Der Doktor und die CIA

Ost-West „Doktor Schiwago“ ist ein Filmklassiker. Ein Buch schildert, wie die Vorlage dazu im Kalten Krieg zur Waffe wurde
Christopher Bray | Ausgabe 29/2014 15

Eines Morgens im Mai 1956 trat der Schriftsteller Boris Pasternak in einem Moskauer Vorort aus der Tür seiner Datscha. Unter dem Arm trug er ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Paket, das er dem italienischen Besucher, der in seinem Garten stand, mit den sarkastischen Worten überreichte: „Hiermit lade ich Sie zu meiner Exekution ein.“

Das war keine Paranoia. 20 Jahre zuvor hatte Pasternak mit angesehen, wie die Geheimpolizei seinen Schriftstellerkollegen und Nachbarn Boris Pilnjak wegen einer dringenden Angelegenheit abholte. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine Kugel, die ihm von hinten in den Kopf geschossen wurde. Pilnjak hatte die schriftstellerischen Fähigkeiten Leo Trotzkis nicht als völlig miserabel verdammt. Was sollte Pasternak anderes erwarten, während er dem Vertreter des Mailänder Verlegers Giangiacomo Feltrinelli das Manuskript von Doktor Schiwago übergab – eine Liebesgeschichte, die die sowjetischen Behörden nie zur Veröffentlichung freigeben würden, da sie nicht den Richtlinien der Kulturpolitik entsprach.

In Doktor Schiwago hatte Pasternak nichts Positives über das neue Russland zu sagen. Die Redakteure des Literaturmagazins Nowy Mir hatten den Abdruck von Auszügen mit der Begründung abgelehnt, der Text akzeptiere die sozialistische Revolution nicht. Ein anderer Grund war, dass der Roman auf der Vorstellung von der Individualität des menschlichen Bewusstseins basierte. Das nach-zaristische Russland war aber zentralistisch, kollektivistisch und richtete sich gegen die Überhöhung des Individuellen. Einer seiner ersten illegalen Leser sagte über Pasternak, von dessen Werk gehe die Botschaft des Humanismus aus, die die Unterordnung des Einzelnen unter das System, die in der Sowjetunion herrsche, fundamental in Frage stelle.

Die Sowjets glaubten nicht, dass Feltrinelli das Buch herausbringen würde, schließlich war er Marxist. In Moskau verließ man sich darauf, dass er von einer Veröffentlichung absehen würde, wenn man ihn dazu aufforderte. Das sollte sich als Irrtum erweisen. Wie viele seiner italienischen Genossen war Feltrinelli nicht so linientreu wie erwartet. Als die Sowjets in Ungarn einmarschierten, während er Doktor Schiwago las, dürfte sich das ebenfalls ungünstig auf die Parteidisziplin ausgewirkt haben. „Er wurde dadurch in seinem Wunsch, das Buch von Pasternak zu machen, nur noch weiter bestärkt“, schreiben Peter Finn und Petra Couvée in ihrem Bericht über die „Schiwago-Affäre“. Ein Jahr später, im November 1957, kam Pasternaks Buch in die Läden.

Hier kommen die Amerikaner ins Spiel. Ein paar Monate nach dem Erscheinen von Feltrinellis italienischer Ausgabe landete im Hauptquartier der CIA in Washington eine Kopie von Pasternaks Originalmanuskript. Der für die Sowjetunion zuständige John Maury kam nach der Lektüre zu dem Ergebnis, es handle sich hierbei um das „ketzerischste literarische Werk eines sowjetischen Autors seit Stalins Tod“. Also mussten die Amerikaner nur noch dafür sorgen, dass das sowjetische Volk von dem Buch Kenntnis erhielt, ohne dass jemand merkte, dass sie dahintersteckten: 1958 schmuggelte man Kopien des russischen Originals auf die Weltausstellung nach Brüssel, wo im Pavillon des Vatikans katholische Exilrussen eine kleine Bibliothek für die christliche Diaspora in staatssozialistischen Ländern zusammengestellt hatten.

Wenige Monate später wurde bekannt gegeben, dass Pasternak den Literaturnobelpreis erhalten sollte. Regierung und Öffentlichkeit übten großen Druck auf ihn aus, sodass er die Auszeichnung schließlich ablehnte. Einmal erhielt er einen Brief, dessen Absender sich Judas nannte. „Ich habe nur Jesus Christus verraten, du aber ganz Russland.“ Pasternak wurde während der folgenden zwei Jahre vom Kreml schikaniert. (Sie hätten das auch noch länger gemacht, wenn er ihnen durch seinen Tod nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.)

Am schlimmsten traf es Pasternaks Geliebte, Olga Iwinskaja. Sie war schon vor der Veröffentlichung mehrmals verhaftet und verhört worden und wurde nach Pasternaks Tod zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Ihr Vergehen bestand darin, Pasternak dazu inspiriert zu haben, das Buch zu schreiben.

Dabei bordet der Roman vor Inspiration keineswegs über. Das größte Defizit an Finns und Couvées Buch über die „Schiwago-Affäre“ besteht darin, dass den Autoren nicht klar wird, dass es sich bei dem Text um keinen allzu großen Wurf handelt. Finn und Couvée erinnern uns zwar daran, dass David Leans Verfilmung von 1965 zu Recht wegen der naiven Darstellung historischer Zusammenhänge und der Melodramatik kritisiert wurde – sie merken aber nicht, dass man das auch schon über die Vorlage selbst sagen kann.

Spiegel der Verrisse

Doktor Schiwago wird wegen der Umstände seiner Entstehung soziokulturell immer von Interesse bleiben, aber keine der positiven Kritiken, die das Buch bei Veröffentlichung selbst von den renommiertesten Kritikern erhielt, kann heute noch überzeugen.

Wenn Edmund Wilson im Magazin The New Yorker voller Begeisterung von dem „Mut des Genies“ spricht, verrät das etwas über die Tendenz der Kritik – als würden die Verhöre und Prozesse, die Boris Pasternak zu überstehen hatte, die literarische Qualität des Buchs gewährleisten. Literatur muss nach ihrer literarischen Qualität beurteilt werden, sonst verkommt Kritik zur Demagogie.

Hätten Peter Finn und Petra Couvée sich die Frage gestellt, ob die naive Zustimmung, die Pasternaks Doktor Schiwago im Westen entgegenschlug, mehr war als ein Spiegel der Verrisse im Osten – die beiden hätten wahrscheinlich ein besseres Buch geschrieben.

The Zhivago Affair. The Kremlin, the CIA, and the Battle Over a Forbidden Book Peter Finn, Petra Couvée Pantheon 2014, 368 S., 15,95 €

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