Thomas Ahbe
29.08.2003 | 00:00

Der Dammbruch

Anschlag auf den Einheitsgeschmack Das Fernsehen behauptet die Legitimität positiver DDR-Erinnerungen

Am Ende eines schweren Sommers kommen die Erinnerungen. Wie Regen auf vertrocknetem Boden bringen sie die Dinge ins Fließen und rühren die Gemüter an. Bonbonfarbene Reminiszenzen erblühen nun auf jenem harten Terrain, das die Dampfwalzen der Diktaturbewältiger so ausdauernd bearbeitet hatten. "Wie schön", seufzen jene, deren Geschmack sich den deutschen Fernseh-Shows zuzuneigen vermag, "auch in des Ostlers Busen schlägt ein gutes Herz! Jetzt zeigt´s sogar das Fernsehen!"

Das ZDF startete mit der Ostalgie-Show am 17. August, am 22. August begann der MDR mit der wöchentlichen Ausstrahlung seines freitäglichen Ein Kessel DDR, es folgen SAT1, die jeweils samstags am 23. und 30. August Meyer und Schulz - die ultimative Ost-Show bringen, und dann kommt noch Die DDR-Show auf RTL, die erste von vier Folgen wird am 3. September ausgestrahlt. Man hofft auf Quote. Offensichtlich geht man von einer enormen Nachfrage aus.

Warum eigentlich? War die DDR nicht unaufhörlich in den Medien? Ein Blick auf die Geschichte der Ost-Erinnerung seit 1990 kann hier einiges klären. Das Verschwinden der DDR nach 1990 war rasant und umfassend. Die Wirtschafts- und Währungsunion sowie Beitritt und Abwicklung der DDR waren ein Umbruch, der die Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise übertraf. In den ersten beiden Jahren entfiel fast die Hälfte der Arbeitsplätze, und die Industrieproduktion sank um zwei Drittel. In der gleichen Zeit halbierte sich die Geburtenrate ebenso wie die Zahl der Eheschließungen. Derweil wurden simultan das Wirtschaftssystem, die politischen Vorgaben und Werte, die Behörden und Institutionen ausgetauscht. Die Rasanz der Transformation wurde möglich, weil der Zielzustand in den Altländern schon als Realität funktionierte und im Osten nun durch importiertes Fach- und Führungspersonal zügig umgesetzt werden konnte. Die Infrastruktur wurde radikal erneuert. In nur vier Jahren verdreifachte sich im Osten die Zahl der Telefonanschlüsse und verdoppelte sich der Bestand an Autos. Für diese Entwicklung hatte man im Westen einst 14 Jahre gebraucht.

Nach 1990 ging also alles schnell, tief und weit. Wer mithalten wollte, durfte nicht rasten. Die zuträgliche Balance von Stetigkeit und Neuerungen war suspendiert. Die Ostdeutschen mussten agieren, nicht reflektieren. In diesen ersten Jahren geriet den Ostdeutschen ihre Vergangenheit in doppelter Weise außer Reichweite. Zum einen schien sie, um in der neuen Gegenwart Fuß fassen zu können, irrelevant. Und zum anderen wurde sie nun von westdeutsch geführten Medien und Instituten verwaltet. Doch in dem Bild, was jene zeichneten, fanden sich die meisten Ostdeutschen nicht wieder. So kam nach der rasant-radikalen Umgestaltung, nach den Jahren der Manie - die der Melancholie.

Seitdem werden alternative Sichtweisen auf die DDR und ihrer Bevölkerung in merkwürdigen und indirekten Diskursen thematisiert. Am schnellsten war die Werbung. Sie hatte ja auch nur die Stimmung der ostdeutschen Zielgruppe zu bedienen und nicht den Offizialdiskurs. Aus den noch verbliebenen DDR-Marken machte sie aufmüpfige Wende-Helden. "Hurrah, ich lebe noch!" rief die Club Cola - Vita Cola 1992 von den Plakaten. Die Karo galt in der DDR als die Zigarette der Unangepassten, der Intellektuellen und Künstler. Sie prolongierte ihr Image mit dem Slogan "Anschlag auf den Einheitsgeschmack!". Der einstige DDR-Monopolist für Unterhaltungselektronik, RFT, warb mit "Aus dem Osten daher gut". Die Ost-Zigarette Cabinet stellte sich als "unverfälscht und unparfümiert" dar, nahm so ostdeutsche Stereotype von den unechten, blenderischen und parfümierten Westdeutschen auf. Und nach der schrillen Test-The-West-Kampagne echote die Juwel: "Ich rauche Juwel, weil ich den Westen schon getestet habe. Juwel, eine für uns."

