Wolfgang Michal
29.03.2012 | 17:00 12

Der Bobby-Car-Effekt

Skandaltheorie Der konservative Medienforscher Hans Mathias Kepplinger meint, dass Skandale totalitäre Züge aufweisen. Es gibt allerdings eine Theorie, die das ganz anders sieht...

Möglicherweise werden wir uns im Rückblick auf das Jahr 2012 kopfschüttelnd fragen, warum wir uns volle drei Monate mit einer Lappalie beschäftigt haben: mit der Belanglosigkeit, wer in diesem Land verdienten Bürgern einen schwarz-rot-goldenen Blechorden umhängen darf. Hätten die Medien die Endlos-Debatte um Christian Wulffs Verfehlungen nicht so inbrünstig und verbissen geführt, hätten wir uns vielleicht ernsthaft mit jener Billion Euro auseinandersetzen müssen, die von der Europäischen Zentralbank im Zuge einer gigantischen Vorteilsgewährung an eine Handvoll „befreundeter“ Privatbanken ausgeschüttet wurde, um ihnen leistungslose Zinsgewinne in zweistelliger Milliardenhöhe zu ermöglichen.

Doch die monströse Begünstigung im Amt löste keinen moralischen Skandal aus. Die Empörung konzentrierte sich auf den Schnäppchenjäger Wulff, der die Würde seines Amtes beschmutzt hatte. Das wirft für die Anhänger der Verhältnismäßigkeit die Frage auf, warum das Handeln Wulffs skandalös war, das Handeln der EZB aber nicht. Wer um Himmels Willen entscheidet darüber, wann ein Missstand „skandalisiert“ oder besser toleriert wird?

Der konservative Mainzer Medienforscher Hans Mathias Kepplinger hat darüber ein bitterböses Buch geschrieben. Die Mechanismen der Skandalisierung ist zwar nicht mehr ganz neu, die Erstausgabe stammt aus dem Jahr 2001, aber die viel Staub aufwirbelnden Fälle Sarrazin, zu Guttenberg und Kachelmann haben den Autor bewegt, eine Aktualisierung seiner „empirischen Skandaltheorie“ vorzulegen. Kepplingers Pech: Das Buch ging in Druck, als die Affäre Wulff gerade anfing.

Noelle-Neumanns Schüler

Kepplinger ist ein ausgesprochener Miesepeter, ein Skeptiker, der überall Manipulation, Böswilligkeit und Egoismus wittert. Das heißt: Er ist ungefähr so wie wir Journalisten – jedenfalls wie die meisten von uns. Als Schüler der legendären Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann befasste er sich ein Leben lang mit jenen zwielichtigen Gestalten, die dem Publikum tagtäglich ihre Meinung aufzwingen: den vorlauten, selbstgerechten, im Zweifel mehrheitlich linksliberalen Journalisten. Mit zunehmender Erbitterung hat Kepplinger jene zynischen Mechanismen herausdestilliert, die es meinungsbildenden Medien erlauben, einen Missstand – auch wenn er bloß auf Vermutungen oder Gerüchten basiert – erfolgreich zum Gegenstand öffentlicher Empörung zu machen.

Kepplinger steht dabei stramm auf Seiten der „Opfer“ (also der enthüllten „Täter“), und dieses Mitleid nimmt zunächst für ihn ein. Ob Enthüllungen nun Spitzenpolitiker, Wirtschaftsbosse oder Schriftsteller treffen – die allzeit skandal-bereiten Medien hätten, schon aus Eigennutz, keinerlei Skrupel, ihre „Opfer“ mit unwahren oder maßlos übertriebenen Behauptungen zu überziehen, ja, die sich hilflos Rechtfertigenden auch noch zu verhöhnen. Die in die Enge Getriebenen könnten sich gegen die Vorwürfe kaum wehren, weil das von den Gerichten extensiv ausgelegte Presserecht und das von den Medien aufgewiegelte Pub­likum kein Korrektiv mehr bildeten.

