Der Cyber-Partisan

Porträt Roman Protasewitsch wollte mit Ryanair von Athen nach Vilnius fliegen und landete im Gefängnis in Belarus
Der Cyber-Partisan
Seine Mutter war Dozentin für höhere Mathematik an der Militärakademie und sein Vater Berufssoldat, ein Oberstleutnant

Foto: Imago Images/Nurphoto

Beschattung durch einen Agenten in Athen. Eine zur Notlandung gezwungene, von Kampfjets nach Minsk begleitete Ryanair-Passagiermaschine. Ein Video aus der Haft, das ein Geständnis des schon lange zur Fahndung Ausgeschriebenen zeigen soll. Wer ist dieser verfolgte Mann, für den das Regime Alexander Lukaschenkos in Belarus derartige Register zieht?

Roman Protasewitsch, 26, war am Sonntag mit seiner Freundin an Bord einer Ryanair-Maschine zurück in sein Exil in Litauens Hauptstadt Vilnius. Aus Griechenland hatte der Aktivist, Blogger und Journalist über eine Rede der exilierten belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja beim Internationalen Wirtschaftsforum in Delphi berichtet, dann einige Tage Urlaub gemacht. Kurz vor dem Boarding, so der Guardian, schrieb Protasewitsch einem Freund auf Russisch „Lol, es sieht aus, als würden mich die Sicherheitskräfte am Flughafen verfolgen“, von einem Russisch sprechenden Mann mit Glatze und Lederkoffer war die Rede. „Ich glaube, sie haben sogar versucht, meine Papiere zu fotografieren. Ganz sicher bin ich nicht. Jedenfalls ein ganz schön verdächtiger Scheiß.“ Tichanowskaja, die in Belarus zur Fahndung ausgeschrieben ist, und ein Mitarbeiter hatten eine Woche zuvor dieselbe Route über belarussischen Luftraum genommen, ohne Zwischenfall.

Protasewitsch ist sich einig mit Zehntausenden Belaruss*innen, die die sechste Amtseinführung Lukaschenkos im August 2020 nicht anerkennen und seit dem vergangenen Jahr auf die Straße gehen. Im Herbst erklärte der belarussische Geheimdienst KGB den Mann zum „Terroristen“, Protasewitsch twitterte damals: „Jetzt steht mein Name auf der gleichen Liste wie die Jungs von ISIS.“ Zum „Terroristen“ macht ihn, dass er mit seinem Dissidentenkollegen Stepan Putilo die Kanäle „Nexta“ und „Nexta Live“ in der Messenger-App Telegram mitbegründet hat, die die wichtigsten Instrumente zur Mobilisierung für die Straße sind und mittlerweile fast zwei Millionen Abonnent*innen haben. Sind es vor allem Frauen, die die Proteste in der Heimat wie im Exil prägen, so zeichnet die Bewegung eine weitere Besonderheit aus: Sie ist digital versiert; es war der IT-Sektor, der als eine der ersten Berufsgruppen die Proteste offen unterstützte. Den Cyber-Aktivist*innengruppen gab Roman Protasewitsch bisher ein Gesicht.

Seit der Unabhängigkeit von Belarus 1991 hat das Regime die Menschen an das staatliche Fernsehen gebunden und sperrt heute das Internet. Protasewitsch bringt diesen Propagandaapparat durcheinander. Nexta dient auch als Plattform, um gehackte Informationen öffentlich zu machen. Anonyme Hacker brachen in Regierungswebseiten ein und hinterließen dort eine Nachricht: „Unsere Freunde und Verwandten werden getötet, gefoltert und vergewaltigt. Niemand wird in der Lage sein, am Rande zu sitzen.“

„Cyber-Partisanen“ hackten die Webseite des Staatlichen Fernsehkanals „Belarus 1“ und spielten Aufnahmen von prügelnden Sicherheitskräften. Hacker entschlüsselten E-Mails von Beamten und stellen sie als Datenbank auf Nexta ein. Im September 2020 drohte der Kanal mit der Veröffentlichung persönlicher Daten von Zehntausenden Mitarbeitern der Kräfte, die in Belarus Angst schüren. Die ersten paar Dutzend Namen, Geburtsdaten und Adressen posteten die Autoren des Kanals immer wieder: „Es ist an der Zeit, sich auf die Seite des Volkes zu stellen. Sonst wird Ihr Leben nie wieder so sein wie vorher!“ Wie weit und an welche Daten sind die „Cyber-Partisanen“ gekommen, und was weiß Protasewitsch – spätestens seit Sonntag wären Antworten auf diese Fragen von großem Interesse.

Letzterer macht auch nicht vor dem Kreml halt. „Waldimir Putin ist ein internationaler Terrorist und Kriegsverbrecher“, sagte Protasewitsch immer wieder in Interviews. „Belarus befindet sich in der Umlaufbahn der Russischen Föderation.“ Er wehrt sich gegen den immer stärker werdenden russischen Einfluss in seinem Heimatland und wünscht sich ein prowestliches Belarus, ohne Lukaschenko und dessen Schirmherrn Putin.

Protasewitsch war schon immer ein Partisan. In den frühen 2010er Jahren betätigte er sich als Jugendaktivist, wurde mehrmals bei Protesten gegen das Regime verhaftet. Seine Schule schloss ihn aus, keine andere wollte ihn aufnehmen, berichtete die Mutter einmal. Natalia Protasewitsch, Dozentin für höhere Mathematik an der Militärakademie, musste ihre Lehrtätigkeit dort wegen der Aktivitäten ihres Sohnes aufgeben. Schließlich erlaubte das Bildungsministerium dem Jungen aber doch, die Schule abzuschließen.

Protasewitsch wollte Journalist werden, doch für die Journalistische Fakultät der Staatlichen Universität in Minsk wurde er schnell zu heikel. „Dies ist ein Ort, an dem staatliche Propagandist*innen ausgebildet werden. Ich trete offen gegen Propaganda an“, sagte Roman Protasewitsch in einem Interview. Bald schmiss ihn die Hochschule raus. 2019 sucht er Schutz in Polen, zog 2020 nach Litauen.

Auch seinen Eltern ließen die belarussischen Behörden keine Ruhe mehr. Vater Dmitry ist ein ehemaliger Berufssoldat, doch Lukaschenko hat dem Oberstleutnant per Erlass dessen Dienstgrad aberkannt, ein Akt der Demütigung „für die Verräter“. Es gebe Drohungen, Überwachung, Abhörmaßnahmen.

Protasewitschs Eltern zogen im vergangenen August nach Polen. „Ich bin stolz auf meinen Sohn. Er ist ein Held. Er ist ein Mensch, der sich immer nur für Gerechtigkeit eingesetzt hat“, sagte Natalia Protasewitsch nach der Verhaftung dieser Tage.

Allein der Vorwurf der Anstachelung von Massenunruhen kann in Belarus mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft werden.

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06:00 27.05.2021

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