Der einsame Held

Risikoblinde Besessenheit Amerika und die Legende vom heiligen Ritter Georg, der die Welt vom feuerspeienden Drachen befreit

Kurz vor dem Irak-Krieg trafen sich Colin Powell und der damalige französische Außenminister Villepin. Der Amerikaner pochte auf die Notwendigkeit, den Irak militärisch anzugreifen, der Franzose widersprach und verweigerte die französische Unterstützung. Verbürgt ist nun, dass Powell anschließend in einem vertrauten Kreis seinem Ärger Luft machte und seinen französischen Amtsbruder einen "weichlich weibischen Mann" nannte. Das verblüfft. Spontan mag man sich zunächst verwundern, warum Powell seinem Ärger mit dem abschätzigen Urteil über den vermeintlich unmännlichen Franzosen Luft machen muss. Es klingt ja so, als fühle er sich persönlich angegriffen und müsse die eigene Mannhaftigkeit verteidigen. Man fühlt sich an gewisse halberwachsene Jugendliche erinnert, die noch von geheimen Zweifeln an ihrer männlichen Vollwertigkeit verfolgt werden und miteinander in abenteuerlichen Mutproben ihre Kräfte messen. Mir fällt da etwa der James Dean-Film ein Denn sie wissen nicht, was sie tun!.

Es ist, als fühle sich Powell genau bei einer solchen Reaktion ertappt, indem er aus der Frage der Kriegsentscheidung so etwas wie einen Männlichkeitstest macht, bei dem er den Konkurrenten ausgestochen zu haben meint, wofür er mit seiner denunzierenden Bemerkung offenbar Anerkennung erheischt. Hier bietet ein Politiker selbst an, darüber nachzudenken, wie das, was Politiker tun, damit zusammenhängt, wie sie selbst sind. Im Falle des Irak-Krieges liegt es besonders nahe, solche psychologischen Hintergründe bei den Verantwortlichen in Erwägung zu ziehen, da die resultierende Pleite nachträglich auf eine irrationale Risikoblindheit schließen lässt.

Die Verantwortlichen der USA haben nicht nur die Welt über ihre wahren Kriegsgründe getäuscht, sondern sich hinsichtlich der Realisierbarkeit ihrer eigentlichen Absichten selbst verrechnet. Dass aus dem erhofften Brückenkopf Irak zur Kolonialisierung des Mittleren Ostens zunächst nichts wird, dass der Terrorismus um ein Vielfaches verschlimmert statt besiegt wurde und dass man sich moralisch mit Schande ohnegleichen beladen hat, verweist auf eine Realitätsblindheit, die - verglichen mit individualpsychologischen Kriterien - die Annahme eines neurosenpsychologischen Einflusses nahe legt. Das heißt, die Kriegsentscheidung ist aus einem emotionalen Drang heraus getroffen worden, der eine besonnene intellektuelle Abwägung des Für und Wider getrübt hat.

Die Angst, das Böse könnte verloren gehen und mit ihr das innere Gleichgewicht

Ein Irrglaube des Präsidenten Bush liegt klar zu Tage. Das ist die schon unmittelbar nach dem 11. September 2001 erkennbare Überzeugung, den Terrorismus mit militärischer Gewalt ersticken zu können. Dass dies eine Illusion ist, hätte er bereits aus der ununterbrochenen Gewaltkette in Israel/Palästina erkennen können. Das militärisch hoch überlegene Israel kann mit Kampfbombern und Panzern ganze Siedlungsbezirke der Palästinenser in Schutt und Asche legen und Hamas-Führer mit Raketen töten - aber es kann die Gegengewalt der Palästinenser nicht verhindern.

