle. Soziale Ungleichheiten, die zweifellos seit den 1990er Jahren gravierend angestiegen sind, stiften nicht aus sich selbst heraus politische Bewegungen an. Keine Benachteiligung, und sei sie auch noch so gravierend, führt automatisch zu Widerstand und Protest, weshalb sich Widerstandsphänomene niemals allein aus einem Anstieg sozialer Ungleichheiten heraus erklären lassen. Im Gegenteil, die meisten Gesellschaften erweisen sich trotz himmelschreiender Ungleichheiten als stabil, weil die beherrschten Klassen kulturelle oder religiöse Normen verinnerlicht haben, welche ihre Unterlegenheit in den eigenen Augen als gerechtfertigt erscheinen lassen.

Nur in Krisenzeiten oder Phasen gravierender Umwälzungen geht diese Komplizenschaft verloren. Weder der Aufstieg der Arbeiterbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch der gegenwärtige Aufstieg der neuen rechten Protestbewegungen und -parteien wäre ohne entsprechende Umwälzungen und spezifische Emotionen vonstattengegangen. In Deutschland und in den USA sind es nicht die Armen, die sich der Tea Party, Trump oder der AfD anschließen, sondern relativ privilegierte Gruppen, wie etwa die – im Vergleich zu Leiharbeitern und Geringverdienern – gut gestellten weißen Facharbeiter, traditionell-kleinbürgerliche Mittelschichten, aber auch konservative Wirtschafts- und Bildungsbürger. Politische Bewegungen entstehen auch nicht auf Zuruf wohlmeinender Intellektueller oder linker Professoren, die versuchen, soziale Gegenbewegungen ins Leben zu rufen und in die dafür vorgesehenen antikapitalistischen Bahnen zu lenken.

Neid und Selbstachtung

Das emotionale Einfallstor ungleichheitsbasierter Protestbewegungen, und als solche können auch die neuen Rechtsparteien verstanden werden, stellen Ressentiments dar. Ressentiments genießen im öffentlichen Diskurs einen schlechten Ruf, doch sind sie affektiver Zündstoff sowohl rechter wie auch linker Protestbewegungen. Aktuelles Beispiel ist der politisch ambivalente Protest der Gelbwesten in Frankreich. Die Zeitschrift Le Point sieht darin das „Ressentiment, aus dem eine große Lust zur Rache“ entspringt. Rechte Protestbewegungen finden ihre Klientel in sozial absteigenden oder abstiegsgefährdeten Milieus, während sich unter den Anhängern von Linksbewegungen zumeist aufstiegsorientierte, aber im Aufstieg blockierte Milieus einfinden. Rechte und linke Protestbewegungen situieren sich also – mit Pierre Bourdieu gesprochen – in konträren sozialen Flugbahnen („trajectoires“).

Dass in den letzten Jahren zunehmend Protestbewegungen von rechts erstarken, hat mit einem Wechsel emotionaler Unterströmungen zu tun. Drehte sich das emotionale Epizentrum spätmoderner Gesellschaften bis in jüngere Zeit überwiegend um Fragen der individualisierten Statuskonkurrenz, die im Falle sozialen Scheiterns mit Gefühlen des Neides, der Scham und der Unterlegenheit belegt waren, so findet derzeit ein Umschlag ungleichheitsrelevanter Emotionen in eine Tonalität der Kränkung und des Ressentiments statt.

Was genau unterscheidet Neid von Ressentiment? Gefühle des Neides und der Unterlegenheit basieren auf sozialen Vergleichen, die für das vergleichende Subjekt nachteilig ausfallen. Neidgefühle begründen ein existenzielles Gefühl individueller Minderwertigkeit, das sich kaum mit persönlicher Selbstachtung vereinbaren lässt, weshalb diese nicht an die große Glocke gehängt werden. Neidgefühle gelten als illegitim, sie bleiben hinter der Fassade souveräner Individualität verborgen, da Öffentlichkeit hier einer sozialen Bloßstellung gleichkommen könnte.

