Der Detonator

Beppe Grillo Die Regionalwahlen Ende März haben der „Fünf-Sterne-Bewegung“ einen achtbaren Erfolg beschert. Nun will deren Chef Italiens Parteiensystem sprengen

Ganz unerwartet kam der Erfolg nicht: In fünf Regionen – in Piemont, der Lombardei, in Venezien und Kampanien wie in der Emilia-Romagna angetreten – erreichte die neu formierte „Fünf-Sterne-Bewegung“ (Movimento a cinque Stelle) bei den Regionalwahlen am 28. März zwischen 1,6 und 6,9 Prozent. Wegen der Vier-Prozent-Klausel zieht sie allerdings nur in ein Regionalparlament ein: das von Bologna, der Hauptstadt der Emilia-Romagna.

Vielen Italienern dürfte der Name der neuen Partei noch unbekannt sein. Deren Wortführer aber kennen sie alle: Beppe (Giuseppe) Grillo, 1948 in der Provinz Genua geboren, ist Schauspieler, Komiker, Blogger und wortgewaltiger Ankläger der italienischen Verhältnisse. Jahrelang war er in gut frequentierten Fernsehsendungen und -shows zu sehen – bis er vor 15 Jahren wegen hartnäckiger Kritik an besonders korrupten Exemplaren der politischen Klasse endgültig aus den Programmen verbannt wurde. Doch noch immer gelingt es ihm, Arenen zu füllen. Seinen Fans bietet er furiose One-Man-Shows mit wütender Rhetorik und teils frei improvisiertem politischen Kabarett.

Entscheidung am V-Day

Vorrangig aber nutzt er das Internet für politische Botschaften. Sein Blog Beppegrillo.it gilt als das beliebteste Italiens. Hier – und im deutschen Wochenblatt Die Zeit – veröffentlichte er 2008 seinen viel zitierten Appell „an die deutschen Brüder“: „Ihr seid unsere letzte Hoffnung. Schon jetzt schicken wir euch jeden Tag den Müll aus Kampanien – bitte nehmt uns auch die Politiker ab!“ Wegen seiner Absicht, die italienischen Parteien allesamt zu „sprengen“, nennt er sich selbst den „Detonator“. Ausländische Medien wollen in ihm einen „italienischen Michael Moore“ sehen, weil er bei der Anklage gesellschaftlicher Missstände ähnlich plakativ verfahre, wie der amerikanische Dokumentarfilmer. Kritiker geißeln ihn deswegen als Populisten, Demagogen und Anti-Politiker.

Die Mitglieder seiner Bewegung werden in den Medien kurzerhand Grillini genannt – Grillos Leute. Ohne den charismatischen Star wäre die Partei gar nicht erst gegründet worden. Grillos Idee, auf einem „V-Day“ (V für „vaffanculo“ – „leck mich am Arsch“) allen Parteien den Kampf anzusagen, war der Beginn. Zu diesem Zweck versammelten sich am 8. September 2007 in Bologna 50.000 Menschen. Es geschah im zweiten Jahr der Mitte-Links-Regierung unter Romano Prodi. Von den Rechten habe er ohnehin nichts erwartet, so Grillo damals, aber von Mitte-Links sei er „doppelt enttäuscht“. Die Kategorien links und rechts seien ohnehin unwichtig geworden, befand er. Dass seine Bewegung von allen herkömmlichen Parteien gleich weit entfernt sei, wie er gern behauptet, stimmt dennoch nicht. Das wird deutlich, wenn man sich die Positionen der Fünf-Sterne-Partei ansieht.

Anfangs stand die von Grillo lautstark verkündete Ablehnung „der korrupten Politiker“ im Vordergrund. Dagegen will man mit einer „Säuberung“ der Parlamente angehen: Vorbestrafte sollen ihr passives Wahlrecht verlieren, Abgeordnete nur für maximal zwei Legislaturperioden gewählt werden. Mittlerweile punktet die Partei auch mit umweltpolitischen Forderungen: In der Region Piemont solidarisierte sie sich mit der No-Tav-Bewegung, die den kostspieligen und ökologisch verheerenden Neubau einer Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon verhindern will, und erzielte in den Hochburgen der Bewegung prompt herausragende Wahlergebnisse. Das Gros der Wähler ist 30, wird vorzugsweise über das Internet mobilisiert und wirkt politisch wie sozial eher heterogen: Viele haben bisher Mitte-Links gewählt, aber auch aus dem Lager der Nicht-Wähler lassen sich für die Grillini Stimmen sammeln.

Viel Zweckoptimismus

Aufschlussreich dürfte deren Agieren nun in der Emilia-Romagna werden, wo sie im Regionalparlament vertreten sind. Giovanni Favia, Grillos Mann in Bologna, hat ein formelles Bündnis mit der dort regierenden Demokratischen Partei (PD) bereits ausgeschlossen, ihr aber ein konkretes Reformprojekt vorgeschlagen, das man in der Abgeordnetenkammer gemeinsam beschließen könne. Darunter sind Maßnahmen zum ökologischen Umbau der ansässigen Verpackungsindustrie, das Verlangen nach mehr Solarenergie, Mülltrennung und der Abzug von Subventionen für Privatschulen, um staatliche Bildungseinrichtungen besser zu bedienen. Was sich unspektakulär anhört, würde – wenn es umgesetzt wird – an die sprichwörtliche „gute Regierung“ durch die Kommunistische Partei anknüpfen: In den Jahrzehnten der christdemokratischen Hegemonie gehörte die Emilia-Romagna neben der Toscana und Umbrien zum mittel-italienischen „roten Gürtel“, in der – oft aus Familientradition – links gewählt wurde.

Ob sich die Fünf-Sterne-Partei hier und auch in anderen Regionen dauerhaft etabliert, ist schwer zu sagen. Grillos Prognose für die Parlamentswahlen 2013 muss man nicht allzu ernst nehmen: Der „Psycho-Zwerg“ Berlusconi sei schon jetzt am Ende, und in drei Jahren werde es „nur noch die Lega Nord und die Rechtspopulisten um Gianfranco Fini geben. Und Protestparteien wie uns – ich hoffe als drittstärkste Kraft“, glaubt er und pflegt seinen Zweckoptimismus. Persönliche Ambitionen auf politische Ämter darf man Grillo dabei nicht unterstellen: Wegen fahrlässiger Tötung (bei einem von ihm verursachten Autounfall) vorbestraft, dürfte er nach seinen eigenen Regeln nicht einmal kandidieren.

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14:38 17.04.2010

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