Der Bumerang des Westens

Terror Mit militärischen Mitteln ist der „Islamische Staat“ nicht zu besiegen. Es gibt einen Weg – aber der erfordert politischen Mut

Die Politik des Westens hat den „Islamischen Staat“ (IS) zuletzt militärisch nicht mehr sehr ernst genommen. Schließlich hatte er im Irak wichtige Städte verloren. Die Schlacht um Mosul galt als Schlusskapitel einer doch recht flüchtigen Episode. So schnell, wie der IS am Firmament des Mittleren Ostens aufgetaucht war, schien er unterzugehen. Erneut irrte die westliche Politik. Sie hat den IS bis heute nicht verstanden. Als Staat ist der IS zwar so gut wie tot. Doch als mächtige Terror-Organisation wird er noch lange leben. Unter welchem Namen auch immer. Mit Bombenkriegen und Totalüberwachung der eigenen Bevölkerung werden wir ihn nicht besiegen.

Die IS-Terroristen, mit denen ich Ende 2014 in Rakka und Mosul zehn gespenstische Tage verbrachte, verfolgten vier Ziele:

1. Schaffung eines großen „Islamischen Staates“ – auch wenn dieser letztlich mit dem Islam so wenig zu tun hatte wie der Ku-Klux-Klan mit dem Christentum. Bewertung: Projekt weitgehend gescheitert.

2. Gründung der schlagkräftigsten Terror-Organisation der Welt – mit der Fähigkeit, weltweit jederzeit Anschläge zu verüben und als Guerilla-Armee immer wieder Städte im Mittleren Osten zu besetzen, um die jeweilige Staatsmacht zu destabilisieren. So wie mit den Terroranschlägen auf den Berliner Weihnachtsmarkt und den Istanbuler Nachtclub oder kurz zuvor mit der völlig unerwarteten Rückeroberung der Wüstenstadt Palmyra. Bewertung: Mission gelungen.

3. Provokation des Westens zum Eintritt in einen endlosen, nicht zu gewinnenden Krieg; zu einer Überreaktion, die auf Dauer die Glaubwürdigkeit der Werte des Westens gefährden würde. So wie Bin Laden den Westen in die afghanische Falle gelockt hatte, in der er noch immer steckt. Bewertung: zunehmend erfolgreich.

4. Spaltung der westlichen Gesellschaft durch islamisch getarnte Anschläge. Sie sollen Hass gegen Muslime erzeugen und einen Keil in unsere Gesellschaft treiben. Bewertung: wachsender Erfolg. Siehe das weltweite Erstarken antiislamischer Bewegungen und Parteien, die nicht erkennen, dass sie nützliche Idioten der Spaltungsstrategie des IS sind.

Der IS ist eine Ideologie. Ideologien kann man nicht erschießen. Trotzdem bekämpfen die USA und zuletzt auch Russland den IS in erster Linie mit Bomben. Obwohl sie wissen, dass diese Strategie Hauptursache des explosionsartigen Erstarkens des Terrorismus im Mittleren Osten ist. Weil in der Regel 90 Prozent der Bomben-Opfer Zivilisten sind, sind die Kriege des Westens Terrorzuchtprogramme. Zu Beginn der „Anti-Terror-Kriege“ 2001 gab es in den Höhlen des Hindukusch einige hundert international gefährliche Terroristen. Heute gibt es im Mittleren Osten mehr als 100.000.

Immer häufiger schlagen IS-Terroristen auch im Westen zu. Aber nicht weil der IS im Irak militärisch unter Druck steht, wie manche „Terrorexperten“ meinen. Sondern weil Anschläge im Westen Teil seiner Strategie sind. Der Sprecher des IS, Abu Mohammad al-Adnani, forderte schon im September 2014 alle IS-Sympathisanten im Westen auf, wenn sie schon keine Bomben oder Kugeln hätten, dann sollten sie eben die Schädel der Feinde mit einem Stein zerschmettern, sie mit dem Messer schlachten oder mit dem Auto überfahren. Der IS hat aus seiner mörderischen Strategie nie ein Geheimnis gemacht.