So setzte die umsatzfördernde Ost-Produkte-Welle ein: Drogerieartikel, Lebens- und Genussmittel, die in der DDR oft nur als Surrogate der West-Originale wahrgenommen wurden, repräsentierten nun eine Art Ost-Identifikation. Ein Drittel des in der DDR verbrauchten Kaffees stammte aus Westpaketen oder den Intershops, Ostkaffee hatte ein denkbar schlechtes Image. Dennoch: Als 1997 die DDR-Kaffee-Marke Rondo wiedereingeführt wurde, übertraf sie die Absatzprognose um das Fünfzigfache. Die Firma Röstfein in Magdeburg erhielt begeisterte Zuschriften: "Ich bin in Freudentränen ausgebrochen, der gute alte Rondo", heißt es dort, oder: "Ja, genauso will es das Ossi-Herz!" Hier geht es also weniger um den Gaumen, sondern vor allem ums Herz. So ist das auch mit Büchern, Filmen und Tonträgern, deren einziger Gebrauchswert in der Moderation der Erinnerung besteht. Ähnliches gilt für Kult- und Designprodukte, die die Ampelmännchen-Industrie ausstößt - und natürlich für die Ostalgie-Parties. Die Symbole, Produkte, Slogans und Rituale aus der DDR-Zeit wurden so zur Semantik eines Laien-Diskurses. In ihm arbeiteten einfache Leute sowohl die Zeit in der DDR wie auch deren rasende Demontage auf - und kommentierten sie neu im Lichte aktueller Erfahrungen. Insofern ist Ostalgie nicht nur Nostalgie. Sie ist eine Art Selbsttherapie nach dem Umbruchs-Schock und ein laienhafter Versuch, die Deutungshoheit über die eigenen Biographien wiederzuerlangen.

Die DDR-Deutung war also zweigeteilt: Zum einen gab und gibt es den "gültigen und würdigen" DDR-Diskurs. Seine Träger waren die Medien, die Politik und die institutionalisierte Vergangenheitsbewältigung. Deren DDR-Bild orientierte sich an den Legitimationsbedürfnissen der alten und neuen Bundesrepublik. Mit finanziellen Mitteln und professionellem Personal ist dieser Diskurs sehr gut ausgestattet. Nichtsdestotrotz blieben in der ersten Dekade die Grundthesen zur DDR und den Ostdeutschen einseitig. Bei der Ost-Bevölkerung finden sie die gleiche Akzeptanz wie einst jene von der "unverbrüchlichen Freundschaft zur Sowjetunion", der "sozialistischen Demokratie" und der "historischen Überlegenheit des Sozialismus".

Zum anderen gibt es einen "ungültigen und unwürdigen" DDR-Diskurs. Er hat keine vergleichbar homogene Trägergruppe und orientiert sich an den viel weiter gestreuten individuellen Legitimationsbedürfnissen eines großen Teils der Ostdeutschen, die sich durch den "würdigen und gültigen" DDR-Diskurs in ihrer Identität angegriffen sehen. Und das sind nicht nur die "Täter mit gutem Gewissen". Die Akteure dieses "ungültigen und unwürdigen" DDR-Diskurses sind Ostalgie-Waren-Produzenten, Enthusiasten, marginalisierte Intellektuelle und natürlich ein großer Teil der Ostbevölkerung als Kunden, als Publikum und Disputanten. In wachsendem Maße kann man im Internet auf die Archivierung des DDR-Alltags - von DDR-Landmaschinen bis zum Ost-Rock-Lexikon - zurückgreifen oder sich in den entsprechenden Foren an Erwägungen beteiligen, was die DDR im Vergleich zum heutigen Deutschland eigentlich war. Auch in unzähligen kleinen Vereinen und "e.V.-Museen" bemüht man sich um ein anderes DDR-Bild. Und in etlichen auflagenschwachen Zeitungen, Zeitschriften sowie in unterfinanzierten Journalen bemühen sich engagierte Intellektuelle und Wissenschaftler, einen alternativen DDR-Diskurs zu entfalten. Nur wenige von ihnen sind in etablierten Zeitungen und Zeitschriften präsent, die Relevanz dieses Diskurses in den etablierten Medien ist also gering.