Verhängnisvoll sei insbesondere der Gruppendruck innerhalb der Journalistenzunft. Werde ein Vergehen publik – etwa durch die Verabredung einiger „Wortführer“ in den Leitmedien wie Spiegel, FAZ, oder Bild – führe die intensive Dramatisierung des Geschehens rasch zu einer Gruppennorm: einer „schematischen“ einseitigen Sichtweise des skandalisierten Missstands. „Im Skandal“, sagt Kepplinger, „geht es nicht vorrangig um die Richtigkeit der Behauptungen, sondern um die dadurch gesteuerten Emotionen.“ Und weil in der vernetzten Journaille große Angst vor abweichender Meinung herrsche und in der Skandalberichterstattung sowieso einer vom anderen abschreibe, schließe sich die Journalistenherde bald bereitwillig den Leithammeln an.

Die wenigen „Nonkonformisten“, die es wagten, gegen die festgelegte Lesart des Skandals zu schreiben, würden ignoriert, als Außenseiter gebrandmarkt oder lächerlich gemacht. „In diesem Sinne“, schreibt Kepplinger allen Ernstes, „weisen alle Skandale totalitäre Züge auf: Sie zielen auf die Gleichschaltung aller, weil die öffentliche Abweichung einiger den Machtanspruch der Skandalisierer und ihrer Anhänger infrage stellen würde. Die großen Skandale kann man deshalb auch als demokratische Variante von Schauprozessen betrachten.“ Das ist starker Tobak. Bevor man Kepplingers Skandaltheorie aber wegen starker Voreingenommenheit oder maßloser Übertreibung in die Ecke pfeffert, sollte man die Verzweiflung dieses akademischen Wutbürgers über den Niedergang der einstmals zurückhaltenden Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen.

Denn auf den ersten Blick haben die Fälle Guttenberg und Wulff durchaus Ähnlichkeiten mit „Schauprozessen“: Da sind die selbstherrlichen „Staatsanwälte“ in den Leitmedien, die sich als Ankläger, Richter, Henker und Moraltheologen in einem gerieren; da sind die peinlichen, kaum Mitleid erregenden Selbstdenunziationen von Angeklagten, die, um Gnade winselnd, ihr Schuldbekenntnis zerknirscht in die Kamera sprechen; und schließlich die aufgeputschte „Meute“ von „Hobby-Journalisten“, die im Gerichtssaal namens Internet den Kopf der Delinquenten fordert.

Die Skandalisierten, so Kepplinger, hätten nur eine einzige Chance, dem Vernichtungs-Pranger zu entgehen: Sie müssten, wenn Thema und Umstände es erlaubten, eine Gegenmacht mobilisieren. Sie müssten die vierte Gewalt spalten und den Skandal in einen „inner-publizistischen Konflikt“ verwandeln. Das sei Thilo Sarrazin, Joschka Fischer und Jörg Kachelmann gelungen. Der Fall Kachelmann habe die Leitmedien von Anfang an in zwei mitprozessierende Lager gespalten (hier Focus, Bild und Bunte, dort Spiegel und Zeit), während es Sarrazin und Fischer mit der Schützenhilfe gewisser Blätter und „befreundeter“ Journalisten schafften, von der Skandalisierung ihrer Person abzulenken und einen grandiosen Themenwechsel herbeizuführen. Fischer sei der öffentlichen Verdammnis – er hatte in seiner Spontizeit einen Polizisten verprügelt – vor allem dadurch entkommen, dass er die lauteren Motive der Studentenbewegung für sich ins Feld führen konnte. Er hatte die Generation der etablierten 68er (im Spiegel wie in der Politik) auf seiner Seite. Sarrazin wiederum war es gelungen, gemeinsam mit der Bild-Zeitung von den Thesen des Buches abzulenken und eine Debatte über das hohe Gut der Meinungsfreiheit zu beginnen („wird man ja wohl noch sagen dürfen..!“).

Im Kern richtet sich Kepplingers Skandaltheorie aber gar nicht gegen die Medien. Im Kern kämpft Kepplinger gegen eine konkurrierende ‚linke‘ Skandaltheorie: Diese von ihm heftig kritisierte „funktionalistische Skandaltheorie“ ist nämlich das glatte Gegenteil seiner pessimistischen Weltsicht. In der öffentlichen Enthüllung und Entrüstung sieht sie nicht den verlogenen, niederträchtigen Versuch, gewisse Leute mit miesen journalistischen Methoden aus dem Weg zu räumen, sondern – optimistisch und auch ein wenig blauäugig – den Jungbrunnen der Demokratie. Der 2007 verstorbene Soziologe Karl Otto Hondrich („Nichts ist den guten Sitten zuträglicher als der Skandal“) war ihr eloquentester Vertreter: ein freisinniger Liberaler, der die Funktion des Skandals absolut moralinfrei betrachtete und deshalb von der Spiegel-Redaktion als Autor bevorzugt wurde.

