Der Boden unter den Füßen

Pakistan Taliban und al Qaida nutzen die Flutkatastrophe, um etwas für ihren Anhang und die nächsten Operationen zu tun, bei denen besonders Karatschi ins Visier geraten könnte

Die verhängnisvollste Flutkatastrophe in der Geschichte Pakistans, bei der ein Monsun weite Teile des Landes zerstört und Millionen von Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt hat, ist nicht nur ein menschliches Desaster. Mit diesem Inferno droht das Land, auch politisch und militärisch den Boden unter den Füßen zu verlieren – ein Vorgang, der nicht nur seine regionalen Nachbarn aufs äußerste beunruhigt.

Die Armee ist überfordert, die Generalität erst recht. Mit 30.000 Soldaten im Rettungseinsatz lässt sich dieses nationale Unglück kaum bewältigen. Dabei gleichzeitig noch die in letzter Zeit immer dreister und energischer operierenden, von al Qaida gesteuerten pakistanischen Taliban in Schach zu halten, erweist sich als Ding der Unmöglichkeit. Die Situation droht dem Armeechef General Kayani aus der Hand zu gleiten, während die Gotteskrieger ihre Chance nutzen. Je mehr die Fluten steigen, desto aktiver werden sie. Die Aufständischen kehren in Gebiete zurück, aus denen sie die Armee einst vertrieben hat. Schon zieht Mullah Fazlullah, der totgesagte Führer der Tehrek-e-Taliban, wieder mit seinen Kämpfern im Swat-Tal ein.

In den von der Flut verwüsteten Stammesgebieten im Nordwesten haben islamische Organisationen wie die verbotene Lashkar-e-Taiba und ihre Alliierten Rettungs- und Hilfsarbeiten übernommen. Sie tun damit sehr viel für ihre Massenbasis. Auch Washington spekuliert schließlich unverhohlen auf den Propagandawert großzügiger Hilfsangebote im anti-amerikanisch gestimmten Pakistan, kann jedoch mit dem, was die Islamisten am Ort des Geschehens vorlegen, kaum konkurrieren. Beiden – Amerikanern und islamischer Guerilla – geht es in den Tagen der Apokalypse um mehr, als politisch ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das Chaos bietet ideale Voraussetzungen für militärische Undercover-Aktionen, dabei jedoch sind die Taliban klar im Vorteil.

NATO-Trassen abgeschnitten

In der ehemaligen Nordwest-Frontier-Provinz, die heute Khyber-Pakhoonkhwa heißt, haben die gewaltigen Wassermassen fast alles vernichtet, Tausende von Dörfern aus der Gegend gewaschen, Brücken und Straßen zur Hauptstadt Peshawar zerstört. Es wird Monate dauern, auch nur das Notwendigste zu rekonstruieren. Der totale Zusammenbruch der Infrastruktur hält nicht nur die Armee auf Distanz. Er schneidet auch der NATO in Afghanistan die Hauptversorgungstrassen ab. So dürfte der surge der Monsun-Fluten in den kommenden kritischen Monaten alle größeren Operationen der ISAF verhindern. Die Taliban-Kämpfer, gewohnt auf Schleichpfaden über den Hindukusch einzusickern, werden ihren nun potenzierten strategischen Vorteil zu nutzen wissen.

Der al Qaida-Ableger der Punajabi Taliban soll unter dem Schutz des Chaos bereits große Mengen von Waffen und Sprengstoff ins Punjab gebracht haben. Die reiche, fruchtbare Provinz, deren Agrarzonen im Süden gleichfalls von den Fluten verwüstet sind, droht zum Schauplatz dramatischer Terrorakte zu werden. Der Anschlag auf einen populären Sufi-Schrein im reichen Kulturdomizil Lahore, der das urbane Pakistan im Juli in Wut und Panik versetzte, wird von Sicherheitsexperten als Signal für eine höchst bedrohliche, weil neuartige Form des Guerillakrieges gesehen, in dem al Qaida das Schlachtfeld aus den Stammesgebieten in die Städte verlegt. Es mehren sich Anzeichen dafür, dass in Lahore ein Mega-Attentat – weit verheerender als das von Mumbai im November 2008 – bevorsteht.