Das war bislang der bequeme Status quo bei der Konstruktion des Bildes von der DDR und den Ostdeutschen. Niemand kann sagen, dass überhaupt keine Gegenmeinung veröffentlicht werden könnte. Eine Zensur erübrigt sich, wenn man die Verteilung der Sach- und Personalmittel kontrollieren und ansonsten das Problem bis zum Eintreten der ruhespendenden biologischen Lösung aussitzen kann. Unter der Eisfläche des offiziell gültigen Bildes vom Osten stauten sich also die unerledigten Diskussionen, die ignorierten Sichtweisen, die unverwundenen Ungerechtigkeiten und allerlei Affekte, Kränkungen und Traumata.

Dann brach das Eis auf. Zunächst mit der Tragikomödie Good Bye Lenin. Ihr Erfolg bei Publikum und Kritik offenbarte, dass "man darüber reden" darf - erst einmal doppelt fiktiv wie in Good Bye Lenin, und nun in den DDR-Shows. Die sind auch nur Fiktionen, das gehört zum Genre. Auch in den Volksmusik-Shows sind die Kühe nur aus Pappe; tatsächlich geht´s ja um Nostalgie und Identität und nicht um Landwirtschaft. In den Ost-Shows geht es ebenfalls um Nostalgie und Identität - und nicht um Zeitgeschichte, über die man aber dennoch informiert ist. Dafür wurde in den letzten 13 Jahren ja nun wirklich ausgiebig gesorgt.

Natürlich kennen auch jene, die die Shows skandalieren, den Unterschied zwischen dem Geschichts- und dem Unterhaltungs-Format. Für sie sind die DDR-Shows eine ernste Sache, ein schwer zu kontrollierender Dammbruch, der den Status quo bedroht, bei dem ein nicht-dämonisierendes DDR-Bild auf den "ungültigen und unwürdigen" DDR-Diskurs beschränkt bleibt. Diese Sichtweise soll nicht auf die hell erleuchtete Bühne des Leitmediums Fernsehen ausbrechen.

Doch es ist schwer vermittelbar, warum die ostdeutschen Erinnerungen an Momente glücklicher Identifikation, an persönliche Erfolge, an intensive Gefühle und prägende Augenblicke weniger legitim und authentisch sein sollten als die der Westdeutschen. Niemand würde, wenn westdeutsche Journalisten mit feuchten Augen und besonderer Stimmlage über das Helmut-Rahn-Tor von 1954, über das "Wunder von Bern" reden, das Fehlen einer volkspädagogisch wirksamen Bewertung der Adenauer-Zeit mit all ihrem Nazi-Mief bemängeln; noch würde man in der Präsentation dieser Erinnerung eine Gegnerschaft zur späteren Fundamentalliberalisierung der Bundesrepublik vermuten.

Erinnerungen sind perspektivenabhängig und selektiv. Sie sagen etwas über eine Gesellschaft aus, aber nicht alles. Das gilt um so mehr, wenn sie zu Unterhaltungszwecken funktionalisiert werden. Stimmig oder vollständig ist das Bild also nicht. So kritisieren dann auch die Ostdeutschen die kommerzielle "Verwurstung" der bislang ignorierten DDR-Alltagskultur und die gleichzeitige Reduktion derselben auf putzige Lächerlichkeiten. Im Westen hingegen bemängelt man das Fehlen von Stasi und Mauer. So dudeln die bunten Shows zwischen den Stühlen. Aber sie legen damit auch die Debatte zur historischen Legitimität der DDR neu auf. Das ist produktiv. Es ist immer wichtig, nach dem alltäglichen Maß an Druck, Angst, Ohnmacht, Verzweiflung, an physischer und psychischer Beschädigung zu fragen, das den Menschen, vor allem eben jenem einfachen Publikum der Samstagsabend-Shows, von Gesellschaften zugemutet wird. Das gilt für die DDR-Diktatur ebenso wie für die Agenda-2010-Demokratie.