Jürgen Todenhöfer
Ausgabe 0117 | 11.01.2017 | 06:00 58

Der Bumerang des Westens

Terror Mit militärischen Mitteln ist der „Islamische Staat“ nicht zu besiegen. Es gibt einen Weg – aber der erfordert politischen Mut

Die Politik des Westens hat den „Islamischen Staat“ (IS) zuletzt militärisch nicht mehr sehr ernst genommen. Schließlich hatte er im Irak wichtige Städte verloren. Die Schlacht um Mosul galt als Schlusskapitel einer doch recht flüchtigen Episode. So schnell, wie der IS am Firmament des Mittleren Ostens aufgetaucht war, schien er unterzugehen. Erneut irrte die westliche Politik. Sie hat den IS bis heute nicht verstanden. Als Staat ist der IS zwar so gut wie tot. Doch als mächtige Terror-Organisation wird er noch lange leben. Unter welchem Namen auch immer. Mit Bombenkriegen und Totalüberwachung der eigenen Bevölkerung werden wir ihn nicht besiegen.

Die IS-Terroristen, mit denen ich Ende 2014 in Rakka und Mosul zehn gespenstische Tage verbrachte, verfolgten vier Ziele:

1. Schaffung eines großen „Islamischen Staates“ – auch wenn dieser letztlich mit dem Islam so wenig zu tun hatte wie der Ku-Klux-Klan mit dem Christentum. Bewertung: Projekt weitgehend gescheitert.

2. Gründung der schlagkräftigsten Terror-Organisation der Welt – mit der Fähigkeit, weltweit jederzeit Anschläge zu verüben und als Guerilla-Armee immer wieder Städte im Mittleren Osten zu besetzen, um die jeweilige Staatsmacht zu destabilisieren. So wie mit den Terroranschlägen auf den Berliner Weihnachtsmarkt und den Istanbuler Nachtclub oder kurz zuvor mit der völlig unerwarteten Rückeroberung der Wüstenstadt Palmyra. Bewertung: Mission gelungen.

3. Provokation des Westens zum Eintritt in einen endlosen, nicht zu gewinnenden Krieg; zu einer Überreaktion, die auf Dauer die Glaubwürdigkeit der Werte des Westens gefährden würde. So wie Bin Laden den Westen in die afghanische Falle gelockt hatte, in der er noch immer steckt. Bewertung: zunehmend erfolgreich.

4. Spaltung der westlichen Gesellschaft durch islamisch getarnte Anschläge. Sie sollen Hass gegen Muslime erzeugen und einen Keil in unsere Gesellschaft treiben. Bewertung: wachsender Erfolg. Siehe das weltweite Erstarken antiislamischer Bewegungen und Parteien, die nicht erkennen, dass sie nützliche Idioten der Spaltungsstrategie des IS sind.

Der IS ist eine Ideologie. Ideologien kann man nicht erschießen. Trotzdem bekämpfen die USA und zuletzt auch Russland den IS in erster Linie mit Bomben. Obwohl sie wissen, dass diese Strategie Hauptursache des explosionsartigen Erstarkens des Terrorismus im Mittleren Osten ist. Weil in der Regel 90 Prozent der Bomben-Opfer Zivilisten sind, sind die Kriege des Westens Terrorzuchtprogramme. Zu Beginn der „Anti-Terror-Kriege“ 2001 gab es in den Höhlen des Hindukusch einige hundert international gefährliche Terroristen. Heute gibt es im Mittleren Osten mehr als 100.000.

Immer häufiger schlagen IS-Terroristen auch im Westen zu. Aber nicht weil der IS im Irak militärisch unter Druck steht, wie manche „Terrorexperten“ meinen. Sondern weil Anschläge im Westen Teil seiner Strategie sind. Der Sprecher des IS, Abu Mohammad al-Adnani, forderte schon im September 2014 alle IS-Sympathisanten im Westen auf, wenn sie schon keine Bomben oder Kugeln hätten, dann sollten sie eben die Schädel der Feinde mit einem Stein zerschmettern, sie mit dem Messer schlachten oder mit dem Auto überfahren. Der IS hat aus seiner mörderischen Strategie nie ein Geheimnis gemacht.

Unterschiedliche Maßstäbe

Die unmenschliche Brutalität der IS-Anschläge raubt uns dennoch immer wieder den Atem. Aber sind unsere Bomben menschlicher? Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat das Phänomen der unterschiedlichen Maßstäbe, die an Krieg und Terror angelegt werden, in den 60er Jahren am Beispiel des Algerienkrieges analysiert. Resigniert stellte er fest: „Wir verstehen nicht, dass ihre Gewalt unsere eigene Gewalt ist, die wie ein Bumerang auf uns zurückschlägt.“

Die westliche Welt hat diesen Bumerang-Effekt bis heute nicht verstanden. Ich war 1960 während jenes grauenvollen Krieges in Algier und Constantine. Die Ähnlichkeit der Brutalität der Franzosen und der Brutalität der algerischen Freiheitskämpfer war mit Händen zu greifen. Und doch war ihre Gleichstellung ein gesellschaftliches Tabu. Wie heute jeder Vergleich westlicher Kriege mit dem durch sie hervorgerufenen Terrorismus.

Die westliche Welt war in der Neuzeit immer gewalttätiger als die muslimische Welt. Über 60 Mal hat der Westen in den letzten 220 Jahren ein muslimisches Land angegriffen. Seit 1980 haben allein die USA 14 muslimische Länder überfallen, besetzt oder bombardiert. Nicht ein einziges Mal griff in den letzten zwei Jahrhunderten ein muslimisches Land den Westen an.

Al-Qaida und der IS haben in den letzten 20 Jahren mit ihren Terroranschlägen im Westen rund 5.000 Menschen ermordet. Inklusive der Anschläge vom 11. September 2001. Wir haben uns zu Recht über diese Anschläge entsetzt. Weil mit jedem Leben ein menschliches Universum, eine Welt starb. Aber der Westen hat laut der Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ seit 2001 allein im Irak, in Afghanistan und in Pakistan den Tod von 1,3 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Doch es waren eben „nur“ Iraker, Afghanen, Pakistaner.

Und so bombt der Westen weiter und immer weiter. Er bekämpft damit den Terrorismus mit seiner Hauptursache. Deutschland macht mit, unsere Aufklärungs-Tornados liefern die Ziele, die überwiegend amerikanische Bomber anschließend auslöschen. 2016 wurden von der US-geführten 60-Mächte-Koalition im Irak die sunnitischen Städte Tikrit, Ramadi, Falludscha, Schirqat, Baidschi, Kajara, al-Kaim und zunehmend auch Teile von Mosul in Ruinenlandschaften verwandelt. Mit deutscher Unterstützung. Hunderttausende Bewohner verloren ihre gesamte Habe, Zehntausende starben.

Doch was heißt das schon angesichts der prall gefüllten Auftragsbücher, die die US-Bombenkriege der amerikanischen Rüstungsindustrie bescheren? Während sich der US-Aktien-Index S&P 500 von Ende 2001 bis Ende 2016 knapp verdoppelte, versiebenfachte sich der Arca-Rüstungswerte-Index der großen US-Waffenschmieden. Krieg scheint sich richtig zu lohnen – zumindest für die Rüstungsindustrie und ihre Aktionäre.

Von den endlosen Massakern des Westens im Irak und in Syrien liest und hört man bei uns kaum etwas. Die amerikanischen Gräueltaten passen nicht zu unserem Selbstverständnis als „Verteidiger westlicher Werte“. Sogar unsere Kanzlerin schwärmte am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, von der „Befreiung“ Mosuls. Ahnungslosigkeit, Zynismus, doppelte Moral?

Es ist wahr: Bis zu 10.000 syrische Zivilisten starben seit September 2015 durch die Bomben Russlands in Ost-Aleppo und Idlib. Die Kanzlerin kritisiert den Tod dieser Zivilisten zu Recht. Ich auch. Ohne Wenn und Aber.

