Der ehrenwerte Fahmi packt aus

Sodom und Gomorrha Israels Fernsehen enthüllt in "Kanal zehn" Sex- und Korruptionsaffären in der Autonomiebehörde und Entourage von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas

Seit Monaten ärgert Mahmud Abbas den israelischen Premierminister. Er will mit ihm keine „Friedensverhandlungen“ beginnen, solange sich die Siedlungen in der Westbank kontinuierlich ausdehnen. Jeder weiß, mögliche Verhandlungen hätten sowieso keinen Sinn und würden nirgendwohin führen. Aber Benjamin Netanyahu braucht Gespräche, um den amerikanischen Druck auszuhalten – und Barack Obama braucht sie, um einen Erfolg vorzuweisen, sei er auch noch so gering.

Nun hat sich Ersterer entschlossen, Abbas eine Lektion zu erteilen. Tag für Tag verbreitet Kanal 10, Israels zweitgrößte Fernsehstation, schockierende „Enthüllungen“ über Finanz- und Sex-Skandale an der Spitze der Autonomiebehörde. Eine Person, die als „ranghoher Kommandeur“ des palästinensischen Sicherheitsdienstes vorgestellt wird, tritt auf und klagt Fatah-Führer an, sie würde Hunderte Millionen Dollar stehlen und ein abstoßendes sexuelles Verhalten an den Tag legen. Derartige Sendungen würden kaum ausgestrahlt, wären Mossad, Shin Bet oder Shabak dagegen. Da das nicht der Fall ist, muss man annehmen, die Geheimdienste sind beteiligt.

Glücklicher Vater des Aufregers ist Tzvi Yehezkeli, im Kanal 10 Korrespondent für arabische Angelegenheiten. Ich verfolge Yehezkelis Sendungen seit Jahren, es fällt mir schwer, ein einziges Wort zu erinnern, mit dem Muslime überhaupt und Araber im besonderen nicht lächerlich gemacht wurden. Was Yehezkeli für seine Show auswählt, liegt gewöhnlich irgendwo zwischen himmelhoch anmaßend oder bodenlos verachtend. Damit fällt er nicht aus dem Rahmen. In israelischen Medien sind die meisten Korrespondenten für arabische Angelegenheiten ehemalige Offiziere des Nachrichtendienstes der Armee und sehen sich weiter als Kombattanten gegen die Araber.

Stinkbombe als Sprengkörper

So viel über den Regisseur des Knüllers. Wer ist nun der Enthüller? Fahmi Shabaneh, früher Chef des palästinensischen Sicherheitsdienstes in Hebron, wird von Yehezkeli als Held präsentiert, der für die Sache der moralischen Reinheit zu sterben bereit ist. Er hat für sich sogar schon ein Grab auf dem Ölberg ausgewählt. Offen gestanden, ich würde keinen Gebrauchtwagen von ihm kaufen. Warum sollte dieser palästinensische Patriot ausgerechnet im israelischen Fernsehen erscheinen? Weshalb bietet er seine heiße Ware nicht einer arabischen Station an oder wenigstens neutralen Medien? Würde Hamas einen solchen Stoff zurückweisen? Shabanehs Material versorgt all jene mit Munition, die in Israel gern zeigen, unsere Regierung kann tun, was sie will – bei den Palästinensern lässt sich kein seriöser Partner für den Frieden finden. Um so mehr sollte man sich mit diesen Enthüllungen befassen, so widerlich das auch sein mag, diese Stinkbombe ist ein Sprengkörper. Die Qualität des Materials hängt nicht notwendigerweise von Tzvi Yehezkelis und Fahmi Shabanehs Charakter ab. Diskriminierende Informationen kommen oft aus unsauberen Quellen, ignorieren kann man sie nicht.

Ich habe inzwischen mehrere Sendungen über die Affäre gesehen. Sie waren voller Anklagen und ohne Beweise. Shabaneh sprach von Kartons voller Material, wedelte mit Akten und Papieren, zeigte aber nicht ein Dokument in der Weise, dass eine Prüfung möglich gewesen wäre.

Noch verdächtiger ist das pornografische Video, das – so wird behauptet – in der Wohnung einer Palästinenserin aufgenommen wurde, die als Köder für Rafiq al-Husseini diente, den Bürochef von Präsident Abbas. Jüngst sprach ich mit ihm während einer Demonstrationen in Bilin. Er stammt aus einer der renommiertesten Familien Jerusalems, zu deren Mitgliedern Hajj Amin, der frühere Großmufti und Führer des Palästinenser-Aufstandes von 1936, ebenso gehörte wie Abd-al-Qader, legendärer Kommandeur der arabischen Kämpfer Jerusalems von 1948, und Faisal al-Husseini, der verstorbene Führer der arabischen Bevölkerung dieser Stadt.

