Der Dritte Mann

ÖSTERREICH Wie aus dem Wahlverlierer der Sieger werden kann

Es ist sicher die spezifische parteipolitische Konstellation, die dieses Land von anderen europäischen unterscheidet. Die alten Großparteien sind keine mehr, auf Bundesebene haben wir es fortan mit drei fast gleich starken Mittelparteien zu tun. Zudem ist ein Umstand eingetreten, mit dem vorher kaum jemand gerechnet hat. Ging man davon aus, dass die SPÖ geringfügige Verluste einfahren wird, die ÖVP aber hohe, so ist nun das Ergebnis umgekehrt ausgefallen. Die SPÖ liegt so schlecht wie sie nur liegen kann, und die ÖVP so gut, wie nur möglich.

Die großen Wählerströme verliefen diesmal von der SPÖ zur FPÖ. Fast jeder zehnte SPÖ-Wähler von 1995 verließ die Partei Richtung Haider. Am meisten haben die Sozialdemokraten in den ehemaligen Arbeiterhochburgen verloren: in der Obersteiermark, in Oberösterreich, in Wien. Was einst Arbeiterklasse geheißen hat, ist heute mehrheitlich in den Händen der FPÖ. Die sogenannten kleinen Leute werden im wahrsten Sinne des Wortes von der FPÖ abgeräumt.

Die Taktik von Vizekanzler Wolfgang Schüssel, seine lautstarke Ankündigung, er wolle die ÖVP, so sie nur Dritter wird, in die Opposition führen, hat ihren Zweck erfüllt. Der ertrinkende Schüssel hat durch seinen verzweifelten Aufschrei nicht nur die eigenen Wähler überdurchschnittlich mobilisiert, er hat auch der SPÖ großkoalitionäre Leihstimmen abspenstig gemacht. Beim Versuch, den ÖVP-Obmann vor dem Untergang durch einseitige Konzilianz zu retten, ist Viktor Klima selbst abgesoffen. Zumindest bewahrte Schüssel seine Partei vor dem erwarteten Absturz. Seither ist in der ÖVP das Beten dem Feiern gewichen. Die Schüsselsche Logik geht jetzt so: Der Erste ist der Verlierer, der Zweite ist der Gewinner, aber der Dritte ist der Sieger. Und der Dritte, das ist er.

Jetzt will er sich von Klima oder von Haider bitten lassen. Die ÖVP spekuliert allen Ernstes, aber nicht unbedingt aussichtslos auf den Kanzler. Ihre Karten sind nicht schlecht. Es gibt Konstellationen, in denen niedrigere Blätter besser stechen als hohe. Das ist das eine. Außerdem ist Schüssel ein geschickter Verhandler, gewappnet mit allerlei sozialpartnerschaftlichen Tricks. Jetzt gilt es zu pokern. Der Dritte Mann wartet auf seine Gelegenheit. Nie mehr wird sie für ihn so günstig sein wie in diesem Herbst.

Anders als die SPÖ hat sich die ÖVP nie eindeutig gegen die FPÖ festgelegt. Sie hat sich bewusst diese Option offengelassen, und das nicht nur aus wahltaktischen Gründen. Alles ist möglich und vieles ist drinnen. Etwa eine der berüchtigten Teilzeitlösungen (zwei Jahre Schüssel, zwei Jahre Haider). Der gerissene Haider wird die verlockenden Angebote machen. Man wird sich noch wundern, welche Vorschläge in den nächsten Wochen auf den Tisch kommen.

Das erschreckendste Zeugnis dieser Wahl ist aber die ausländerfeindliche Stimmung in der Alpenrepublik - der Hang und die Pflege völkischer Abneigungen. Der heimliche Rassismus wird zusehends ein unheimlicher, tritt immer offener und ungezähmter auf. Er ist aber kein Ausdruck von Rückständigkeit, sondern Zeichen einer aggressiven Modernität, egal ob diese sich auf die Nation oder den Standort beruft. Das "Stop der Überfremdung", das die FPÖ plakatieren ließ, dürfte in Österreich in Terminus und Praxis mehrheitsfähig sein. Auch und gerade bei der Jugend, zumindest legt dies das Wahlverhalten nahe. Das verschämte Bekenntnis hat sich zur lautstarken Überzeugung gesteigert: "Ausländer raus!"

Xenophobie ist eine Konstante österreichischer Befindlichkeit. Nicht nur in der freiheitlichen Zuspitzung, sondern auch in der gemächlichen, dem gesunden Menschenverstand nachlaufenden Variante von ÖVP und SPÖ. Mit Rassismus habe das natürlich nichts zu tun, versichert man uns allseits. Wir fahren auch gern auf Urlaub zu denen. Kein Ausländer soll uns im Ausland stören. Aber hier? - "Wos brauch ma de?", sagt Pavlicek zu Pospisil, und lässt Prohaska schön grüßen.

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