Aber 40.000 irakische Zivilisten – mindestens viermal so viel – starben seit August 2014 durch die Bomben der US-geführten Koalition. Davon allein 15.000 in der Region Mosul. Die deutsche Bundesregierung sitzt wie der gesamte westliche Mainstream in der ‚„Fankurve“ der USA und betreibt „Fankurven-Politik“: Danach sind amerikanische Bomben gute Bomben, russische Bomben böse Bomben. Moralische Objektivität darf man von Fans nicht erwarten.

Analytische Ehrlichkeit auch nicht? Große Teile des IS entkamen, als die USA die vom IS besetzten und terrorisierten sunnitischen Städte zerstörten. Aus Ramadi, das ich gut kenne, konnten über 80 Prozent der IS-Kämpfer entkommen. Mit Geld geht im Irak vieles. Sie kämpfen jetzt in anderen Regionen des Irak oder gingen ins Ausland. Im Irak schlossen sich ihnen zahllose junge Männer an. Aus Rache für die Zerstörung ihrer Häuser und die Tötung ihrer Angehörigen. Der amerikanische Systemkritiker Noam Chomsky nennt die USA „Weltmeister im Erzeugen von Terrorismus“.

Eine neue Strategie

Die US-Propaganda erzählt trotzdem weiter ihre Kriegs- und Erfolgsmärchen. 50.000 IS-Terroristen wollen die USA nach Angaben des Pentagons getötet haben. Getötet haben sie nach Recherchen Einheimischer weniger als 10.000. Eine intelligente Anti-Terror-Strategie würde völlig anders aussehen als das mörderische Bombardieren der letzten Jahre. Sie würde versuchen, die Konflikte mit der muslimischen Welt, anders als in der Vergangenheit, fair und gerecht zu lösen. In einer fairen Welt hätte der Terrorismus keine Chance. Der konkrete Antiterror-Kampf müsste sich auf Spezialkräfte stützen, die ihr eigenes Leben und nicht in erster Linie das der Zivilbevölkerung riskieren, auf Unterwanderung, auf nachrichtendienstliche Kooperation auch mit „verfeindeten“ Staaten wie Iran oder Syrien, auf einen Stopp der nicht endenden völkerrechtswidrigen Geld- und Waffenlieferungen an Rebellen und Terroristen – und im Irak vor allem auf die Zusammenarbeit mit der einheimischen sunnitischen Minderheit, in der die Terroristen schwimmen wie Fische im Wasser.

Die Sunniten des Irak wären bereit, das Problem des sunnitisch getarnten IS relativ schnell zu lösen. Wie schon einmal 2007. Wenn sie im Rahmen einer nationalen Aussöhnung die gleichen Rechte bekämen wie die schiitische Mehrheit. Ihre Führer haben das dem Weißen Haus detailliert schriftlich mitgeteilt. Ich war der Bote dieses Angebots. Sie haben nicht einmal einen Termin bekommen. Bombardieren ist einfacher, denken die Weltstrategen in Washington. Und züchten weiter Terrorismus.

Der Westen verpasst dadurch eine große Chance. Wenn amerikanische Überschallflugzeuge den „Islamischen Staat“ in den Untergrund bomben, schaffen sie eine neue Legende. Die Überlebenden werden sich als Helden stilisieren, die durch ein Stahlbad gegangen sind. Als neue Terror-Elite. Aber von irakischen Sunniten, von der eigenen Glaubensgemeinschaft, zum Teufel gejagte IS-Terroristen wären Verlierer, Versager. Sie würden ihre Aura verlieren. Und wären endlich wirklich geschlagen.

Doch wollen die USA den Terrorismus überhaupt endgültig beseitigen? Der Terrorismus ist schließlich ein perfekter Vorwand für die Ressourcen-orientierte Interventionspolitik der USA. Und für vieles mehr. Schließlich gab es im Westen in den letzten 20 Jahren nicht nur 5.000 Terror-Opfer, sondern auch weit über 400.000 Opfer nicht terroristischer Morde und Totschlagsdelikte. Auch damit hatte man gelernt zu leben. War es nur ein Versprecher, als der damalige US-Generalstabschef Colin Powell nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seufzte: „Mir gehen die Dämonen aus. Mir fehlen die Schurken“? Oder hatte er für einen Augenblick durchblicken lassen, wie wichtig Feindbilder für die US-Außenpolitik sind?

2007 begegnete ich in Ramadi einem jungen Kämpfer von „al-Qaida im Irak“, der Vorgänger-Organisation des IS. Der bleiche, schüchterne Student sah ganz und gar nicht wie ein Terrorist aus. Entgeistert fragte ich ihn, warum er sich ausgerechnet der barbarischsten Terror-Organisation angeschlossen hatte. Schließlich gab es im Irak damals zahlreiche andere, nicht terroristische Widerstandsbewegungen.

Stockend erzählte er, dass amerikanische Soldaten seine Mutter bei einer Hausdurchsuchung vor seinen Augen erschossen hätten. Sie habe sich vor die eindringenden Soldaten geworfen und sie angefleht, nicht auch noch das bisschen Hausrat, das sie besaßen, zu zerstören. Nach einer langen Pause fragte ich ihn, wie man trotz allem irgendwann die Gewaltspirale aus Krieg und Terrorismus beenden könne. Leise antwortete er: „Verschwindet aus unseren Ländern. Dann wird auch der Terrorismus verschwinden.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/17.

Kommentare (58)

Revisor 08.01.2017 | 11:56

Die Mehrheit der Deutschen interessiert sich nicht für die Politik. Die, die sich die Tagesschau ansehen, glauben etwas von Politik zu verstehen und haben ein einseitiges Weltbild, in der Obama eben der Gute und Putin der Böse ist. Konfliktursachen erkennen und deren Beseitigung einzuklagen, ist das Ding einer kleinen Teil der Bevölkerung und der Linken. Die etablierten Parteien, insbesondere die CDU, folgt blind dem amerikanischen Führer in jeden Gott-verdammten Krieg. Todenhöfer ist der Mahner in der Wüste. Die Masse der Menschen ist leider mit dem Smartphone beschäftigt und bereitet sich intelektuell auf das nächste Dschungelcamp vor.

WOLFBURK 08.01.2017 | 13:34

Unabhängig davon, was von Jürgen Todenhöfers Angaben einen 'Goldwagen-Test' bestehen würde (was btw. angesichts der ja durchaus durchweg getroffenen Tendenz auch reichlich sekundär wäre), J.T. ist wieder mal ein Beispiel dafür, daß selbst ehemalige Parteigänger der CDU-Stahlhelmfraktion an Einsicht und Erkenntnis nicht vorbeikommen, arbeiten sie sich nur gehörig an der Sache.
In all dem wäre das das Erfreuliche - i.d.S. auch noch mal eine posthumen Gruß an Frank Schirrmacher.

Reinhold Schramm 11.01.2017 | 06:21

Bemerkungen.

Zu den großen Hauptfinanziers gehören Islamisten aus Saudi-Arabien und WM-Fußball-Katar. Mehr als zweitausend Kämpfer kommen aus SA. Auch die Deutsche Wirtschaft und BDI-Industrie der Bundesrepublik Deutschland ist einer der großen Lieferanten für Rüstungsgüter - nach SA und Katar.

Noch Fragen?

Wann richtet sich das aktuelle Aufrüstungs- und Sicherheitsprogramm der Bundesrepublik Deutschland gegen die (eigene) Bevölkerung?

Sascha 11.01.2017 | 07:40

An sich ein interessanter Text. Die geostrategisch-politischen Vorschläge des Autors kann ich zwar nicht beurteilen. Skeptisch sehe ich, dass er teilweise das Spiel von ISIS mitmacht, indem er die als scheinbar relativ homogen gesehenen Blöcke "westliche Welt" und "muslimische Welt" gegenüberstellt und in ein polarisiertes Verhältnis setzt. Das finde ich sehr fragwürdig.

