Der Brandbeschleuniger

Regenwald Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist nur ein Teil einer mächtigen Allianz gegen Amazonien
Der Brandbeschleuniger
Der brennende Amazonas-Regenwald mit seiner Biodiversität und seinen Wasservorräten ist nicht weniger als ein Symbol für den Niedergang unserer Erde

Foto: Victor Moriyama/Getty Images

Amazonien brennt. Im Brasilien des rechtspopulistischen Jair Bolsonaro, im Peru des liberalen Martín Vizcarra, im Bolivien des linkspopulistischen Evo Morales. Und wo es nicht brennt – wie in Ecuador, Venezuela oder Kolumbien –, sorgen Staudämme, Goldgräber, die Holzmafia oder Ölfirmen für verschmutzte Flüsse und Vertreibungen. Amazonien stirbt seit Jahren einen langsamen Tod, ohne dass die Weltöffentlichkeit groß davon Notiz nimmt. Mal fällt der Wald etwas langsamer, in diesem Jahr etwas schneller. Natürlich hat das mit Jair Bolsonaro zu tun. Bolsonaro hat schon im Wahlkampf versprochen, die Reichtümer des Amazonas zu erschließen, ohne Rücksicht auf Natur- oder Indigenenschutzgebiete. Dass die Waldbrände, die Landspekulanten jedes Jahr zu Beginn der Trockenzeit im August legen, 2019 bislang um 35 Prozent zugenommen haben, ist wenig überraschend. Es war Mord mit Ansage.

Bolsonaro ist ein ungebildeter Antipath und ein idealer Prügelknabe. Doch viel gefährlicher sind seine Hintermänner, denn ihre Allianz ist groß und mächtig. Die Brasilianer nennen sie „Bancada da Bala, Boi e Bíblia“, gemeint ist die parteiübergreifende Kongressfraktion aus Großgrundbesitzern (vor allem Sojabaronen), Militärs und Evangelikalen. Letztere sind nur vorgeblich ums Seelenheil bemüht, in Wirklichkeit verstecken sich hinter den Hunderten von Freikirchen skrupellose neureiche Geschäftsimperien. Dem Militär geht es darum, die Souveränität Brasiliens über die Schätze des Amazonas zu untermauern – dabei stören grenzübergreifende indigene Völker und menschenleere Naturschutzgebiete. Diese Abholzerfraktion hatte schon immer Einfluss auf die Regierung. „Aber heute stellt sie die Regierung“, sagt die brasilianische Journalistin Eliane Brum.

Es ist eine Allianz, die sich vieler Tausender Helfershelfer bedient. Sie beginnt mit den skrupellosen Abenteurern, die den Wald abbrennen, Indigene korrumpieren und Kritiker ermorden. Sie sind aus anderen Gegenden Brasiliens in den Amazonas gekommen, um dort rasch zu Reichtum zu kommen. Und dafür braucht man am Amazonas, wo die Böden sehr nährstoffarm sind, Land. Viel Land. Unter tausend Hektar ist hier nicht gewinnbringend zu wirtschaften, zumindest nicht mit Soja und Rindvieh, den beiden dominanten Produkten. Doch trotz aller Gier sind diese Bauern nur ein Rädchen in einem System. Die Großen kommen ganz und gar zivilisiert daher, in Krawatte und Anzug, notieren an Börsen und drucken Geschäftsberichte auf Umweltpapier.

In Marabá zum Beispiel steht einer der größten Schlachthöfe des brasilianischen Fleischmultis JBS, in Santarem wird gerade der größte Sojahafen Brasiliens vom US-Foodkonzern Cargill gebaut. Was dort geschlachtet wird, landet auch auf deutschen Grills. Was dort verschifft wird, landet auch in den Mägen deutscher Schweine, die gemästet und dann nach China verkauft werden. Die Preise, zu denen diese Geschäfte stattfinden, werden von Spekulanten bestimmt, an der Getreidebörse von Chicago beispielsweise. Hinter der Abholzung steckt die erbarmungslose Logik des globalisierten Raubtierkapitalismus. Wo alles einen Preis und nichts einen Wert hat. Wo Wirtschaftswachstum gleichgesetzt wird mit Entwicklung. Amazonien, mit seinen Millionen Hektar Land, mit seiner Biodiversität, mit seinen Wasservorräten, ist die letzte Grenze des Profitstrebens – und seine Zerstörung unser Ende.

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06:00 30.08.2019
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