Im persönlichen Empfinden verfestigen diese Gefühle die Höherstellung eines anderen, der das Subjekt an Schönheit, Intelligenz, Charisma oder „Persönlichkeit“ zu überragen scheint. Wenn sich das Subjekt nun darüber hinaus auch in den Augen Dritter herabgesetzt sieht, können sich Neidgefühle leicht in Schamgefühle verwandeln: Scham ist das Gefühl, in der erlebten Wirklichkeit an Selbstachtung verloren zu haben. In spätmodernen Gesellschaften haben sich die Anlässe für sozialen Neid multipliziert. Denn aus den in der Industriemoderne noch weitgehend unvergleichbaren Schicksalen von Frauen und Männern, Arbeitern und Bürgern, Deutschen und „Gastarbeitern“ sind heute individuell zu verantwortende Lebenswege geworden.

Und wo Klassenschranken und Geschlechterschranken fallen, werden soziale Vergleichsmaßstäbe verallgemeinert. Der Einzelne sieht sich in eine individualisierte Konkurrenz gestellt, die zunehmend alle Lebensbereiche umfasst: Nicht nur die Leistungsbereitschaft, auch die Kommunikationsfähigkeit, die emotionale Intelligenz, die psychische Verfassung, die Emotionalität geraten in den Sog sozialer Unterscheidungen und Rechtfertigungen. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass die allgemeine Erwartung an die innere Formbarkeit der adäquaten Persönlichkeit in der Spätmoderne eminent gestiegen ist. Im Extrem ist daraus die Forderung geworden, sich im Falle des Scheiterns gefälligst einer Therapie zu unterziehen.

Ungleichheit ist dann kein kollektiver Status mehr, der aufgrund äußerer Merkmale (Herkunft, Geschlecht, sozialer Stand) festgelegt ist. Vielmehr haben sich die Maßstäbe der Bewertung in dem Maße verinnerlicht und vereinheitlicht, wie Leistungsunterschiede die einzig legitime Grundlage der Ungleichverteilung von Ressourcen und Anerkennung darstellten. Damit setzt ein Prozess der Singularisierung von Statusattributen ein. Der soziale Status scheint zum Resultat persönlicher Eigenschaften zu werden, für die man selbst verantwortlich ist, obwohl er faktisch weiterhin durch die soziale Herkunftslage oder das Geschlecht bestimmt sein mag. Aus Ungleichheiten wird Unterlegenheit, aus Unterlegenheit persönliches Versagen, und aus dem funktionalen Selbstbezug unternehmerischer Subjektivität erwächst schließlich das Risiko der depressiven Selbstabwertung im Falle des Scheiterns.

Gefühle von Neid, Unterlegenheit und Scham sind aber nicht nur weit davon entfernt, Proteste hervorzurufen, sie stabilisieren soziale Strukturen sogar. Ungleichheit wird verinnerlicht. Wer sich unterlegen fühlt, wird versuchen, durch Unterordnung und Wohlverhalten denjenigen günstig zu stimmen, in dessen Abhängigkeit er geraten ist und auf dessen Anerkennung er angewiesen ist. Und wer neidisch auf die Vorzüge und Privilegien anderer blickt, akzeptiert die Bewertungsmaßstäbe, nach denen Güter und Privilegien vergeben werden, er möchte diese nur gerne selbst, und zwar am liebsten ganz für sich allein, besitzen. Die Gefühle werden also nicht in kollektiven Protest transformiert, sondern in zusätzliche Anstrengungen und – im Falle des Scheiterns – in ein negatives Selbstbild.