Aber ein Punkt erscheint mir hier zentral. ISIS besteht einerseits aus klerikalfaschistischen Fanatikern, die an der gewaltsamen Verbreitung ihrer Ideologie arbeiten und dabei die Gesellschaften in Irak, Syrien usw. barbarisch verrohen. Davon zu unterscheiden sind meiner Meinung nach jene Menschen, die sich ISIS anschließen und mitkämpfen, nicht primär weil sie an der Ideologie interessiert sind, sondern weil sie leidvolle Erfahrungen mit der Gewalt durch Militärinterventionen gemacht haben.

Aber nicht nur das. Viele wurden wohl durch den Terror von ISIS in diesen Gesellschaften gewaltsam dazu gedrängt, sich ISIS anzuschließen, denn wie jede faschistische Bewegung geht ISIS mit brutaler Gewalt gegen jede Dissidenz vor.

Wünschenswert finde ich also, wenn es in diesen Gesellschaften eine antifaschistische Widerstandsbewegug gäbe, die - sowohl politisch als leider aufgrund der Zustände dort auch zwangsläufig bewaffnet gegen jeden Faschismus kämpft und sich für eine demokratische und sozial gerechte Zukunft engagiert.

Wie diese antifaschistische Bewegung zu westlichen Staaten steht, ist natürlich eine schwierige Streitfrage. Denn westliche Staaten unterstützen üblicherweise und geschichtlich eher am schlechten kapitalistischen Status-quo interessierte Kräfte. Eine Unterstützung für eine etwaige emanzipatorische und antifaschistische Widerstandsbewegung in Syrien, Irak, Jemen usw. wird daher fraglich sein und wohl eher nicht passieren.

Denn es würde zB bedeuten, dass westliche Staaten sich mit revolutionären Bewegungen wie der kurdischen Befreiungsbewegung in Rojava und der Türkei verbünden. Aber hier herrscht leider eine kapitalistisch verengte Sicht von Realpolitik, die sich lieber mit wesentlichen Unterstützern des ISIS-Terrors gemein macht - zB mit Erdogans faschistischer Diktatur in der Türkei.

Und um noch einmal auf die Unterscheidung zurückzukommen zwischen fanatischen Eiferern, die die ISIS-Ideologie bestimmen und der sozialen Basis von ISIS: hier habe ich den Eindruck, dass diese Differenzierung unterschiedliche Handlungsansätze mit sich bringt. Denn bei ISIS als Organisation wird man möglicherweise nicht darum herumkommen, sie auch mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Aber man sollte mehr auf die soziale Basis von ISIS achten und sich überlegen, wie man ISIS ihre Basis und Unterstützung in der Gesellschaft entziehen kann.

Dies bedeutet möglichst wenig Gewalt und stattdessen soziale und demokratische Angebote an die Menschen in Syrien, Irak, Jemen usw. Das beste Mittel gegen den Terror ist also der Aufbau von Schulen, Spitälern, Sozialzentren usw. und demokratischen Einrichtungen. Also kurz gesagt: Der Kultur des Todes muss man eine Kultur des Lebens entgegensetzen.

Richard Zietz 11.01.2017 | 09:53

Der im Intro auf den Punkt gebrachten Artikelessenz (es gibt einen Lösungsweg) würde ich entschieden widersprechen.

Wie soll der aussehen? Implizite, informelle Hauptforderung des IS ist a) Einstellung aller militärischen Interventionen innerhalb der Großregion, b) der Rückzug des Westens aus den islamischen Ländern.

a) klingt vernünftig, b) ist problematisch. Da Israel als territorialer Bestandteil des zukünftigen Kalifats angesehen wird und oberstes Gesetz eines zukünftigen Kalifatsstaat die Scharia sein soll, würde dies bedeuten, einen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Nahost zumindest in Kauf zu nehmen. Will das jemand mittragen?

c) würde dies bedeuten, der Agenda des IS von Nord-/Mittelafrika bis Afghanistan freien Lauf zu lassen – respektive den dann anstehenden Großregions-Bürgerkrieg zwischen »Rechtgläubigen« und Abweichlern tatenlos zuzusehen.

d) ist beim Lösungsweg unklar, wie der Umgang mit der muslimischen Minderheit in den westlichen Staaten aussehen soll. Sollen hier grosso modo die bisherigen Integrationsrezepte zur Anwendung kommen? Oder ist ein mit der Scharia kompatibles Sonderrecht vonnöten (Vollverschleierung, Rolle der Frau usw.)?

Dass der Westen (unter Federführung seiner Führungsmacht) kapitale Fehler in der Region gemacht hat, ist klar. Ein wirklicher Aufbau kann jedoch wohl nur so aussehen, dass ein großes Modernisierungs-Bündnis geschmiedet wird von Bürgerrechtlern bis hin zu moderaten Konservativen sowie autoritären Überbleibseln (ja: Assad!) – wobei a) zwecks Vermeidung von Bürgerkrieg mit letzteren akzeptable Übergangslösungen ausgehandelt werden sollten, b) im die Niederkämpfung des islamischen Terrorismus ALLE Kräfte eingespannt werden, die am Ende der derzeit laufenden Bürgerkriege Interesse haben (also auch Russland und China, eventuell zusätzlich Indien).

Lethe 11.01.2017 | 11:03

Da Israel als territorialer Bestandteil des zukünftigen Kalifats angesehen wird und oberstes Gesetz eines zukünftigen Kalifatsstaat die Scharia sein soll, würde dies bedeuten, einen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Nahost zumindest in Kauf zu nehmen. Will das jemand mittragen?

Israel hat Atomwaffen und eine verdammt gut ausgebildete und ausgerüstete Armee. Ganz so einfach dürfte es also nicht fallen, dieses Land zum Teil eines Kalifates zu machen.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 12:29

Terror ist schlicht eines von vielen Symptomen, welche ein System der totalen Destruktion zwangsläufig in unser aller Sein streut. Manche haben dann das Pech selbst in den vermeintlich "friedlichen" Konsumzonen nicht an Krebs, Herz-Kreislaufversagen, Krankenfabrikkeimen, Drogenkonsum (Tabak, Alkohol und der Rest), Freizeitirrsinn oder Depression zu krepieren, sondern womöglich inmitten einer Glückskonsumphase von einer Bombe, einem LKW oder einer Kugel aus dem Menschsein befördert zu werden. Hierzulande noch eine der eher unwahrscheinlichen Sterbevarianten. Es ist nicht die Gewalt, die wie ein Bumerang zurückschlägt, es ist die völlig asoziale Art der wir uns hingeben, die uns in einer Welt voller Hass, Vernichtung und Verseuchung in eine immer widerwärtigere Zukunft geleitet. Die Zynik der Gewinner, sie wird noch manchen der glaubt, er wäre auf der Sonnenseite des Lebens, das Fleisch von seinen Knochen nagen und ich unterstelle, der schmerzverzerrte, morphingetränkte Alltag des geschundenen Hedonisten wird jenem täglich in die Gedanken flüstern: "Na, wäre ein schneller, unerwarteter Tod durch eine Bombe nicht gnädiger gewesen?" Es mag ja menschenverachtend klingen, solche Worte zu tippen, nur - Verzeihung - wir alle bekommen die Rechnungen unserer Feigheit serviert - manche können sie vielleicht achtlos zu Seite legen, ohne davon berührt zu sein, doch die meisten dürften da noch ganz konkret zur Verantwortung gezogen werden, vom Leben selbst! Der tägliche Irrsinn jagt Euch doch alle schon heute durch eure Tage! Da braucht es noch gar keine Terrorgruppen, da genügen schon die Politiker, denen ihr die Macht anvertraut - und eines ist wohl Sicher, der Hass den wir durch unsere Lebensweise in die Welt sähen, der kommt nicht als Bumerang, der kommt als eine gigantische Sturmflut von Außen und brodelt wie ein Vulkan von Innen - die Anzeichen sind unübersehbar, einzig, wer mag schon dem Grauen das Gesicht zuwenden, besser man dreht ihm den Rücken zu, solange es eben irgend geht. Daher, fröhliches Konsumieren und braven Dienen - bis demnächst in der Hölle.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 12:29

