Der bügelt es einfach glatt

Porträt António Guterres wird nächster UN-Generalsekretär. Der Portugiese versteht sich auf Konspiration wie Dialog
Der bügelt es einfach glatt
Ein Dachboden diente ihm als Zentrale, um drei Parteichefs zu stürzen

Bild: Imago/Reporters

Sanft lächelnd blickte mich António Guterres an, als ich halb stotternd versuchte, eine verständliche Frage zu formulieren. Es war der Herbst 1995, nach dem Mittagessen mit einer kleinen Gruppe der Partido Socialista, wenige Wochen später würde deren Spitzenkandidat Guterres die Wahlen gewinnen und der neue Regierungschef Portugals werden. Meinen verschachtelten Satz brachte ich damals nicht zu Ende. Am Tejo-Ufer in Lissabon nahm António Guterres mich Reporter beim Arm, tapste mir freundlich auf die Hand, während er die unvollständige Frage mit der bedeckten Stimme eines fürsorglichen Priesters im Beichtstuhl ausführlich beantwortete. Ich, der damals unerfahrene Journalist, bin ihm dafür bis heute dankbar. So ist Guterres immer: ein freundlicher, wortbeflissener, hilfsbereiter und bescheidener Humanist. Oder nicht?

Den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen jedenfalls hat Guterres überzeugt; Vertreter der 15 Mitgliedsstaaten haben sich auf ihn als Nachfolger von Ban Ki-moon als UN-Generalsekretär geeinigt. Die vor dem Amtsantritt am 1. Januar 2016 nötige Bestätigung durch die Generalversammlung gilt als sicher. Viele hatten mit einer Frau auf dem Posten gerechnet, zudem mit jemandem aus Osteuropa. Die einmütige Entscheidung des Sicherheitsrates für Guterres’ kam dann durchaus überraschend, im Angesicht tiefster Zerrissenheit, wie sie mit Blick auf Syrien gerade offen zutage tritt.

In der kollektiven Erinnerung Portugals gilt Guterres Zeit als Premierminister zwischen 1995 und 2001 als eine des Wohlstands, der Harmonie und des Dialogs. Aber die Richtung war schon damals vorgegeben: Es wehten starke wirtschaftsliberale Winde, Guterres wusste, dass das Land wegen des Euros finanzpolitisch in einer Zwangsjacke steckte, wirtschaftlich auf extrem schwachen Füßen stand und sich politisch in der Hand von zum Teil korrupten Interessengruppen befand, allen voran in der der Banken.

Wegen eines schweren Schwindelsyndroms hatte er schon in den ersten Monaten seiner Regierungszeit mehrmals im Krankenhaus behandelt werden müssen; stressbedingt seien die Gleichgewichtsstörungen, hieß es aus seinem Umfeld; er käme nicht gut mit der Macht zurecht, auf die er so lange hingearbeitet hatte. Von panikartiger Furcht, Entscheidungen zu treffen, war die Rede. Guterres versuchte, es allen recht zu machen. Seine Regierungszeit war ein einziger, endloser Dialog.

Als seine Partei bei Kommunalwahlen 2001 vier Prozentpunkte und 14 Oberbürgermeisterposten verlor, trat Guterres zurück, obwohl er selbst fest im Sattel saß. „Wenn ich weiter Premierminister bliebe, was ich verfassungsmäßig tun könnte, würde das Land unweigerlich in einem politischen Sumpf untergehen“, sagte er, was bis heute so interpretiert wird, dass er den Glauben an seine Fähigkeiten, den ja schon existierenden Sumpf trockenlegen zu können, verloren hatte. Es war eine Flucht.

Guterres blieb Präsident der Sozialistischen Internationale und ging in die Slums von Lissabon; der studierte Elektroingenieur gab dort Nachhilfeunterricht in Mathematik. Vor allem aber tauchte er wieder vermehrt dort auf, wo seine politischen Wurzeln liegen: bei den Katholiken. Wie sein enger Freund, der amtierende konservative Präsident Portugals Marcelo Rebelo de Sousa (der Freitag 39/2016), gehörte Guterres Anfang der 1970er Jahre der katholischen Elitegruppe Grupo da Luz und der Juventude Universitária Católica, der „Katholischen Jugend der Universität“, an.

Zudem hatte er zu Zeiten der Diktatur Gruppen der faschistischen Jugendorganisation Mocidade Portuguesa in Moral unterrichtet. Aber 1973, ein Jahr vor der Nelkenrevolution, entschied er sich gegen eine Einladung der ultrakonservativen Katholiken-Organisation Opus Dei und für die in Bonn mit Hilfe deutscher Sozialdemokraten gegründete Partido Socialista. Selbige entwickelte sich dann nach der Revolution mit finanzieller Unterstützung aus den USA und Deutschland von einer Kader- zu einer Volkspartei.

Bevor António Guterres Parteichef wurde, konspirierte er in Geheimsitzungen auf einem Dachboden mit anderen Mitgliedern gegen den Übervater der Partei, Mário Soares, und demontierte Anfang der 90er auf die gleiche Weise nacheinander zwei Vorsitzende der PS: Vítor Constâncio, heute Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, und dann Jorge Sampaio, später Staatspräsident. Nun ergriff Guterres selbst den Parteivorsitz. Und obwohl jeder Politikstudent die Dachboden-Intrigen kennt, hat er bis heute keine nennenswerten politischen Gegner in Portugal.

Guterres ist der geborene Netzwerker. Den langen Weg zum Parteivorsitz kennzeichnete, dass er jeden Ortsvorsitzenden anrief oder Kärtchen schickte, sei es um zum Hochschulabschluss einer Tochter zu gratulieren oder um sich nach dem Gesundheitszustands eines Sohnes zu erkunden. Ähnlich erfolgreich verlief seine internationale Kontaktpflege: 2005 gab er die Präsidentschaft der Sozialistischen Internationale auf, um sich in den folgenden zehn Jahren als UN-Hochkommissar für Flüchtlinge die Meriten zu verdienen, die ihn nun als Generalsekretär prädestinieren. Bis 2005 lebte er in Portugal, war nebenher so hochbezahlter wie abwesender Berater der landesgrößten, staatseigenen Bank CGD.

In Portugal hörte man von ihm danach nur, wenn er mit Hollywood-Stars wie Angelina Jolie in Zelt- und Barackenlagern in Afrika vor Fotografen aufgetreten war. Die Portugiesen wussten: Einer von uns ist draußen in der Welt und mischt mit. Das reichte dem Land.

Doch wenn jemand Despoten aus Afrika, Nationalisten aus Europa und Verächter der Menschenrechte aus Asien an einen Tisch bringen kann, dann António Guterres. Seine Dialogfähigkeit bügelt einfach alles glatt.

06:00 18.10.2016
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