Konträr dazu entwickelt sich nun die Gefühlslage des Ressentiments, die ja gerade darauf ausgerichtet ist, soziale Niederlagen vom Selbst abzuweisen. Das von Ressentiments erfüllte Subjekt blickt nicht mehr länger paralysiert auf sein defizitäres Selbst, sondern hält Ausschau nach Gegnern und Verbündeten, wodurch soziale Niederlagen und Unterlegenheitsgefühle in kollektive Empörung transformiert werden können. Hier geht es nicht mehr nur darum, selbst etwas zu begehren, was ein anderer hat, vielmehr werden die Legitimität der Verteilungsprinzipien und die Berechtigung der Besitzenden grundsätzlich in Frage gestellt. Ja, mehr noch: Die eigene Schlechterstellung scheint aus der Bevorzugung anderer kausal hervorzugehen.

Ressentiments erwachsen aus der Diskrepanz zwischen gefühlten Anrechten und faktischen Positionen und treten mit höherer Wahrscheinlichkeit in Phasen gesellschaftlicher Umwälzungen in Erscheinung, in denen das Schichtungsgefüge und das System von Anrechten und Privilegien umgepflügt werden – etwa weil zu viele Subjekte vergeblich auf wenige Prämien hinarbeiten, weil neue Konkurrenten ins Spiel kommen oder sicher geglaubte Anrechte massenhaft verweigert worden sind.

Beide Konstellationen, daran kann kein Zweifel bestehen, haben aufgrund blockierter Aufstiege und Abstiege nicht nur in den unteren, sondern auch in den mittleren und höheren Soziallagen an Bedeutung gewonnen. Ressentiments zeugen von Rissen im moralischen Fundament der Gesellschaft, in der bislang gültige normative Standards erodieren und bislang selbstverständlich geltende Gerechtigkeitsnormen außer Kraft gesetzt wurden.

Enttäuschte Erwartungen

Im Normalfall erwarten Individuen für ihre Moral, das heißt für die Einschränkung des Eigeninteresses zugunsten des Großen und Ganzen, eine Gegenleistung, nämlich die Sicherheit, dass andere gleichermaßen auf ihren Egoismus verzichten. Wo allerdings, wie gegenwärtig in den durch ökonomische Imperative und Winner-take-all-Märkte geprägten Erfolgsordnungen der Gegenwart, bislang etablierte Normen der Leistungsgerechtigkeit ihre Gültigkeit partiell einbüßen, weil sie kurzfristige Vorteile eher als langfristige Anstrengungen prämieren, weil sie Leistungserwartungen enttäuschen oder sich nicht um den Ausgleich von Rechten und Pflichten kümmern, entsteht ein Nährboden für die flächenbrandartige Ausbreitung von Ressentiments.

Dies kann unter Umständen dazu führen, dass Gesellschaften ihre Friedfertigkeit einbüßen. Gefühle der Benachteiligung erlangen vor allem dort Militanz, wo, bedingt durch abrupten gesellschaftlichen Wandel oder Regimewechsel, bisher geltende Einsätze und Standards außer Kraft gesetzt, Spielregeln während des Spielens verändert oder bewährte Spieler ganz aus dem Feld katapultiert worden sind.

Ein Beispiel für diese Konstellation stellt die Nachwendezeit in der Geschichte der DDR dar, die zur Entwertung ostdeutscher Biografien und zum Austausch der Elitepositionen führte. Aber auch in den alten Bundesländern hat die Aufhebung wohlfahrtsstaatlicher Anwartschaften oder die Aushöhlung weißer Privilegien gegenüber ehemals kolonialisierten Ländern im Zuge internationaler Lohnkonkurrenzen zu enttäuschten Anrechtserwartungen geführt.