Terror ist schlicht eines von vielen Symptomen, welche ein System der totalen Destruktion zwangsläufig in unser aller Sein streut. Manche haben dann das Pech selbst in den vermeintlich "friedlichen" Konsumzonen nicht an Krebs, Herz-Kreislaufversagen, Krankenfabrikkeimen, Drogenkonsum (Tabak, Alkohol und der Rest), Freizeitirrsinn oder Depression zu krepieren, sondern womöglich inmitten einer Glückskonsumphase von einer Bombe, einem LKW oder einer Kugel aus dem Menschsein befördert zu werden. Hierzulande noch eine der eher unwahrscheinlichen Sterbevarianten. Es ist nicht die Gewalt, die wie ein Bumerang zurückschlägt, es ist die völlig asoziale Art der wir uns hingeben, die uns in einer Welt voller Hass, Vernichtung und Verseuchung in eine immer widerwärtigere Zukunft geleitet. Die Zynik der Gewinner, sie wird noch manchen der glaubt, er wäre auf der Sonnenseite des Lebens, das Fleisch von seinen Knochen nagen und ich unterstelle, der schmerzverzerrte, morphingetränkte Alltag des geschundenen Hedonisten wird jenem täglich in die Gedanken flüstern: "Na, wäre ein schneller, unerwarteter Tod durch eine Bombe nicht gnädiger gewesen?" Es mag ja menschenverachtend klingen, solche Worte zu tippen, nur - Verzeihung - wir alle bekommen die Rechnungen unserer Feigheit serviert - manche können sie vielleicht achtlos zu Seite legen, ohne davon berührt zu sein, doch die meisten dürften da noch ganz konkret zur Verantwortung gezogen werden, vom Leben selbst! Der tägliche Irrsinn jagt Euch doch alle schon heute durch eure Tage! Da braucht es noch gar keine Terrorgruppen, da genügen schon die Politiker, denen ihr die Macht anvertraut - und eines ist wohl Sicher, der Hass den wir durch unsere Lebensweise in die Welt sähen, der kommt nicht als Bumerang, der kommt als eine gigantische Sturmflut von Außen und brodelt wie ein Vulkan von Innen - die Anzeichen sind unübersehbar, einzig, wer mag schon dem Grauen das Gesicht zuwenden, besser man dreht ihm den Rücken zu, solange es eben irgend geht. Daher, fröhliches Konsumieren und braves Dienen - bis demnächst in der Hölle.

apatit 11.01.2017 | 12:52

So wie Krupp damals Freund und Feind belieferte, macht es heute Rheinmetall und liefert massenhaft Munition in Kriegs- und Krisengebiete – Hauptsache der Profit stimmt! Und die ach so “unfehlbare“ "westlichen Wertegemeinschaft" hat total versagt, im Irak-Krieg ( Kriegslügen der USA ) - als man über den arabischen Frühling jubelte, Obama Völkerrechtswidrig Drohnen verschickt, Frau Merkel den Sultan Erdogan hoffähig mit den schmutzigen Flüchtlingsdeal machte, Frau U.v.d. L. nach Saudi - Arabien fliegt um natürlich nur mit den “guten Kopfabhackern“ zu verhandeln... und – und – und! “Von den endlosen Massakern des Westens im Irak und in Syrien liest und hört man bei uns kaum etwas. Die amerikanischen Gräueltaten passen nicht zu unserem Selbstverständnis als „Verteidiger westlicher Werte“. Sogar unsere Kanzlerin schwärmte am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, von der „Befreiung“ Mosuls. Ahnungslosigkeit, Zynismus, doppelte Moral?“ Den Blödsinn kann man nur noch den wenigsten so vermitteln, aber irgendwann wenn unsere Mainstream-Medien die gewünschte Manipulation der Menschen nicht mehr erreicht, schaffen dann “wir“ eine Behörde gegen FAKE NEWS, denn wo kommen wir da hin, wenn Menschen den Kopf zum Denken benutzen und nicht nur zum Haare schneiden! Ich bin immer froh, wenn man noch Dinge lesen kann wie hier ( J.T.) NOCH!

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 12:56

Noch ein paar Zahlen -

täglich wächst die Weltbevölkerung um etwa 220.000 Menschen - doch das sind keine Kinder der Liebe, oder Kinder denen man eine Zukunft schenken möchte, sonder meist Kinder der Not und der Verzweiflung!

täglich sterben über 150.000 Menschen (geboren werden eben knapp 400.000...) - wobei etwa ein Drittel der Toten auf das Konto von Hunger und Elend, Krieg und Gewalt, sowie Auszehrung durch die Sklavenarbeit gehen - der Rest teilt sich auf in diverse Krankheiten, wobei die Menschen eben in den Industriezonen durch ihr Siechtum im Alter inzwischen mehr zum BIP beitragen als das produzierende Gewerbe!

Der Mensch hat sogar seine destrukitve Selbstverstümmelung zu einem grandiosen Geschäftsmodell transformiert!

Dort wo die Armut und das Elend am größten sind, explodieren die Geburtenraten wie eh und je - ein Prinzip das jeder von uns in der Schule gelernt hatte - das natürliche Prinzip der Arterhaltung, die Spezies versucht durch Masse die drohende Ausrottung zu verhindern.

Nun, wohin wird das wohl führen?

Die ökologischen Folgen unseres irren Treibens aufzulisten erspare ich mir, die sozialen habe ich kurz angesprochen - man kann sicherlich über den IS räsonieren, doch wer ohne den globalen Kontext in die Einzelheiten unerer komplett wahnsinnigen Spezies sich vertieft, der betreibt lediglich permanenten Selbstbetrug.

Natürlich, morgen kann theoretisch ein Meteorit die Erde zu einem Feuerball transformieren, in einigen Milliarden Jahren wird die Galaxie von einem schwarzen Loch verschluckt, so jene Sonne, der wir unser Sein verdanken, nicht vorher in einer Supernova ihren letzten Moment zelebriert - das kosmische Spiel könnte jederzeit einen Schlusspunkt setzten - nur, warum tun wir so, als hätten wir selber auch nur eine Aufgabe, nämlich uns fromm wie die Lämmer zur Schlachtbank der Gier führen zu lassen?

Warum muss der Mensch weiter untertänig den Psychopathen seine Gefolgschaft antragen?

Was ist es, dass uns so zu fatalistischen Zombies degeneriert?

Jeder Konsumtrottel ist nicht minder ein geistesgestörter "Konsumkämpfer" als es diese völlig zerrütteten und vom Hass zerfressenen Terroristen sind - nur Konsumterroristen gibt es einige Milliarden und die meisten Elendsmenschen ohne Konsumaufgaben würden nichts lieber sein, als ebensolche Konsumterroristen, ja wahrscheinlich könnte man die 100.000 IS Terroristen meist mit einer Prämie von 1 Mio. Euro zu Konsumterroristen transformieren (manche wohl noch günstiger, andere vielleicht nicht - doch die würden ja eh krepieren......) - fragt sich nur , wer letztlich mehr Verwüstung, Mord und Dummheit aufträgt, der durchschnittliche europäische Konsumterrorist, oder der gefährliche IS-Terrorist?

Das könnte man ja wunderbar berechnen - wobei, in unseren Landen gilt ja die Destruktion meist als produktive Variante der Ökonomie und nichts lieben wir doch mehr als deren Wachstum!

Syrien wieder aufbauen, was für ein Geschäft!

Die Welt wieder aufbauen, wer macht wohl das Geschäft?

