Der eiskalte Engel

Panzer Sie verachtet die Menschenwürde und strahlt erotische Strenge aus: Eine Erinnerung an Alice Weidel

Nicht jeder hat in heutigen Zeiten das Glück, sich mit den Geisteswissenschaften zu beschäftigen. Deren Aufgabe ist es auch, die Stimme zu erheben, wenn gegen die Ideale des Grundgesetzes Propaganda gemacht wird. Das „schönste Gesicht“ der AfD mag vielen rätselhaft erscheinen, denn Alice Weidel gibt ihr einen irgendwie moderaten Anstrich. Den Gauländern aller Reiche ist ihr Auftreten nur billig, alte Männer machen sich schlecht in der Werbung. Aber an ihr ist nichts rätselhaft, erst recht nicht an der AfD. Ich kann das deshalb sagen, weil wir uns eine Zeitlang sehr gut kannten. Wir haben einander geschätzt, gerade weil wir selten einer Meinung waren. Kennengelernt haben wir uns in der Graduiertenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Schon unsere ersten Diskussionen waren politisch. Sie fanden im Schutz eines Seminars statt, das einen für mich unerwartet offenen, mit konträren Positionen gefüllten Diskursraum bot. In dieser Situation lernte ich, dass die Stiftung nicht bloß Parteikader förderte, sondern stets versuchte, auch das Andere aufzunehmen. Unsere Themen reichten vom Grundgesetz bis zu den Lissabonner Verträgen, von sozialer Marktwirtschaft zu Demokratie. Alice Weidel versuchte dabei die Auseinandersetzung durch selbstüberzeugtes Argumentieren zu dominieren. Den Willen zur Macht strahlte sie von dem Moment an aus, da sie durch die Tür gekommen war.

Sehnsucht nach Anerkennung

Mich faszinierten lange die kühle Erotik, mit der sie öffentlich auftreten konnte, und die umso warmherziger wirkende Offenheit, die sie einem im Privaten entgegenbrachte. Ich mochte ihr herausforderndes Wesen, ihre intellektuelle Hingabe und ihren erkennbar zur Schau gestellten Willen zum Denken – auch wenn ich nicht ein einziges Mal erlebt habe, dass sie von ihren vorgefassten Meinungen substanziell abgewichen wäre. Ich kann sagen: Das politische Programm der Alice Weidel ist stets das gleiche geblieben. Auf der Bühne der Politik verwandelt sich die bei ihr subtil mitschwingende Erotik in ein bestimmendes Element für den von ihr verkörperten Typus der charismatischen Herrschaft. Schon bei unseren ersten Begegnungen fielen mir ihre Sehnsucht nach Anerkennung und ihre Entschiedenheit auf, unbedingte Zustimmung zu verlangen. Dabei reklamierte sie für sich stets, im Besitz akademisch geprüfter und wirtschaftswissenschaftlich abgesicherter Wahrheit zu sein. Für fast jede ihrer Anschauungen fand sie statistische und hasensprunglogische Erklärungen. Sie war das Opfer: als Bürgerin Opfer einer Steuerpolitik, die ihr hart verdientes Geld faulen Menschen zuschob. Als Wählerin Opfer von Politikern, die sich nicht um ihr Land kümmerten. Als Deutsche Opfer einer Migrationspolitik, die den Untergang ihrer Kultur fortführte, den die pöbelnden Nationalsozialisten mit ihrem österreichischen Gefreiten verbockt hätten – was ihre Familie väterlicherseits die Heimat gekostet haben soll.

Auch am Nullpunkt der deutschen Geschichte standen charismatische Figuren, die von dem Gefühl, selbst Opfer zu sein, beseelt waren und, von maßloser Anerkennungsgier und Machtwille getrieben, sich selbst hingaben, um ihr Volk in die Täterschaft zu führen, das bereitwillig marschierte. Die Anerkennung für das Erlebte blieb aus, die Tränen für das erfahrene Leid durften nicht fließen. In der AfD haben die Erben dieser Vergangenheit nun eine Selbsthilfegruppe für ihre posttraumatischen Belastungsstörungen gefunden. Ein informelles Familientreffen von Vertriebenen. An Alice Weidels steilem Aufstieg wundert mich wenig.

