Der Dritte Mann

Russland Sergej Schojgu, langjähriger Katastrophenschutz-Minister in Moskau, bleibt keine Zeit, um amtsmüde zu sein. Auch ist seine Karriere noch längst nicht abgeschlossen

Sergej Schojgu (55) leitet seit 1991 Russlands Katastrophenschutz. Als es 1993 mit Reformkommunisten zum Kampf ums Weiße Haus in Moskau kommt, unterstützt er die ­Regierung Jelzin

Auf Pressekonferenzen wirkt Sergej Kuschugetowitsch immer leicht grimmig und gereizt. Lächeln kann der 55-Jährige offenbar nur auf Porträtfotos. Und in die Lösch­flugzeuge steigt er nicht, um wie Premier Putin vor Kameras aufzutreten, sondern weil es wirklich etwas zu tun gibt.

Eigentlich ist Schojgu gar nicht für die Brandbekämpfung in den Wäldern zuständig. Aber weil dort wegen einer unsäglichen Sparpolitik nur noch marginale Reste des einst mächtigen, föderal organisierten Feuerschutzes bestehen, mussten die Männer des Ministeriums für außerordentliche Situationen (Russisch abgekürzt: MTschS) den Kampf gegen die Flammen übernehmen. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde das MTschS zu einer überall präsenten Institution. Schojgus Mitarbeiter bewachten Badestrände und setzten Spürhunde ein, wenn in Moskau ein neues Erlebnisschwimmbad oder eine alte Markthalle zusammenstürzte. Als im März kaukasische Selbstmordattentäterinnen in der Moskauer Metro Bomben zündeten, landete ein MTschS-Hubschrauber schon nach 30 Minuten neben einer der Unglücksstellen.

In diesen Tagen nun befehligt der Minister im Generalsrang eine kleine Armee, immerhin 166.00 Köpfe. Auch sechs Flugzeuge und sieben Hubschrauber anderer Staaten stehen unter seinem Kommando. Trotz Lücken bei der Technik gelang es den Männern um Schojgu, in etwa zwei Wochen die Flächen mit brennenden Wäldern von 200.000 auf 22.000 Quadratkilometer zu verringern.

In der Regierung, der Schojgu als dienstältester Minister seit 1994 angehört, warb der Chef des MTschS um die Erlaubnis, Freiwillige einsetzen zu dürfen. Die seien gerade in entfernt gelegenen Gebieten wichtig. Auch in den USA sei das üblich – ein Argument für das es im Kreml stets offene Ohren gibt. In den vergangenen Wochen hatten sich über das Internet Jugendliche verabredet, um auf eigene Initiative die Feuersbrunst abzuwehren. Direkt an den Brandstellen möchte Schojgu die jungen Leute aber nicht sehen. Sie sollen lieber in schon gelöschten Regionen Überwachungsaufgaben übernehmen.

Derzeit sind nach Angaben des Katastrophenschutzministeriums 62 Flugzeuge und Hubschrauber – ein Teil davon aus der Armee – im Einsatz. Darunter vier moderne Düsenflugzeuge vom Typ BE 200, die in der Lage sind, in Sekundenschnelle die Löschtanks im Tiefflug über einer Wasseroberfläche zu füllen, sowie mehrere zu Löschflugzeugen umgebaute Iljuschin-76-Düsenjets. Für die Zukunft schwebt Schojgu der Aufbau einer multinationalen Flugzeugflotte vor, die in ganz Europa bei Waldbränden verfügbar sein könnte. Dies erleichtere die sonst übliche, zeitaufwendige Anmeldung von Flugkorridoren. Die Flugzeuge könnten in ihren Heimatländern stationiert bleiben, würden aber im Krisenfall koordiniert eingesetzt.

Schojgu ist Tuwiner. Das kleine Volk aus Sibirien ist für seine berühmten Kehlkopf-Sänger und seine Steppen bekannt. Bis zu Gorbatschows Perestroika arbeitete Schojgu für Bau-Unternehmen in Sibirien und wurde dort 1988 im Alter von 33 Jahren Parteifunktionär. Seit 1991 bereits leitet er den föderalen Katastrophenschutz in Russland. Als es im Oktober 1993 mit den Reformkommunisten um Ruslan Chasbulatow und Alexander Ruzkoj zum Kampf um das Weiße Haus in Moskau kommt, unterstützt er die antikommunistischen Radikalreformer um Jegor Gajdar und damit auch Präsident Jelzin. Aus Beständen der Zivilverteidigung soll Schojgu damals 1.000 Kalaschnikows organisiert haben. Heute gefällt sich der Regierungsveteran oft als Patriot. So fordert er ein Gesetz, das die Leugnung des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg unter Strafe stellt. Ein Vorstoß, über dessen Motiv kein Zweifel besteht – Schojgu widersetzt sich einer Geschichtsignoranz, wie sie unter Politikern in den baltischen Staaten, aber auch in der Ukraine üblich ist.

Dabei ist der umtriebige Minister nicht unumstritten. Er habe die Möglichkeiten seines Ministeriums überschätzt, bekam er auf dem Höhepunkt der Brandkatastrophe zu hören. Armee-Einheiten seien wegen der Flächenbrände viel zu spät mobilisiert und Informationen erstickt worden. So wurde nach Angaben des Moskauer Blattes Kommersant auf Betreiben des Ministers die Website der Waldschutzbehörde abgeschaltet. Die hatte am 6. August gemeldet, dass es auf den 269 Hektar mit Radioaktivität verseuchter Fläche bei Brjansk 28 Brände gegeben habe. Sergej Schojgu beschwerte sich ausdrücklich über diese Gerüchte. Alexej Jaroschenko von Greenpeace Russland blieb jedoch dabei, dass es am 9. August auf den verseuchten Böden bei Brjansk drei große Brandherde gegeben habe. „Das ist mit Hilfe von Aufnahmen aus dem Weltraum zu sehen“, teilte der Umweltschützer mit und wurde prompt von Kommersant zitiert. Kleine Feuer gäbe es in den verseuchten Gegenden ohnehin „regelmäßig“. Schojgu parierte verärgert. „Ich erkläre offiziell, dass es auf dem Territorium des Gebietes Brjansk kein einziges Feuer gab und gibt.“ Ob in den radioaktiv verseuchten Wäldern möglicherweise schon Brände gelöscht wurden, sagte der Minister nicht. Der russische Wetterdienst Rosgidromet gab lediglich zu Protokoll, im gesamten Land seien keine erhöhten radioaktiven Werte gemessen worden.

Es wird viel darüber spekuliert, dass Sergej Schojgu neben Waldimir Putin und Dmitri Medwedjew 2012 als „dritter Kandidat“ bei der russischen Präsidentschaftswahl antreten könnte. Bisher gibt es für derartige Vermutungen freilich keine konkreten Anhaltspunkte.

Ulrich Heyden berichtet für den Freitag regelmäßig aus Russland

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08:35 22.08.2010

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