Dennoch ist Bush von der Idee besessen, den Terrorismus militärisch ausrotten zu können oder sogar zu müssen. In einer Gesprächsrunde sagte er: "Unser Krieg beginnt mit al-Qaida, aber er hört nicht auf, ehe nicht jede weltweit operierende Terrorgruppe entdeckt, ausgeschaltet und besiegt ist." Daraufhin fragte ihn Erik Alterman in The Nation: Was aber ist, wenn es sich Amerika unterwegs mit der ganzen Welt verdirbt? Bushs Antwort: "Es kann so weit kommen, dass nur noch wir übrig sind. Mich stört das nicht. Wir sind Amerika." Nachzulesen bei Norman Mailer: Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug.

Bushs Worte sind die eines Besessenen. Mit Stumpf und Stiel soll das Böse ausgetilgt werden. Es ist die Sprache wie in der mittelalterlichen Inquisition, als die Häretiker aus dem Garten des Herrn samt und sonders wie Unkraut ausgerottet werden sollten. Schon die Vision ist psychopathologisch bemerkenswert: Amerika als von der ganzen Weltgemeinschaft im Stich gelassener Kämpfer gegen das Böse. Bush stört das nicht: Wir sind Amerika. Das ist Powells Mannhaftigkeit auf die Spitze getrieben: Der einsame Held. Alle anderen haben sich feige verkrochen. Übrig bleibt Gary Cooper allein mit drei Gangstern in High Noon. Auch das passt zu den ödipalen Träumen von Halberwachsenen: Der heilige Ritter Georg, der die Welt von dem feuerspeienden Drachen befreit.

Bush hatte einmal einen solchen feuerspeienden Drachen im eigenen Innern. Es war der Dämon Alkohol. James H. Hatfield erzählt die Geschichte, wie Bush während eines Spazierganges mit dem berühmten missionarischen Prediger Billy Graham eine Art Erweckungserlebnis hatte. Er gestand Graham, sich als Versager zu fühlen. Er habe exzessiv getrunken, anstatt sich mit der Bitte um Kraft an Gott zu wenden. Grahams Antwort: "Gott liebt dich, George. Um dein Leben wieder in die Hand Jesus Christi zu geben, musst du diesen einen letzten Dämon aufgeben, damit du ein neuer Mensch werden kannst." Tatsächlich hörte Bush nach einer wüsten Party schlagartig mit dem Trinken auf. Er hatte, wie er erklärte, Gott gefunden. Den Dämon hatte er besiegt. Aber hatte er ihn wirklich besiegt? Oder muss er den Kampf mit dem Bösen fortan außerhalb austragen? Braucht die Besessenheit einen äußeren Feind stellvertretend für den inneren Dämon Sucht?

Auffallend ist schon die Radikalität der Spaltung der Welt in der Seele des George W. Bush und die fixe Idee, nicht Ruhe geben zu können vor Eliminierung auch noch des letzten Terrornests irgendwo in der Welt. Man spürt dahinter die Angst, das Böse könnte verloren gehen, dessen Bekämpfung zum inneren Gleichgewicht gehört. Wie aus Bushs Umfeld immer wieder verlautet, glaubt dieser sich ehrlich vom Allerhöchsten persönlich zur Rettung des Guten berufen. Das war genauso in der New York Times zu lesen. Aber nur wenige hat das beunruhigt. Viele fanden es in Ordnung oder sogar sympathisch. Erst die Aufdeckung der Kriegslügen, das Nachkriegs-Chaos im Irak, die amerikanischen Verluste und nun der Folter-Skandal verwandeln Ehrfurcht in Argwohn.

Eine Denkhemmung, die vom Westen aus die Welt durchzieht

Aber haben die Amerikaner nicht gewusst, wen sie - wenn auch mit fraglicher Mehrheit - gewählt haben? Entflammte er nicht ihre Herzen, als er sie nach dem 11. September 2001 zum Kreuzzug gegen die Achse des Bösen zusammenrief? Kritisierten sie etwa seine vom Kongress abgesegneten gigantischen Erhöhungen des Rüstungsetats einschließlich der Vorhaben zur Modernisierung und Erweiterung der Atomrüstung? Gab es etwa laute Einwände gegen die neue "Verteidigungs-Strategie" des Pentagon, wonach jedem, der die nukleare Vormacht der USA anzutasten wagt, ein präventiver Angriffskrieg angedroht wird? Wer hat laut protestiert, als Bush neuerdings einen solchen Krieg auch ohne Vorliegen verlässlicher Beweise für die Gefahr als zulässig erklärte?

Anders gesagt: Bushs Kriegsgeist und seine nukleare Bedrohungspolitik scheinen nicht nur verständlich zu seiner persönlichen, sondern darüber hinaus zu einer verbreiteten amerikanischen Psychologie überhaupt zu passen. Denkt man an die heimliche international verbreitete Akzeptanz der Atomrüstung als Element einer so genannten Sicherheitspolitik, erhebt sich die Frage, ob wir es inzwischen nicht mit einer irrationalen Denkhemmung zu tun haben, die vom Westen aus große Teile der Welt durchzieht? Irrational, weil es doch eine klar erkennbare Paradoxie ist, dass der Mensch Sicherheitspolitik auf eine Waffe gründet, der nichts anderes innewohnt als die Kraft zur millionenfachen Vernichtung von Leben. Man versuche einmal, einem aufgeweckten Kind zu erklären, dass der Mensch durch die Hortung dieser Ausrottungswaffe eine Art Selbstversicherung gegen eigene Friedensunfähigkeit abschließt. Würde er sich und seinem Geschlecht die Fähigkeit und Bereitschaft zutrauen, in gemeinsamem Frieden zu leben, würde er doch nie auf die Idee kommen, dieses Zutrauen an die völkermörderische Waffe abzutreten.

Nun erklärt man dem Kind, die Waffe könne aber böse Leute so einschüchtern, dass man nicht befürchten müsse, von ihnen überfallen zu werden. Man wird bei dieser Erklärung stocken in Gedanken an die palästinensischen Terroristen, die sich durch die israelischen Atombomben keineswegs von Gegenschlägen gegen die israelischen Panzerangriffe abhalten lassen. Und in Amerika haben wenige, fast unbewaffnete Attentäter die stärkste Atommacht der Erde am 11. September schwer verletzt.

Kaum einer dürfte sich noch daran erinnern, dass der amerikanische Außenminister John Foster Dulles einst in einem Memorandum geschrieben hat, die Zerstörungskraft der Atomwaffe sei so gewaltig, dass diese nur unmittelbar dem Sicherheitsrat und nicht einer einzelnen Nation in die Hand gegeben werden dürfe, wobei die Verfügungsmacht des Sicherheitsrats durch kein Veto eingeschränkt werden dürfe. Das war Mitte der fünfziger Jahre, als noch der Plan bestand, die UNO mit einer eigenen unabhängigen Sicherheitstruppe auszustatten. Als dieser Dulles-Vorschlag als illusorisch verworfen wurde, ratifizierte man 1970 den Atomwaffensperrvertrag, der in Abschnitt VI die Selbstverpflichtung der Nuklearmächte enthält, in Verhandlungen mit dem Ziel einer endgültigen vollständigen atomaren Abrüstung einzutreten.

Wo man Gott nicht mehr hat, will man selbst Gott sein

Schon 1930, als die Atomwaffe noch gar nicht erfunden war, glaubte Sigmund Freud zu spüren, dass die Menschen unter der Angst litten, sich mittels der Naturkräfte, die sie sich verfügbar machten, einander vollständig ausrotten zu können. Die Angst beunruhige sie und mache sie unglücklich. Dann fielen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Über 200.000 Menschen starben gleich, viele andere später an der Strahlenkrankheit. Das waren im Westen nur abstrakte Zahlen. Das Ausmaß des Leidens war unvorstellbar, aber eben deshalb leicht zu verdrängen. Doch die Sieger konnten auch von einem grandiosen Schauspiel berichten, so der Augenzeuge General Thomas Farrel an seinen Präsidenten Truman. Darin hieß es: "Man könnte die Wirkung beispiellos, erhaben, schön, gewaltig und erschreckend nennen... ein Signal des Jüngsten Gerichts, bei dem wir Winzlinge uns fühlten, als sei es eine Blasphemie, dass wir es wagten, jene Kräfte zu entfesseln, die bis dahin dem Allmächtigen vorbehalten waren."