Unterschiedliche Maßstäbe

Die unmenschliche Brutalität der IS-Anschläge raubt uns dennoch immer wieder den Atem. Aber sind unsere Bomben menschlicher? Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat das Phänomen der unterschiedlichen Maßstäbe, die an Krieg und Terror angelegt werden, in den 60er Jahren am Beispiel des Algerienkrieges analysiert. Resigniert stellte er fest: „Wir verstehen nicht, dass ihre Gewalt unsere eigene Gewalt ist, die wie ein Bumerang auf uns zurückschlägt.“

Die westliche Welt hat diesen Bumerang-Effekt bis heute nicht verstanden. Ich war 1960 während jenes grauenvollen Krieges in Algier und Constantine. Die Ähnlichkeit der Brutalität der Franzosen und der Brutalität der algerischen Freiheitskämpfer war mit Händen zu greifen. Und doch war ihre Gleichstellung ein gesellschaftliches Tabu. Wie heute jeder Vergleich westlicher Kriege mit dem durch sie hervorgerufenen Terrorismus.

Die westliche Welt war in der Neuzeit immer gewalttätiger als die muslimische Welt. Über 60 Mal hat der Westen in den letzten 220 Jahren ein muslimisches Land angegriffen. Seit 1980 haben allein die USA 14 muslimische Länder überfallen, besetzt oder bombardiert. Nicht ein einziges Mal griff in den letzten zwei Jahrhunderten ein muslimisches Land den Westen an.

Al-Qaida und der IS haben in den letzten 20 Jahren mit ihren Terroranschlägen im Westen rund 5.000 Menschen ermordet. Inklusive der Anschläge vom 11. September 2001. Wir haben uns zu Recht über diese Anschläge entsetzt. Weil mit jedem Leben ein menschliches Universum, eine Welt starb. Aber der Westen hat laut der Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ seit 2001 allein im Irak, in Afghanistan und in Pakistan den Tod von 1,3 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Doch es waren eben „nur“ Iraker, Afghanen, Pakistaner.

Und so bombt der Westen weiter und immer weiter. Er bekämpft damit den Terrorismus mit seiner Hauptursache. Deutschland macht mit, unsere Aufklärungs-Tornados liefern die Ziele, die überwiegend amerikanische Bomber anschließend auslöschen. 2016 wurden von der US-geführten 60-Mächte-Koalition im Irak die sunnitischen Städte Tikrit, Ramadi, Falludscha, Schirqat, Baidschi, Kajara, al-Kaim und zunehmend auch Teile von Mosul in Ruinenlandschaften verwandelt. Mit deutscher Unterstützung. Hunderttausende Bewohner verloren ihre gesamte Habe, Zehntausende starben.

Doch was heißt das schon angesichts der prall gefüllten Auftragsbücher, die die US-Bombenkriege der amerikanischen Rüstungsindustrie bescheren? Während sich der US-Aktien-Index S&P 500 von Ende 2001 bis Ende 2016 knapp verdoppelte, versiebenfachte sich der Arca-Rüstungswerte-Index der großen US-Waffenschmieden. Krieg scheint sich richtig zu lohnen – zumindest für die Rüstungsindustrie und ihre Aktionäre.

Von den endlosen Massakern des Westens im Irak und in Syrien liest und hört man bei uns kaum etwas. Die amerikanischen Gräueltaten passen nicht zu unserem Selbstverständnis als „Verteidiger westlicher Werte“. Sogar unsere Kanzlerin schwärmte am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, von der „Befreiung“ Mosuls. Ahnungslosigkeit, Zynismus, doppelte Moral?

Es ist wahr: Bis zu 10.000 syrische Zivilisten starben seit September 2015 durch die Bomben Russlands in Ost-Aleppo und Idlib. Die Kanzlerin kritisiert den Tod dieser Zivilisten zu Recht. Ich auch. Ohne Wenn und Aber.

Aber 40.000 irakische Zivilisten – mindestens viermal so viel – starben seit August 2014 durch die Bomben der US-geführten Koalition. Davon allein 15.000 in der Region Mosul. Die deutsche Bundesregierung sitzt wie der gesamte westliche Mainstream in der ‚„Fankurve“ der USA und betreibt „Fankurven-Politik“: Danach sind amerikanische Bomben gute Bomben, russische Bomben böse Bomben. Moralische Objektivität darf man von Fans nicht erwarten.

Analytische Ehrlichkeit auch nicht? Große Teile des IS entkamen, als die USA die vom IS besetzten und terrorisierten sunnitischen Städte zerstörten. Aus Ramadi, das ich gut kenne, konnten über 80 Prozent der IS-Kämpfer entkommen. Mit Geld geht im Irak vieles. Sie kämpfen jetzt in anderen Regionen des Irak oder gingen ins Ausland. Im Irak schlossen sich ihnen zahllose junge Männer an. Aus Rache für die Zerstörung ihrer Häuser und die Tötung ihrer Angehörigen. Der amerikanische Systemkritiker Noam Chomsky nennt die USA „Weltmeister im Erzeugen von Terrorismus“.