Sinnvolle Normverletzungen

Nur der Skandal, so Hondrich, ermögliche es der modernen, verunsicherten, aus vielen Teilöffentlichkeiten bestehenden Gesellschaft, durch Aufarbeitung einzelner Normverletzungen Grundwerte zu redefinieren, sprich: sich zu reformieren oder zu restaurieren. Der Skandal sei die Hefe des demokratischen Prozesses, notwendig für das Lernen einer dynamischen Gesellschaft. In intakten „Skandalkulturen“ werde unablässig neu vermessen, welche Befindlichkeiten eine Gesellschaft um- oder antreiben. Der Skandal verhelfe zur Selbstreinigung und Selbstkorrektur, aber auch – in Umbruchzeiten – zu einem beschleunigten Normenwechsel. Insofern wäre die ungewöhnliche Breite der Debatte um Christian Wulff und Joachim Gauck dem extremen Bedürfnis der Gesellschaft nach Neuvermessung ihrer Werte geschuldet.

Beide Skandaltheorien haben ihre Verdienste. Während die funktionalistische den demokratischen Nutzen der Skandale hervorhebt, verdammt die empirische die Kollateralschäden, die das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Beide argumentieren dabei systemimmanent und sind damit von begrenzter Reichweite. Sie können nicht erklären, warum die verschleuderte EZB-Billion kein moralisches Beben auslöste, während das Bobby-Car von Wulff für helle Empörung sorgte.

P.S. Skandalös an Kepplingers Buch ist übrigens, dass er seinen Gegenspieler Karl Otto Hondrich mit keinem Wort erwähnt.

Die Mechanismen der SkandalisierungHans Mathias Kepplinger Olzog 2012, 224 S., 26,90

Enthüllung und Entrüstung, Eine Phänomenologie des politischen Skandals

Karl Otte Hondrich Suhrkamp 2002, 166 S., 9

Kommentare (12)

fuhrwerker 29.03.2012 | 16:09

Es gibt eine ältere Arbeit von, ach Gott ist das lang her, 1989 von Rolf Ebbighausen und Sighardt Neckel mit dem schönen Titel: Anatomie des politischen Skandals wo die Entsorgung staatsbürgerlichen Ekels, die Dramen, Tragödien, Lustspiele und Farcen ja hinreichend schon beschrieben werden, und deren rituelle Funktionen daher an dieser Stelle nicht vergessen werden sollten, auch wenn ich Hondrich als Frankfurter Soziologe natürlich auch schätze. Was den Mainzer Auf den Zug des verwullften Bundesgauckelei Hype aufspringenden skandalösen Beitrag von Prof. Dr. betrifft, stimme ich daher Herrn Michal zu, es gehört sich nicht die Arbeiten der Kollegen zu ignorieren, zu mal damit die Chance vertan wird das Niveau der Debatte zu erhöhen, gelle?

Jan Cornelius 29.03.2012 | 22:33

Für Nicht-Soziologen ist es immer putzig zu lesen, wofür ganze Bücher geschrieben werden, wo unsereins sich mit einfachen Erklärungen zufrieden gibt, etwa dieser:

Die Springer-Medien treibt eine agitatorische Mission. Sie wollen der "Volksseele", an deren Bildung sie arbeiten (Bild dir deine Meinung), charismatische Leitfiguren präsentieren, und dafür waren Sarrazin, Gauck und Guttenberg die idealen Typen, die ein breites Spektrum von Identifikationsmöglichkeiten abdecken.

Deshalb wurde nach Maßgabe von "Welt" und "Bild" die Wulff-Affäre zum Rekordskandal des Jahres und ein Sarrazin-Skandal hat als solcher überhaupt nicht stattgefunden. Nur Guttenberg war vorläufig nicht zu retten, so sehr man es auch versucht hat.

Springer ist Marktführer im Skandalgeschäft, und die anderen Medien verteidigen ihre Marktantaile. (Beim Freitag lief das im Fall Wulff auf eine doppelte Taktik hinaus: die Meinungsdiktatur von Springer anzugreifen ["Deutschland ist überparteilich abhängig von Bild"] und gleichzeitig das Wulff-Bashing voll mitzumachen.)

Was die Bevölkerung empören soll und was nicht, darüber haben die Springer-Agitatoren ganz gut die Kontrolle. Das Volk "empfindet" sehr wohl einen Skandal im Zusammenhang mit der Euro-Rettungs-Politik. Aber nicht die Vorteilsgewährung gegenüber "befreundeten Banken" wird als Skandal wahrgenommen, sondern die Alimentierung "fauler Griechen".

Btw. Was waren noch gleich die großen Enthüllungen über Wirtschaftsbosse, von denen im Artikel die Rede ist?

Jan Cornelius 29.03.2012 | 22:34

Für Nicht-Soziologen ist es immer putzig zu lesen, wofür ganze Bücher geschrieben werden, wo unsereins sich mit einfachen Erklärungen zufrieden gibt, etwa dieser:

Die Springer-Medien treibt eine agitatorische Mission. Sie wollen der "Volksseele", an deren Bildung sie arbeiten (Bild dir deine Meinung), charismatische Leitfiguren präsentieren, und dafür waren Sarrazin, Gauck und Guttenberg die idealen Typen, die ein breites Spektrum von Identifikationsmöglichkeiten abdecken.

Deshalb wurde nach Maßgabe von "Welt" und "Bild" die Wulff-Affäre zum Rekordskandal des Jahres und ein Sarrazin-Skandal hat als solcher überhaupt nicht stattgefunden. Nur Guttenberg war vorläufig nicht zu retten, so sehr man es auch versucht hat.

Springer ist Marktführer im Skandalgeschäft, und die anderen Medien verteidigen ihre Marktantaile. (Beim Freitag lief das im Fall Wulff auf eine doppelte Taktik hinaus: die Meinungsdiktatur von Springer anzugreifen ["Deutschland ist überparteilich abhängig von Bild"] und gleichzeitig das Wulff-Bashing voll mitzumachen.)

Was die Bevölkerung empören soll und was nicht, darüber haben die Springer-Agitatoren ganz gut die Kontrolle. Das Volk "empfindet" sehr wohl einen Skandal im Zusammenhang mit der Euro-Rettungs-Politik. Aber nicht die Vorteilsgewährung gegenüber "befreundeten Banken" wird als Skandal wahrgenommen, sondern die Alimentierung "fauler Griechen". Um das zu verstehen, brauche ich keine Skandaltheorie.

Btw. Was waren noch gleich die großen Enthüllungen über Wirtschaftsbosse, von denen im Artikel die Rede ist?

Magda 29.03.2012 | 22:50

"(Beim Freitag lief das im Fall Wulff auf eine doppelte Taktik hinaus: die Meinungsdiktatur von Springer anzugreifen ["Deutschland ist überparteilich abhängig von Bild"] und gleichzeitig das Wulff-Bashing voll mitzumachen.)"

Sieht so aus. Wulff wurde beim Freitag sogar mal mit Berlusconi verglichen und einige begeisterten sich daran.
Und später kommen dann kritische Beiträge, wenn man auf der Welle nicht mehr mitreiten will oder die Welle sich verlaufen hat.

Magda 30.03.2012 | 19:35

Im "Teaser" auf der ersten Seite ist zu lesen:
"Skandale erinnern inzwischen viele an Hetzjagden, aber wir brauchen sie. "

Ich finde, ganz so eindeutig, haben Sie das in Ihrem Beitrag nicht gesagt, sondern auf diese "funktionalistische" Skandaltheorie verwiesen, die nicht einbezogen worden ist. Damit ist nicht gesagt, ob man Skandale wirklich als Reinigungsmittel der Demokratie braucht. Ich kann das nicht erkennen.

Aber für diese brachial-meinungsbildende, ärgerliche Zeile vorn dran, können Sie ja nichts.

