Der doppelte Verrat

Spurensuche In "Im Garten der Erinnerung" rekonstruiert Joanna Olczak-Ronikiers die Geschichte ihrer Familie

Natürlich gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Kontroverse um die polnische Forderung nach stärkerer Berücksichtigung in der EU und dem Erscheinen des Buches von Joanna Olczak-Ronikier: Im Garten der Erinnerung. Aber dieses Buch hilft, obwohl es nicht sein Thema ist, auch beim Verständnis polnischer Empfindlichkeiten. Die Autorin erzählt in dieser polnischen Familiengeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart nicht nur von einer schwierigen jüdischen Assimilation, sondern auch von der ebenso schwierigen polnischen Geschichte, vom Dickicht gegenseitiger Beschuldigungen zwischen Polen und Juden.

Im Buch beginnt die Assimilation damit, dass die Urgrossmutter sich nach dem frühen Tod ihres Mannes, der sie mit neun Kindern allein lässt, Stück für Stück von der jüdischen Tradition löst. An deren Stelle treten säkulare Glaubenssätze: Redlichkeit, Arbeitsamkeit, Disziplin, Ausdauer und eine Hochschätzung von Wissen und Bildung. Der eiserne Imperativ hieß: eine intellektuelle Spur hinterlassen. Denn nur so wurde man zum Menschen. Wenn der Jude ein Mensch werden will, muss er aufhören, Jude zu sein, er muss zum Polen werden. Auf diesem Verrat gründet die Menschwerdung.

Es ist beklemmend, wie hier die Nazi-Behauptung vom jüdischen Untermenschentum ihren Widerhall findet in dem tiefen jüdischen Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Das Buch lässt keinen Zweifel an den bedrückenden Umständen und seelischen Wunden, die dieser Prozess mit sich brachte. Der Weg zur Menschwerdung führt einen Bruder und eine Schwester in den Untergrund. Sie hatten schon in zaristischer Zeit in der sozialistischen Bewegung die Vereinigung mit dem progressiven Teil der polnischen Gesellschaft gefunden, der gemeinsame Kampf sollte die ersehnte Akzeptanz bringen. Aber der Bruder, der kommunistischer Berufsrevolutionär geworden ist, schreibt in trotziger Abweichung: Man kann auch vom Judentum direkt zur Menschheit finden. Die Partei hatte ihn losgeschickt, um die armen, jiddisch sprechenden Stetl-Juden zu agitieren, aber er musste feststellen, dass er noch nicht einmal deren Sprache verstand ...

Die Großeltern der Autorin wählten den bildungsbürgerlichen Weg und stellten sich mit der Gründung eines Verlags ganz in den Dienst der polnischen Kultur. Das führte den Großvater bis zum Déjèuner mit dem französischen Präsidenten. Hier ist der Höhepunkt der Assimilationsbewegung erreicht, alle Erinnerung an die jüdische Herkunft verbannt. Die Autorin rennt als Kind über den Markt, es ist 1939 und Polen schon deutsch besetzt, und singt antisemitische Lieder. Erst in dem Moment erfährt sie von ihren Eltern, dass sie Jüdin ist und bis heute erinnert sie sich an ihre Wut, die mit einem Gefühl furchtbarer Erniedrigung gepaart war. Denn je größer die Zahl der polonisierten Juden, desto heftiger der Antisemitismus. Die Juden warfen den Polen vor, dass deren Gleichgültigkeit die Vernichtung ermöglicht habe, die Polen den Juden, dass diese, ganz sozialistische Internationalisten, beim Einmarsch der Roten Armee in die Ostgebiete die polnischen Großgrundbesitzer und Militärs denunziert hätten. Die Polen fühlten sich von der Welt verraten, die Jude verraten von den Polen.

Als das Ghetto eingerichtet wurde, wurde die große Familie in alle Winde zerstreut. Die Autorin wurde von Ordensschwestern versteckt. Großmutter und Mutter wurden verborgen und versorgt von mitfühlenden Polen und erpresst von geldgierigen, die drohten, die Familie zu verraten. Zum Schluss lebten sie 14 Monate lang eingesperrt hinter einem Bücherregal im Professorentrakt der Warschauer Hochschule. Sie überlebten, indem sie ihr Wissen, ihre Bildung und Sprachkenntnisse jeden Tag von neuem übten. Der Glaube daran, dass der Geist den Menschen ausmacht, half ihnen, Menschen zu bleiben. Das galt auch für den anderen Teil der Familie, der 1930 freiwillig in die Sowjetunion gegangen war. Während der Wellen der Stalinschen Vernichtung wurden sie exekutiert oder verbannt. Die jüngste Schwester schrieb aus dem Gulag Gesuche an den Stellvertreter von Berija, von denen sie sich von vornherein nichts versprochen hatte, aber sie tat es, "damit wenigstens eine Spur blieb."