Wie von Shabaneh dargestellt, kamen al-Husseini und seine Sekretärin (und Geliebte) in die Wohnung der Frau, die sich um einen Job in Abbas’ Stab beworben hatte. Husseini wollte, dass sie sich sexuell erkenntlich zeige. Daraufhin half die Frau im Auftrag Shabanehs, al-Husseini eine Falle zu stellen. Die Kamera zeigt ihn, wie er sich nackt auszieht und ins Bett geht, bis ihn der tugendhafte Shabaneh schließlich überrascht. Soweit scheint das Szenario möglich, dann jedoch ereignet sich etwas, das schwer zu glauben ist. Als die versteckte Kamera al-Husseini in der Gesellschaft seiner Sekretärin und der Frau zeigt, die wie gesagt einen Job sucht, sagt er ihr, „dass Arafat ein Dieb gewesen ist, dass Abbas ein Dieb ist, dass sie alle Diebe sind.“

Ist es plausibel, dass die Nr. 2 im Stab des Präsidenten derart zu einer Fremden spricht, die nur eine Arbeitsstelle sucht? In ihrer Wohnung? In Gegenwart einer Zeugin? Ist er ein Kind? Die Kamera filmt diese Szene aus einer Entfernung, die es unmöglich macht, von den Lippen des Sprechers zu lesen. Alles in allem: pikante Anklagen, doch wenig überzeugende Beweise.

Zweifellos gibt es eine Menge Korruption an der Spitze der palästinensischen Behörde. Zu Zeiten Arafat war das kaum anders, er selbst war sauber, zögerte aber nicht, einen Korruptionsverdacht zu nutzen, um jemanden zu manipulieren. Keiner, der Arafat persönlich kannte, konnte ihn verdächtigen, bestechlich zu sein. Ich hörte nie Anklagen aus palästinensischer Quelle. Materieller Besitz und ein gutes Leben interessierten ihn wenig. In dieser Hinsicht war er wie David Ben-Gurion und Menachem Begin, freilich unter härteren Umständen. Einmal rühmte er sich mir gegenüber in Tunis, er lebe in Flugzeugen, das helfe bis zu einem gewissen Punkt, Attentate zu vereiteln, und spare Zeit.

Gegen Kaution

Arafat kämpfte nicht gegen die Korruption seiner Mitarbeiter, weil er glaubte, damit ein Kontrollinstrument über Funktionäre und Fraktionen zu haben, das ihm half, ein Wunder zu vollbringen: die palästinensische Einheit aufrechtzuerhalten – in der Diaspora wie unter der Besatzung. Nüchtern betrachtet half die Korruption jedoch dem israelischen Geheimdienstr Shin Bet, vor allem palästinensische Führer zu erpressen und als zwielichtig zu denunzieren.

Zurück zum tugendhaften Fahmi Shabaneh. Vor einigen Monaten verhaftete ihn die Polizei. Er lebte zu diesem Zeitpunkt in Ostjerusalem und besaß eine israelische Identitätskarte. Man beschuldigte ihn, für die palästinensische Behörde gearbeitet zu haben. Eine absurde Anklage, da Hunderte von Bewohnern Ostjerusalems das Gleiche tun und dabei von der Netanyahu-Exekutive toleriert werden. Die würde aus der Autonomie-Regierung gern ein ihr höriges Subunternehmen machen.

Warum wurde Shabaneh verhaftet? Offenbar, um ihn in palästinensischen Kreisen glaubwürdig erscheinen zu lassen, bevor er im israelischen Fernsehen zum Anti-Korruptionshelden ausgerufen wurde? Shabaneh wurde gegen Kaution freigelassen, was in einem solchen Fall höchst ungewöhnlich ist. Sein Prozess steht hingegen noch aus. Vorerst ist Fahmi Shabaneh der „gute Araber“, der es verdient, im Kanal 10 aufzutreten.

Bei alldem bleibt als Hauptfrage: Wozu? Wer Abbas und seinen Stab verunglimpft, der weiß, dass er damit die Macht von Hamas stärkt, die unter den Palästinensern über jeden Zweifel erhaben ist, bestechlich zu sein. Während Netanyahu dem palästinensischen Präsidenten, mit dem er angeblich verhandeln will, einen schweren Schlag versetzt, wird der Hamas, die nicht verhandeln will, ein grandioses Geschenk zugespielt. Sehr merkwürdig. Oder?

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10:30 01.03.2010

Ausgabe 39/2020

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