Der Blutsauger als Personal Coach

Alltag Allein unter Katzenflöhen. Wie ich als Fehlwirt lernte, in Bewegung zu bleiben, und dabei eine Menge Geld sparte

Einen Personal Trainer, einen Coach, einen Aufräumberater in Anspruch zu nehmen, ist teuer. Dachte ich. Bis mich vor kurzem die kostengünstige All-in-one-Lösung ansprang: Der Katzenfloh. Ich bekam ihn frei Haus, denn Dracula und Francis, zwei junge Katzen, brauchten eine provisorische Unterkunft nur für ein paar Tage, wie meine Freundin versprach. Ich sagte zu. Francis und Dracula waren reizend, wie Kätzchen sein müssen. Sie schnurrten und spielten, verschwanden hinter sämtlichen Möbeln, kletterten auf jedes Regalbrett und sahen von jeder Fensterbank aus nach draußen. Was keiner von uns wusste: Wo immer Dracula auf samtenen Pfötchen ging, rieselten Eier seiner Katzenflöhe aus seinem Pelz. In den folgenden Wochen schlüpften winzige Larven, krochen in die dunkelsten Ritzen der Wohnung, verpuppten sich und an einem wärmeren Wochenende entließen die Puppen die fertigen Flöhe in die Freiheit. Binnen weniger Stunden verwandelte sich der Teppichboden in eine Hüpfburg. Aus den Ritzen zwischen den Holzdielen katapultierten sie sich gen Himmel. Dutzende von Katzenflöhen, kleine bissige buckelige Insekten, erblickten das Licht der Welt. Aber nirgends eine Katze. Der einzige saftige Säuger, den sie vorfanden, war ein Mensch.

Ich war ein Fehlwirt, sie bissen mich nur notgedrungen, las ich im Internet, während ich mit angezogenen Beinen auf meinem Schreibtischstuhl hockte, denn einen Fuß auf den Boden zu setzen, war zu gefährlich. Und so begann das Personal Training. Zunächst trainierte mein neuer Gast Sitzhaltungen. Die Beine zum Lotussitz verschränkt, empfiehlt es sich, die Wirbelsäule kerzengerade durchzudrücken. Beginnt das gestaute Blut in den Gefäßen zu kribbeln, setze man die Fußsohlen flach auf den Stuhl und beuge den Rumpf über die Knie. Selten beanspruchte Muskeln werden gespannt, niemals gelockerte Sehnen gedehnt und nach wenigen Stunden fühlt man sich wie ein Yogi, der sich zu einer Brezel zusammenrollen oder sich geistig ins All ausdehnen kann, ganz wie er will. Und während man sich noch beugt und streckt und das eigene Arbeitszimmer aus neuen Perspektiven sieht, beginnt der Katzenfloh schon mit der nächsten Trainingseinheit: Reaktionsgeschwindigkeit. Es ist ratsam, in der verflohten Wohnung stets einen Fusselroller zur Hand zu haben, denn die Tierchen springen in luftige Höhen und selbst ein Schreibtischstuhl gewährt keine Sicherheit. Noch bevor der landende Floh zustechen kann, wird er vom Fusselroller fixiert und auf seiner klebrigen Streckbank hingerichtet: Ein saftiges Knacken ist in solchen Momenten ein wunderbares Geräusch. Zudrücken - und es ist so leicht!

Ich lernte, die Wut raus zu lassen, ohne einen Sandsack kaufen zu müssen. Zerquetschte, wer mir Böses getan hatte. Ich fühlte mich unbesiegbar und groß. Dann wurde ich kreativ. Ich bastelte eine Flohfalle, deren Prinzip darauf beruhte, überlebende Flöhe auf der Suche nach einer Katze durch eine Wärmequelle in die Irre zu führen. Eine niedrig angebrachte Lampe lockte den Floh, das Tier sollte sich im Sprung den Kopf an der heißen Glühbirne stoßen, um dann in einen mit Spülmittel gefüllten Teller zu stürzen, der darunter stand. Bald fing ich den ersten Floh.