Ich habe für diese Verirrung die aus der Psychiatrie entlehnte Bezeichnung Egomanie gewählt. Manie, weil diese unmenschliche Überheblichkeit einer echten manischen Wahnkrankheit sehr nahe kommt. Allerdings handelt es sich diesmal nicht um einen schicksalhaften Prozess, sondern um eine über viele Generationen vorbereitete Reaktion, die seit der Renaissance vorangeschritten und außer in der Atomtechnik auch in der Gentechnik erkennbar ist. Es ist eine Entwicklung, die von der mittelalterlichen Gottergebenheit des Menschen in Intervallen zu einer Verinnerlichung der Attribute des männlichen Gottesbildes von Allmacht und Allwissenheit geführt hat. Auf jeder Stufe hat die schrittweise Einbuße von Gottvertrauen die Anstrengung erhöht, sich selbst der Ursachen zuvor wehrlos hingenommenen Leidens zu bemächtigen. Man will nicht mehr der unberechenbaren Lenkung Gottes ausgeliefert sein, vielmehr berechnend beherrschen, wovon man bisher beherrscht war. Wo man Gott nicht mehr hat, will man selbst Gott sein. Diese überkompensatorische Reaktion gegen Ohnmacht in schrittweisem Streben nach Allmacht, das ist es, was ich anderswo ausführlich als Gotteskomplex beschrieben habe.

Es ist also im Grunde eine Angst vor Schwäche, die kein anderes Rezept kennt, als Bedrohungen mit einem automatischen Bemächtigungsdrang zu bekämpfen. Wenn man sich vor den Waffen anderer fürchtet, muss man noch stärkere und noch schlimmere produzieren und auf jeden Fall mehr davon als der andere anschaffen. Das heißt, man ist dem Zwang verfallen, die Angst mit den gleichen Mitteln niederzuringen, die sie verursacht haben. Fühlt man sich von einer feindlichen Vernichtungstechnologie verfolgt, muss man die entsprechende eigene Technologie noch stärker machen und vervielfachen. Dieser von mir so genannte Gotteskomplex verstellt den Blick auf den einzigen wirklichen Heilungsweg, nämlich Sicherheit anstatt im Erobern unendlicher Stärke vielmehr in Verständigung und Versöhnung zu suchen.

Es gibt keinen noch so großen Machtvorsprung, der unabhängig macht. Das in der Renaissance entstandene Menschenbild von dem in sich abgeschlossenen Individuum, das mit sich eine Seele wie in einer Kapsel herumträgt, ist eine Fiktion. In Wahrheit sind wir vom ersten Tage an in eine Gegenseitigkeit und Gebundenheit hineingestellt. Wir haben immer nur die Chance, dieses Aufeinander-Angewiesen-Sein konstruktiv kooperativ zu gestalten oder müssen andernfalls den Zerfall von positivem Austausch mit beiderseitigem Leiden so oder so bezahlen. Nur wenn die Israelis im Leiden, das sie den Palästinensern zufügen, das eigene erkennen, und wenn die Palästinenser sich in den israelischen Opfern der eigenen Gewalt widerzuspiegeln lernen, haben beide eine Chance, zum Aufbau einer gemeinsamen Sicherheit vorzudringen.

Diejenigen Verblendeten, die immer noch an eine nuklearwaffengestützte Weltordnung glauben, sollten sich irgendwann davon überzeugen lassen, dass sie - wie jene aus dem Film, die nicht wissen, was sie tun -, risikoblind dahintaumeln, jeden Augenblick in Gefahr, sich selber zusammen mit Millionen Unschuldiger in furchtbare Abgründe zu stürzen.


00:00 28.05.2004
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare