Der Dokumentarfilm "Rubljovka - Straße zur Glücksseligkeit"

Kino Auf die Rubljovka, eine sich rasant verändernde Straße, die in Moskau vom Kreml nach Westen bis aufs Land führt, ist Irene Langemann durch einen ...

Auf die Rubljovka, eine sich rasant verändernde Straße, die in Moskau vom Kreml nach Westen bis aufs Land führt, ist Irene Langemann durch einen Zeitungsartikel gestoßen. Die in der UdSSR aufgewachsene Dokumentarfilmerin hatte zuvor schon fürs deutsche Fernsehen gearbeitet, etwa Lale Andersen und das Bolschoi-Ballett porträtiert.

Mit der Rubljovka hat sie nun ein Symbol gefunden für ein Land im Umbruch. Dort finden sich ehrgeizige Bauprojekte im Stil aristokratischer Landsitze für die neue Oberschicht, luxuriöse Modegeschäfte, aber auch der armselige Stand der alten Ljubov Jermilina. Sie verkauft Krimskrams, selbstgemachte Besen für den Haushalt. "Achten sie nicht auf das Schild, die Besen kosten 50 Rubel", sagt sie ihren Kunden. Es gibt kein Schild, nur eine schiefe Malerei auf der Wand. Und der zersprungene Spiegel vor ihrer kleinen Behausung ist ihr "Schönheitssalon", wie sie selber sagt. In einer anderen Welt, aber an derselben Straße lebt Shanna Bullock in einem dunkelrosafarbenen Anwesen, das in seiner Verspieltheit an ein Märchenschloss erinnert. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, die Rosen in ihrem weitläufigen Garten im korrekten Winkel von 45 Grad zu beschneiden, kümmert sie sich um die Geschäfte ihrer Immobilienfirma.

Diese direkte Kontrastierung, der Schnitt von Shanna Bullock auf Ljubov Jermilina, gehört zu den wenigen erzählerischen Eingriffen Langemanns, die in dem Dokumentarfilm Rubljovka - Straße zur Glücksseligkeit eher an einem Panoptikum, einer Sammlung von Impressionen interessiert ist als an einer nachvollziehbaren, dramaturgischen Struktur. Das macht es dem Zuschauer nicht leicht, in die immer neuen Geschichten und Schicksale der zahlreichen Personen hineinzufinden. Da gibt es den Makler Oleg Stupenkow, der die Neo-Adelshäuser verkaufen will, eine Nachfahrin Schostakowitschs, die gemeinsam mit dem Musiker Mstislaw Rostropowitsch in Erinnerungen an alte Weihnachtsfeste schwelgt oder die 27-jährige Marusja Agiewa, die ihre Zeit zwischen kostspieligen Empfängen der selbsternannten neuen Elite des Landes und einem modischen Fitness-Tempel verbringt.

Wenn es in diesem Mosaik so etwas wie ein emotionales Zentrum gibt, dann ist das der 12-jährige Roma Romanow, der an der Rubljovka mit seinen Eltern lebt - sie Architektin, er Physiker -, die Intellekt und Kreativität in der Gestaltung ausgefallener Eigenheime ausleben. An dieser Familie, die sich nur die Besen von Ljubov Jermilina leisten kann, wird deutlich, wie sehr im heutigen Russland die Schere von Können und Erfolg, von Bildung und Reichtum auseinander klafft. Und zwischen alledem rückt immer wieder die Straße ins Bild, eine seltsam unspektakuläre, zweispurige Fahrbahn, auf der sich die Wagen stauen.

Oft fährt ein Einsatzfahrzeug, Polizei oder Limousinen mit verdunkelten Scheiben, an den wartenden Autos vorbei - eine wunderbare Chiffre für den autoritären Staat, der über all den Einzelschicksalen wacht. Eine Einblendung weist zu Beginn ein wenig eitel darauf hin, wie stark die Dreharbeiten zu Rubljovka behindert worden waren. Umso rührender und gleichzeitig befremdlich, dass Ljubov Jermilina findet, dass es schlecht um Russland bestellt war dank Gorbatschow und Jelzin und ein wenig länger leben möchte, um zu sehen, ob "unser" Präsident noch einmal gewählt wird. Putin kommt nur in ihrem Fernseher zu Wort, mit kraftmeierischen Reden vom Volkswohlstand oder seiner ekelhaften Ansprache zum Tod von Anna Politkowskaja. Solchen Lügen, die dem Geist der politischen Repräsentation entspringen, schenkt Langemann keine weitere Beachtung. Sie beschreibt Gegensätze durch den filmischen Zusammenprall von Einzelschicksalen, kommentarlos, journalistisch sauber und mit einigen Überraschungen im Detail. Die Analyse überlässt sie ihren Protagonisten, deren Erkenntnisse nicht gefeit sind vor Allgemeinplätzen, wenn sie etwa Dekadenz als Überkompensation nach dem Kommunismus erklären. Und als Roma auf dem besten Weg ist, sich als altkluge Nervensäge ins Gedächtnis der Zuschauer einzuprägen, verblüfft er mit dem Wunsch nach mehr Meinungsfreiheit im Land und legt so den Finger in die offene Wunde des Films: Ist es Aufklärung, sich sein niemals vorurteilsfreies Wissen von den Betroffenen nochmals bestätigen zu lassen?

Langemanns Film sind Zuschauer zu wünschen, die offen genug sind, um diese Mechanismen zu reflektieren. Ein deutscher Film über Russland kann sich aus der Diskussion um das spezifisch deutsche Russenbild nicht heraushalten.

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