Meine kleinen Dienstleister lehrten mich noch mehr: Aufschieben ungeliebter Tätigkeiten war von nun an nicht mehr drin. In jeder vernachlässigten Ecke, die beim oberflächlichen Putzen immer übergangen wurden, können sie sitzen. Die Flöhe, die Puppen, die Larven, die Eier. Jetzige und zukünftige Bedrohungen. Binnen Tagen gewöhnte ich mir an, ständig einen Staubsauger vor mir her zu schieben: Morgens saugen, Mittags saugen, Abends saugen. Staubsaugerbeutel wechseln, denn die Reise durch das Rohr erschüttert die Blutsauger wenig. Entschlossen hüpften sie ihren Weg zurück in die Freiheit, bekämen sie Gelegenheit dazu. Plötzlich war die Erkenntnis da, dass die Ritzen zwischen den Holzdielen nie wirklich sauber werden. Was die Fusseldüse nicht aufsaugt, lässt sich mit einer Stricknadel und einer aufgebogenen Büroklammer zwischen den Brettern herauspulen. Anschließend schüttete ich großflächig Flohpuder auf den Boden, fegte es mit einer Bürste in die Ritzen und saugte es ein paar Stunden später wieder heraus. Ich verwendete Staubsaugerzubehör, dessen Existenz ich vergessen hatte. Aber Vorsicht! Mit gefalteten Beinen vor dem Bildschirm sitzend, las ich in einschlägigen Internetforen, gerade das Staubsaugen motiviere Flohpuppen zum Schlupf. Das gleichförmige Brummen wecke die Tierchen und locke sie aus ihren Löchern heraus. Verstehen muss man das nicht, bei Menschen hat gleichmäßiges Dröhnen den entgegengesetzten Effekt, warum sonst fahren übermüdete Eltern mit ihren brüllenden Kindern nachts im Auto durch die Stadt?

Auf den Staubsauger zu verzichten, wäre unmöglich gewesen, aber ich suchte nach weiterem technischem Gerät, das reinigt, aber nicht dröhnt. Ein lang vergessenes Haushaltsgerät aus meinem Keller bekam seine zweite Chance: Ein Dampfreiniger. Nun saugte und pulte ich nicht nur, ich dämpfte jetzt täglich meinen Teppichboden, schonend und gesundheitsbewusst, denn beim Dampfgaren bleiben sogar die Vitamine drin.

Und dann kaufte ich Salz. Salz, so hatte mir eine Webseite mit Tips zur ökologischen Fohbekämpfung geraten, töte Flöhe, biologisch, effizient und ohne schädliche Chemie. Logisch, dachte ich mir, das Salz entzieht den Tieren das Wasser. Vor meinem geistigen Auge reckten vertrocknete Flohlarven-Mumien wie Moorleichen aus den Tiefen meines Teppichbodens anklagend ihre verschrumpelten Beinchen. Das gefiel mir. So schüttete ich einige Kilo Salz zu Pyramiden auf und bürstete sie in den Teppichboden. Das Salz wieder aus den Teppichfasern zu entfernen, war weniger trivial - es füllte Staubsaugerbeutel um Staubsaugerbeutel, und noch Wochen später glitzerte mein Teppichboden wie eine missverstandene Weihnachtsdekoration.

Ich reinigte, dämpfte und räumte auf, als hätte ich niemals in meinem Leben etwas anderes getan. Und täglich nahm ich mir eine bewusste Auszeit, um im Waschsalon vor der rotierenden Trommel des Wäschetrockners zu meditieren. Meine Wolldecken, meine Kleider, meine Sofakissen, die zuvor irgendwo herumgelegen hatten, wurden da durchgepustet und purzelten durcheinander. Alles war in Bewegung. Es war ein gutes Gefühl. Ein wunderbares Gefühl.

Leider hielt es nicht lang. Irgendwann schaltete ich die Lampe meiner Flohfalle ein, um weitere Opfer anzulocken, und das Wasser mit dem Spülmittel blieb ungetrübt. Es wurde Oktober. Es wurde November. Die Falle blieb leer. Sie steht im Schlafzimmer, und ich komme nicht dazu, sie wegzuräumen. Auf dem Lampenschirm sammelt sich Staub. Gestern stieß ich mit dem Fuß an etwas Hartes, das unter meinem Schreibtisch lag. Es war die Fusseldüse des Staubsaugers, und gestern bin ich zum ersten Mal über den Dampfreiniger gestolpert, der noch immer mitten im Wohnzimmer liegt.

Hier und da glitzern noch Salzkörner wie Lametta zwischen den Teppichfasern.

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00:00 27.11.2008

Ausgabe 39/2020

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