Der Zoom-Chef

Porträt Eric Yuan ist Gründer des Videokonferenz-Imperiums. Er will die Fröhlichkeit verkaufen, die er selbst nicht ausstrahlt
Der Zoom-Chef
Während sich die Welt auf eine große Krise einstellt, ist das Vermögen des 50-Jährigen seit Beginn der Pandemie um mehr als 100 Prozent gestiegen – auf rund acht Milliarden Dollar

Foto: Matt Winkelmeyer/Getty Images

„Es geht um Fröhlichkeit! „Wir bringen Fröhlichkeit zu unseren Nutzern“, schreibt Zoom-Gründer Eric Yuan in sein LinkedIn-Profil, „deine Fröhlichkeit ist meine Fröhlichkeit.“ Doch dafür hat Yuan eine recht unbewegliche Miene an einem Mittwoch Ende April beim weltgrößten Zoom-Meeting. Ein Rekord nach dem anderen: Der Video-Dienst hatte im Dezember noch zehn Millionen Konferenzteilnehmer pro Tag, dank der Corona-Pandemie sind es jetzt 300 Millionen. „Ask Eric Anything“ ist das Motto heute, knapp 10.000 Teilnehmer haben sich registriert. Damit Yuan nicht alle Fragen allein beantworten muss, ist Marketing-Chefin Janelle Raney dabei, drei Technik-Experten und Alex Stamos, Zooms jüngster Marketing-Coup: Er ist Stanford-Professor, Facebooks Ex-Sicherheitschef und ein großer Name im Silicon Valley. Zoom hat ihn als Berater eingekauft.

Denn das mit der Fröhlichkeit hat nicht so recht geklappt in letzter Zeit. Nachdem Forscher gravierende Sicherheitslücken in Zooms Code entdeckt hatten, verbannten einige Regierungen, Unternehmen und Schulbezirke Zoom. Jetzt soll Stamos es richten – und Transparenz in wöchentlichen Webinaren.

Angesichts von Yuans starrer Miene kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Idee mit den „Ask Anything“-Meetings nicht seine war. Seine kluge Marketingchefin versucht immer wieder, ihn aus der Reserve zu locken. „Hast du einen Lieblings-Hintergrund?“, fragt sie, als es um die Fotos oder Videos geht, die das eigene Zimmer im Meeting verstecken. „Ein Video von Andre Iguodala“, platzt es aus Yuan heraus, er schaut beinahe ein wenig verliebt. „NBA video, you know.“ Da ist er richtig amerikanisch, sein chinesischer Akzent aber ist deutlich zu hören. 1997 kam Yuan nach mindestens sieben Visa-Anträgen endlich in die USA, wo er zunächst bei Webex anheuerte, einem Videokonferenz-Dienst, der 2007 von Cisco gekauft wurde. Yuan ist Basketball-Fan – er hat schon viele Meetings aus Stadien und Turnhallen heraus besucht, nie ohne Zoom-Hintergrund. Iguodala spielt in der US-Profiliga NBA und ist Investor bei Zoom, im Sommer 2019 lud Yuan ihn zum „Fireside Chat“ ein. Yuan empfing Iguodala in einem roten T-Shirt, Jeans und Turnschuhen – als wäre er der Sportler. Der hingegen trug Hemd und Anzughose. Iguodala gab ihm Motivations-Sprüche mit auf den Weg. Das Wort „Disziplin“ notierte Yuan häufig in seinen „Takeaways“ vom Treffen, und: „Raus aus der Komfortzone“.

Er kann Stillstand nicht ausstehen. Im Januar 2017 schrieb Yuan eine „Reflexion über die Reise von Zoom“: Er habe das Unternehmen gegründet, „weil ich die mangelnde Innovation bei Webex satthatte“. Yuan war dort zuletzt für 800 Mitarbeiter verantwortlich gewesen – doch er war unglücklich. Also kündigte er 2011 und gründete Zoom. Den Börsengang im April 2019 kommentierte er damit, dass ein solcher wie ein Highschool-Abschluss sei: „Das ist zu diesem Zeitpunkt eine große Sache, aber es gibt viel zu tun, wenn die Party vorbei ist.“ Zurück an die Arbeit, „zurück, um Fröhlichkeit zu liefern“. Mit dieser Haltung hat er in neun Jahren ein 35 Milliarden Dollar schweres Videokonferenz-Imperium aufgebaut. Während sich die Welt auf eine Wirtschaftskrise einstellt, ist das Vermögen des 50-Jährigen seit Beginn der Corona-Krise um 112 Prozent gestiegen, auf 7,57 Milliarden Dollar. Die Idee für einen Video-Telefoniedienst habe er bereits als Informatik-Student an der Shandong University of Science and Technology im Osten Chinas gehabt, hat Yuan einmal erzählt: So habe er damals eine Fernbeziehung geführt – zehn Stunden Zugfahrt trennten ihn von seiner Freundin. Er habe Zugfahren gehasst und sich ständig überlegt, wie er sie dennoch sehen könnte.

Yuan reist tatsächlich kaum mehr. Sein Trip zum Börsengang nach New York City war laut Forbes erst seine achte Geschäftsreise in fünf Jahren. Wann immer ihn jemand sprechen will, sagt Yuan: „Lass uns erst mal auf Zoom zusammentreffen.“ Dabei bleibt es dann meist.

Er hat eine Sache tatsächlich sehr gut verstanden, an der viele andere gescheitert sind: Ein Tool muss nicht nur exzellent funktionieren, es muss vor allem intuitiv bedienbar sein. Nur dass die Sicherheit zu kurz kam, das will er nicht so recht auf sich sitzen lassen. Es gebe so viele leicht bedienbare Features, schwärmt er, Moderatoren könnten wählen, ob sie ein Meeting mit Passwort sichern wollen. „Oder sie können es auch einfach abschließen“, sagt Yuan mit breitem Grinsen und erzählt, wie er Board-Meetings abhält. Nach einer gewissen Zeit sperrt Yuan einfach die virtuelle Tür ab. „Dann kommen schon alle pünktlich.“

Diese Mentalität hat Yuan in Zoom verankert – jetzt muss er zurückrudern. So kam die „Aufmerksamkeits-Überwachung“ ganz schlecht an bei den Nutzern: Sobald sie aktiviert war, petzte Zoom es dem Host, wenn ein Teilnehmer länger auf anderen Webseiten surfte. „Wir haben es rausgenommen“, sagt Yuan pflichtschuldig. Auch dass viele Konferenzdaten per se über chinesische Server liefen, sorgte vor allem in den USA für Ärger. Nun können sich zahlende Zoom-Kunden aussuchen, in welchen Ländern ihre Daten gespeichert werden.

All das passt nicht so recht zur versprochenen Fröhlichkeit – Yuan spricht nicht gerne darüber. Was hätte sein Freund und Vorbild Andre Iguodala geraten? Laut Yuans Protokoll: „Sei nicht zu hart zu dir selbst, schätze, was du hast – und tu immer, was deine Frau sagt.“ Was diese dazu sagt, werden wir erst mal nicht erfahren. Er arbeite derzeit 18 Stunden am Tag und habe keine Zeit, persönliche Dinge zu kommentieren, lässt Yuan Journalisten über seine Pressestelle mitteilen.

Eva Wolfangel ist freie Wissenschafts-Journalistin und derzeit als Knight Science Journalism Fellow am Massachusetts Institute of Technology (MIT)

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