Der Einfluss der Religiösen

Debatte über Integration Das Bemühen um staatlichen muslimischen Religionsunterricht erhält durch den Fall Kalisch einen Rückschlag

Zu einer ausgewogenen Gleichstellungspolitik gehört auch der Ansatz des Migration-Mainstreaming. Ziel ist, die Sichtweise von Migrantinnen und Migranten in alle Entscheidungsprozesse einzubeziehen." So steht es im "Fortschrittsbericht" des Nationalen Integrationsplans, der Am 6. November vorgestellt wurde. Auch Maria Böhmer, Bundesbeauftragte für Integration, betonte, man müsse "mit den Migranten reden statt über sie". 17 Organisationen von Einwanderern verschiedener Herkunft waren auf dem "Integrationsgipfel" vertreten. Die Veranstaltung boykottieren wollte diesmal, anders als im vergangenen Jahr, niemand - obwohl die wesentlichen Konflikte noch immer ungelöst sind.

Die Migrantenselbstorganisationen (MSO) monierten vor allem die schärferen Regeln zum Ehegattennachzug und die Ausgestaltung des Einbürgerungstests. Grundsätzlich positiv sehen sie nur, dass überhaupt ein Dialog stattfindet: "Erstmals wurden Migrantinnen und Migranten selbst auch an den Tisch gebeten, um ihre Perspektive und ihre Vorschläge anzuhören", heißt es in einer Erklärung, die unter anderem von der einflussreichen Türkischen Gemeinde in Deutschland unterzeichnet wurde. Dass man aber die Entscheidungen der Regierung nur nachträglich kommentieren dürfe, reiche nicht aus. Und immer noch seien Migranten nahezu überall benachteiligt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände (BAGIV) verwies beispielhaft darauf, dass die Arbeitslosigkeit unter Einwanderern doppelt so hoch wie unter Nicht-Migranten ist, und die Zahl der Einbürgerungen sinkt.

Unterdessen hat der Versuch, muslimischen Schülern Religionsunterricht von staatlicher Seite anzubieten, einen Rückschlag erlitten. Schon 1984 beschloss die Kultusministerkonferenz, den Islamunterricht voranzubringen. Im Grundgesetz heißt es: "Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt." Im Fall der islamischen Religionsgemeinschaft ist das schwierig, denn es gibt weder eine Körperschaft, noch eine Doktrin, die alle Gläubigen vertreten könnte. Im Gegenteil, die muslimischen Gemeinden sind vielfach entlang ihrer Herkunft und religiösen Ausrichtung zersplittert.

Um das zu ändern und dem Staat künftig als Verhandlungspartner in religiösen Fragen zur Verfügung zu stehen, schlossen sich vergangenes Jahr die vier großen Verbände - der Zentralrat der Muslime (ZMD), die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und der Islamrat (IRD) - zu einem Dachverband zusammen. Bisher ist der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM) allerdings kaum mehr als ein organisatorischer Überbau, gemeinsame Forderungen gibt es nicht. Oder doch? Im September zeigte der KRM seltene Geschlossenheit, als es um den Theologen Mohammed Sven Kalisch ging.

Kalisch leitete das Centrum für religiöse Studien (CRS) an der Universität Münster. Hier sollte er nach dem Willen der nordrhein-westfälischen Landesregierung Lehrer für den künftigen Islamunterricht ausbilden - zum ersten Mal an einer deutschen Fakultät. Kalisch, der als Jugendlicher zum Islam konvertierte, vertritt aber eine textkritische Interpretation des Koran und nutzt historische und literaturtheoretische Methoden. Das führt dazu, dass er die historische Wahrheit zahlreicher Koranstellen anzweifelt. Darf man so an "das Wort Gottes" herangehen? Kein Wunder, dass die muslimischen Verbände Kalisch von Anfang an misstrauisch beäugten.

Zum Eklat kam es im September, nachdem Kalisch öffentlich in Frage stellte, ob der Prophet Mohammed gelebt habe. "Weder seine historische Existenz, noch das Gegenteil lassen sich beweisen, ich tendiere aber eher zur Auffassung, dass er nicht existiert hat", erklärt er. Daraufhin kündigte der KRM öffentlich die Zusammenarbeit mit ihm auf. Kalisch propagiere "eine extreme Theologie quasi ohne Gott", man könne Studierenden deshalb "nicht empfehlen, sich an diesem Lehrstuhl einzuschreiben". Die Auseinandersetzung sorgte auch in der türkischen Öffentlichkeit für Aufregung. Einige radikale islamische Zeitschriften begannen, Kalischs Vornamen Mohammed wegzulassen, was der Theologe als verklausulierte Aufforderung zu einem Anschlag auf sein Leben empfand: Im klassischen islamischen Recht steht auf Apostasie die Todesstrafe.

Das zuständige nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium gab mittlerweile bekannt, man werde eine neue Professur in Münster schaffen, um die muslimischen Verbände weiterhin in das Projekt einzubinden. Umstritten bleibt aber, ob die Lehrveranstaltungen von Kalisch überhaupt noch Teil der Lehrerausbildung sein können. "Es könnte sein, dass künftig die Hochschulen ihre Stellen für islamische Theologie nur noch bei Zustimmung der Verbände besetzen können", warnt Kalisch. "Das wäre für sie ein enormer Machtgewinn." Allerdings üben die christlichen Kirchen eben dieses Recht ebenfalls aus - kaum möglich, den Muslimen zu verwehren, was den Christen gestattet ist. Mohammed Kalisch ist grundsätzlich gegen den Einfluss der Religionsgemeinschaften auf Forschung und Lehre. "Bei den Katholiken würde ich mit vergleichbaren Thesen wahrscheinlich auch rausfliegen."

Bei der Debatte um Kalischs Thesen geht es nicht nur um eine gelehrten Diskurs unter Theologen. Die Frage, wie wörtlich der Koran zu verstehen ist, hat gesellschaftspolitische Konsequenzen, etwa wenn vertreten wird, dass mit dem Tod bestraft werden soll, wer von Islam zu einer anderen Religion übertritt. Gegenwärtig gewinnen die Religiösen an Einfluss unter der muslimischen Bevölkerung. Ausdruck davon ist, dass in Deutschland derzeit über 120 neue Moscheen gebaut oder geplant werden. Umso wichtiger, dass eine offene Debatte an den Universitäten auch über den Koran möglich ist.

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