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Ehemaliger Nutzer 31.03.2012 | 12:44

Magda schrieb am 29.03.2012 um 20:50

"Wulff wurde beim Freitag sogar mal mit Berlusconi verglichen und einige begeisterten sich daran.
Und später kommen dann kritische Beiträge, wenn man auf der Welle nicht mehr mitreiten will oder die Welle sich verlaufen hat."

Genau so ist es liebe Magda,

es ist immer wieder erschreckend wie Menschen erst hetzen um danach eine Kehrtwende zu vollziehen. Mir scheint, so viele Menschen müssen noch an der Entwicklung ihres Verstandes mächtig arbeiten. Nur Mitreden zu wollen scheint eben bei vielen
der einzigste Grund zu sein. Dabei spielt das Thema kaum eine Rolle. Hauptsache der Mainstream stimmt und man ist konform.

Karola 31.03.2012 | 16:51

Dass die Billionenverschwendug durch die EZB kein moralisches Erdbeben auslöste liegt einfach daran, dass hier der Geldgeber anonymisiert ist und Wulff als Person eine ideale Angriffs- und Projektionsfläche für Viele gewesen ist.

Das war auch das Ziel der Medien und der Regierung. Letzte hätte ohne Weiteres Wulff aus der Schusslinie holen können, wenn sie deutlich gemacht hätte, dass derartige Verhaltensweisen normal und kein Verbrechen sei.

Hätten EZB, IWF und Troika einen Namen, sähe die Geschichte anders aus. In dieser "Sicherheitsanonymität" segelt auch Merkel. Denn letztlich ist es Merkel, die darauf hin gearbeitet hat, dass GR der Sündenbock ist und Merkel ist es, die die EZB gehindert hat, GR direkt das Geld zu geben.

Auf diese Weise bleibt Merkel mit ihrer enorm schlechten und diktatorischen Politik immer Außen vor, weshalb auch ihre Beliebtheistwerte auf gleich hohem Niveau bleiben.

Plaubsibel finde ich die Erklärung , dass mit der Skandalisierung ein Bedürfnis der Gesellschaft nach einer "Neuvermessung" der Werte ansteht in Richtung Wertewandel, der mit der Neoliberalisierung auch stattgefunden hat.

1. Werteverschiebung: Sarrazins Buch ist KEIN Sachbuch, wird aber als solches verkauft. In Wahrheit ist es eine neonazionale Kampfschrift.
2Werteverschiebung: Anonymisierung maßgeblicher Personen, wie Merkel, Sarrazin etc.
3. Ethisch-moralisches Handeln als doppeldeutig zwischen privat und Öffentlichkeit.
Veränderung der BW von devensiv zu aggressiv - öffentlich.

Bundespräsidentenamt. Mit Wulff noch als öffentlich ethisch-moralische Institution, Schaden vom Amt abzuhalten.

Mit Gauck ist seine außereheliche Beziehung Privatsache und hat mit dem Amt des BP nichts mehr zu tun, obwohl er und sie uns alle repäsentieren sollen.

Schlimm ist, wenn eine Skandalisierung einseitig zu Lasten der allg. Werte und Normen verläuft, wie bei den o.g. Situation gezeigt ist.

keiner 01.04.2012 | 01:01

„Nur der Skandal, so Hondrich, ermögliche es der modernen, verunsicherten, aus vielen Teilöffentlichkeiten bestehenden Gesellschaft, durch Aufarbeitung einzelner Normverletzungen Grundwerte zu redefinieren“ – schön und gut, solange dabei nicht ‚gesundes Volksempfinden’ rauskommt.

‚Redefinition’ hört sich ausserdem schön theoretisch, nach Diskurs, an, als blieben reale Auswirkungen zunächst aussen vor. Das stimmt aber nicht immer: während Sarrazins ‚Thesen’ so, wie sie da standen, in ihrer inhaltlichen Nähe zur Denkweise beispielsweise der Zwickauer Zelle dringend diskussionsbedürftig waren und sind, wurde diese Auseinandersetzung von der Bildzeitung für unzulässig erklärt – Presse- und Meinungsfreiheit - und effektiv sehr weitgehend verhindert, während die Vorwürfe und Verdächtigungen gegen Wulff eben nicht viel mehr waren: schwer nachprüfbare Behauptungen teilweise justiziabler Verfehlungen, die legaliter selbst dann keinen Rücktritt zwingend erfordert hätten, wären sie erwiesen.

