Der Ekel am Frohsinn

TV-Parabel Nur wenige wussten es bisher: Heiner Müller schrieb auch fürs Fernsehen. Nun ist sein Treatment „Myer und sein Mord“ aufgetaucht

In jüngster Zeit ging es bei Heiner Müllers Werk häufig um die Frage, was es für heute bedeuten könnte. Dabei wurden die Ahnungen ökologischer Katastrophen („Landschaften, die auf das Verschwinden des Menschen warten“) bis hin zu der verblüffend aktuellen Szene vom Krieg der Viren aus dem Spätwerk angeführt. Das Visionäre Heiner Müllers, der vor 25 Jahren starb und doch schon weit ins 21. Jahrhundert gespäht habe. Diese Bemühungen haben ein bisschen den Blick darauf vergessen lassen, aus welchen Verhältnissen heraus dieses Werk entstand, unter welchen Bedingungen des Lebens und Schreibens. Die 600-Seiten-Biografie des Germanisten Jan-Christoph Hauschild erschien 2001 unter dem Titel Heiner Müller oder Das Prinzip Zweifel, Müllers Autobiografie Krieg ohne Schlacht rund zehn Jahre zuvor. In beiden Büchern wird die sicher schwierigste Zeit des Dramatikers recht ausführlich geschildert, nämlich die Notjahre nach dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband als Bestrafung für das Stück Die Umsiedlerin 1961, in dem die Funktionäre der SED schlimmste konterrevolutionäre Umtriebe zu erkennen glaubten. Der Verlust dieser Mitgliedschaft bedeutete zwar nicht das absolute Berufsverbot, aber de facto eine Zeit lang die Unmöglichkeit, an die Existenz sichernde Aufträge von staatlichen Institutionen wie etwa Theater und Rundfunk zu gelangen. Wolf Biermann, der Heiner und Inge Müller damals in ihrer Pankower Wohnung besuchte, schrieb in einem Gedicht von deren „Mickerleben“. Müller selbst vertiefte sich immer weiter in den Protagonisten seines Antikendramas Philoktet, der von den griechischen Heerführern auf einer unwirtlichen Insel ausgesetzt wurde.

Im Verborgenen gelang Müller aber doch einiges, was ihm wenigstens ein bisschen Geld einbrachte. Am bekanntesten ist das 1962 unter dem Pseudonym Max Messer gesendete Krimi-Hörspiel Der Tod ist kein Geschäft, das in einem Las Vegas der Verbrecherbanden Amerika-Klischees bis zur Parodie anhäuft. Dieses Hörspiel ist in jeder Hinsicht weit weg von dem Stück, für das er bestraft wurde, und kann in dem von Frank Raddatz gerade herausgegebenen Lexikon zu Müller und Amerika (Der amerikanische Leviathan, Suhrkamp) mit Vergnügen nachgelesen werden.

Nun sind auf verschlungenen Wegen auch Arbeiten fürs DDR-Fernsehen (damals Deutscher Fernsehfunk) aus jener Zeit aufgetaucht. Es handelt sich um Entwürfe, Skizzen, Stoffproben, insgesamt 15 Texte auf 29 Seiten Typoskript. Nichts davon wurde weiterentwickelt oder gar realisiert. Den wiederholten Auftrag dürfte die Redakteurin Christa Vetter erteilt haben, die Ende der 1950er Jahre als Dramaturgin mit Heiner Müller am Berliner Maxim Gorki Theater gearbeitet hatte und zu Beginn der 1960er zum Fernsehen ging, in die Abteilung für Fernsehspiele. Deren Bedarf war erheblich gewachsen, das hatten auch die Regierungsoberen erkannt, als der Erwerb von Fernsehgeräten für viele erschwinglicher und der Fernsehabend auch in DDR-Wohnzimmern zur Routine geworden war. Der größere Hintergrund dafür, den vom Theater verbannten Dramatiker solidarisch in die Fernsehgeschäfte hineinzuziehen, ist nicht ohne Ironie: In der ersten Hälfte der 1960er verliert das Theater in der DDR etwa ein Drittel seiner Zuschauer, die meisten wohl an das neue Heimkino – ein beachtlicher Rückgang von 17 Millionen Zuschauern pro Jahr auf 11 Millionen, der entgegen der Kulturpolitik eines Theaters für alle vielerorten zur Schließung oder Fusionierung von kleineren Theatern führt.