Vasco Gama 11.01.2017 | 13:11

Ich sehe nicht ein, warum der IS militärisch nicht zu schlagen sei. Die Türken machens doch vor. Man hat noch vor deren Offensive gesagt (und zwar auch aus amerikanischen Kreisen), dass man den IS jahrelang zu bekämpfen hätte. Doch die Türkei hat sich schlagartig in das vom IS beherrschte Territorium vorgeschoben und würde wohl nicht vor Raqqa und Mosul stoppen, wenn die Amerikaner sie nicht (vorerst noch) in die Schranken weisen würden, weil sie um die Sicherheit der von ihnen gesteuerten YPG - Kämpfer bangen.

Reinhold Schramm 11.01.2017 | 13:31

R.Z.: “... Lösungsweg unklar, wie der Umgang mit der muslimischen Minderheit in den westlichen Staaten aussehen soll. Sollen hier grosso modo die bisherigen Integrationsrezepte zur Anwendung kommen? Oder ist ein mit der Scharia kompatibles Sonderrecht vonnöten (Vollverschleierung, Rolle der Frau usw.)?“

Die rudimentären bürgerlichen Errungenschaften, seit der frühbürgerlichen Aufklärung aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dürfen den Menschen aus den kulturell, traditionell-patriarchalisch und feudal-islamisch geprägten Regionen der religiös-muslimischen Welt, hier in Europa und insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, nicht vorenthalten werden.

Es ist kein Beitrag zur bürgerlich-humanistischen Aufklärung im kapitalistischen Europa des 21. Jahrhunderts, vor dem politischen Islam [- und um etwas anderes handelt es sich hier nicht] in die ideologische Defensive zu gehen. Vor der gesellschafts-politischen Ideologie des Islam darf es kein zurückweichen geben! Hier, auch im Kapitalismus der Metropolen, müssen die bürgerlichen Errungenschaften, notfalls auch mit Gewalt, gegen traditionell-patriarchalisch geprägte Menschen, verteidigt werden.

Damit es aber zu keiner gewaltsamen gesellschafts-politischen Lösung kommt, muss man allen Menschen [nicht nur in Europa] perspektivische und realistische soziale Angebote machen und diese auch materiell ausführen! *

* Nimmt man nur die Mittel für die EU-Bankenrettung [- und für die Rettung von deren AktionärInnen] in den Blick, so wäre die Schaffung der Voraussetzungen für die soziale Integration von Millionen Migranten und Fluchtopfern auch in Europa -und insbesondere Deutschland- durchaus möglich.

Hierfür bedarf es jedoch des gesellschaftspolitischen Willens in allen bürgerlichen Parteien, staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen. Dafür gibt es aber bisher nur schöne Sonntagsreden und mediale Gutmenschen, aber keine sozial-materielle Alltagspraxis.

Dampfbacke 11.01.2017 | 16:05

Was uns hier der liebe Jürgen schreibt ist ja nun wahrlich nicht neu. Er hat es ja schon auf den mannigfaltigste Kanälen zur Genüge kund getan und auf eben diesen Kanälen wurden diese, für einen informierten Linken, banalen, Weisheiten, auch schon ausgiebigst diskutiert, und Jürgens Publikationen ausgiebigst, zum käuflichen Erwerb, beworben. Deshalb möchte ich auf den Inhalt und dessen eindeutige Tatsachenfeststellungen nicht weiter eingehen, denn da hat er recht, genauso, wie Peter Scholl-Latour. Ich hoffe ich werde von einem Jürgen Todenhöfer in den Monaten oder sogar Jahren, in denen er die Schulterklappe eines Herausgebers trägt, nicht anhaltend mit solchen Texten behelligt werden, die für einen 14-jährigen möglicherweise ein Erkenntnisgewinn bringen, für einen regelmäßigen „der Freitag“ Leser aber eher trivial daherkommen (damit meine ich auch den Schreibstil).
Willkommen Jürgen Todenhöfer.

Alter Linker 11.01.2017 | 16:12

Korrekter Beitrag, Herr Todenhöfer, danke.

Besonders gut, dass endlich die Ziele des ISIS erwähnt werden und dass die westliche Kriegsmaschine - wärend sie vielleicht Ziel Nummer 1 verhindern kann - Ziele 2 bis 4 eben dadurch tatkräftig unterstützt. Eine unsinnige Strategie, wenn man behauptet, gegen Terroristen vorgehen zu wollen, jedoch dieselbe Strategie dafür sorgt, dass die Anzahl der "Terroristen" weiter steigt.

Zack 11.01.2017 | 16:43

Skeptisch sehe ich, dass er teilweise das Spiel von ISIS mitmacht, indem er die als scheinbar relativ homogen gesehenen Blöcke "westliche Welt" und "muslimische Welt" gegenüberstellt und in ein polarisiertes Verhältnis setzt. Das finde ich sehr fragwürdig.

Gut erkannt.

Dass es sich hier um kein Irrtum von Herrn Todenhöfer handeln kann, lässt sich schon dem Beitrag entnehmen, wo kein Zweifel gelassen wird, dass der Bumerang des Westens (sein angeblicher Anti-Terror-Kriegszweck und seine leichenträchtigen Kollateralschäden) von Beginn an seine vorgeblichen Jagdopfer stets potenzierte, anstatt sie zu vernichten.

Der politische Islam unserer Tage ist die kreative Schöpfung und das Werk des Westens. Gerade einer wie der alte Rambo Todenhöfer weiß das deswegen am besten, weil er an den Ursprüngen dieser Gewaltträchtigen Erfindung führend beteiligt war. Und seitdem radieren führende Staaten des Westens (mit Hilfe ihrer strategischen Islamistengeschöpfe), die politisch und ökonomisch relativ fortgeschrittenen und entgegen ihren Interessen viel zu gut entwickelten Säkularstaaten aus.

W.Biermann 11.01.2017 | 17:02

Der Islamismus hat nur eine Chance, und die nutzt jeder Islamist kosequent: Einfach die großen Player der Weltpolitik aufeinander hetzen, im Windschatten mitschwimmen und die eigene Bevölkerung klug "verheizen". Der "stille" junge Mann hat seine Mutter durch einen aufgehetzten Idioten verloren und versteht nicht, daß die Feinde seiner Feinde nicht seine Freunde sind.....

fare la popò 11.01.2017 | 18:12

Auch wenn hier bemängelt wurde, dass die Ausführungen von Todenhöfer nicht neu seien, so kann man sie gar nicht oft genug gegen die Wiederholungswalze des Mainstreams stellen.

Ich kann sie jedenfalls nur unterstützen.

Ein kleines Problem habe ich allenfalls mit der Formulierung der Westen. Hier sollten doch bei Gelegenheit mal dezidiert "die Politiker" genannt werden.
Es ist mir durchaus bewusst, dass diese ja ein Mandat "von einer trägen Masse" [Metternich] bekommen haben, welches aber bestimmt nicht erteilt wurde, um Krieg zu führen. In diesen wichtigen Fragen wurde, und wird, ja noch nicht mal zum Schein das Volk (im Sportpalast) gefragt.

Die Merkels, Lindners und wie sie alle heißen, blasen fleißig weiter ihre Nebelkerzen übers Land, schwören nach außen Frieden, hinter der Kulisse feilen sie an Profit für Lobby-Freunde und Strategien im Sinne von veralteten, unseligen Allianzen.

Verantwortungsvolles Handeln in der Politik ist nicht erst seit gestern von semantischem Geschrei verdrängt worden. Leider übernimmt auch nicht das Wahlvolk, das sich, wie schon oben von anderen erwähnt, kaum für Politik interessiert, seinen Teil der Verantwortung.

Reinhold Schramm 11.01.2017 | 18:15

"Die Masse der Menschen ist leider mit dem Smartphone beschäftigt und bereitet sich intelektuell auf das nächste Dschungelkampp vor." - und Fußballspiel vor! Brot und Spiele.