Die Mischung des Willens zu Macht und Anerkennung mit dem Sendungsbewusstsein stellt eine große Gefahr dar. Beängstigende zweistellige Ergebnisse werden für die AfD erwartet, und das liegt insbesondere an Weidel. Seit sie die Bühne betritt, sind Beatrix von Storch oder Alexander Gauland kaum noch zu sehen. Mit ihr erscheint die Partei weder spießig-tumb-völkisch noch hysterisch-irre. Mag sie sich selbst ins Licht eines Wirtschaftsliberalismus stellen, macht sie sich de facto jedoch mit dem rechtsnationalistischen Sumpf gemein und propagiert eine Politik, die im Kern Rassenhass und Elitismus vertritt. Der alte Geist wird bald auf der größten Bühne unserer Demokratie mit einem neuen, anmutigen Gesicht Redezeit erhalten; so schön, dass Gauland Angst hat, dass die Presse es jetzt schon „zerkratzt“. Selbst wenn es keinem durchweg schlechten Menschen gehören mag, so erinnert uns, was es spricht, doch an den Inbegriff des Bösen. Die kalkuliert scharfen Äußerungen der weiblichen Spitzenkandidatin reaktualisieren kollektiv vergrabene Wünsche nach Anerkennung, Größe, Kontrolle und klaren Grenzen, Sicherheit, Berechenbarkeit, nach eindeutigen Antworten in der vernetzten Welt – in einer Semantik, für die viele Deutsche einen kulturell entwickelten Sinn haben. Hier tut sich der politische Abgrund vor uns in all seiner Banalität auf und weiß dabei sein Äußeres in telegener Ästhetik perfekt zu inszenieren. Er vergegenwärtigt damit die kollektiv verdrängte Faszination für das Totalitäre. Weidel gibt ihm eine Stimme und ist lebendes Zeugnis für die Unfähigkeit, zu trauern. Die Vergangenheit zieht wie eine Untote mit adrettem Kostüm in den Bundestag. Es ist eine makabre Anekdote der deutschen Uniformgeschichte, dass einige der Wehrmachtsuniformen von Hugo Boss entworfen wurden, dass der Tod im Design auftrat. Mich erinnern Weidels maßgeschneiderte Hemden mit zweifarbigem Kragen, seitdem sie in der AfD Karriere macht und in Talkshows auftritt, nicht mehr an die Uniform der Finanzelite, sondern an die gut geschnittenen Hugo-Boss-Uniformen der Nazi-Ära, deren Stoff unter den Epauletten an wohlgestalteten Schultern perfekt abschloss. In der AfD erfüllt sie eine gefährliche Rolle. Ihre erotische Kälte, die strengen Züge, die enigmatische Persona ergänzen das Triumvirat der AfD auf unheilige Weise: Neben Frauke Petry, der aufgelösten Mutter, Gauland, dem sturen, herrischen Vater, und Björn Höcke, den rebellierenden Sohn, erstrahlt jetzt sie, dieses Sinnbild einer keuschen Kämpferin, einer nie zu Ende geborenen Tochter, die unfähig ist, ihren Körperpanzer zu zerbrechen.

Alice Weidel konnte einem europäischen Deutschland, dessen kulturelle Unwuchten in einer Union gemildert werden, nie viel abgewinnen; so viel habe ich in nächtelangen Diskussionen mit ihr gelernt. Für sie zählte nicht das Historische, noch weniger das Soziale, sondern immer der Markt. Ihr Credo war der „Dexit“. In ihrer Sorge um das deutsche Volk machte sie nie einen Unterschied zwischen Geld und Menschen, wenn es um den Arbeitsbegriff ging. Sie war von der Verschwörung überzeugt, dass der Journalismus zunehmend gleichgeschaltet werde und das deutsche Volk von falschen Politikern regiert würde. Von denen sprach sie abschätzig, zu Beginn unserer Freundschaft war es der letzte Beruf, den sie als solchen bezeichnet oder für sich gewählt hätte.

Wille zur Macht

Wenn Alice vom Leder zieht, dann kann einem schon das Blut in den Adern gerinnen, Schockstarre eintreten. Ihr Denken verachtet die Menschenwürde zutiefst, verhöhnt Steuerzahler und Sozialstaat gleichermaßen. Es besitzt ein verzerrtes und verengtes Verständnis davon, was Deutschsein heißt. Kann eine lesbische Frau gegen Gleichstellung agitieren? Kann man seine eigene Identität so von sich abspalten, dass man gegen sich selbst agiert? Studien zum Phänomen des „jüdischen Selbsthasses“ um 1900 zeigen: Derartiges geht. So gesehen ist es Weidel, die sich selbst hasst. Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass nicht Sprache, sondern die Menschen, die sie sprechen, verantwortlich gemacht werden müssen. Auch bei der AfD beginnt und endet alles mit den Menschen. Wir müssen noch mehr miteinander reden, rein in die Dörfer, Vorstadt- und Hochhäuser. Manchmal frage ich mich, ob ich damit im Fall Alice nie hätte aufhören und ob ich von Anfang an weniger Nachsicht oder Verständnis hätte zeigen sollen. Vielleicht wäre sie dann nicht da, wo sie heute steht. Vielleicht wäre dann aus ihr nie ein abgeschmacktes Parteigesicht geworden, das sich mit den miesesten Typen gemeinmacht. Darüber, dass das so gekommen ist, wundere ich mich, über sonst nichts.

Anne Dippel ist Kulturanthropologin und Historikerin. 2015 erschien Dichten und Denken in Österreich. Eine literarische Ethnographie. Sie forscht zur Gemeinschaft der Physikerinnen und Physiker am CERN

06:00 22.09.2017

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