Ressentiments können in Empörung und politische Handlung allerdings nur unter der Voraussetzung transformiert werden, dass sie in ein kollektives Bewusstsein der Benachteiligung überführt werden. Sozialer Protest ist also an die Herausbildung eines Gruppenbewusstseins, also an „Identitätspolitik“, wie Marc Lilla und Francis Fukuyama dies definieren, gebunden. Kein politischer Protest ohne kollektive Bündnispartner, die Normen, Werte und Lagen miteinander teilen. Spätestens seit Donald Trumps Wahlsieg handelt sich die Linke den Vorwurf ein, sie habe jener Identitätspolitik den Vorrang vor der Klassenpolitik gegeben. Aber in den Kultur- oder Identitätskonflikten verbergen sich Machtkonflikte, in denen die Benachteiligten den Herrschenden das Recht absprechen, Werte, Normen und Wahrheiten für alle zu definieren oder Spielregeln festzulegen.

Dies ist kein neues Phänomen. Auch das traditionelle Arbeiterbewusstsein war durch Ressentiments gegenüber den herrschenden Klassen geprägt. Arbeiterkultur und Arbeiterbewegung hatten immer auch die Funktion gehabt, der eigenen Lebensform die Anerkennung zu verschaffen, die ihr von der Gesellschaft im Ganzen versagt blieb – sie war insofern immer auch Identitätspolitik. Persönliche Niederlagen und Kränkungserfahrungen konnten in ein Gruppenschicksal verwandelt und durch gruppenspezifische Solidaritäten abgefedert werden.

Mit der Auflösung traditioneller Klassenkulturen setzte eine Erosion dieser Schutzwirkung ein. Unter dem Einfluss des seit den 1970er Jahren stattfindenden Individualisierungsschubs verblasste die Bindungswirkung von Großmilieus. Wir stehen heute am Beginn einer Welle der Re-Kollektivierung von Gefühlen sozialer Benachteiligung, die den depressiven Zug sozialen Scheiterns unterbrechen. Damit kehren auch Konflikte und Auseinandersetzungen – nach einer längeren Phase der Konsenskultur – in die Gesellschaft zurück. Konflikte und kollektive Identitäten haben die Tendenz, sich wechselseitig zu verstärken, wie in jüngerer Zeit am verstärkten Aufflackern „identitärer“ Kämpfe in öffentlichen Debatten beobachtet werden kann: Inländer gegen Ausländer, Muslime gegen Juden, Christen gegen Muslime, Rechte gegen Linke, Liberale gegen Reaktionäre, Männer gegen Frauen und umgekehrt.

Gemeinsam ist ihnen die Mobilisierung von Affekten der Benachteiligung. Die MeToo-Kampagne, die Mobilisierung jüdischer Familien gegen Antisemitismus an Schulen, die Anrufung des Volkes gegen die Eliten und die seit den 1990er Jahren zu beobachtende Tendenz der Selbst-Ethnisierung muslimischer MigrantInnen – sie alle rekurrieren auf das Gefühl, als Mitglied eines benachteiligten Kollektivs diskriminiert oder herabgewürdigt worden zu sein.

Aufstand der Etablierten

Identitätspolitik wurde also nicht von den Linken erfunden, sondern ist eine politische, auf Gruppenbildungen gerichtete Gegenreaktion auf individualisierende Ungleichheitsdynamiken. Anders, also verstreut, haben die Beherrschten oder die Benachteiligten keine Möglichkeit, sich zu artikulieren. Kollektive Identität ist eine Politik der „De-Singularisierung“ (Heike Delitz).

Diese kann von rechts ebenso wie von links (#MeToo, #unten) erfolgen. Möglicherweise lässt sich so erklären, warum sich in der langen Wachstumsphase westeuropäischer Nachkriegsgesellschaften eher linke Bewegungen, also Arbeiter- und Studentenbewegungen, etablierten, während in der durch Abstiegsdynamiken geprägten Gegenwart rechte Protestparteien stärker werden. Linke Protestbewegungen entzünden sich, konträr zu rechten Protestbewegungen, nicht an der Verteidigung bereits etablierter Rechte und Privilegien – im Gegenteil: Linke Protestbewegungen ergreifen die Partei der Neuankömmlinge gegen die Etablierten.

