Der Drache im Keller

Pionierzeit In "Bekenntnissse eines Fahnenträgers" erinnert sich Andreï Makine an die sechziger Jahre in der Sowjetunion

Der strahlende Horizont ist nicht wegzudenken aus der Erinnerung an die Kindheit, mochte diese auch von Wolken verhangen sein. Selbst nach vielen Jahren in der Emigration hat sich Aljoscha ein ungetrübtes, ja glanzvolles Bild dieser Zeit bewahrt. Er und Arkadi, was waren sie für Freunde! Gemeinsam schritten sie im Gleichschritt mit anderen Pionieren einer strahlenden Zukunft entgegen. Er spielte das Clairon, Arkadi rührte die Trommel. Und auf dem Hof, wo sie wohnten, wie einträchtig lebte man da zusammen und teilte das Glück und die Nöte miteinander. "Alles war so einfach. Klar ...". Warum nur irren sie heute zerstreut in der Welt umher? Aljoscha erfährt in Paris, dass Arkadi als Mathematiker in Amerika lebe, in Cleveland oder Portland. Sein Bericht, den er an den abwesenden Freund richtet, ist der Versuch einer Rückversicherung: "im Grunde bleiben wir immer die Barbaren, die der Glaube blendet, bald am Horizont zu sein".

Die letzten Bücher von Andreï Makine, der seit 1987 in Frankreich lebt und französisch schreibt, sind auf widersprüchliches Echo gestoßen. Die Urteile schwankten zwischen zauberhafter Sinnlichkeit und folkloristischem Kitsch. Tatsächlich verrät Makines Prosa einen starken Hang zu romantischen Emphasen, die nicht selten trivial und geschmäcklerisch anmuten. Doch in den letzten Jahren hatte Makine damit Erfolg, bei den Preisjurys (Prix Goncourt und Prix Médicis, 1995) ebenso wie beim Lesepublikum. Das eher stereotype Russland-Bild, das ihm vorgeworfen wird, hat diesen Erfolg keineswegs behindert.

Auf die 1992 erschienenen Bekenntnisse eines Fahnenträgers - im Original eigentlich Bekenntnis eines gefallenen Fahnenträgers - treffen die Vorwürfe freilich nicht zu. Makine vermeidet hierin sorgsam alles epische Übermaß zugunsten einer lückenhaften Erinnerung, die aus Anekdoten, Bildern und nachklingenden Gefühlen ein vergangenes Lebensgefühl zu rekonstruieren versucht. Die Klarheit der kindlichen Wahrnehmung kontrastiert mit den Sorgen und Nöten in der eigenen Familie im Kreis der vertrauten Hofgemeinschaft. Bloß unterschwellig wird ein Hauch Nostalgie spürbar. Das Erzählpathos beruft sich nur mehr auf eine heroische Unschuld, die längst verloren ist.

Aljoschas Vater hat im Zweiten Weltkrieg, den er als Scharfschütze mit Verdienstkreuz überlebte, die beiden Beine verloren. Weil dies durch Beschuss aus den eigenen Linien geschah, wird seine Verstümmelung aber nicht als Kriegsverletzung anerkannt. Arkadis Vater dagegen kroch unter einem Leichenberg in einem polnischen Vernichtungslager hervor und überlebte. Innerhalb der Hofgemeinschaft in einem Dorf nahe Leningrad bilden die beiden Väter ein wunderliches Gespann. Sie sind zwei Außenseiter, die in Konfliktsituationen immer wieder rettend und versöhnend eingreifen und daher gut gelitten sind. Doch ihre Kriegserlebnisse geben sie nur bruchstückweise preis. "Das Bild hat noch Lücken, wie damals", hält der Erzähler im nachhinein fest, wohl wissend, "dass nichts mehr hinzukommen wird, was diese Lücke ausfüllen könnte".

Dennoch versucht er das Geschehene festzuhalten, dabei kommt er aber kaum über ein summarisches Nacherzählen aus dritter Hand hinaus. Dasselbe gilt für die Erinnerungen von Arkadis Mutter, die ihre Erlebnisse bei der Belagerung von Leningrad selbst dem eigenen Sohn gegenüber nie erwähnt hat. Es ist "eine alte Geschichte", rechtfertigt sie ihr Schweigen in einem Gespräch mit Aljoscha, eine grausliche Anekdote. "Die Vergangenheit ist ein Drache, den man in einen Keller gesperrt hat. Niemand denkt ständig an ihn, sonst könnte man nicht leben".

In allen Farben erinnert sich der Erzähler dafür an die eigene goldene Pionierzeit, und dabei insbesondere an den Höhepunkt seiner Freundschaft mit Arkadi. Bei der Einweihung eines neuen Pionierlagers erliegen die beiden Freunde spontan ihrem euphorischen Zukunftsglauben und verstoßen gegen die Gesetze der guten Ordnung. Anstatt während des Fahnenappells auf dem Schlusstakt zu verstummen, spielten sie damals wie vom Teufel geritten weiter: "Wir waren verzaubert vom Schwall der Töne, die das glänzende Kupfer ausstieß, betäubt vom Donner, der jede Zelle in uns erschütterte". Ein solches Betragen konnte keine Nachsicht dulden, vor allem nicht bei Aljoscha, der die Fahne der Abteilung trug.

Indem sie damals wie besessen weiterspielten, revoltierten sie - unbewusst - ebenso gegen die stramme Ordnung der Pioniere wie gegen die Verschwiegenheit der Eltern. Der Tod der beiden Väter wenige Wochen zuvor hatte das Tor zur Vergangenheit zugesperrt. Die präzise Begründung des musikalischen Aufruhrs verrät die nachträgliche Logik des Erzählers. Er ist ihm ebenso als befreiender Höhepunkt der gemeinsamen Jugend wie auch als ihr Ende in Erinnerung geblieben. Unmittelbar danach trennten sich die Wege der beiden Freunde.

Makines Bekenntnisse eines Fahnenträgers ist formal kein sicher befestigtes Buch, was ihm ebenso zum Vor- wie zum Nachteil gereicht. Einesteils spiegelt seine Lücken- und Sprunghaftigkeit keine falschen Kontinuitäten vor, sondern demonstriert das Erinnern als "unvollendetes Fresko". Andernteils wirken einzelne Episoden, etwa die gegen Schluss eingestreute Reminiszenz an den Afghanistan-Krieg, eher etwas unzugehörig im Ensemble dieser Erinnerungen.

Bevor er seinen Bericht beendet, redet der Erzähler den einstigen Freund direkt an und wirft ihm vor, dass ihm das bessere Schicksal widerfahren sei. Während er selbst für sein Buch womöglich "nicht einmal meinen Judaslohn bekomme", genieße der Freund unbeschwert den American way of life. Doch auch dieser schöne Traum werde zugrunde gehen, orakelt er finster. Erinnern und Schreiben, demonstriert uns diese Passage, befreien den Erzähler nicht, vielmehr sind sie Ausdruck einer tiefen Missgunst. Dabei bleibt allerdings ungesagt, ob der Erzähler seinen Ingrimm der sozialistischen Vergangenheit oder der kapitalistischen Gegenwart anlastet.

Andreï Makine: Bekenntnisse eines Fahnenträgers. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Hoffmann und Campe, Hamburg 2005, 144 S.,
16,95 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 21.10.2005

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare