Der einzig Wahre

Störtebeker Festspiele In Ralswiek verzaubert ein Held die Massen, den schon die DDR für sich entdeckte und der heute zur Reklame taugt

Dichter Dunst steht über dem Großen Jasmunder Bodden. Während eine sonore Männerstimme beginnt, über den Mythos Störtebeker zu berichten, quillt Nebel aus dem Bühnenkies, der sich Richtung Wasser verflüchtigt. Plötzlich steht er da: der blonde Held, hoch zu Ross, wie in Stein gemeißelt. Schon sprengt er davon. Ein Traum?

Ganz im Gegenteil. Ein handfester Geselle ist dieser Klaus Störtebeker, der nun schon zum fünfzehnten Mal seit dem Neubeginn 1993 auf der Naturbühne in Ralswiek steht, einem 300-Seelen-Dorf auf der Ostseeinsel Rügen. Aber auch einer mit Gefühl und Bildung: Im diesjährigen Stück Verraten und verkauft, mit dem der vierte Zyklus um das Leben und Sterben des Seeräubers beginnt, kehrt Klaus von Alkun von der Universität auf den heimatlichen Besitz zurück und findet ihn zerstört, die Eltern tot. Natürlich ruht er nicht, bis die Bösewichter erschlagen und die Enterbten gerächt sind. Nebenbei verliebt er sich in die schöne, toughe Agnes. Am Ende nimmt er mit seiner Seeräuberidentität auch einen neuen Namen an: Nach erfolgreichem Wettsaufen mit dem legendären Piraten Goedeke Michels wird ihm der Ehrentitel "Stürz den Becher" verliehen, op platt: Störtebeker.

Holger Mahlichs handwerklich solide und perfekt getimte Freiluftinszenierung mit kinotauglicher Musikuntermalung und Spezialeffekten erweist sich als wahres Erbe des Volkstheaters. Wie im Mittelalter gibt es eine Simultanbühne: Links ragen in diesem Jahr die Ruinen einer Kirche in den Himmel und erinnern an Bildmotive Caspar David Friedrichs, rechts bilden einige Häuser und ein Kirchturm eine disneylandhafte Rekonstruktion des mittelalterlichen Ostseestädtchen Barth, im Original etliche Kilometer weiter westlich gelegen. Im Hintergrund kreuzen die Koggen auf dem Bodden.

Mahlich nutzt die große Bühnenfläche geschickt, lässt hier Gaukler auftreten, dort ein Schiff entladen; Säcke werden in einen Speicher gehievt und Kinder spielen fangen. Vorne zuckelt ein Pferdewagen vorbei, hinten beginnt ein Kampf. Und natürlich fliegt bei einem derartigen Spektakel das Kloster nebst den Schergen des Vogtes in die Luft, donnern die Kanonen, brennen Schiffe und verschwinden im Boddendunst.

Die pyrotechnischen Effekte sind eine jüngere Zutat des Volkstheaters. Sonst aber folgt vieles einer sich über Jahrhunderte in Opposition zum höfischen und bürgerlichen Theater entwickelten Tradition: Große Gesten und verblüffende Effekte gehören ebenso dazu wie zirzensische Einflüsse und die Verwandtschaft zu den Schaustellergewerben. So gibt es in Verraten und verkauft ein Maskenfest des Herzogs. Schauspieldramaturgisch ist dieses Spektakel im Spektakel nicht notwendig, aber das Volkstheater will es so: Gaukler eilen auf Stelzen über den Platz, ein feuerspeiender Drache windet sich durch die Menge, und auf dem Höhepunkt lässt ein Magier Agnes schweben. Für diesen Trick gibt es ebenso Szenenapplaus wie für die punktgenaue Landung des Falken und den filmreifen Kuss zwischen Agnes und Störtebeker. Das Publikum will verblüfft und verzaubert werden wie vor 100 oder 200 Jahren.

Mit Zoten, Kalauern wie dem "vervögelten Vögtlein" und Fäkalhumor aus den unteren Schubladen lassen sich ganze Volksszenen bestreiten. Die Zuschauer, auch die ganz jungen, feixen wie ehedem - stets waren die ungehobelten, kreatürlichen, komischen Typen Kern des Volkstheaters. Ebenso die schlichten Botschaften: Die da oben, wir hier unten. In Verraten und verkauft, von Mahlich geschrieben, sind natürlich die Grafen und Kaufleute die Schurken, erweisen sich Geldgier und Spekulantentum als das wahre Übel auf Erden, über das sich Herzensadel und Tatkraft erheben. Das alles fügt sich zu keiner fundierten Sozial- und Gesellschaftskritik, sondern übernimmt die Stammtischfunktion des Druckablassens.

Gar so stereotyp geht es nicht immer zu, auch dank einiger herausragender Darsteller. Ingrid van Bergen erspielt der zwiespältigen Baderin, Mutter der Heldin, mit rauem Timbre und resoluten Gesten eine Hauptrolle. Auch Ben Heckers Kaufmann Wüllferich, der sich erst später als rabenschwarze Seele entpuppt, gelingt der Balanceakt zwischen freundlichem Onkel und Aasgeier. Sascha Gluth als volksnaher Störtebeker ("Ich bin der Klaus!") und Christina Kraft als selbstbewusste Agnes gelingen beherzt zupackende Charaktere, Robert Glatzeder ein sympathischer Sonnyboy in der Kutte des Bruder Thomasius. Entertainer Wolfgang Lippert wirkt in seinen vier Auftritten als Balladensänger mit sprödem Bariton eher unglücklich, hebt und senkt hilflos die Arme, während er die emotionalen Zusammenfassungen im Hitparadenton vorträgt.

Die Zuschauer jubeln auf den 8.800 Plätzen. Mit 67 Spielterminen und einer Auslastung von rund 60 Prozent können sich die Störtebeker-Festspiele im Kartenverkauf selbst mit Großereignissen wie den Salzburger Festspielen messen. Begonnen hatte die Ralswieker Erfolgsgeschichte 1959, als die DDR-Oberen den norddeutschen Robin Hood als Genossen im Geiste für sich und die werktätigen Massen entdeckten. So wurde 1959 bis 1961 und 1980/81 die Legende mit großem Aufwand gezeigt. Peter Hick, Schauspieler und Stuntman, der Ende der achtziger Jahre die Karl-May-Festspiele Bad Segeberg aus den roten Zahlen führte, begann 1993 gemeinsam mit seiner Frau, unter großem persönlichen Risiko die Festspiele neu aufzubauen.

Trotz moderaten, familienfreundlichen Preisen kommt das Ralswieker Unternehmen ohne staatliche Förderung aus. Inzwischen sind die Störtebeker-Festspiele zu einem regionalen Wirtschaftsfaktor geworden. In Ralswiek leben mehrere Restaurants und Hotels vom Besucherstrom. Wenn man zur Festspielzeit ins Dorf kommt, trifft man auf einen rummelartigen Budenplatz mit Bier-, Fisch- und Wurstständen. Innerhalb des Festivalgeländes geht es weiter, kommen ein Fan-Shop und ein Sponsorenpavillon hinzu. Sind die Festspiele in Bayreuth und Salzburg für Sponsoren interessant wegen ihrer zahlungskräftigen Klientel, locken in Ralswiek die Massen: Ein japanischer Autobauer und eine bekannte Brauerei unterstützen das Unternehmen. Mit Folgen auch fürs Bühnengeschehen. Nachdem Störtebeker seinen zukünftigen Kumpanen Goedeke Michels im Trinkwettbewerb besiegt hat, dreht er den Krug, um seinen Triumph zu beweisen und verkündet: "Das einzig Wahre!", woraufhin ihm der Zuschauerchor die entsprechende Biermarke zuruft.

Ob das nun Schleichwerbung ist, interessiert hier niemanden. Wichtiger ist, wer schneller den Becher stürzt. Historische Wahrheit hin oder her - in Ralswiek hat das Störtebeker nicht nur die Freundschaft mit Goedeke Michels eingebracht, sondern auch seinen Namen.


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