So ist die Realität, von morgens bis abends im Berufs- und Busverkehr, in der S- und U-Bahn, auf den Weg durch die Straßen. Die große Gehirnwäsche und flächendeckende BRD-Stasi-Überwachung der Gesamtbevölkerung ist die geleugnete Wirklichkeit in unserer Gegenwart. Daran beteiligt sind alle gut-geschmierten "Sozialpartner" und fast alle Medien in der modifiziert postfaschistischen Kapitalgesellschaft.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 18:43

Das ist zweifelhaft: https://www.almasdarnews.com/article/isis-drives-back-turkish-forces-east-aleppo/

Die Operation "Euphrates Shield" läuft nun schon monatelang und hat bislang Geländegewinne in einer Breite von knapp 70km und einer Tiefe von 10-25km gebracht, dabei Verluste einer zweistelligen Zahl türkischer Panzer: Der IS fährt jetzt auch Leos. Dabei wurden mehrere "Erfolge", z.B. in Jarabulus, dadurch erzielt, dass die Türkei dem IS seine Söldner abgekauft hat.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 18:57

Daran beteiligt sind alle gut-geschmierten "Sozialpartner" und fast alle Medien in der modifiziert postfaschistischen Kapitalgesellschaft.

Oben hocken die 0,01% die ihren gedankenlosen Totalhedonismus oder ihre psychopathischen Egotrips ausleben, neben der Spur stehen vielleicht auch etwa 0,01% die das System meiden und es auf die ein oder andere Art und Weise ebenso verachten, wie ich es tue - doch bleiben 99,98% die praktisch bedingungslos ihre Rolle annehmen und willig funktionieren - ob als ertrinkender Flüchtling im Mittelmeer, oder als vollversorgtes Konsummonster auf einem Kreuzfahrtschiff.

Ob man nun im Elend umkommt, oder im Überfluss zum Zombie mutiert, man funktioniert, nach Wunsch.

Wer weiß, vielleicht sind wir ja ein Art Biosphärentransformationspartikel, bestimm für andere Wesen die Erde durch Geoengineering bewohnbar zu machen - im Prinzip der einzig plausible Gedankengang, der unsere irre Lebensweise nachvollziehbar macht.

So what - damit bekommen die willigen Helfer die Absolution :-)))).

Vasco Gama 11.01.2017 | 19:45

@AQUADRAHT

Dass die Türkei mit Rückschlägen konfrontiert wird, ist richtig. Deshalb hat sie auch zuletzt ein Statement veröffentlicht. In etwa folgendermaßen: "Die Koalitionspartner nutzen den türkischen Stützpunkt Incirlik de jure, um von dort ihre Angriffsflüge gegen den IS zu starten. Nur deswegen sind sie dort stationiert und die diesbezügliche Genehmigung der türkischen Seite läuft alleinig darauf aus. Allerdings unterlassen die Koalitionspartner in der letzten Zeit de facto, den türkischen Truppen Luftunterstützung bei deren Einsätzen gegen den IS zu gewährleisten und sorgen damit (in fraglicher Weise) dafür, dass die Türkei alleine gelassen wird und so fast keine ihrer Zielsetzungen mehr erreicht, die ja eigentlich mit Unterstützung der Kampfflieger umgesetzt werden sollen. Insofern erwägt die Türkei nun, die Genehmigung für das Stationieren von ausländischen Militärflugzeugen in Incirlik zu widerrufen, da diese Genehmigung quasi gegenstandslos geworden ist." Das wiederum ruft die USA auf den Plan, die sich in ihren eigenen Zielsetzungen gefährdet sehen und zuletzt gegen eine Schließung des Stützpunktes für die Koalitionsflugzeuge ausgesprochen haben.

Reinhold Schramm 11.01.2017 | 19:53

Als "durchschnittlicher Underdog, ggf. [und später auch] mit Familie", musste auch ich mich mit der großen Politik -seit dem 13./14. Lebensjahr- auseinander setzen.

Meine körperliche Knochenarbeit über Jahrzehnte, als Heimarbeiterkind, Tischler-Facharbeiter, Vorarbeiter und später als Metalldreher-Facharbeiter, Lehrgangsleiter und Handwerksmeister, zwang mich immer wieder durch die persönliche Erfahrung massiver Ausbeutung und Einsicht in die Notwendigkeit, - nach gesellschaftlicher Umwälzung, mich mit der Politik aktiv theoretisch und praktisch auseinanderzusetzen. Dies führte aber auch zu meinen politischen Berufsverbot durch die "Gauck-Kommission" beim Landeschulamt Berlin, und in weiterer Folge auch zu meiner [äußeren] beruflichen und sozialen Deklassierung usw.

Trotzdem waren meine politischen Handlungen notwendig. Nur durch die Einsicht in die Notwendigkeit für gesellschaftspolitische Umwälzung und das persönliche Risiko, trotz einer möglichen Niederlage, kann Frau/Mann eine zukünftige humanistische Gesellschaft erkämpfen!

Meine früheren Kollegen und verstorbenen Freunde, sie mussten als Arbeiter und Handwerker, seit der Weimarer Republik, im Kapitalfaschismus und nach dem Verbot der antifaschistischen KPD, auch diesen ungleich härteren Klassenkampf in Deutschland führen!

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 21:01

Ich sehe auch nicht, dass man dem IS das Feld überlassen sollte. Der Konflikt ist auch vielschichtig. Da ist zum einen die Aggressionspolitik "des Westens", genauer der USA mit der NATO im Schlepptau und UK und Frankreich als eifrigen und der BRD als nicht ganz so eifrigen Mittätern.

Der IS ist nicht vom Himmel gefallen und nicht zufällig entstanden. Bereits 2012 warnte General Michael Flynn in einer (inzwischen deklassifizierten) Denkschrift vor dem Entstehen eines salafistischen Prinzipats in Nordirak und Ostsyrien. Pentagon und State Department beschieden ihn, das sei kein Bug, sondern ein Feature, um den Sturz Assads zu beschleunigen.

Hauptzutat dieses Terroristenbildungsrezepts war das sunnitische Offizierskorps der Saddam-Hussein-Armee, von den USA nach ihrem Überfall auf Irak aus der Neubildung der Streitkräfte ausgeschlossen. Es bildete den Kader der IS-Armee, das Fussvolk aus Stammeskriegern und Abenteurern aus aller Herren Länder war mit saudischem und qatarischem Geld schnell zu rekrutieren. Die Plünderung Syriens, von Fabriken bis zu Antiquitäten und Sklavinnen, verbreiterte die Finanzbasis. Der IS und Al Nusra sind nicht entstanden, sie wurden geschaffen, und USA und NATO haben daran mindestens soviel Anteil wie Saudibarbarien und die Golftyranneien, oder die Türkei als weiterer Haupttäter bzw. Komplize.

Die von Herrn Todenhöfer geschilderten Mechanismen sind insofern als Synergien bei der Schaffung und Unterhaltung der Terrorkalifate in Syrien und Irak zu sehen, nicht als Versagen.

Es ist richtig, dass man, selbst wenn man will, den takfirisch-salafistischen Dämon nicht so ohne weiteres wieder in die Flasche bekommt. Selbst wenn sich die USA unter Trump und Flynn wider Erwarten ernsthaft um die Bekämpfung des IS bemühen sollten, treffen viele der Einwände Herrn Todenhöfers zu. Und mit sporadischen Terrorangriffen müssen wir noch eine Weile rechnen.

iDog 11.01.2017 | 23:16

"Siehe das weltweite Erstarken antiislamischer Bewegungen und Parteien, die nicht erkennen, dass sie nützliche Idioten der Spaltungsstrategie des IS sind."