Wie erzählt man von so etwas, ohne dass sich ein Gefühl von Lähmung beim Leser einstellt? Die Autorin schlägt einen Ton an zwischen Anekdote, Reflexion und verhaltenem Pathos. Sie ist immer präsent, sie lässt uns teilhaben an der Spurensuche, deretwegen sie aufgebrochen ist. Denn darum geht es: die Spuren zusammenzutragen, um das Netz der in alle europäischen Himmelsrichtungen zerstreuten Familie wieder neu zu knüpfen. So kann sie auch auf keinen der Lebensläufe dieser riesigen Familie verzichten. Aber gegen die Befürchtungen, die sie selbst äußert: es wird nicht langweilig, auch wenn man den Überblick verliert in diesem vielfältigen Familiengeflecht. Denn letzten Endes ist es egal, wer wessen Tochter oder Großneffe ist, die menschlichen Schicksale sind es, die fesseln und die Haltung, mit der einem Leben begegnet wird, das für die meisten ständig mit Demütigung oder Vernichtung droht. Keiner lässt es zu, dass sich Bitterkeit in Verbitterung verwandelt. Das Gebot hieß: inneres Einverständnis mit dem eigenen Geschick, nicht bloß hilflos daneben stehen, durch Lachen kann man die Angst bändigen und die Würde wahren.

Die Erzählung ist frei von Depressionen und Selbstmitleid, auch wenn die Autorin selbst nicht verschweigt, wie schwer es war, nach einer Zeit, in der sie alles vergessen musste, was sie an ihre alte Identität erinnerte, plötzlich ein "normales Leben" leben zu sollen. Die Unempfindlichkeit war ihr so zur zweiten Natur geworden, dass sie jetzt als gefühllos galt. Die Jahre des kommunistischen Regimes hatten eine emotionale Lähmung hervorgerufen und es dauerte offensichtlich Jahre, bis die Dankbarkeit in ihrem Gedächtnis wieder auflebte. Erst über die Arbeit an diesem Buch der Familienrettung wird Erinnerung wieder möglich nach Jahren der Erinnerungslosigkeit. Das Trauma, das zur Gedächtnislücke führte und Gefühle band, wird aufgelöst, indem alles benannt und nichts fiktionalisiert wird. Die Wirklichkeit wird durch die Erinnerung gerettet, indem jede Person ihren Namen und ihr Leben behält.

Ähnlich dem Prozess, den Christina von Braun in ihrem Buch Stille Post (Freitag 20 und 27-28/2007) beschreibt, nimmt Joana Olczak-Ronikier die von Mutter und Großmutter schriftlich festgehaltenen, aber bruchstückhaft gebliebenen Erinnerungen auf und schreibt sie fort, indem sie das Ungesagte als unbearbeitet gebliebene Erbschaft in Worte fasst. Mutter und Großmutter hatten ihr Polentum hervorgehoben und die Probleme nicht benennen können oder wollen, die ihnen aus dem jüdischen Erbe geblieben waren. Auch die Autorin hätte noch, wie sie schreibt, es vor wenigen Jahren nicht über sich gebracht, Dokumente über ihre jüdische Herkunft, die sie nach dem Tod des Vaters fand, zu publizieren aus Angst und Scham. Der Tod ihres Vaters macht die Abwendung vom Judentum, die der Tod ihres Urgroßvaters eingeleitet hatte, rückgängig.

Im Moment scheinen es die Frauen zu sein, ehemals Hüterinnen des Herdes, die jetzt die Erinnerungen hüten an all das, was verschwiegen wird, aber nicht verloren gehen darf. Sie schreiben familiäre Parallelgeschichten einer anderen Erinnerungsform, die der weiblichen Genealogie wieder Platz schafft und damit ein anderes Verständnis von Geschichte ermöglicht. In der findet man auch das, was noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Disziplin war, die man lernen konnte: Lebensklugheit. Der Garten der Erinnerung, dieser locus amoenus, wird zum Paradies, in das man wieder eintritt nach der Katastrophe, durch eine menschliche Haltung, die zeigt, wie man einem Verbrechen, das viele getan haben, an dem eine ganze Generation schuldig wurde und für das deren Nachkommen verantwortlich bleiben, begegnen kann.

Joanna Olczak-Ronikiers und Karin Wolf: Im Garten der Erinnerung. Eine Jahrhundertfamilie. Aufbau, Berlin 2006, 447 Seiten, 22,90 EUR


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