Der Dritte Mann

Ralph Nader Der grüne Verbraucheranwalt will die USA "aus den Klauen der Konzerne" reißen und könnte mit seiner Kandidatur John Kerry den Sieg kosten

In rund 30 der 50 Bundesstaaten müssen sich die Wähler am 2. November nicht nur zwischen George W. Bush und John Kerry entscheiden. Auf ihren Stimmzetteln steht auch Ralph Nader. Der legendäre Verbraucheranwalt und Umweltschützer kandidierte 2000 als Grüner und bekam 2,7 Prozent. Diesmal gehen die meisten Grünen aber auf Distanz, könnte Nader doch bei dem erwartet knappen Wahlausgang Kerrys Niederlage besiegeln.

Viele langjährige Freunde können sich Naders Kandidatur nicht erklären und haben ihm öffentlich abgeraten. Republikaner lachen sich ins Fäustchen und helfen Nader mit Spenden und Aktivisten. Der betont, ein "dritter" Kandidat fördere die Demokratie. Bush und Kerry gehörten zum wirtschaftlichen Establishment und seien ihren großen Spendern hörig. Er - Ralph Nader - wolle die USA "aus den Klauen der Konzerne reißen". Die Demokratische Partei sei "Teil des Problems" und nicht Teil der Lösung, man brauche nur an die vielen Demokraten im Kongress zu denken, die seinerzeit für die Irakkrieg-Resolution gestimmt hätten oder für das nach Überwachungsstaat riechende "Patriot-Gesetz". Nicht zu vergessen die Steuergesetze zu Gunsten der Begüterten. Vorwürfe, er habe Al Gore 2000 den Sieg gekostet, lässt Nader nicht gelten. Gore habe einen schlechten Wahlkampf geführt und sei selber schuld gewesen an seiner Niederlage.

Demokraten vom progressiven Parteiflügel, Grüne und kritische Bürger teilen Naders Analyse der Demokratischen Partei. Aber: 2004 sei nicht 2000. Damals machte Bush Wahlkampf, als wolle er "von der Mitte her" regieren. Der Unterschied zwischen dem militanten Zentristen Al Gore und Bush schien vielen Linken nicht sonderlich groß. Inzwischen weiß man, das Team Bush regiert von ganz rechts mit seinen Neokonservativen im Pentagon, mit John Ashcroft und den Überwachungsstaatlern im Justizministerium. Und einem Präsidenten im Weißen Haus, der sich allem Anschein nach von Gott berufen fühlt, der Welt das amerikanische Wesen aufzuzwingen.

George W. Bush macht vielen Amerikanern Angst, entsetzte sich der liberale Publizist Anthony Lewis, der die Auffassung vertritt, dass in den USA die Herrschaft des Gesetzes vor der Macht kommen müsse und die Verfassung einklagbare Grundrechte für alle garantiere: George W. Bush habe diesen Gesellschaftsvertrag gebrochen. Im Namen des Krieges gegen den Terrorismus würden bisher besonders von Konservativen als unverletzbar eingestufte Prinzipien - zum Beispiel keine Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren - umgestoßen. Nun aber rechtfertigen Rechtsberater der Regierung Folterungen, für die Militärs und CIA die Verantwortung tragen. Und Verteidigungsminister Rumsfeld will nach Presseberichten Generalleutnant Ricardo Sanchez befördern, zu dessen Befehlsgewalt das Abu-Ghraib-Foltergefängnis bei Bagdad gehörte.

Ralph Nader schätzt die von einer zweiten Amtsperiode des George Bush ausgehende Gefahr offenbar als nicht so groß ein. Im Bundesstaat Michigan hat er sich von Republikanern helfen lassen, um genügend Unterschriften für das Auflisten seines Namens auf den Stimmzetteln zu bekommen. In sieben Staaten steht Nader vermutlich als Kandidat der vom texanischen Milliardär Ross Perot zur Bedeutung gebrachten Reform-Partei auf dem Stimmzettel. Er hält an seiner These fest, dass seine Kandidatur John Kerry keine Stimmen wegnehme - und platziert gleichzeitig Informationen auf seine Website, dass im Jahr 2000 25 Prozent der Nader-Stimmen von Republikanern gekommen seien, 38 Prozent von Demokraten und der Rest von Bürgern, die sonst nicht gewählt hätten. Bush "gewann" seinerzeit in Florida mit einem angeblichen Vorsprung von 537 Stimmen, Nader bekam dort 97.488 Stimmen oder 1,7 Prozent.

Nach Umfragen dürfte Nader diesmal landesweit etwa 1,5 Prozent der Stimmen erhalten. Aber in mehreren hart umkämpften Staaten könnte er den Ausschlag geben. In Iowa und Minnesota etwa, wo Bush und Kerry laut New York Times gleichauf liegen, bekäme Nader vier beziehungsweise 2,7 Prozent. Die Demoskopin Anna Greenberg schränkte freilich ein, dass ein großer Anteil der Nader-Wähler über Bush empörte Konservative sein könnten.

Bei Ralph Nader werden ein paar Charakteristiken sichtbar, die an Präsident Bush erinnern: Er umgibt sich mit Aktivisten - meist jung und enthusiastisch -, die dem großen Mann nicht widersprechen. Er ist so von seiner Haltung überzeugt, dass er nicht ins Konzept passende Daten anscheinend ausklammert. Er lebt in seiner eigenen Realität, auch wenn George W. Bush serienweise Umwelt- und Verbraucherschutzgesetze niederwalzt, die auf Naders Bemühungen zurückgehen.

Und bei alldem ist Nader nicht der einzige "Unsicherheitsfaktor" für Kerry. In mehreren Staaten sind republikanische Versuche bekannt geworden, demokratische Stammwähler zu diskriminieren. In drei Staaten überprüft das FBI, ob eine Firma, die Wähler registrieren sollte, die demokratischen Registrierungsscheine weggeworfen habe. In Florida sind unter dem republikanischen Gouverneur Jeb Bush allem Anschein nach die Mängel von 2000 nicht behoben worden. So schrieb Anthony Lewis: Bei der Wahl entscheide sich nicht nur, wer die Nation regiert. "Wir zeigen der Welt und uns selber, was für ein Land wir sind."


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00:00 22.10.2004

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