Sie sind aber nicht nur das, sie sind auch die Idoten der elitären Spaltungspolitik der hauseigen Kapitaleliten und deren opportunen Handlanger in der Politik. Wenn hier argumentiert wird , dass man ein Ende dieser Konflikte , dieser Feindschaften gar nicht wünsche, weil diese selbstverständlich das klassicher Raubritter Geschäftdsmodell schlechthin sind, dann sollte man nicht vergessen zu erwähnen, dass die Doppelmoral der westliche Wert schlechthin ist und war. Und diese Doppelmoral wird in erster Linie auf dem politisch Parket erzeugt und verteidigt zugunsten der "Sharholder" , die diese Politik finanzieren. Mit "gute Bomben, schlechte Bomben", hat man die Realität zwar gestreift , aber noch nicht für alle begreiflich beschrieben.

Ich bin also gespannt, ob der hier vorgetragene Diskurs des Autors sich lange wird halten können, ist er doch schon recht nah an der Realität, ohne freilich mit dem Finger auf die richtigen Leute zu zeigen, was ich für eine Unterlassung halte. Die beklagte Situation ist ja nicht Schiksal , sonderen politische Volonté, wie man so schön sagt ... wer ist das, der die Bombardierung befördert, wer ist genau die Waffenlobby in Europa, in Deutschland - jetzt außer Joschka Fischer selbstvertständlich?

Erst mit den wichtigen Namen wird der Journalismus doch interessant. Den ganzen Rest kann man doch in jedem wildwest Blog lesen.

Querdenker 11.01.2017 | 23:42

Ich bin ganz gewiss kein Freund der US-Politik im Nahen Osten. Aber wenn ich mich so einseitig wie ein Jürgen Todenhöfer verbiegen müsste, würde ich jeden Morgen mit einem Hexenschuss aufwachen. Die ganzen Zahlen kann ich jetzt nicht prüfen, aber

zu 1.) Es soll Leute geben, welche behaupten, "Nazi-Deutschland" hätte nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt.

zu 4.) Es soll Leute geben, welche behaupten, Schweden wäre der beste islamische Staat auf Erden. Vielleicht sind wir nur westlich getarnte Gesellschaften, und merken es nicht?

Der IS ist eine Ideologie.

Falsch: Der IS ist de-facto ein Staat, und den kann man sehr wohl bekämpfen, siehe 1.)

"Nicht ein einziges Mal griff in den letzten zwei Jahrhunderten ein muslimisches Land den Westen an."

Ja, warum wohl? Das muss man Ihnen jetzt nicht wirklich erklären, oder Herr Todenhöfer? Kleiner Tipp: Es hat ganz bestimmt nichts damit zu tun, dass muslimische Länder friedfertiger als westliche Länder sind.

„Verschwindet aus unseren Ländern. Dann wird auch der Terrorismus verschwinden.“

Schon interessant: was der "bleiche, schüchterne Student" sagt, sagen die Menschen "hierzulande" über "die da" auch.

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2017 | 23:52

Endlich ein annähernd objektiver und nicht-postfaktisch Beitrag von einem erwiesenermaßen Fachkundigen. Weiter so. Die Öffentlichkeit braucht Fakten, Hintergründe und Menschen mit dem Mut, sie auszusprechen und aufzuschreiben. Nur so kann der medialen Reizüberflutung mit Fake-News begegnet werden.

Der Backlash ist unaufhaltsam.

balsamico 12.01.2017 | 09:30

Dem jungen Mann, der am Ende von Todenhöfers Text zitiert wird, kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Leider ist es derzeit mal wieder völlig uncool, auf leise Stimmen zu hören.

Was würde denn passieren, wenn der Westen aus den islamischen Ländern verschwände? Vermutlich würde sich der IS samt seiner menschenfeindlichen Ideologie noch breiter machen als er es schon ist. Was wäre damit gewonnen? Ich fürchte, nicht viel. Tatsächlich gibt es leider nicht den Schimmer eines Anflugs dafür, dass sich Sunniten und Schiiten vertragen und eine friedliche Variante des Islam leben könnten. Solange Sunniten und Schiiten ihren innerislamischen Streit nicht beenden, hat der Terror Konjunktur, ganz unabhängig davon, wie tollpatschig auch immer der Westen dabei agiert.

Lethe 12.01.2017 | 09:48

Das ist ein Argument, auf dessen Grundlage jede Kolonialmacht ihren Kolonien für immer an der Kandarre halten könnte. Sie werden in aller Ewigkeit nicht erleben, dass Begründungen dafür ausgehen, warum man machen muss, was man in Wirklichkeit deswegen macht, weil man selbst die Vorteile davon hat.

Das Agieren des Westens hat den IS und analoge Organisationen stark gemacht. Der Westen ist das Problem, nicht die islamischen Staaten.

balsamico 12.01.2017 | 10:30

Der Westen ist das Problem, nicht die islamischen Staaten.

Na gut. Aber was nützt uns diese m.E. nur bedingt zutreffende Erkenntnis? Todenhöfers "Neue Strategie" zielt doch auch nur auf Einmischung. Zwar auf eine "gute" Einmischung, aber Einmischung gleichwohl. Richtig ist zwar, dass der Westen in den islamischen Staaten nicht beliebt ist, diskret gesagt, ausgenommen als Geldgeber, natürlich. Ebenso richtig ist aber auch, dass Sunniten und Schiiten untereinander spinnefeind sind. Mag sein, dass "der Westen" darauf seine Suppe gekocht hat und vielleicht auch noch kocht. Bekanntlich freut sich der Dritte, wenn zwei andere sich streiten. Aber bevor nicht Sunniten und Schiiten ihren Streit beerdigen, ändert sich nichts; jedenfalls nicht, solange der Westen ihr Öl noch braucht.

Lethe 12.01.2017 | 12:23

Es gibt eine Einmischung durch Interaktion und eine Einmischung durch Usurpation. Einmischung durch Interaktion ist nicht notwendig verwerflich, dem unterliegen alle Menschen, auch wenn nicht alle Menschen daraus eine Handlungsmaxime zur Anpassung und Änderung entnehmen. Jedenfalls ist sie unvermeidbar, solange Menschen in kommunikativen Relationen zueinander stehen.

Die Einmischung durch Usurpation hat eigentlich überall, wo sie betrieben wurde, die Dinge zum Schlimmeren gewandt. Die Usurpatoren mögen sich durch anfängliche oberflächliche Erfolge diesbezüglich der Täuschung hingeben können, die Usurpierten erleben Unterdrückung und Zwang. Daraus entsteht Gegenwehr als Handlungsmaxime, zur Not auch gewaltsam. Es ist offensichtlich, dass sich dieser Umstand sehr schnell zu einem Pingpong ausweitet und die Entstehung unzähliger psychischer und sozialer Knoten bewirkt, die ohne die ursprüngliche Ururpation nie entstanden wären.

In westlichen Medien wird die kausale Rückverfolgung gerne nach ein paar Jahren abgebrochen, das Frühere gerne als nicht mehr relevant angesehen. Tatsächlich können die gegenwärtigen Knoten im arabisch-persischen Raum ohne Gesamtwürdigung der Ereignisse der letzten 200 bis 250 Jahre gar nicht adäquat verstanden werden. Möglicherweise ist die Verdrängung dieser Ereignisse auch Methode, um genau das, Unverständnis über die Zusammenhänge und Ursachengeflechte, zu erreichen.

Nur auf Grundlage dieses Unverständnisses scheint es mir möglich, westlichen Einfluss immer noch als Teil der Lösung statt als das zu lösende Problem aufzufassen.

pleifel 12.01.2017 | 16:41

"Allerdings unterlassen die Koalitionspartner in der letzten Zeit de facto, den türkischen Truppen Luftunterstützung bei deren Einsätzen gegen den IS zu gewährleisten und sorgen damit (in fraglicher Weise) dafür, dass die Türkei alleine gelassen wird ..."

Woran das wohl liegen mag? Abgesehen von unseren maroden Tornados (6 an der Zahl?), die ständig wegen Defekten am Boden bleiben müssen, könnten die weit einfacher, kostengünstiger durch Drohnen ersetzt werden. Unsere Stationierung in Incirlik eine reine "Alibiveranstaltung"! Deutschland will aber „Verantwortung“ übernehmen und da ist so ein Stützpunkt für den Anfang schon mal nicht schlecht.