Was inhaltlich klar auf dem Tisch liegt – Sarrazin – wird also am besten nicht erörtert, was einer angeblich getan hat – Wulff – wird zur Grundlage seiner Verurteilung. Kein, wie mir scheint, so furchtbar modernes Phänomen, sondern die alte Methode Sündenbock: immerhin kein menschliches Wesen - wenn auch aus tierschützerischer Perspektive heutzutage völlig inakzeptabel.

de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCndenbock

Die „Normverletzung“ aus dem Hondrich-Zitat oben, die am dringendsten ‚aufgearbeitet’ gehört, ist die Missachtung der Unschuldsvermutung. Der Lynchmob (!), der gerade erst vor jener Polizeizelle in Emden aufgetaucht ist

www.rp-online.de/panorama/deutschland/polizei-muss-17-jaehrigen-beschuetzen-1.2774952

unterscheidet sich in diesem Grundsatz nicht von dem Flashmob zur Verabschiedung Wulffs vor dem Schloss Bellevue.

Wuwuzelas, die die Ode an die Freude niederdröhnen, finde ich von einer grauenhaften Symbolik, direkte Demokratie oder einen freiheitlichen Impetus, der an die Erstürmung der Bastille erinnert, kann ich darin nicht erkennen.

Sebastian 02.04.2012 | 03:33

Noch ein kurzer skandaltheoretischer Nachtrag, um die Metaebene hat sich bei den vielen Skandalen in der letzten Zeit ja keiner so richtig gekümmert.

Kepplingers mitleidiger Blick auf die „Opfer“ der Skandale ist arg einseitig. Thompson hat in seiner Skandaltheorie “Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age“ (2000) die sehr sinnvolle Kategorie der „second order transgression“ eingeführt, die aus einem kleinen Skandal einen großen machen kann. Das hartnäckige Leugnen und Sich-Winden unserer Protagonisten trug zu deren Scheitern deutlich mehr bei, als Kepplingers Modell erklären könnte. „Transparenz“ als neue gesellschaftliche Kernkompetenz und das Internet als Enthüllungs- und Entrüstungsplattform stellen auch an das Skandalpersonal neue Herausforderungen.

geraeuscharbeiter 02.04.2012 | 14:38

Irritabilität ist zweifellos Teil des Grundstocks einer demokratischen Gemeinschaft: Empörung als Ausdruck eines Veränderungswillens ist Voraussetzung politischen Wandels.

Aber: ein Skandal kann auch lediglich in Geschrei und Gebrüll ausarten, befeuert durch die Massenmedien, die das in der Bevölkerung weitverbreitete Bedürfnis nach "gesellschaftlicher Reinigung" (ab und an wird ein Sündenbock gekürt, der unter lautem Gejubel der Menge vor die Tore der Stadt geführt und dort erschlagen wird, um die die Gemeinschaft bedrohenden "bösen Kräfte" zu bannen) zu befriedigen suchen.

Ein Skandal hat dann wenig mit Aufklärung und vielmehr mit Verklärung zu tun: wenn man nur am Geschrei teilhat, hat man seinen Teil zum Wohle der Gesellschaft beigetragen. Schnell wird der Skandal dann zur politischen Ware, die dem Konsumenten in Zeiten der (gefühlten oder tatsächlichen) Bedeutungslosigkeit und Unzulänglichkeit des eigenen Handelns ein Wohlgefühl verschafft.

Ein Skandal ist aber in seinen Auswirkungen nie nur einseitig - eine solche Einseitigkeit ist allein schon aufgrund der Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in der Gegenwart unmöglich. Natürlich, reine "Meinungsmache" zielt nur auf rigoroses Aneinandervorbeirreden ab und ist an Dialog nicht wirklich interessiert.

Die Natur der im Artikel genannten Skandale der letzten beiden Jahre zeigt meines Erachtens allerdings auch, dass in Sachen Zivilgesellschaft in der BRD einiges im Argen liegt. Als im Bezug auf ihre eigentliche Problematiken "produktive Skandale" lassen sie sich nicht wirklich bezeichnen.