Der Bodensatz der Spießigkeit

Im Kino Stefan Krohmers "Sommer ´04" zeigt, wie leidenschaftslos in der Atmosphäre absoluter Liberalität den Übertretungen gefrönt wird

Wie wenig dieser Film eine Ferienidylle beschwören will, kündigt schon sein Titel an. Das Versprechen einer an die Filme von Eric Rohmer erinnernden, flirrend-luftigen Atmosphäre wird sogleich von der denkbar knappen kalendarischen Zuordnung nüchtern eingeschränkt. Der Film beschreibt, bevor er überhaupt begonnen hat, bereits eine Bewegung der Zurücknahme. Wie könnte er sich danach noch sinnenfreudig in malerische, einladende Schauplätze versenken?

Der Titel stellt die Chronik eines Lebenskapitel in Aussicht, das noch nicht ganz abgeschlossen ist. Ein bildungsbürgerlich etabliertes Paar hat zum Urlaub an der Schlei auch die neue, gerade erst 12-jährige Freundin ihres 15-jährigen Sohnes eingeladen. Eine familiäre Harmonie, die später in Frage zu stellen wäre, wird gar nicht erst etabliert, allzu deutlich werden die Nahtstellen des elterlichen Lebensentwurfs sichtbar. Mit ostentativer Toleranz und Ernsthaftigkeit begegnen sie den Jugendlichen. Die einander gewährten Freiräume sind pflichtschuldig weit gesteckt, die Handhabe zur Intervention ist äußerst beschränkt. Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke legen einen Bodensatz der Spießigkeit in dieser Liberalität frei, entlarven die Laissez-faire-Attitüde des Vaters (Peter Davor) als sarkastisch und selbstgerecht. Miriam, die Mutter (Martina Gedeck) gerät in einen ursprünglich reizvollen, weil im deutschen Kino eher ungekannten Konflikt: Ihr Gefühl für die übertragene Verantwortung, die vermittelte Aufsichtspflicht wird auf eine Probe gestellt, als sich die Anzeichen verdichten, das junge Mädchen könnte eine Liebschaft mit Bill, einem expatriierten Amerikaner Ende Dreißig (Robert Seeliger) eingehen. Sie selbst fühlt sich ebenfalls angezogen von ihm und begibt sich so in eine befremdliche erotische Rivalität mit einer 12-Jährigen.

Die Fährnisse der anti-autoritären Erziehung erweisen sich in Sommer ´04 als ein prekäres, spannungsloses Erzählterrain. Nichts lässt sich in diesem Arrangement der Toleranz mit Entschiedenheit sagen, es stellt jede Äußerung unter das Vorzeichen des verständnisvollen Widerrufs. Das gelegentliche Machtwort ("Darüber wird jetzt nicht diskutiert") klingt wie eine Anmaßung, die sich nicht lange aufrechterhalten lässt. So etwas wie Leinwandautorität ist keiner der Figuren und keinem ihrer Darsteller gestattet.

Das Körperspiel erzählt in diesem Film von der Schwierigkeit, eine Haltung zu finden, für sich selbst einstehen zu können. Es wird bestimmt von der Verlegenheit. Der Schauspieler sind unablässig mit beiläufigen Verrichtungen beschäftigt. Dieser Bezug auf die Requisiten (und sich selbst) besiegelt keine entspannte Besitznahme der physischen Realität eines fremdem Ortes. Er vollzieht sich ohne gestische Selbstverständlichkeit, wirkt vielmehr wie ein Alibi für die eigene Leinwandpräsenz. Gern verweilt die Kamera bei den Leerstellen, die befreit sind von dem Druck, sich zu einer Reaktion aufraffen zu müssen. Niemandem ist es in diesem Film geheuer, zu handeln.

Diese Unentschlossenheit ist in einem Drehbuch grundiert, das selbst in einem Stadium des Zögerns befangen ist. Es gibt die Suche nach "starken" Momenten, einem robusteren Handlungsgerüst jeweils vor Erreichen des Ziels auf, steckt voller Bögen, die nie recht geschlagen werden. Ihm fehlt der Mut zum Melodram. Wie aus dieser sich milieunah gebenden Generationenstudie eine Geschichte von Faszination und Begehren werden soll, ist ein Rätsel, auf dass Nocke und Krohmer keine Antwort finden, weil sie in ihrem temperamentarmen Zugriff verharren. Den Schauspielern sind erstaunlich sperrige Dialoge auferlegt, über deren Syntax sie zuweilen nur ein gnädiger Schnitt hinweg rettet. Den Sprung von der sachlich-strengen Befragung des vermeintlichen Verführers zur Flirtlaune bewältigt Martina Gedeck mit allenfalls hinreichendem Elan, zumal sie auf einen Partner reagieren muss, dessen Leinwandaura eine klägliche Leerstelle markiert. Bill kokettiert mit dem Bild des grüblerischen Sonnyboy, des spirituell Suchenden. Aber wie soll man dem sportlichen Amerikaner den Abscheu vor dem dumpfen Materialismus seiner Landsleute abnehmen, wo seinem Darsteller kein Ausdruck zu Gebot steht, der auch nur eine Ahnung weckt von intellektueller Neugierde oder einem sonstwie reichen Innenleben?

Kaum je will sich das Drehbuch zu einer kinohaften Prägnanz durchringen. Die entscheidenden Wendungen, einen tödlich ausgehende Segelunfall und einen Brief, der im Epilog eine überraschende Perspektive auf die Ereignisse eröffnen soll, bleiben ins Reich der Behauptung verwiesen. Dieses erzählerische Konzept ist eines der Vermeidung, nicht der entschiedenen Verweigerung. Darin findet Stefan Krohmer enge Berührungspunkte zur Ästhetik der "Berliner Schule". Er folgt deren schimärenhafter Auffassung einer Lebensnähe, die sie sich nur karg und schmucklos vorstellen mag. Er versagt den Szenen den Spannungsaufbau, verzichtet auf eine atmosphärische Untermalung durch Musik. Patrick Orths Kadrierung schlägt das klassische Ebenmaß aus, zeigt Figuren oft nur im Anschnitt, verdammt sie am Bildrand zu einer uneigentlichen Präsenz. Die Montage nimmt den Worten und Bewegungen ihre Integrität, oft wird mitten in einer Silbe, einer Geste geschnitten. Die Ellipsen sind kein Indiz erzählerischer Ökonomie, sondern Zäsuren. Die filmische Realität wird zu einer Erfahrung des ausgeschlagenen Erlebens, wenn man um jeden Preis dem protestantischen Stildiktat des aktuellen deutschen Autorenfilms genügen will.


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00:00 27.10.2006

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