Auch die MeToo-Kampagne hat diese Stoßrichtung. Denn hinter der Anprangerung des männlichen Machtmissbrauchs steht die Erfahrung der (sexuellen) Ausbeutung weiblicher Aufstiegserwartungen. Im Zentrum der medialen Debatten stehen Frauen, die angeben, aufgrund sexueller Übergriffe oder auch aufgrund der Verweigerung von Intimitäten gegenüber Chefs und Projektleitern berufliche Optionen verloren und in ihren Karrieren blockiert worden zu sein. Charakteristisch für linke Protestbewegungen – und seien sie noch so spontan oder kurzlebig – ist der Protest aufstrebender unterprivilegierter Gruppen gegen Benachteiligungen oder Ausbeutungsverhältnisse durch herrschende Gruppen.

Rechte Bewegungen führen dagegen einen Aufstand der Etablierten an. Sie resultieren aus der Entwertung sozialer Anwartschaften und Zukunftsaussichten relativ privilegierter Gruppen. Bedroht sind Etabliertenvorrechte, die gegen den vermeintlich unverdienten Zugriff seitens der Neuankömmlinge verteidigt werden sollen. Während blockierte Aufsteiger universelle Chancengleichheit und die Beschränkung der Machtüberlegenen im Namen der Gesellschaft einfordern, ist rechter Protest darauf gerichtet, partikulare Ansprüche spezifischer Gruppen durch Rekurs auf die vorgeblich „natürliche“ Ordnung der Dinge geltend zu machen. So kann unliebsame Konkurrenz durch aufstrebende Außenseiter, seien dies Einwanderer, Flüchtlinge, „alternative Milieus“ oder Frauen, zurückgewiesen werden. Auch rechte Bewegungen können daher nicht nur ausgrenzen, sie bedürfen ebenso einer Legitimationsgrundlage: Durch die naturalisierende Festschreibung von vorgeblich biologisch/ethnisch begründeten Hierarchien soll der Status quo ante wiederhergestellt werden.

Dass sich bedrohte Etablierte nicht durch linke Parteien mobilisieren lassen, hat also nicht in erster Linie mit deren politischer Vernachlässigung seitens der Linken zu tun, sondern mit der Blickrichtung, die Absteigende im Raum der Positionen für gewöhnlich einnehmen: Ihr Blick ist, anders als der Blick aufstrebender Gruppen, nicht primär nach oben, sondern nach unten, in Richtung der aufholenden Neuankömmlinge gerichtet, deren unliebsame Konkurrenz unterbunden werden soll.

Eine aktuelle Studie von Nils Kumkar zeigt, dass sich die Kernklientel der US-amerikanischen Tea Party aus den älteren Generationen der durchaus wohlhabenden, eigentumsbasierten Mittelschicht rekrutiert, die durch die Hypothekenkrise 2007 und 2008 besonders große wirtschaftliche Einbußen hinnehmen mussten. Anders als viele Angehörige der Arbeiterklasse und der unteren Mittelklasse wurden sie weder arbeitslos noch wurden ihre Häuser der Bank übertragen. Oft hatten sie nicht einmal graviernde Einkommenseinbußen hinzunehmen. Aber ihre sicher geglaubten Zukunftsaussichten eines durch harte Arbeit und Sparsamkeit immer weiter wachsenden Wohlstands brachen plötzlich in sich zusammen. Ihre Etabliertenvorrechte stürzten ein.

Aus der Erfahrung der sozialen Kränkung speist sich bei vielen Betroffenen oftmals auch der Wunsch, die am eigenen Leib erfahrenen Ausgrenzungen an andere, an machtunterlegene Außenseitergruppen weiterzureichen. Es muss dabei vermutet werden, dass kategoriale, insbesondere ethno-rassistische Kategorien, vor allem in solchen Milieus relevant werden, in denen milieuhafte Einbindungen oder Klassensolidaritäten an Bedeutung verlieren. Auch aus diesem Grund ist die Eigenschaft, ein („richtiger“) Deutscher zu sein, ein wichtigeres Instrument der Selbstbehauptung geworden, das in manchen Milieus das Arbeitersein oder das Linkssein abgelöst hat.