Einziges Original-Drehbuch

Allzu schwer hatte es Müller bei seinen Stoffproben nicht. Er las Werke von Edgar Allan Poe, Prosper Mérimée, O. Henry, Nathaniel Hawthorne, Mark Twain und Jaroslaw Hašek, gute Weltliteratur, und schrieb meist nur ein paar Zeilen dazu. Ob die unmittelbare Auftraggeberin damit zufrieden war, ist schwer zu ermitteln. Aber Christa Vetter bewahrte die Blätter auf und nahm sie mit, als sie 1971 zum Hörspiel beim Rundfunk der DDR wechselte. So sind sie erhalten geblieben, glücklicherweise, denn in dem Konvolut findet sich auch das einzige, sogar größer ausgearbeitete Treatment für ein Original-Drehbuch, das Müller also nicht aus der Literatur von anderen entwickelt hätte, sondern ganz und gar nach eigenen Maßgaben entwarf. Myer und sein Mord behandelt zudem die Rolle des Fernsehens selbst in Form einer Parabel: Der Hauptfigur, einem kleinen Angestellten in London, wird nach der Anschaffung eines Fernsehgeräts die Frau fremd, da diese sich in den Moderator einer Ratgebersendung für Frauen verliebt und den Gatten vernachlässigt. Dieser plant, nachdem er vergeblich das Äußere des Fernsehstars zu imitieren suchte, die Ermordung des Moderators. Der stirbt aber an einer Alkoholvergiftung, noch bevor seine letzte Sendung zu sehen ist (Verwechslung von Präsenz und vermeintlichem Live-Charakter des Mediums). In einer letzten Wendung wiederholt sich die Ausgangssituation, denn die Frau verfällt auch dem ähnlich wie sein Vorgänger aussehenden Nachfolger als Moderator. Das Fernsehen als komplexes Ratgeber-Problem, von Müller als hintergründige Beziehungsgeschichte erzählt, die, auch wenn das Ganze nach London verlegt wurde, seine Situation als Autor reflektiert. Warum sollte man eine Attraktion imitieren, wenn auch nur für das dringend benötigte Geld?

In der Hamletmaschine, einem seiner bekanntesten und bis heute international am meisten inszenierten Stücke aus dem Jahr 1977, wird Heiner Müller in einem langen Verzweiflungsmonolog über den Zustand der Welt schreiben: „Fernsehen der tägliche Ekel am verordneten Frohsinn … Unsern Täglichen Mord gib uns heute“. Damit korrespondiert Myer und sein Mord als eine Art Vorstufe oder Vorüberlegung. Bekanntlich ist vieles in Müllers Werk in immer wieder erst neu zu entdeckenden Zusammenhängen verbunden, und manchmal ist es nur ein einziger Satz.

Von heute aus, da das lineare Fernsehen stirbt und dabei mit seinen in Mediatheken gehorteten Angeboten der Tatort-Verfügbarkeit im Internet zerstiebt, sind Müllers Treatments selbstverständlich auch mediengeschichtlich zu lesen. Sie müssen nicht mehr verfilmt werden, und das Theater hat ja andererseits Fernsehen andauernd auf die Bühne gebracht, als ob sein Verschwinden dadurch noch einmal auf geheimnisvolle Art Präsenz erlangte. Jetzt vertauscht sich beider Verhältnis ein weiteres Mal – beim Corona-Streaming. Das könnte man sich als dritte Ebene denken für Myer und sein Mord, das nun zum Werk Heiner Müllers zu rechnen ist.

Info

Der Text Myer und sein Mord erscheint erstmals in der Dezember-Ausgabe von Theater der Zeit. Thomas Irmer gehört dem Vorstand der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft an

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