Ziel einer Terrorstrategie der multiplen Kriegsschauplätze, die bislang von Khyber-Agency bis Süd-Waziristan erprobt wurde, war es, die pakistanische Armee zu erschöpfen und zu demoralisieren, um ihr jeden Beistand für die USA in Afghanistan auszutreiben und zu verhindern, dass sich Armeechef Kayani womöglich doch noch zum Militärschlag gegen das globale Taliban-Headquarter in Nord-Waziristan pressen lässt. Die nun in Lahore eröffnete Kriegsfront ist die bisher schärfste Waffe in den Händen der Taliban.

Nur ein Streichholz

Aber nicht allein Lahore könnte explodieren. In der Hafenstadt Karatschi, der größten Metropole Pakistans, die mit multinationalen Unternehmen, Banken und Börse das wirtschaftliche und industrielle Zentrum des Landes verkörpert, wurden vor Wochenfrist bei einer blutigen Straßenschlacht zwischen militanten Gruppen und Anhängern der Anti-al-Qaida-Partei Muthahida Quami Movement (MQM) 65 Menschen getötet, Hunderte von Gebäuden demoliert, Autos und Busse verbrannt. Die Unruhen brachen aus, nachdem ein Parlamentsabgeordneter des MQM auf offener Straße ermordet wurde. Das Opfer – ein Urdu schiitischen Glaubens – wie die Täter – sunnitische Paschtunen – rissen nicht nur alte Wunden auf, sondern brachte religiösen und ethnischen Hass zum Überkochen.

Beobachter gehen davon aus, dass al Qaida das Skript für die Szene schrieb und seit einigen Monaten gezielt daran arbeitet, im multiethnischen und multireligiösen Karatschi einen Mehr-Fronten-Bürgerkrieg zu entfesseln. Die MQM, eine säkulare und moderat links-orientierte Partei mit indischen Wurzeln, stand einst der Sowjetunion nahe und näherte sich nach deren Zusammenbruch Washington an. Sie ist die einzige Partei in Pakistan, die den amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ unterstützt, und ging 2008 zusammen mit der nationalistisch paschtunischen Awami National Party (ANP) als Washingtons Favorit in die Parlamentswahlen. Nun ist es ausgerechnet die ANP, die – unter den Einfluss des Baitullah-Mehsud-Clans geraten – gegen die MQM in Stellung gebracht wird.

Bis 2005 gelang es der MQM als Regierungspartei Karatschis, den großen Schmelztiegel der ethnischen und religiösen Gemeinden von Unruhen und islamischem Fanatismus freizuhalten. Ein wachsender Antiamerikanismus lässt sie nun teuer für ihre Position bezahlen und an Macht verlieren – inzwischen scheinen die Dämme gegen die MQM zu brechen.

Für al Qaida haben die Unruhen in Kara­tschi zwei bedeutende Vorteile – die brodelnde Millionenstadt bietet ideale Möglichkeiten des Untertauchens, besonders in Zeiten verschärfter US-Drohnen-Angriffe auf al Qaida-Basen in Waziristan. Auch läuft die Hälfte der NATO-Versorgungsgüter (inklusive Treibstoff) über die Frachtterminals von Karatschi. Bricht die Ordnung in der Stadt, sitzt die NATO in Afghanistan auf dem Trocknen.

So nimmt al Qaidas Drei-Punkte-Strategie in den Tagen der Flut Konturen an: Unter dem Schutz der Katastrophe erstarkt ihr Zugriff auf den Nordwesten. Im Punjab werden Vorbereitungen für neuen Metropolen-Terror getroffen. Und Karatschi wartet nur auf ein Streichholz, um in sektiererischen Flammen aufzugehen. Sobald sich die Fluten zurückziehen und ein weitgehend verwüstetes Land eine Wiederkehr des Alltags sucht, könnte es in Pakistan sehr gefährlich werden.

Ursula Dunckern schreibt seit vielen Jahren für den Freitag über die Region Südasien

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16:10 12.08.2010

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