Der Rückzug des gesellschaftlichen Denkens und der politischen Lebensentwürfe wird noch weiter dazu beitragen, dass ethnische und oftmals biologisch getönte, rassistische Kategorien die sozialen Kategorien ersetzen. Dazu muss man gar nicht erst in die Niederungen ethno-rassistischer Milieus eintauchen. So setzt die aktuelle Rede von der „deutschen Leitkultur“ die Existenz relativ homogener Nationalkulturen ganz selbstverständlich voraus und nimmt eine Abgrenzung sowohl von der „islamischen Kultur“ wie auch von den „faulen Südeuropäern“ vor.

Das Ende der Ordnung

Sichtbar wird daran, dass sich die Kultur sozialer Ungleichheiten grundlegend verändert hat. Der zentrale Unterschied zwischen der industriellen und der im globalen Rahmen entfalteten postindustriellen Gesellschaft besteht, anders als von den Theoretikern der Singularisierung und Individualisierung zumeist behauptet, nicht in der Auflösung jeglicher Kollektivbindungen, sondern in deren Tribalisierung, in ihrer Reduktion auf kleine und kleinste soziale Gemeinschaften – etwa die Familie, die Nachbarschaft, die eigene Ethnie, die Lebensstil-Enklave, die Verwandtschaft, die Diasporagemeinschaft etc., welche diejenigen, die durch diese Sphäre geschützt sind, von denjenigen außerhalb trennt.

Bildete die Industriegesellschaft noch einen durch homogene Klassenlagen geteilten Raum, in dem soziale Zugehörigkeiten durch übergreifende kollektive Identitäten im Kontext von Klasse, Stand und Geschlecht verbürgt waren, so haben wir es in globalisierten Gesellschaften mit einer Vielzahl kultureller, „quasi-ethnischer“ Enklaven zu tun, die eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen repräsentieren und einen heterogenen Raum sich überlappender regionaler, nationaler und transnationaler Identitäten bewohnen.

Der Historiker Dan Diner führt diese Fragmentierung auf eine neue Konstellation in Europa zurück, die er in dem Bild eines doppelt zersprungenen Gefäßes fasst: dem Gefäß des Kalten Krieges und dem Gefäß des Wohlfahrtsstaates. Dadurch dringen globale Belange – Klimaveränderungen, Gerechtigkeitsvorstellungen, transnationale Ungleichheiten – in den Nationalstaat ein. Nach Diner wird dadurch eine aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu uns herüberreichende Zeitschicht neu aufgerufen. Mit dem Ende des Kalten Krieges ist ein Regelsystem einer internationalen Ordnung, ein Gleichgewicht des Schreckens, ausgelaufen, ohne dessen Hegung regionale, ethnische und religiöse Konflikte sich erneut entfalten und an Ungleichheitskonflikte andocken könnten. Und mit dem Zerspringen des Gefäßes des Wohlfahrtsstaates verlieren Klassenkonflikte ihre sozialpolitische Einhegung.

Das Aufeinandertreffen nationaler und globaler Gerechtigkeitsvorstellungen erzeugt Verwerfungen, die eine konfliktfreie Assimilation von Neuankömmlingen unter dem Dach einer abstrakten, um Traditionen „bereinigten“ Nation (deren traditionelle Form für die kosmopolitisch-postnationalen Ober- und Mittelschichten ohnehin kaum noch von Bedeutung ist) unwahrscheinlich erscheinen lassen.

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. Eine ungekürzte Version dieses Artikels ist unter soziopolis.de verfügbar

06:00 25.12.2018

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