Der dämonisierte Nachbar

Gedenken Warum es höchste Zeit ist, dass Deutsche das hierzulande herrschende Russlandbild überarbeiten
Der dämonisierte Nachbar

Foto: Pavlo Borshchenko

Es nähert sich der 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. Kommen Sie gleich auf das Datum? Bedeutet es etwas für Sie? Dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble ist es offenbar eher gleichgültig. Den Antrag der Linken, den 22. Juni im Plenum zu würdigen, bügelte er ab: Man solle bei „der bisherigen parlamentarischen Übung einer ungeteilten Erinnerung an den gesamten Verlauf“ des Krieges bleiben!

Der Vernichtungsfeldzug gegen die UdSSR soll also ebenso wenig hervorgehoben werden wie deren besonderer Beitrag zum Sieg über das Naziregime. Diesen schreibt man in westdeutscher Tradition vor allem den Amerikanern zu, den Briten noch und – sogar – den Franzosen. Den „eigenen“ Siegermächten, denen man verbunden war im Kalten Krieg.

Östlich der Front desselben war mit dem Versuch, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, der Gedanke deutsch-sowjetischer Freundschaft verbunden. Das war nicht nur Staatsraison, sondern wurde für viele Herzenssache. Offenbar unvorstellbar im Westen, wo man nach 1945 vom Rassismus gegen die „Untermenschen“ nahtlos in eine antikommunistische Opferrolle fand: gegensätzliche Erfahrungswelten, die bis heute bestehen, auch wenn eine davon gesiegt zu haben scheint.

Mit dem Wunsch nach Vereinigung war für viele in der DDR auch die Vision eines „europäischen Hauses“ verbunden, das die Russen berücksichtigt. Ein Wirtschafts- und Sicherheitsraum von Lissabon bis Wladiwostok. Heute ist das politisch in weiter Ferne. Und emotional fühlen sich im Osten nicht wenige von der neuen Dämonisierung Russlands mitgetroffen, die mit dem Verwerfen dieser Vision einhergeht. Auch das gehört zum Thema AfD.

Angesichts von sechs Millionen ermordeten Juden steht die Bundesrepublik demonstrativ an der Seite Israels, gerade jetzt wieder. Die UdSSR zählte 27 Millionen Tote, zwei Drittel Zivilisten. Erst 2015 gab es ein offizielles Bedauern für die allein drei Millionen Sowjetsoldaten, die in deutschen Lagern starben – seitens des für diesen einen Moment ostdeutschen Staatsoberhauptes Joachim Gauck. Seither ist wieder Schweigen, und das im besten Fall: „Russlandversteher“ gilt als Schimpfwort. Vergeblich ruft die deutsche Schuld nach der Anerkennung auch russischer Sicherheitsinteressen. Stattdessen versteigt sich das offizielle Deutschland zu Forderungen und Belehrungen, die nur so lange nicht peinlich wirken, wie sie in verbreiteten Vorurteilen Resonanz finden.

Noch stehen viele hinter Wolfgang Schäuble, die vom 22. Juni wenig wissen. Mit einer netten Frau aus Franken reiste ich vor einigen Jahren nach Sankt Petersburg: „Wenn ich erzähle, dass ich in Russland war, das glaubt mir keiner!“ Ihr Staunen, ich gebe es zu, steigerte meinen Genuss. Dachte sie, dort streifen Bären durch die Straßen? Welche Rückständigkeit hatte sie im Sinn? Alles durfte ich erklären. Und es ist ja verständlich: In der alten Bundesrepublik lernte man kein Russisch und hatte andere Reiseziele. Alte Klischees blieben intakt und wirken bis heute.

Die Sowjets zogen 1991 ab. Die USA blieben mit 34.500 Mann. 500 kommen bald hinzu, freut sich die Verteidigungsministerin: zur „Abschreckung und Verteidigung in Europa“. Gegen wen? Vor der Bundestagswahl warnt man vor „Einmischung“. Wer aber hat rund um Nord Stream 2 deutsche Firmen und Bürgermeister bedrängt, die gegen Gesetze einer fernen Regierung verstießen? Die Mär von der russischen Bedrohung verliert auch in Westdeutschland an Kraft. Es wird nun Zeit für kulturelle Annäherung, im Sinne des Friedens wie als Konsequenz aus der Geschichte.

Sollte der Bundespräsident am 22. Juni doch noch eine Rede halten, wäre das eine schöne Geste. Wie es indes im September außenpolitisch weitergeht, diesbezüglich haben viele ihre Befürchtungen, gerade auch in Ostdeutschland.

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06:00 14.06.2021

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