Zudem ist zu vermuten, dass sich die gewünschte Luftunterstützung häufig in Gebieten befindet, die eben nicht nur von IS gehalten wird, sondern gleichzeitig die Zivilbevölkerung betrifft. Wobei ich mal annehme, dass das türkische Militär Kurden locker den feindliche Kombattanten zuordnet.

Wenn die Zahlen aus Wikipedia stimmen, dann hat die Teilstreitkraft Luftwaffe bei denen etwa 60.000 an aktivem Personal, dass sollte eigentlich ausreichen. Incirlik ist hauptsächlich für die Amerikaner von Bedeutung, die den Flughafen als Drehkreuz benutzen wollen (die Türkei hatte sich lange geweigert!).

Man wird den Türken sicher über gewisse Kanäle Geld rüber schaufeln und ihnen Investitionsangebote machen. Letzteres halte ich zwar unter den gegebenen Bedingungen für hirnrissig, dass hat deutsche Verteidigungsminister aber noch nie gehindert, da letztlich doch der Steuerzahler dafür aufkommen muss.

wwalkie 12.01.2017 | 16:52

Also noch ein Kommentar zu einem Text, den ich gar nicht kommentieren mochte. Ich fasse mich so kurz wie möglich:

An dem Beitrag ist zunächst einmal nichts neu. Der "normale" Freitagleser zumindest erfährt nichts, was er nicht schon wusste (oder glaubte zu wissen). Das Ärgerliche am Text ist die schon bei Scholl-Latour so nervende Methode der Verbindung (bekannter) Fakten, (naturgemäß) umstrittener Zahlen und schockierend gemeinter Behauptungen mit der Attitude des Ich-weiß-alles-besser-weil ich-schon-oft da- unten-war. Er weiß zum Beispiel, dass mit Geld da unten "vieles geht". So sind sie, die Orientalen. Man muss sie nur da abholen, wo sie stehen. Das ist im Grunde der olle von Said analysierte Orientalismus, aber ein sich einfühlender. Gegen den können sich die "Eingeborenen" allerdings nicht wehren.Da ist diese rührende Episode am Ende - "der bleiche, schüchterne Student", der zur Knarre greift, um sich nun am Westen zu rächen, weil die Amerikaner seine Mutter getötet haben (sollen), und der nun als Gewährsmann dafür herhält, dass ein Rückzug des Westens auch ein Ende des Terrorismus bedeuten würde.

Ich finde das Gerede von DEM Westen höchst mystifizierend . Zudem gesteht es tendenziell den Menschen im Nahen und Mittleren Ostenkeine Subjekt- und Verantwortungsfähigkeit zu. Zufällig las ich heute mal wieder Martenstein im ZEITMAGAZIN. Der setzt sich mit dem Text eines Kollegen auseinander, der sich fragte, wie ein Mensch zum Terroristen wird, und der die übliche Antwort gab: Nicht der Glaube macht Menschen zu Tätern, sondern ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Prekäre Lebensverhältnisse,, enormer Entwicklungsstress - das ist allen Extremisten gemein.

Dazu Martenstein: Klar, dachte ich, für diesen Kollegen ist der Kapitalismus an allem schuld, warum nicht auch der Islamismus. Dem Kapitalismus an allem die Schuld zu geben, ist für uns Autoren auch deswegen praktisch, weil der Kapitalismus niemals eine Gegendarstellung verlangt oder mit einer Kalaschnikow in der Redaktion auftaucht. So ähnlich verhält es sich mit dem Ausdruck "der Westen".

Beim Schreiben dieser Zeilen wird mir übrigens deutlich, dass meine Kritik die Kritik eines literarischen Textes ist. Das liegt sicher auch an der Vorlage.

Ich bin in letzter Zeit sehr allergisch gegen die als literarisches und argumentatives Machtmittel eingesetzte Zitatis geworden. Darum am Ende das exakte Sartrezitat aus dem Vorwort zu den "Damnés de la terre" (in der allerdings auch nicht ganz exakten deutschen Übersetzung):

In Algerien und Angola massakriert man die Euriopäer öffentlich (à vue). Das ist der Moment des Bumerang, die dritte Phase (temps, auch Takt)) der Gewalt; sie kommt zu uns zurück, sie schlägt uns, und wir verstehen so wenig wie früher (pas plus que les autres fois), dass es die unsere ist (le nôtre, also ist der Bumerang gemeint).

Als Sartre diesen Text schrieb, war eher übrigens alles andere als resigniert, wie der Autor schreibt, sondern in revolutionärer Erregung (so zumindest Claude Lanzmann in seinen Memoiren)

grashalm 12.01.2017 | 17:12

Ok, kann ich alles nachvollziehen.

Aber andererseits ist es auch so, dass diejenigen, die immer wieder den Finger auf die Wunde legen, stets irgendwann als nervend, lästig, langweilig etc. wahrgenommen werden, weil man das, was für jeden offensichtlich ist, einfach nicht mehr hören will.

Diese Erfahrung machen viele Menschen, die über Missstände in allen möglichen Bereichen berichten.

Was aber wäre die Alternative?

pleifel 12.01.2017 | 17:22

"Er weiß zum Beispiel, dass mit Geld da unten "vieles geht". So sind sie, die Orientalen. Man muss sie nur da abholen, wo sie stehen ..."

So läuft es bei den Wahlen zur US-Präsidentschaft und damit lässt sich eine lange Aufzählung eröffnen, wie es der kapitalistische Westen (sorry, natürlich die westlichen Demokratien) zum Schmiermittel der internationalen Politik gemacht hat und zur Destabilisierung noch jeder missliebigen Regierung anwenden, da gehört selbst Auftragsmord dazu. Es gibt verschiedenste Mittel, um Regierungen oder Regimes gefügig zu machen!

Nein, natürlich ist der Kapitalismus nicht alleine schuld, es gibt immer eine andere Seite, die die Hände aufhält. Das war in der Sowjetunion so und ist im Nahen Osten nicht anders. Aber bei ernsthaftem Willen ließen sich die Konflikte dort "austrocknen". Und zwar vor allem als Erstes deren Geldquellen und wer es nicht glaubt, der lese hier.

Das aber gelingt bekanntlich nicht, da es einfach zu viele Interessen gibt. Es ist auch clever, in der Prioritätenliste die Einheimischen selbst oben auf die Liste zu setzen, so bleibt aus dem Fokus, dass vor allem die amerikanische Geopolitik maßgeblich die Destabilisierung der ganzen Region betrieben hat. Nicht zu vergessen Frankreich, Gr0ßbritannien, Israel, Saudi Arabien, Quatar, Ägypten (die Sowjets anfangs in Afghanistan) und wir müssen schließlich auch mit gewerkschaftlicher Unterstützung deutsche Arbeitsplätze in der Waffenindustrie sichern. Letzteres braucht man unbedingt, wer ganz vorne mitspielen will.

Doch, wenn es um den "Bösen" im Osten geht, da werden Konten gesperrt, Geld eingefroren und Wirtschaftssanktionen ausgesprochen, das geht flott über die Bühne.

Da bleibt die einfache Frage: wer profitiert nun davon? Abgesehen von einem "ewigen" unerklärten Krieg, den man auf Dauer führen kann.

Reinhold Schramm 13.01.2017 | 12:55

* * * - )

". . . und wir müssen schließlich auch mit gewerkschaftlicher [IG Metall] Unterstützung deutsche Arbeitsplätze [und Dividenden der Väter und Mütter der deutschen Bourgeoisie] in der Waffenindustrie sichern. Letzteres [die "Sozialpartnerschaft" zwischen Arbeit und Kapital] braucht man unbedingt, wer ganz vorne mitspielen will."

So ist die Realität im bourgeoissozialistischen Wohlstands-, Reichtums- und Konsumparadies der deutschen Klassengesellschaft!