Eine neue Strategie

Die US-Propaganda erzählt trotzdem weiter ihre Kriegs- und Erfolgsmärchen. 50.000 IS-Terroristen wollen die USA nach Angaben des Pentagons getötet haben. Getötet haben sie nach Recherchen Einheimischer weniger als 10.000. Eine intelligente Anti-Terror-Strategie würde völlig anders aussehen als das mörderische Bombardieren der letzten Jahre. Sie würde versuchen, die Konflikte mit der muslimischen Welt, anders als in der Vergangenheit, fair und gerecht zu lösen. In einer fairen Welt hätte der Terrorismus keine Chance. Der konkrete Antiterror-Kampf müsste sich auf Spezialkräfte stützen, die ihr eigenes Leben und nicht in erster Linie das der Zivilbevölkerung riskieren, auf Unterwanderung, auf nachrichtendienstliche Kooperation auch mit „verfeindeten“ Staaten wie Iran oder Syrien, auf einen Stopp der nicht endenden völkerrechtswidrigen Geld- und Waffenlieferungen an Rebellen und Terroristen – und im Irak vor allem auf die Zusammenarbeit mit der einheimischen sunnitischen Minderheit, in der die Terroristen schwimmen wie Fische im Wasser.

Die Sunniten des Irak wären bereit, das Problem des sunnitisch getarnten IS relativ schnell zu lösen. Wie schon einmal 2007. Wenn sie im Rahmen einer nationalen Aussöhnung die gleichen Rechte bekämen wie die schiitische Mehrheit. Ihre Führer haben das dem Weißen Haus detailliert schriftlich mitgeteilt. Ich war der Bote dieses Angebots. Sie haben nicht einmal einen Termin bekommen. Bombardieren ist einfacher, denken die Weltstrategen in Washington. Und züchten weiter Terrorismus.

Der Westen verpasst dadurch eine große Chance. Wenn amerikanische Überschallflugzeuge den „Islamischen Staat“ in den Untergrund bomben, schaffen sie eine neue Legende. Die Überlebenden werden sich als Helden stilisieren, die durch ein Stahlbad gegangen sind. Als neue Terror-Elite. Aber von irakischen Sunniten, von der eigenen Glaubensgemeinschaft, zum Teufel gejagte IS-Terroristen wären Verlierer, Versager. Sie würden ihre Aura verlieren. Und wären endlich wirklich geschlagen.

Doch wollen die USA den Terrorismus überhaupt endgültig beseitigen? Der Terrorismus ist schließlich ein perfekter Vorwand für die Ressourcen-orientierte Interventionspolitik der USA. Und für vieles mehr. Schließlich gab es im Westen in den letzten 20 Jahren nicht nur 5.000 Terror-Opfer, sondern auch weit über 400.000 Opfer nicht terroristischer Morde und Totschlagsdelikte. Auch damit hatte man gelernt zu leben. War es nur ein Versprecher, als der damalige US-Generalstabschef Colin Powell nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seufzte: „Mir gehen die Dämonen aus. Mir fehlen die Schurken“? Oder hatte er für einen Augenblick durchblicken lassen, wie wichtig Feindbilder für die US-Außenpolitik sind?

2007 begegnete ich in Ramadi einem jungen Kämpfer von „al-Qaida im Irak“, der Vorgänger-Organisation des IS. Der bleiche, schüchterne Student sah ganz und gar nicht wie ein Terrorist aus. Entgeistert fragte ich ihn, warum er sich ausgerechnet der barbarischsten Terror-Organisation angeschlossen hatte. Schließlich gab es im Irak damals zahlreiche andere, nicht terroristische Widerstandsbewegungen.

Stockend erzählte er, dass amerikanische Soldaten seine Mutter bei einer Hausdurchsuchung vor seinen Augen erschossen hätten. Sie habe sich vor die eindringenden Soldaten geworfen und sie angefleht, nicht auch noch das bisschen Hausrat, das sie besaßen, zu zerstören. Nach einer langen Pause fragte ich ihn, wie man trotz allem irgendwann die Gewaltspirale aus Krieg und Terrorismus beenden könne. Leise antwortete er: „Verschwindet aus unseren Ländern. Dann wird auch der Terrorismus verschwinden.“

06:00 11.01.2017

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